Egon Schiele zählt neben Gustav Klimt und Oskar Kokoschka zu den bedeutendsten Künstlern der Wiener Moderne. Seine Aktdarstellungen von Frauen und Kindern provozieren auch heute noch. Der gut recherchierte biografische Roman erzählt das Leben des expressionistischen Künstlers aus der Sicht der Frauen, die für ihn und das Entstehen seiner Werke wichtig waren. "Das Bett war schmal, aber für zwei, die sich liebten, konnte ein Bett gar nicht schmal genug sein". Das sagte sich Wally, die Lehrerstochter mit dem wilden rotblonden Haaren. Vier Jahre lang war sie Egon Schieles Modell und teilte das Leben mit dem radikalen jungen Maler, der nie zu Geld kam und erst ein halbes Jahr vor seinem Tod in der Sezessionsausstellung 1918 Erfolg hatte. Wally Neuzil ist eine der fünf Frauen, auf deren Spuren sich die Autorin begeben hat. Eine andere fand sie in der dunkelhäutigen Moa, die im Varieté und in der bei den Wienern so beliebten "Somalischau" auftrat. Dort tanzte sie in einem angezäunten Gehege mit anderen Afrikanern Jagdtänze, aß Couscous mit den Fingern und ließ sich dabei zusehen. Auch von der verzweifelt engen inzestuösen Verbindung mit seiner um vier Jahre jüngeren Schwester erzählt der Roman: Gerti, die ihm schon als Kind als Modell gedient hat, die sich als Pubertierende in den Nächten im Hotel Buon Pastore in Triest ängstlich in sein Bett flüchtet und das Vibrieren seines Körpers beim Masturbieren spürt.
Hilde Berger ist Drehbuchautorin. In einer schlichten, dem damaligen Duktus angenäherten Sprache entfalten sich Bilder von Landschaften, Räumen, Menschen, Körperhaltungen. Wie Filmsequenzen reihen sich die Szenen aneinander und lassen dichte, erotische Atmosphäre entstehen, vor allem aber auch die armselige Welt von Wien im verblassenden Glanz der Monarchie und im Ersten Weltkrieg. In vielen Details wird der Alltag von damals lebendig: das Kaffeehausleben mit dem Karambolespiel, die wechselnden Ateliers mit der spartanischen Einrichtung. Schiele vor Gericht wegen Missbrauch einer Minderjährigen als Modell. Oder wie Schiele und eine beglückte Wally den Verkauf seines ersten Bildes feiern und das ganze Geld an einem Abend in teuren Restaurants und mit einem Besuch im Burgtheater verjuxen.
Im Anhang finden sich Kurzbiografien wichtiger Personen aus Egon Schieles kurzem Leben, der während der letzten Kriegstage im Alter von nur 28 Jahren an der Spanischen Grippe starb.