4.0 von 5 Sternen
Leben als Krankheit zum Tode?, 8. Oktober 2011
Rezension bezieht sich auf: Der Tod im Leben: Philosophische Deutungen von der Romantik bis zu den >life sciences< (Broschiert)
Der Mensch und sein Gehirn sind nicht nur ein Thema der Erkenntnis und Mutmaßung, sei diese metaphysisch, evolutionsbiologisch oder metaphysisch. Denn im praktischen Leben stellen sich immer auch Fragen der Ethik und der existenziellen Bewältigung. So ist Der Tod im Leben ein existenziell wie philosophiegeschichtlich düsteres Thema. Und in seinen vielen Facetten doch unausweichlich. Jürgen Große hat es in einem ungewöhnlichen Ausschnitt in den Blick genommen, der die philosophischen Deutungen von der Romantik an mit den modernen Biowissenschaften verschränkt. Und neue Beziehungen gerade in der vermeintlichen Beziehungslosigkeit stiftet.
"Als 'Philosophie des Lebens' galt in den letzten Jahrhunderten Verschiedenes. Neben eine Auffassung als 'Lebenskunst' seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert trat der Anspruch eines antispekulativen Philosophierens 'aus dem Leben'", das Ende des 19. Jahrhunderts dann zu einer akademischen Strömung wurde, wie der Berliner Historiker und Philosoph nachzeichnet. (Einschlägige Namen sind hier etwa Friedrich Schlegel, Novalis, Wilhelm Dilthey, Georg Simmel und Henri Bergson.) "Vom unphilosophisch Dahinlebenden einerseits, vom lebensvergessenen Philosophierenden andererseits unterscheidet sich ein Lebensphilosoph dadurch, dass er ein Wissen um den agonalen Gesamtcharakter des Lebens bewahrt", so Große.
Er umreißt vier miteinander interferierende praktische und theoretische Einstellungen zu Leben und Tod, die er mit "Alleben und Vereinzelung", "Evolution des Lebens und Wille zum Tod", "Erstorbene Objektivation und tötender Geist" sowie "Biomasse und Rechtssubjekt" überschreibt. Und er stellt, immer wieder von romantischen Schwärmereien durchsetzt, der biotechnologischen Moderne eine Generalkritik entgegen, die freilich nicht immer angemessen oder gar klar formuliert ist, aber das liegt sozusagen auch in der Natur der Sache. "Lebensfremde Körpervergessenheit und seelentötende Naturalisierung - darauf würden die Denkdefizite lauten, die Lebensphilosophen einander vorhalten könnten."
Solche Bemerkungen zielen natürlich aufs Leib-Seele-Problem. Es wäre aber fatal, ein besseres Leben von spiritistischen Hoffnungen abhängig machen zu wollen. Eine Naturalisierung mag Seelen-Vorstellungen töten", aber nicht den Geist des Menschen. Metaphysisch ist die Welt, wie sie ist. Doch wie sie praktisch ist, steht auf einem anderen Blatt. Solche Probleme bleiben - notgedrungen - in unserer Hand.
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Philosophie des Lebens - Philosophie des Todes, 10. November 2009
Rezension bezieht sich auf: Der Tod im Leben: Philosophische Deutungen von der Romantik bis zu den >life sciences< (Broschiert)
"Die abgründige Doppeldeutigkeit, die der Lebensphilosophie als 'Genitivphilosophie' - als Philosophie sowohl über das Leben wie als Philosophie aus und mit dem Leben - seit je innewohnt, wird hier deutlicher denn je."
(Neue Zürcher Zeitung 11. Oktober 2008)
"Der Autor glänzt durch ein stupendes Wissen um kulturhistorische Zusammenhänge. Er bringt staunenswerte Fundstücke in Form von Zitaten ans Licht und erinnert an vergessene Autoren wie Philipp Mainländer oder Alfred Seidel, die heute nur noch wenigen Spezialisten bekannt sind, aber gerade als Außenseiter und Querdenker ein Gegengewicht zum vorherrschenden Zeitgeist darstellten. ... Dass eine Philosophie des Lebens nicht ohne eine Philosophie des Todes auskommen kann, dies zu zeigen ist das Verdienst Großes."
(der blaue reiter. Journal für Philosophie 2009/1)
"Jürgen Große bietet eine umfassende und - trotz ihrer Vielschichtigkeit und des Herausarbeitens grundlegender Aporien - geschlossene Darstellung der Problematik ..."
(Philosophischer Literaturanzeiger 2009/2)
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