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Tocotronic

 

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Biografie

»Wie wir leben wollen« – das ist von der Band ganz dezidiert nicht als Fragesatz formuliert. Sondern so gemeint, dass man von Kunst unter Umständen lernen kann, wie man leben will – und vielleicht ist sie dadurch auch politisch. Sehr oft standen Tocotronic für Verneinung – diesmal gibt es Antworten auf die Frage: Wie wollen wir es denn? Dass die sich nicht in simple Ratschlagsformeln fassen lassen, versteht sich ja von selbst. Vor den Aufnahmen zu diesem Album wurden Beatles und Beach-Boys-Platten auf ihren psychedelischen Pop- Appeal hin geprüft; Godards Studie »One Plus One« darüber, wie ... Lesen Sie mehr

»Wie wir leben wollen« – das ist von der Band ganz dezidiert nicht als Fragesatz formuliert. Sondern so gemeint, dass man von Kunst unter Umständen lernen kann, wie man leben will – und vielleicht ist sie dadurch auch politisch. Sehr oft standen Tocotronic für Verneinung – diesmal gibt es Antworten auf die Frage: Wie wollen wir es denn? Dass die sich nicht in simple Ratschlagsformeln fassen lassen, versteht sich ja von selbst. Vor den Aufnahmen zu diesem Album wurden Beatles und Beach-Boys-Platten auf ihren psychedelischen Pop- Appeal hin geprüft; Godards Studie »One Plus One« darüber, wie eine Rockband musiziert, bestaunt; das Verhallen und Verwischen der Shoegazing-Bands analysiert. Man kann das alles hören, da und dort, in einem sehr unrockigen, konzentrierten Klangbild, mit ausgefeilt produziertem Gesang und einem Schlagzeug in Mono. Schon von der ersten Single an haben sich Tocotronic für Soundästhetik interessiert; dieses Interesse findet jetzt einen faszinierenden Höhepunkt.

1993/ Anfang 1994: Bandgründung von Tocotronic (benannt nach einem Gameboy-Vorläufer) durch die Hamburger Punkmusiker Jan Müller (Bass) und Arne Zank (Schlagzeug) - beide ex- Meine Eltern/ Punkarsch - und den aus dem Badischen zugezogenen Gitarristen und Sänger Dirk von Lowtzow. Erste Auftritte in Hamburg führen dazu, dass in Hamburger Kneipen zunehmend der Name Tocotronic gewispert wird. Junge Menschen finden eine Lieblingsband: der Enge-Werbe-T-Shirts-Trainingsjacken-Cordhosen-Stil wird gewürdigt, die Höflichkeit der Ansagen bewundert. Tocotronic-Zeilen finden sich auf Häuserwände gesprüht und in Schulbänke geritzt. Der Fanclub 'Megatronic' wird gegründet.

1994: Die erste Tocotronic-Single erscheint auf dem bandeigenen Rock-o-tronic-Label ROCK-O-TRONIC records: Vier Lieder, kompromisslos im Zwei-Spur-Verfahren im Proberaum aufgenommen, bei denen nicht stört, dass man die Texte stellenweise nicht versteht, da die Lieder so viel Energie und Melancholie zugleich in sich tragen. Jochen Distelmeyer von Blumfeld schnappt den Songtitel "Ich Möchte Teil Einer Jugendbewegung Sein" von Tocotronic auf und baut ihn in den Song 'Sing Sing' ein. Dirk singt ihn auf Blumfelds LP. L`Age D`Or übernimmt den Versand der Single und des Jugendbewegungs-T-Shirts. Erste Tourneen mit 5 Freunde und Blumfeld folgen. Christoph Gurk stellt die Tocotronic in Spex vor, Fanzines bejubeln die Single.

1995: ”Digital ist besser”, ihre Debütplatte, auf die sich vor einem Jahr nahezu jeder einigen konnte, stellt in seiner räudigen Unmittelbarkeit das wahrscheinlich beste Stück deutschsprachiger Popmusik ever dar.” (Chelsea Chronicle 6/96)
Die in wenigen Wintertagen im Soundgarden-Studio aufgenommene erste LP/ CD erscheint bei L`Age D`Or und setzt einen Meilenstein des Underground-Pop in Deutschland. Treibend punkiges Sloganeering (Jugendbewegung, Masterplan, Digital Ist Besser) und vergrätzte Abgrenzung von deutscher Alltagskultur (Freiburg, Samstag Ist Selbstmord, Hamburg rockt) treffen einen Nerv sowohl bei Pop-Intellektuellen, die darin den Ausdruck einer neuen Generation sehen, als auch bei eben dieser Generation, jungen Menschen, die sich mit Tocotronics Wut identifizieren können, aber auch bewegt sind von der leicht sentimentalen Melancholie von ”Drüben Auf Dem Hügel”, ”Letztes Jahr Im Sommer”, oder dem wunderbaren ”Die Idee Ist Gut, Doch Die Welt Noch Nicht Bereit”. Dass die Platte so trashig hingerotzt klingt und doch die Melodien so eingängig sind, verstärkt den Eindruck, den sie macht. Und wem das nicht weird genug ist, der hat ja noch die wirr-jaulend-sympathische Songvignetten von Schlagzeuger Arne.

Nach einer 14-tägigen ”Headline-Tour” (Powerline) im deutschsprachigen Raum und einigen Festivals im Sommer erscheint nicht nur Arne Zanks Cassette "Die Mehrheit Will Das Nicht Hören, Arne" (Eigenvertrieb), sondern zum Erstaunen aller Beobachter bereits im Juli das zweite (Mini-) Album von Tocotronic, ”Nach Der Verlorenen Zeit” auf L`Age D`Or/ RTD. Sie führt das Prinzip ”Platten machen wie Tagebuch schreiben” ein, denn auf ihr reagieren Tocotronic in selbstreflexiven Statements auf die Rezeption der Band ('Ich Bin Neu In Der Hamburger Schule', 'Ich Muss Reden, Auch Wenn Ich Schweigen Muss', 'Es Ist Einfach Rockmusik', 'Hauptsache Ist'). Andererseits sind da die berührenden persönlichen Stücke über Freundschaft, wie 'Du Bist Ganz Schön Bedient', 'Gott Sei Dank Haben Wir Beide Uns Gehabt' und 'Ich Mag Dich Einfach Nicht Mehr So', das ganz genau den Moment beschreibt, an dem Zuneigung in Langeweile übergeht. Danach folgt das erste Gitarrensolo in der Tocotronic-Geschichte.

Im August folgen fünf Auftritte mit Guided By Voices, u.a. bei der Popkomm; im November dann eine achttägige Tour durch kleinere deutsche Städte, wobei es in Potsdam vor Begeisterung zu einer Bühneninvasion kommt. Dazu erscheinen zwei 7"-Singles: "Du Bist Ganz Schön Bedient/ You Are Quite Cool" beinhaltet die Hits 'Bedient' und 'Die Idee Ist Gut, Doch Die Welt Noch Nicht Bereit' in englischen Übersetzungen, die zwischen Mittelstufenenglisch und kongenialer Übertragung pendeln (aus "Straciatella oder Nuss" wird "Cujamara Split"). Die andere Single ist eine Konzeptplatte: Das Stück 'Freiburg' (plus drei andere), von dem aus Freiburg weggezogenen Dirk geschrieben, live aufgenommen im Freiburger 'KTS Vauban' und veröffentlicht vom Freiburger Label Ritchie Records.

1996: Die Leser der Zeitschrift Spex wählen Tocotronic zum besten Newcomer 1995 und zur drittbesten Band überhaupt. Für die Hörer von Klaus Walters Radiosendung "Der Ball Ist Rund" auf HR 3 ist "Digital Ist Besser" die Platte des Jahres. Erstes Radio-Airplay in den Niederlanden wird kaltblütig ausgenutzt, indem eine Holland-Kurztournee organisiert wird. Mit Chokebore geht es dann auf Tour durch Süddeutschland, Österreich und die Schweiz. Dazu erscheint in Zusammenarbeit von L`Age D`Or und Amphetamine Reptile eine Tocotronic/ Chokebore-Splitsingle mit einer rockigeren neuen Version von "Gott Sei Dank Haben Wir Beide Uns Gehabt".

“Einfach Rockmusik” ist das nicht mehr. Eher ein waghalsiger Selbstversuch, der auch mit der erfolgsträchtigen Niedlichkeitsoffensive des Jungens-Trios ins Gericht geht. Das Sloganeering ist zurückgeschraubt- wer die Band liebt, soll ihr auch an die Ufer schlammiger 8-Minuten-Stücke folgen. Insofern also doch ein schülerhafter Schrei nach Gerechtigkeit, aber einer, der bewusst mit seinen beschränkten, mittelständischen Mitteln hausieren gehen muss. ”Wir kommen um uns zu beschweren” ist ein historischer Kompromiss.” (Taz, 2.4.96)
Die im Dezember im Hamburger Soundgarden-Studio von Christian Mevs und Carol von Rautenkranz aufgenommene LP "Wir Kommen Um Uns Zu Beschweren" erscheint. Das bekannt und beliebt gewordene tocotronische Soundspektrum wird ausformuliert und zugespitzt. Wenn man Punk-Pop-Songs spielen mag, dann brauchen die auch nicht länger als zwei Minuten zu sein. Und wenn man so eine richtige Rock-Schwarte spielen will, dann müssen die Gitarren auch sieben Minuten Zeit haben, um Dinosaur-Soli aufeinanderzuschaufeln. Auch in den Texten wird mächtig ausdifferenziert: Ein persönliches, trauriges Stück wie "Ich Möchte Irgendwas Für Dich Sein" braucht nur zwei Zeilen Text; der mitlaufende Kommentar zur Rezeption der Band wird wieder mitgeliefert ("Ich Werde Mich Nie Verändern", "Jetzt Geht Wieder Alles Von Vorne Los"), Hass und Sloganeering nicht vergessen ("Ich Verabscheue Euch Wegen Eurer Kleinkunst Zutiefst"), und mit "Ich Heirate Eine Familie" und "Schritte Auf Der Treppe" hat die Melancholie und Unsicherheit des Erwachsenerwerdens ihren Platz. Die Klippe des dritten Albums, an der schon einige Hamburger Hoffnungsträger zerschellten, wird sicher umfahren, dank der nonchalanten Herangehensweise an das Musikmachen, die an US-College-Bands erinnert.

"Wir Kommen Um Uns Zu Beschweren" steigt in die Album-Charts ein und verbringt dort einige Wochen. Die höchste Plazierung ist #47 am 30. April. Konzerte auf der zweiwöchigen Tournee müssen in größere Hallen verlegt werden. Im Sommer folgen die üblichen Wochenendausflüge zu Festivals, sowie ein Benefizauftritt für den in Berlin überfallenen Universal-Congress-Of-Gitarristen Joe Baiza. Unter der Woche beginnen die Arbeiten an Songs für das vierte Album.

Im August eröffnen Tocotronic die Theatersaison in der Berliner Volksbühne. Das erste Konzert ist bereits nach wenigen Stunden ausverkauft, so dass flugs ein Zusatzkonzert organisiert wird, bei dem auch keine Plätze frei bleiben. Beim Bizarre-Festival in Köln sind Tocotronic die umjubelten Stars des Nachmittages.

Mehr diskutiert wird allerdings an diesem Popkomm-Wochenende über einen anderen Auftritt von Tocotronic: Bei der "Comet"-Preisverleihungsgala des Musikfernsehsenders Viva lehnen sie auf der Bühne den ihnen zugedachten Award "Jung, deutsch und auf dem Weg nach oben" ab, nicht ohne sich vorher für die Einladung zu bedanken. Die Begründung von Jan Müller: „Wir sind nicht stolz darauf, jung zu sein. Und wir sind auch nicht stolz darauf, deutsch zu sein.“ Die Band hatte sich erst nach langen Diskussion im Vorfeld zu diesem Vorgehen entschlossen, wobei es wichtig erschien, den Preis inhaltlich begründet und vor laufender Kamera abzulehnen. sich einerseits für die Respektsbezeugung höflich erkenntlich zu zeigen, andererseits aber die Ablehnung des Einsortiertwerdens in Kategorien wie "jung" und "deutsch" deutlich abzulehnen. Und außerdem wollte Jan unbedingt seine Helden Kiss sehen, die dort auftraten.

Abgeschlossen wird das ereignisreiche Jahr mit einer Tour durch kleinere deutsche Städte – mit etwas unangenehmen Begleitumständen: Jan wird krank und tritt mit 40 Grad Fieber auf, dazu schlägt das schlechte Wetter auf die Stimmung. ("Einmal waren wir fast eingeschneit.") Dieses beschert der Gruppe jedoch auch die üblichen lehrreichen Rock'n' Roll-Erfahrungen wie etwa eine unfreiwillige Übernachtung an einer Autobahnraststätte inmitten einer inspirierenden Katastrophenstimmung.

1997: Das neue Jahr läuten die Tocs mit einem Auftritt bei dem von L'Age D'Or mitveranstalteten Rock & Rave-Festival in der Hamburger Markthalle ein. In den Leserpolls der Musikzeitschriften sind Tocotronic auch diesmal gut plaziert: Die Leser von Spex wählen sie zur viertbesten Band und zur drittbesten Show. Im Rolling Stone landen sie auf Platz 6 in der Kategorie "Beste Band-National" und aus den monatlichen Lesercharts von Visions und Intro sind Tocotronic kaum wegzudenken.

Im Februar reisen Tocotronic nach Frankreich, um im Blackbox-Studio von Iain Burgess ihre vierte LP "Es Ist Egal, Aber..." aufzunehmen. Produzent ist diesmal Hans Platzgumer, der auch die Streicherarrangements für die Platte geschrieben hat. Toningenieur ist Peter Deimel, der "Stag" von den Melvins für die bestproduzierte Platte ever hält. Die Vorabsingle "Sie Wollen Uns Erzählen" erscheint im Juni und steigt kurz darauf in deutschen Singlecharts ein. Das Video dazu dokumentiert einen Ausflug in den Wildpark “Schwarze Berge”, passend zu den drei Enten auf dem Albumcover. Schon im Herbst stellt die Hamburger Country-oder-sowas-Band Fink eine Coverversion des Songs vor.

„Wie Nabokov fügen Tocotronic mit Liebe zum Detail manchmal auch scheinbar Unzusammenhängendes aneinander, brechen abrupt ab. Und wie Nabokov und dessen berühmtester Schüler, Thomas Pynchon, entwickeln auch Tocotronic langsam, aber stetig einen Hang zu einigermaßen absurden Phantasien.“ (Jochen Bonz, Intro)

"Es Ist Egal, Aber..." erscheint im Juli. Wandel und Weiterentwicklung sind der Platte anzuhören, obgleich sie noch immer eindeutig nach Tocotronic klingt. Doch in den Texten wird Abstand genommen von der “Ich”-Litanei früherer Platten, das ”Du” kommt stärker zu seinem Recht. Die Songs sprechen von Entfremdung, von sich voneinander entfernenden Menschen, von der Sehnsucht nach Freundschaft. Im Songwriting sind gesungene und instrumentale Teile stärker ineinander verwoben, der Aufbau der Songs folgt einer Dramaturgie, die in enger Korrespondenz zum Text steht. Der Einsatz von Streichern ist das augenfälligste Ergebnis der Zusammenarbeit mit Hans Platzgumer. Dirks Gesang ist ausgefeilter denn je, in der Melodiesetzung, wie in der Phrasierung, wie auch in der Aufnahme. “Es Ist Egal, Aber...” ist der Abschied von den einfachen musikalischen Laut-Leise-Lösung; Tocotronic verfeinern den Umgang mit ihren musikalischen Mitteln - manche sprechen da gern von Reife.

“Es Ist Egal, Aber” tritt einen erfolgreichen Weg in die Hitparaden an und erreicht Platz 13 in den deutschen und Platz 21 in den österreichischen Albumcharts.

Auch in diesem Sommer spielen Tocotronic auf diversen Festivals, u.a. bei dem berühmten Openair im dänischen Roskilde. Im Herbst folgt die große Tournee durch das Verbreitungsgebiet der deutschen Sprache - so lange am Stück wie noch nie zuvor. Das hat die von vielen Bands gefürchteten Auswirkungen der Routine: “Ich hatte das Gefühl, wir funktionieren auf Knopfdruck”, erinnert sich Dirk und meint das durchaus auch wörtlich: Der Entschluss reift, den Verzerrer zukünftig wegzulassen. Eventueller Überdruss wurde aber gemindert durch eine weitere Freundschaft zu einer amerikanischen Band: Fuck. Ein Ergebnis davon ist die Coverversion von “Alles Was Ich Will Ist Nichts Mit Euch Zu Tun Haben” auf dem Fuck-Album “Conduct”; ein anderes die Gegeneinladung an Tocotronic zu einer USA-Tournee. Die zweite Hälfte der Herbst-Tour spielten die Schweizer Lado-Kollegen Die Aeronauten mit. Zur Tour erscheint mit der Herbst-Hymne und Neil-Young-Hommage “Dieses Jahr” eine zweite Single aus dem Album.

Zum Jahresende gibt es eine ungewöhnlich lange Probepause von drei Monaten, unterbrochen nur von einem Benefiz für den Golden Pudel Club. Jan und Arne nutzen die Zeit, um das Rock-o-Tronic-Label wiederzubeleben: Sie produzieren das Debüt der jungen Grungeband Jonas aus Bad Bentheim, das schließlich an L’Age D’Or lizensiert wird. Arne dreht außerdem einen Filzlegetrickfilm, Dirk schreibt die Musik für einen ungarischen Spielfilm.

1998: Die Leserpolls der Musikzeitschriften belohnen das Schaffen von Tocotronic erneut mit guten Plazierungen: Im Visions belegen sie in der Kategorie “Beste Band” Platz 9, in “Bestes Konzert” Platz 3, und “Es Ist Egal, Aber” ist Nummer 6 bei den Alben des Jahres. Auch für die Leser von Spex sind Tocotronic die neuntbeste Band, das Album erreicht Platz 16 und das Video zu “Dieses Jahr” Platz 9 bei den Clips. Die Leser des Rolling Stone wählen “Es Ist Egal, Aber” auf 25 bei den Alben und “Sie Wollen Uns Erzählen” auf 26. Und im Intro gibt es Platz 2 bei den Bands, 3 bei den Live-Acts, 6 bei den Alben

Tocotronic kehren zurück in den Übungsraum und proben im Sitzen. Neue Stücke entstehen, zunächst mit dem Plan, eine sehr ruhige Platte zu machen, die durch längere Texte unaufdringlicher wirken soll, deren Ich ein eindeutig lyrisches und kein autobiografisches sein soll. Doch Cornershops Zwei-Akkorde-Hit „Brimful Of Asha“ bringt die Band von der durchgängigen Ruhe ab, auch Stücke wie „Let There Be Rock“ sind erlaubt.

Im März wird die Gegeneinladung von Fuck angenommen: Tocotronic gehen mit ihnen auf US-Tour. Und zwar nicht durch Goethe-Institutssäle, sondern durch ganz normale Rockclubs in Städten wie Chicago, Detroit, Philadelphia, Washington oder New York, wo bei am Abschlusskonzert mit Come als zusätzlicher Band Indie-Rock-Prominenz von Pavement und Sonic Youth gratulieren kommt. Zur Tour erscheint nicht nur ein Song auf einer CD des US-Fanzines „Bunny Hop“, sondern auch ein Best-of-Album für den internationalen Markt mit dem Titel „The Hamburg Years“.

Bei den Sommerfestivals wird die Bekanntschaft mit Micha Acher von Notwist intensiviert, der den Auftrag bekommt, Streicher- und Bläserarrangements vorzubereiten. Tocotronic selbst fahren im Herbst wieder ins Black Box-Studio in Frankreich. Diesmal darf aber auch Carol von Rautenkranz als Produzent des fünften Albums mitkommen, allerdings unter einer Bedingung: Er muss sein Handy zuhause lassen. Vierwöchige Aufnahmen mit dem bewährten Tontechniker und Ko-Produzenten Peter Deimel folgen. Dirk, Jan und Arne lassen sich Vollbärte wachsen, die aber zurück in Hamburg alle schnell (Arne weniger schnell) wieder abrasieren. Im November/Dezember folgen zusätzliche Aufnahmen in Weilheim (Bläser und Streicher, arrangiert von Micha Acher, im Uphon-Studio) und Hamburg (Keyboards mit Stellas Thies Mynther und Overdubs im Soundgarden-Studio) – insgesamt dauern die Aufnahmen 70 Tage, ein klarer Rekord für Tocotronic.

Anfang 1999: Huch, keine Pollergebnisse! Erstmals seit „Digital ist besser“ ist ein Jahr ohne neues Tocotronic-Album vergangen. Doch das nächste wird schon im Soundgarden abgemischt und bekommt den Namen „K.O.O.K.“ – Jan findet derweil Zeit, das zweite Album von Jonas für Rock-o-Tronic zu produzieren. Die Band probiert die neuen Stücke auch auf der Bühne aus, bei einzelnen Konzerten in Kopenhagen, Amsterdam, Wien und Belgien (dort mit To Rococo Rot, was sich natürlich auf den Plakaten sehr gut macht).

Mai/Juni 1999: Nun kehren Tocotronic auch auf deutsche Konzertbühnen zurück – und zwar mit sehr kontrastreichen Auftritten: Bei Rock im Park/ am Ring (nachmittags auf der großen Bühne), einem Antifa-Festival in Greifswald, sowie mit ihrer eigenen Theater-Tournee. Der Hintergrund ist, dass der Band die Konzerte in der Berliner Volksbühne immer großen Spaß machten. Außerdem sollen ja diesmal überwiegend Stücke zur Aufführung gelangen, die das Publikum noch nicht kennt – die Theatersitze sollen zum entspannten Zuhören einladen. Der Erfolg der Auftritte steht und fällt etwas mit der Atmosphäre der Theater, besonders die Volksbühne und Hamburgs Schauspielhaus wissen zu gefallen. Im Sendesaal des ORF in Wien kommt es zu amüsanten Schwierigkeiten der Rundfunktechniker mit der Klangübertragung: Immer neue Mikrofone werden vor Dirk aufgebaut.
Wie erhofft, kommt bei den Theaterkonzerten das neue Lied „Let There Be Rock“ besonders gut an, denn es wird auch die Vorabsingle zu „K.O.O.K.“ und steigt im Juni auf Platz 38 in die deutschen Singlecharts ein. „Let There Be Rock“ löst sofort hitzige Debatten aus, wegen des in Gibraltar gedrehten Videos, der AC/DC-Hommage im Titel, vor allem aber weil die Keyboard-Fanfare aus „Final Countdown“ von Europe zitiert wird.

Juli/August 1999: „K.O.O.K.“ erscheint. Tocotronic hatten einen langen Nachdenkprozess an den Anfang der Arbeit an diesem Album gestellt. Das Ergebnis: Keine Hass-Lieder mehr, kein Punk-Pop, nicht mehr Identifikations-Dienstleister sein. Die Sprache der Songtexte ist bildhafter, verrätselter, weniger direkt, aber dafür bleibend schöner. Und trotzdem kommen dabei Zeilen und Titel heraus, die sich in Alltagssituationen der Hörer einmischen: „Wir sind raus, und wir sind stolz darauf“, „Das haben sich die Jugendlichen selbst aufgebaut“, „Das Unglück muss zurückgeschlagen werden“. Die überwiegende Zahl der Lieder ist im Midtempo gehalten, ihre Länge lässt viel Platz für Streicher-, Bläser-, Synthesizer-Arrangements. Letztes Mal fiel das Wort „reif“, diesmal fällt das Wort „erwachsen“. Mancher Stagediver mag enttäuscht sein, andere entdecken erstmals, dass Tocotronic eine Band ist, die ihnen etwas in ihrem Leben sagen kann.

Greil Marcus hat vor zehn Jahren über den ebenso unerwarteten wie totalen Erfolg Nirvanas sinngemäß geschrieben, dass eine ganze Nation wie gelähmt auf genau den Sound dieser Gruppe gewartet hätte und ihn annahm wie eine Erlösung: Dies könnte in einem besseren Deutschland auch für „K.O.O.K.“ gelten, Tocotronics fünfte CD. (...) In einer letzten Kraftanstrengung wird ein überlebensgroßer Gitarrensound aufgebaut, der aufräumen soll mit Mittelmaß, mit der eigenen Epigonalität von gestern, mit der erbärmlichen Sprache, in der heute in Deutschland gern gerappt und gesungen wird. (...) Eine bessere CD mit Gitarren drauf wird heuer nicht mehr gemacht. (Karl Bruckmaier, Süddeutsche Zeitung)

Das Album steigt auf einem hervorragenden 7. Platz in die deutschen Charts ein und hält sich fünf Wochen unter den Top 50. In Österreich ist es sogar noch eine Woche länger, die höchste Position ist Platz 18.

Parallel sind Tocotronic auch in diesem Sommer wieder auf Festivals unterwegs, kreuz und quer von Losheim bis Puch, von Haldern bis Wiesen, von Erfurt bis zum Bizarre in Köln. Zwischendurch spielen sie auf einem LKW-Anhänger, um gegen einen Nazi-Aufmarsch in Hamburg zu mobilisieren. Oder entern als Alsterpiraten das Vorprogramm eines Konzerts von Tomte in Hildesheim.

Oktober/November 1999: Tomtes Sänger und Gitarrist Thees Uhlmann begleitet Tocotronic auf ihrer Tournee als Gitarrenroadie – und als Chronist: Sein Tourtagebuch wird zunächst auf der offiziellen Website von Tocotronic (www.tocotronic.de) veröffentlicht und erscheint später im Ventil-Verlag in Buchform, unter dem Titel „Wir könnten Freunde werden“. Auf der Tour werden die nun meist ganz in schwarz gekleideten Tocotronic in der ersten Tourhälfte begleitet von den Finnen And The Lefthanded, in der zweiten von den Kanadiern Weakerthans. Dirk erinnert sich an eine „sehr gute Stimmung“, die unterwegs herrschte; die Atmosphäre sei sehr angenehm gewesen, ein Verdienst auch von Tourmanager Michael Bugmann. Nach dem ersten von zwei Konzerten im Wiener Planet Music eilt Dirk noch ins Flex, um dort für ein Lied mit der Berliner Band Britta auf der Bühne zu stehen.

Ende November schafft es auch die zweite Single aus „K.O.O.K.“ in die deutschen Singlecharts (wenn auch nur gerade so): „Jackpot“ überrascht mit Remixen von den Kölner Kompakt-Leuten Tobias Thomas & Olaf Dettinger und von Fischmob & Erobique. Ein Vorgriff auf das kommende Remixalbum, für das Jan und Arne bereits Kontakte knüpfen.

Am Ende des Jahres läuft der Plattenvertrag mit Motor Music aus. Die Band vergleicht zusammen mit L’Age D’Ors Carol von Rautenkranz die Angebote und unterschreibt schließlich bei Zomba.

Anfang 2000: In diesem Jahr sind Tocotronic zurück in den Zeitschriftenpolls: Das Album „K.O.O.K.“ schafft es bei den Lesern von Spex auf Platz 3, vom Rolling Stone auf 11 und vom Visions auf 18. Für die Kritiker des Rolling Stone ist es das zehntbeste Album, bei den Kritikern des Musikexpress gibt es Platz 26. Die Spex-Kritiker wählen die Single „Let There Be Rock“ auf Rang 11 ihrer Endabrechnung, bei den Spex-Lesern ist es sogar die Nummer 4, für die Musikexpress-Leser die 10.

Dirk tritt im Februar zusammen mit dem Wiener DJ DSL am Vorabend einer der regelmäßigen Donnerstagsdemos auf, die zum Protest gegen die Regierungsbeteiligung von Jörg Haiders FPÖ durch Österreichs Hauptstadt ziehen. Einen Monat später fliegt die ganze Band in die USA, spielt dort eine Radiosession für ein Chicagoer Collegeradio, beim South-By-Southwest-Festival in Austin, sowie im Brownies im New Yorker East Village (zusammen mit Stella). Aus Anlass dieser Amerikareise wird „K.O.O.K.“ in einer Version mit ins Englische übersetzten Texten veröffentlicht. Tocotronic-Platten werden in den USA von Triage vertrieben. Der holländische Vertrieb ist Konkurrent, und in Holland spielen Tocotronic dann auch im April, seltsamerweise auf einem Festival namens „London Calling“ im Amsterdamer Paradiso. In Paris entsteht das Video zur Vorabsingle aus dem Remixalbum, „Freiburg Version 3.0“, in dem der Interpretenname Tocotronic vs. Console verkörpert wird: Die drei Tocs kämpfen in Superheldenkostümen gegen den Bösewicht Console. „Es war wahnsinnig anstrengend“, schnauft Dirk noch in der Erinnerung. Martin Gretschmann alias Console nahm eine Neufassung des Tocotronic-Klassikers „Freiburg“ auf, im Stile seines Hits „14 Zero Zero“ mit englischem Computergesang.

Sommer/Herbst 2000: Ende Juli erscheint bei L’Age D’Or/Zomba das Album „KOOK Variationen“. Angeregt vom wachsenden persönlichen Interesse an elektronischer Musik, haben Tocotronic das Projekt in Angriff genommen. „Gerade nach der langen Arbeit an ‚K.O.O.K.‘ waren wir neugierig darauf, was andere daraus machen“, erinnert sich Jan. Teilweise fragten Elektroniker von selbst an, teilweise fragten Tocotronic persönliche Bekannte, teilweise wurden Kontakte über Lado hergestellt. Die Auswahl der Tracks übernahmen hauptsächlich Jan und Arne. Sie sorgten für ein breites Stilspektrum, von Beinahe-Coverversionen (Dakar & Grinser, Justus Köhncke) über eher klassische Remixe (Thomas & Dettinger, Egoexpress, Turner) bis hin zu radikaleren Verfremdungen (Funkstörung, Fever) – und da ist DJ DSLs erstaunliche Bar-Version von „Let There Be Rock“ noch gar nicht erwähnt.

Den typischen Problemen von Remixalben zum Trotz (nie wird jemand alle Versionen gleich gut finden), finden die „KOOK Variationen“ ein überwiegend positives Echo und steigen auch auf Platz 82 in die deutschen Albumcharts ein.

Den Rest des Jahres gibt es nur noch vereinzelte Live-Auftritte – zum einen Benefiz-Konzerte wie in der Roten Flora für die Jungle World oder in Magdeburg gegen rassistische Gewalt; zum anderen bei Festivals wie etwa dem „20 Jahre Spex“-Abend zur Eröffnung der Popkomm, bei dem Rick McPhail sein Debüt als Tourkeyboarder gibt. Rick ist ein langjähriger Freund von Dirk, stammt ursprünglich aus den USA, lebt aber schon lange in Deutschland und spielt in der Band Venus Vegas, die zuletzt eine EP namens „Gold“ bei Fanboy Records/EFA veröffentlicht haben. Mit Rick können die ausgefeilteren Arrangements der neueren Platten live besser umgesetzt werden; bei Studioaufnahmen ist er vorerst nicht dabei.

Ins Studio nistet sich die Band ab August ein – dem Electric Avenue von Tobias Levin, zum Proben von neuen Songs, die diesmal gleich im Studio entwickelt werden sollten.

2001: In den Polls ist diesmal hauptsächlich die „Freiburg“-Version von Console platziert – bei Spex sind sich Leser (Platz 3) und Kritiker (Platz 5) fast einig. Die Redakteure der BR-Radiosendung „Zündfunk“ wählen die Single auf Platz 8 ihres Jahresrückblicks. Und für die Hörer von „Der Ball ist rund“ im HR ist „Freiburg“ die Nummer 8 und Justus Köhnckes Version „Tomorrow Will Be Like Today“ sogar die Nummer 6 unter den Singles des Jahres.

2001 machen sich Tocotronic in der Öffentlichkeit rar. Kein einziger Liveauftritt in Vollbesetzung, nur bei vereinzelten, mehr oder weniger unangekündigten Soloauftritten von Dirk sind schon die neuen Lieder zu hören, deren Aufnahme die Hauptbeschäftigung des Jahres ist. Nach den Proben finden von Mai bis Dezember auch die Aufnahmen im Hamburger Electric-Avenue-Studio statt; Produzent ist Tobias Levin (der mit Cpt. Kirk & u.a. für das großartige Album „Reformhölle“ verantwortlich war), Engineer Thomas Maringer. Es sind die bisher aufwändigsten Tocotronic-Aufnahmen, wie ja schon aus ihrer Länge ersichtlich wird.

Neben den Aufnahmen bleibt den Bandmitgliedern aber noch Zeit für verschiedene Nebenaktivitäten. Dirk bringt gemeinsam mit Thies Mynther (Stella, Superpunk) unter dem Namen Phantom/Ghost ein Album mit elektronischer Popmusik bei Ladomat heraus. Phantom/Ghost treten auch in Clubs auf, z.B. auf der Operation-Pudel-Tour, dem Viva-Zwei-Abschied, zwei Spex-Datapop-Abenden und der Intro-Jubiläumsfeier. Dabei genießt Dirk, die Hände frei zu haben und wirft sich in Discodiva-Posen. Right Said Freds „You’re My Mate“ ist der regelmäßige Abschluss.

Daneben ist Dirk auch journalistisch tätig: Schon seit 1999 schreibt er Ausstellungskritiken für „Texte zur Kunst“, wo auch ein Interview mit dem italienischen Horrorfilmregisseur Dario Argento erscheint, das wiederum die Basis bildet für einen Vortrag an der Hamburger Kunsthochschule im Rahmen der Gastprofessur von Cosima von Bonin. Ein Interview mit dem Science-Fiction-Künstler Chris Foss (von dem auch das Cover-Motiv für „K.O.O.K.“ stammt) erscheint in dem Suhrkamp-Band „Sound Signatures“, herausgegeben von Jochen Bonz. Und schließlich inszeniert Angela Richter beim Theaterfestival „Dramatik 01“ in Hannover das Stück „Alles wird in Flammen stehen“, das aus Songtexten und Interviewaussagen von Dirk besteht, sowie aus übersetzten Interviewaussagen von skandinavischen Satanistenbands.

Jan gründet Das Bierbeben, zusammen mit Rasmus Engler, dem Schlagzeuger der Band Gary dem Herausgeber des Fanzines Die tobende Mumie.und Julia Wilton ehedem Sängerin und Bassistin der Berliner Band Pop Tarts. „Eine Liebhabersache“, sagt Jan selber dazu. Anfang 2002 erscheint bei Rock-o-TronicROCK-O-TRONIC records die 7“-Single „Die Birne Ist Reif“ mit Coverversionen der Deutsch-Punkbands OHL, Junge Front und Schleimkeim, sowie dem Titelsong, einer Eigenkomposition. Ziel war im Design eine möglichst originalgetreue Nachahmung der Covergestaltung des Rock-o-Rama-Labels zu erreichen. Die unfreundlichen Texte werden von freundlichen Frauenstimmen gesungen – man darf vielleicht Art-Punk dazu sagen. Zuvor hatte Rock-o-Tronic bereits 2000 das Album „Die Schleife“ vomder Hamburger Band Rudolf Brauer Sextett veröffentlicht.

Im Zeichen von Jans Punkvergangenheit steht auch sein Auftritt in dem Dokumentarfilm „So jung kommen wir nicht mehr zusammen“. Die Regisseurin Vera Vogt spürt darin den Lebensläufen von vier früheren Freunden aus Hamburger Punktagen nach – und einer davon ist eben auch Jan.

Arne produziert weiterhin zuhause am Computer Musik – elektronische Instrumentals, von denen das Stück „Sweet Bird Of Youth“ auf der Ladomat-Jubiläumscompilation „Ladomat 100“ erscheint. Sein Comicstrip „Die Vögel“, der seit 1997 in der Kölner StadtRevue erschien, endet im November. Dafür ist Arne seit dem Herbst an der Programmgestaltung der Hamburger Off-Galerie Hinterconti beteiligt.

Seltsames geschieht derweil auf der Stil-Seiteim Feuilleton der FAZ: Der Redakteur Klaus Ungerer wählt für Artikelüberschriften regelmäßig Tocotronic-Textzeilen aus. Die Band ist geschmeichelt und peinlich berührt zugleich.

Anfang 2002: Für die Poll-Ausbeute ist in diesem Jahr Phantom/Ghost alleine zuständig: Die Single „Perfect Lovers“ kam auf Platz 9 der Intro-Kritikerliste und auf 39 im Spex-Leserpoll. Die Spex-Kritiker wählten das Album auf Rang 40. Den Vogel schossen aber wieder die Radiohörer von „Der Ball ist rund“ ab: Platz 6 fürs Album und Platz 5 für den Song „Phantoms & Ghosts“!

Im Soundgarden-Studio wird derweil das neue Tocotronic-Album abgemischt von Michael Ilbert, der schon für Roxette und Union Carbide Productions gearbeitet hat. Auch ein Titel für das Album wird gefunden – nach etwas Hinundher heißt die Platte einfach „Tocotronic“. Einfach, schlicht und gerade deshalb auch opulent.

Mai/ Juni 2002: Die Single „This Boy Is Tocotronic“ erscheint. Das Video dazu wurde im Schloss Blomenburg bei Kiel gedreht und erzählt eine Dornröschen-Geschichte im Stil tschechischer Märchenfilme. Der Song ist, wie schon „Let There Be Rock“, eindeutig als Single konzipiert und zitiert u.a. Technotronic und Sisters Of Mercy. „Excellent icy electro-guitar-clash-pop“, schreibt der NME, „a meeting of movements that comes good (…), landing somewhere between Grandaddy and New Order.“ Der Charteinstieg folgt bald, in Deutschland auf 48, in Österreich auf 51. Und darauf wiederum folgt der erste Auftritt bei „Top Of The Pops“ in der Bandgeschichte von Tocotronic – angekündigt von Alex Christensen, behält nur Dirk seine angestammte Rolle (trägt dafür aber Anzug), die restliche Besetzung ist: Jan am Keyboard, Arne an der Gitarre, Rick am Schlagzeug.

„This Boy is Tocotronic“ ist aber nur eine unvollständige (um nicht zu sagen: irreführende) Vorbereitung auf das, was die Hörer mit dem Album „Tocotronic“ erwartet. Ganz in weiß gehalten, mit den allzu nahe liegenden Beatles-Verweisen spielend, ist „Tocotronic“ das mit Abstand musikalischste, produzierteste, durcharrangierteste Album der bisherigen Bandgeschichte – dank der langwierigen, „workshop-artigen“ (Dirk) Arbeit mit Produzent Tobias Levin in dessen Electric-Avenue-Studio. Die gewohnten Indie-Rock-Soundwelten existieren nur noch als Ahnung, stattdessen fallen Roxy Music, David Bowie, The Smiths als häufigste Vergleiche. Es ist Popmusik, sanft, melodisch, optimistisch – und doch als Tocotronic-Platte erkennbar. Dazu haben sich Dirks Texte wieder verändert: Weiter weg von den genau benennbaren Alltagsorten, sollen sie bewusst offen sein für Interpretationen, die auch kommen und von Fantasy ebenso sprechen wie von GlobalisierungskritikPolitik, von Märchenhaftigkeit ebenso wie von Intellektualismus, von Science Fiction wie von Poesie. Das abschließende „Neues vom Trickser“ gibt dann auch den Schlüssel zur offenen Interpretation: „Eines ist doch sicher: Eins zu eins ist jetzt vorbei.“ Aus der Identifikationsmaschinerie haben sich Tocotronic befreit – zum Glück ist Schönheit an die Stelle getreten. Vielleicht seit „Digital Ist Besser“ wurde jedenfalls kein Tocotronic-Album mehr mit derart einhelliger Begeisterung aufgenommen.

Das gilt für die veröffentlichte Meinung (Spex brachte die Band nicht nur aufs Cover, sondern druckte sogar gleich drei unterschiedliche Titelseiten), aber, wenn man den Chartsplatzierungen glauben darf, auch fürs Publikum: „Tocotronic“ steigt auf Platz 5 in die deutschen Albumcharts ein, in Österreich ist es Platz 6 – jeweils die bisher höchsten erreichten Plätze. Die Live-Umsetzung der für Tocotronic-Verhältnisse ja sehr komplexen Platte lässt sich zunächst etwas kompliziert an – auch in Viererbesetzung. Dass „Rock am Ring“ gleich der erste Auftritt ist, macht die Dinge nicht leichter – doch von Festival zu Festival wird es besser, und bei der fast schon traditionellen Zweimal-zwei-Wochen-Tour im Herbst läuft es dann rund (im Vorprogramm übrigens Turner).

Herbst/Winter 2002: Als zweite Single wird aus „Tocotronic“ das Stück „Hi Freaks“ ausgekoppelt, erhältlich in zwei Versionen: Zum einen mit Coverversionen von Fuck, Minutemen und Turbonegro, zum anderen mit Remixen von Tobias Levin, DJ Rabauke, Superpitcher, Martini Brös und Alexander Polzin – auch wenn es also diesmal keine „Variationen“-Platte gibt, bleiben Tocotronic elektronischen Musiken gegenüber aufgeschlossen. Auch „Hi Freaks“ schafft es in die Charts, nämlich auf Platz 77 – trotz oder wegen des Videos? Dabei handelt es sich nämlich um eine Art Ballett-Clip, gedreht in den Hamburger Kammerspielen.

Die Jahresendauswertungen der Musikzeitschriften fallen diesmal sehr erfolgreich aus für Tocotronic. In der Spex schafft es „Tocotronic“ auf Platz 2 der Leser und Platz 7 der Kritiker, bei den Lieblingssingles der Leser schaffen „Hi Freaks“ und „This Boy Is Tocotronic“ sogar den Doppelschlag auf 1 und 2. Beim Intro wählen die Kritiker das Album auf Platz 1, die Leser auf die 4. „Hi Freaks“ ist die 3 bei den Autoren-Singles, bei den Lesern die 4. Für die Kritiker des Musikexpress ist „Tocotronic“ das zehntbeste Album 2002, für die des Rolling Stone sogar das zweitbeste.

2003: Im Januar werden Tocotronic für den Echo in der Kategorie „Künstler/in/Gruppe National Alternative“ nominiert, doch müssen weder Dankes- noch Ablehnungsreden erdacht werden. In Hamburg ist derweil die Räumung des Bauwagenplatzes Bambule durch den rechten Innensenator Schill ein großes Thema – Tocotronic spielen unter dem Motto "Regierung stürzen - Let the music play!" ein Benefiz in der Roten Flora, die Zuschauerschlange zieht sich durchs halbe Schanzenviertel. Im Frühjahr gibt es einen Festivalausflug zum Primavera Sound in Spanien. Ansonsten ist es für Tocotronic ein eher geruhsames Jahr: ein Auftritt in Dänemark, vereinzelte Festivals in Österreich, der Schweiz und Deutschland (u.a. springen Tocotronic kurzfristig auf der großen Bühne des Hurricane ein).

Im Dezember jährt sich zum zehnten Mal die Bandgründung von Tocotronic – zum Jubiläum erscheint „10th Anniversary“, zum einen eine CD mit B-Seiten und Raritäten, die sich über die Jahre angesammelt haben, zum anderen eine DVD, auf der nicht nur alle Videoclips der Bandgeschichte zu sehen sind, sondern auch Tour-und Studio-Dokumentationen. In einigen großen Interviews lassen Tocotronic die Jahre Revue passieren.

Ansonsten ist durchaus Zeit für Nebenaktivitäten: Dirk bringt zusammen mit Thies Mynther das zweite Phantom/Ghost-Album „To Damascus“ beim Label Mute heraus. Das Bierbeben veröffentlicht derweil drei Maxis und das Album „No Future No Past“ für das Berliner Elektronik-Label Shitkatapult. Arne bestreitet auf der Jubiläumstour von L’Age D’Or einige Soloauftritte.

2004: Waren Tocotronic beim letzten Mal ohne fertige Songs ins Studio gegangen, um sie im Produktionsprozess entstehen zu lassen, findet diesmal die Hauptarbeit wieder im Proberaum statt – und zwar zu viert: Rick McPhail wird offizielles Bandmitglied von Tocotronic. Die dort entstehenden neuen Songs bekommen ihre Livepremiere in eher exotisch wirkendem Zusammenhang: Tocotronic spielen auf Einladung des Goethe-Instituts vier Konzerte in Sibirien. Zehn Tage dauert die Reise, die Jan als „extrem interessant und von den Publikumsreaktion her toll“ bezeichnet.

Danach gehen Tocotronic ins Berlin-Kreuzberger Mamasweed-Studio, um mit Produzent Moses Schneider in nur neun Tagen die meisten Songs des neuen Albums einzuspielen. Zusätzliche Aufnahmen finden im Mushroom- (Berlin) und Soundgarden-Studio (Hamburg) statt. Nach dem langwierigen Werkeln an „Tocotronic“ wird diesmal „live und ohne Kopfhörer“ eingespielt – mit Rick an der zweiten Gitarre, ein deutlich hörbares neues Element im Bandsound. Abgemischt wird das Ganze erneut von Michael Ilbert, diesmal im Puk-Studio in Dänemark.

Die Umstände der Popkultur in Deutschland machen ein Debattenstatement von Tocotronic nötig: „Sehr geehrte Damen und Herren, wie schon an anderer Stelle vermerkt, lehnen wir, die Gruppe Tocotronic, Nationalismus, Deutschtümelei und Heimatduseligkeit seit Anbeginn aller Zeiten ab. Umso erstaunter sind wir nun, dassß schon zum zweiten Mal in unsrer bewegten Karriere der Versuch unternommen wird, deutsche Musik zu nationalisieren und eine Quote für hiesige Produktionen im Rundfunk einzurichten. Gerechtfertigt wird dies mit zweifelhaften wirtschaftlichen Argumenten. Wohin die Reise geht ist völlig klar: Wir sind wir, auferstanden aus Ruinen und fühlen uns deutsch und sexy und haben es satt uns im eigenen Land ständig marginalisiert zu fühlen, wir werden förmlich überschwemmt von der angloamerikanischen Kulturindustrie, es gibt doch eine coole, heimatverbundene deutsche Musikszene, der geholfen werden muss und pi, pa und po. Wir sagen ganz deutlich, wie so oft in unserem Leben: Wir sind dagegen! Und fragen: Lebt denn der alte Holzmichl noch? Mit herzlichem Gruss, Tocotronic“

Außerdem gilt es, weitere Nebentätigkeiten der Bandmitglieder zu vermelden: Dirk schreibt weiterhin gelegentlich für Texte Zur Kunst und liest zudem zwei Texte vor von HP Lovecraft für ein Hörbuch. Jan gründet zusammen mit dem Blumfeld-Manager Oliver Frank den Müller + Frank-Musikverlag und kümmert sich u.a. um Ida Red, La Grande Illusion und Julia Hummer. Arne veröffentlicht unter dem Namen DJ Shirley beim Label Scheinselbstständig und als Arne Zank bei L’Age D’Or je eine EP. Und Rick schließlich spielt Tour-Keyboard bei Karl Bartos und arbeitet an seiner eigenen Band Glacier. Aus der Vergangenheit meldet sich hingegen eine Seven-Inch-Veröffentlichung mit Proberaumaufnahmen von Punkarsch, der prä-Tocotronic-Band von Jan und Arne.

Anfang 2005: Am 1. Januar spielen Tocotronic das Neujahrskonzert in der Berliner Volksbühne. Und schon am 17. Januar erscheint „Pure Vernunft Darf Niemals Siegen“, das neue Album von Tocotronic. Als erstes Fanal gibt es die Single „Aber Hier Leben, Nein Danke“, bewusst ausgekoppelt als Reaktion auf die Debatten um neues deutsches Pop-Selbstbewusstsein und nationale Radioquoten. Kämpferisch gibt sich auch das dazugehörige Video, in dem die historischen Konzert-Riots an der Musikmuschel im Hamburger Park Planten un Blomen nachgestellt werden.

Das Album „Pure Vernunft Darf Niemals Siegen“ ist in der Musik reduziert auf zwei Gitarren, Bass und Schlagzeug – „Dogma-Musik“ war als Schlagwort im Studio gefallen – eine gewollte Abkehr von den aufwändigen Arrangements des weißen Vorgängeralbums. Zudem sind die Songstrukturen bewusst einfach gehalten, Melodien wiederholen sich wie Schlaufen. Umso verzierter sind die Texte, in denen die Regeln der Physik und des gesunden Menschenverstands lustvoll gebrochen werden; poetischer klangen Tocotronic nie. Mit dem Albumtitel äußert die Band eine Verweigerungshaltung gegenüber der Verwertungslogik und Alltäglichkeitsbesessenheit, von der sie auch die Kunst zunehmend befallen sehen.

Die Platte, man muss es wohl so sagen, wird nicht unumstritten aufgenommen von der Kritik und der Öffentlichkeit. Doch das Interesse am neuen Tocotronic-Album ist überwältigend groß: Das FAZ-Feuilleton entsendet gleich drei Redakteure zum Gipfeltreffen mit der Band; der resultierende Text ist ein Fest der großen Namen, von Baudelaire über Nietzsche, Lovecraft, Meese bis hin zu Volker Lechtenbrink – „der Artikel ist ein eigenes Kunstwerk“, findet Jan Müller im Nachhinein. In leicht indigniertem Tonfall stellt Ulrich Wickert in den ARD-Tagesthemen die Band vor. Mit dem Hitparadeneinstieg auf Platz 3 in den deutschen Albumcharts erklimmen Tocotronic neue Höhen, neun Wochen bleibt „Pure Vernunft…“ notiert. Auch die Single „Aber Hier Leben, Nein Danke“ schafft es für zwei Wochen in die Charts.

Mit 29 Terminen gerät die übliche Deutschland-/ Österreich-/ Schweiz-Tour von Ende Februar bis Anfang April recht lang; trotzdem freut sich die Band über angenehme Stimmung und gut besuchte Konzerte. Im Vorprogramm spielt das Hamburger Eleganz-Pop-Projekt La Grande Illusion.

Kurioses tut sich Ende Februar in Hamburgs Medienwelt: Der Erste Bürgermeister Ole von Beust (CDU) beschwert sich on air, dass er als Gast bei der NDR-Lokalwelle einige seine Musikwünsche nicht im Radio spielen dürfe, darunter auch Tocotronic. Die örtlichen Zeitungen berichten, der NDR verweist auf andere Programme, in denen Tocotronic sehr wohl liefen, und lädt von Beust zu einem Radiokonzert von Tocotronic im klassischen Konzertsaal des Senders ein. Von Beust sagt den Konzertbesuch letztlich per Fax an die Band ab, nicht ohne seine langjährige Anhängerschaft zu bekräftigen. Die Band errötet, aber man kann sich seine Fans nun mal nicht aussuchen. Kleine Fußnote: Im NDR-Fernsehen wird „Let There Be Rock“ im Sommer auf Platz 10 einer Zuschauerumfrage nach den „größten Popsongs des Nordens“ gewählt.

Frühjahr / Sommer 2005: Anfang April schafft es „Gegen Den Strich“, die zweite Singleauskopplung aus „Pure Vernunft…“ so eben gerade in die deutschen Charts. Der von der englischen Band Felt beeinflusste Popsong wird von einem angemessen elegischen Video begleitet, gedreht am Hamburger Flughafen.

Am Vorabend des 60. Jahrestages der deutschen Kapitulation im Zweiten Weltkrieg findet auf dem Berliner Alexanderplatz eine Gala „gegen Geschichtsrevisionismus, Opfermythen und Kapitalismus“ statt unter dem Motto „Deutschland, du Opfer“, bei der Tocotronic als Headliner spielen. Auch auf dem Sampler „I Can’t Relax In Deutschland“, der im Herbst erscheint und sich gegen die Re-Nationalisierungsbestrebungen in der Popkultur richtet, sind Tocotronic vertreten. Den politisch unverfänglichen Teil der Festivalsaison nehmen Tocotronic in diesem Jahr recht ausgiebig mit, von Roskilde über Melt bis Haldern, um nur einige zu nennen.

Eine ganz besondere Single erscheint am 1. August des Jahres: Der Titelsong des Albums, der Gitarrenwalzer „Pure Vernunft Darf Niemals Siegen“, erscheint beim berühmten Kölner Elektroniklabel Kompakt, mit einem Remix von Wassermann & Superpitcher als A-Seite. Ein konsequenter Schritt, waren doch die Remixe von „Jackpot“ und Phantom/Ghosts „Perfect Lovers“ aus dem Kompakt-Umfeld Clubhits geworden.

Herbst/ Winter 2005: Alte Bekannte, nämlich Geoff und Tim von der amerikanischen Band Fuck, sind mit ihrer neuen Band Staff zu Gast als Vorgruppe bei der zehntägigen Herbst-Tournee von Tocotronic. Über die Touren zu „Pure Vernunft…“ äußert sich Dirk sehr angetan, es sei immer voll gewesen, das Publikum sehr angenehm, und musikalisch passierte auch etwas: „Das Rockige hat sich wieder eingeschlichen. Wir haben manche Stücke freier interpretiert und sie wurden alle rockiger dadurch.“

Am 18. November erscheint „The Best Of Tocotronic“, als Best-Of-Album mit 22 Stücken, sowie als Limited Edition mit einer zusätzlichen CD voller Raritäten. „(…) nachzuvollziehen, wie diese Band sich vom jugendlich gewandeten Garagenrock-Schlendrian zur hochartifiziellen Poeterei entwickelt, ist eine einsichtsreiche Studie“, fand der Kritiker des Musikexpress. Das Best-of-Album kommt in Deutschland auf Platz 51 der Charts und in Österreich auf 53. Und wo wir gerade bei Zahlen sind; die Bilanz der Kritiker- und Leserumfragen der Musikzeitschriften zum Jahr 2005 ergibt folgendes für das „Pure Vernunft…“-Album: Platz 2 bei den Rolling-Stone-Kritikern, Platz 4 bei den Spex-Lesern, Platz 7 bei den Musikexpress-Kritikern. Derweil arbeitet Dirk weiter am Werk: Ab Mitte 2005 nimmt er bei Moses Schneider Demos für neue Songs auf.

2006: Vereinzelt geben Tocotronic Konzerte, darunter ein Eröffnungskonzert im neuen Hamburger Club Übel & Gefährlich, oder beim Brecht-Festival in Augsburg, für das der alte Weggefährte Hans Platzgumer das Musikprogramm kuratierte.

Doch vor allem steht 2006 im Zeichen der verschiedenen Nebenprojekte, deren Verhältnis zu Tocotronic sehr schön auf der Single „Gegen Den Strich“ verdeutlicht wird, auf deren Extratracks alle vier einen Remix beisteuern. Dirk bringt ein drittes Phantom/Ghost-Album heraus, Das Bierbeben von Jan macht ein zweites Album, und auch Glacier, die Band von Rick, veröffentlicht die erste Langspielplatte. Nur Arne hat Pech: Sein fertig aufgenommenes Solowerk wird Opfer der Wirren um die drohende Insolvenz der Plattenfirma Lado, die Veröffentlichung wird aufgeschoben.

Die finanziellen Schwierigkeiten von Lado führen schließlich dazu, dass Tocotronic sich von Lado trennen. Fortan veröffentlicht die Band beim Majorlabel Universal Music, mit dem sie zu Motor-Zeiten ja schon einmal verbandelt waren. Die Rechte am Backkatalog liegen jetzt beim Tocotronic-eigenen Label ROCK-O-TRONIC records, Ideen für schöne Wiederveröffentlichungen werden schon gesammelt.

2007/08: Im Kunstbuchverlag der Galerie Daniel Buchholz erscheint im April „Dekade 1993-2007“, ein Buch mit Songtexten von Dirk, illustriert von den Künstlern Cosima von Bonin, Sergej Jensen, Michael Krebber und Henrik Olesen – von letzterem stammt auch das Plattencover des neuen Albums.

Dies entsteht in Berlin-Neukölln, im Studio Chez Cherie, wieder mit dem Produzenten Moses Schneider. Doch wo bei „Pure Vernunft…“ der Versuch gemacht wurde, die Musik ganz trocken klingen zu lassen, soll diesmal die Musik ganz räumlich klingen. Das meiste wird live eingespielt, der Raumklang mitbenutzt. Das Ergebnis heißt „Kapitulation“ und erscheint am 6. Juli 2007 bei Universal. Und klingt groß und nach Rock. Auf dem Eröffnungslied „Mein Ruin“ lässt Arne das Schlagzeug rumpeln, fast wie in den Anfangstagen, und auf „Sag Alles Ab“ klingt Dirk plötzlich wie der frühe Diskurs-Pop-Pate Kristof Schreuf (Kolossale Jugend, Brüllen). Es klingt, als seien Tocotronic durch all die Jahre der Abgrenzung gegangen, um nun von einem anderen Stand aus frühere musikalische Aufgaben neu anzugehen. Es ist ein ungestümes und dennoch durchdachtes Werk, schon vom Titel angefangen. Dirk: „Wenn man als deutsche Band eine Platte ‚Kapitulation’ nennt, hat man natürlich Hintergedanken“, er spricht von einem Gegenentwurf zu der aufwallenden Deutschland-Aufbruchstimmung. Auf der Band-Website verliest Dirk ein Manifest zu dem Album.

Musik, Haltung und Texte haben einen enormen öffentlichen Widerhall: „Die Stücke auf ‚Kapitulation’ (…) feiern, poetisch überstilisiert, den Triumph der Niederlage, die Kunst des Verlierens. Sie stellen den Absturz über den Aufschwung, bieten Erlösung durch Ergebung“, stellt Philipp Oehmke im Spiegel fest. Thomas Groß sieht in der Zeit eine Traditionslinie: „Der Faulpelz Oblomov hat seine Spuren hinterlassen, die Desinvolture des Dandys. Bartleby, Herman Melvilles subversiver Schreiber, geistert mit seinem ‚Ich möchte lieber nicht’ durch die Zeilen.“ Jens Balzer interpretiert in Spex: „Die eigentliche Repetition, die man in der Musik von Tocotronic jetzt hört, ist das In-sich-selbst-Kreisen eines endlich nicht-reaktionär gewordenen Dandyismus; eines Dandyismus, der keinen Dünkel, keine Exklusion von vorgeblich Minderwertigen kennt, sondern sich nur noch auf die eigene Verfeinerung konzentriert; der aus tiefer Resignation zu einer Gelassenheit, einer Ruhe, einem Nein ohne jeden Kulturpessimismus gelangt.“ Ein Song wie "Mein Ruin" erweist sich angesichts der Finanzkrise als geradezu prophetisch.

Das Album "Kapitulation" steigt auf Platz 3 in die deutschen Charts ein, wo es zehn Wochen lang platziert bleibt; in Österreich kommt es bis auf Platz 10, in der Schweiz auf 35. Die Auskopplungen "Kapitulation" (Platz 69) und "Imitationen" (Platz 96) schaffen es in die deutschen Singlecharts. Nicht für die Charts gedacht waren zwei 7"-Singles auf befreundeten Labels im Umfeld des Albums: "Sag alles ab" erschien als Vorbote auf dem Buback-Label, das auch die Vinyledition des Albums veröffentlicht; "Für Immer Jung" schließlich ist der Abschluss des "Kapitulation"-Zyklus - eine Single bei Ritchie Records aus Freiburg.

Schier unglaublich die Bilanz in den Jahresendabrechnungen der Musikzeitschriften: "Kapitulation" ist für die Leser von Intro, Spex und Musikexpress das Album Nummer 1 des Jahres 2007, beim Rolling Stone ist es die Nummer 4 im Leserpoll, bei Visions die 9. Die Kritiker sind kaum zurückhaltender: Platz 1 bei Intro, Platz 2 beim Musikexpress, Platz 5 beim Rolling Stone und Platz 11 bei Spex. Außerdem stehen Tocotronic mit "Kapitulation" auf der Bestenliste des Preises der deutschen Schallplattenkritik. Mit "Kapitulation" treffen Tocotronic den ominösen Zeitgeist so sehr wie einst mit "Digital Ist Besser" - wenngleich auf völlig andere Weise.

Natürlich wurde der Geist der "Kapitulation" auf die Festivalbühnen und in die Konzerthallen getragen, im Vorprogramm mit Chokebore-Sänger Troy von Balthazar mal wieder ein alter Bekannter. Die Band wurde im Verlauf der Tour immer freier im Zusammenspiel, Improvisationen schlichen sich ein, Dirk spricht von "Crazy-Horse-haftem Krachmachen", das einen Vorgeschmack gibt auf das kommende Album. Besonders in Erinnerung bleiben drei Auftritte: Beim Tourabschluss im November 2007 in der Berliner Columbiahalle kommt ein vielstimmiger Chor aus Freunden und Weggefährten der Band auf die Bühne. Beim Hurricane-Festival 2008 muss die Band ausgerechnet beim Song "Kapitulation" vor einem Sturm kapitulieren. Und beim Auftritt in Luzern erleidet Arne während des Konzerts einen Allergieschock und wird direkt in die Notaufnahme gebracht - Rick wechselt ans Schlagzeug und Tocotronic spielen weiter, geschockt und nervös. Doch zum Glück erholt sich Arne schnell und sitzt am nächsten Tag schon wieder am Schlagzeug.
Ein Souvenir der Tour ist das Album "Kapitulation Live", das Anfang 2008 erscheint und einen Auftritt im Hamburger Kampnagel-Theater dokumentiert.

In der Reihe "Pop Portrait" des Labels PIAS erscheint im Oktober 2008 eine von der Band ausgewählte Zusammenstellung von Songs anderer Interpreten, die Tocotronic geprägt haben. Die Bandgeschichte lässt sich inzwischen in einer historisch-kritischen Edition nachvollziehen: 2008 und 2009 erscheinen die ersten sechs Studioalben mit Bonustracks und erhellenden Essays als Wiederveröffentlichungen bei ROCK-O-TRONIC. Ebenfalls beim bandeigenen Label erscheint endlich das Soloalbum von Arne Zank, "Love & Hate From A To Z", als Download und als LP. Auf der Tour dazu wird Arne von Rick McPhail begleitet.

2009: Rick arbeitet mit seiner Band Glacier an einem zweiten Album, das aber erst 2010 erscheinen wird. Umfangreich sind, wie stets, die Aktivitäten von Jan Müller. Als Musikverleger kümmert er sich gemeinsam mit Olli Frank um die Rechte an den Kompositionen von z.B. Die Türen und Herrenmagazin. Unter dem Dach der Künstelrgruppe im Namen des Volkes gibt er gemeinsam mit Rasmus Engler und Julia Wilton Broschüren in Kleinauflage heraus und stellt in der Hamburg-Wilhelmsburger WCW Gallery Zeichnungen und Installationen aus. Mit Rasmus Engler bildet Jan auch Dirty Dishes, das "internationale Pop-Duett von Deutschland", das 2006 als Übersprungshandlung entstand, während Thies Mynther den beiden zu lange an Bierbeben-Aufnahmen herumschraubte: "Vorranging um rumzunerven haben wir Lieder geschrieben, und Thies musste die dann gleich aufnehmen." Eine LP erschien 2007, 2009 kommt erstmals eine CD.

Doch auch Das Bierbeben bringt 2009 ein neues Album heraus - diesmal nicht mehr von Thies Mynther abgemischt, sondern von Marco Haas, besser bekannt als T.Raumschmiere und als Labelmacher von Shitkatapult, wo "Das Bierbeben" auch erscheint. Im Herbst setzen Jan, Rasmus Engler, Julia Wilton und Alexander Tsitsigias die Elektro-Songs in klassischer Rockbesetzung live um.

Fast gleichzeitig mit dem Bierbeben-Album erscheint auch ein neues, viertes Studioalbum von Phantom/Ghost beim Hamburger Techno-Label Dial. Dirk widmet sich gemeinsam mit dem Pianisten Thies Mynther mehr denn je dem Kunstlied auf "Thrown Out Of Drama School" - solche Musik kann man auch in Theaterfoyers spielen (was Phnatom/Ghost durchaus auch tun). Ein Kreis schließt sich, als mit Julia Wilton (Das Bierbeben) und Michaela Meise (Phantom/Ghost) zwei Sängerinnen im Hintergrund des neuen Albums singen, die über die Nebenprojekte in den tocotronischen Kosmos eingeflogen waren.

Neues Album? Ach ja: Schon seit Anfang des Jahres proben Tocotronic neue Songs und arbeiten an den Arrangements. Es ist ein sehr konzentriertes, detailliertes Arbeiten - "sehr, sehr anstrengend", sagen Dirk und Jan unisono -, das dadurch ermöglicht wird, dass Tocotronic nach Jahren im Bunker ihren Proberaum in das Tonstudio von Rick verlagert haben. Als die Arrangements fertig sind, gehen Tocotronic wieder mit Moses Schneider als Produzenten ins Berliner Chez-Cherie-Studio, um die Songs aufzunehmen und sich mehr denn je auf den Sound konzentrieren zu können. Die Berlin-Trilogie, die mit "Pure Vernunft..." begonnen hatte, kommt also zu ihrem Abschluss.

"Schall und Wahn" heißt das neue Werk, mit dem die Band "eine Stufe weiter" gehen wollte, wie Dirk sagt: "den Raum viel mehr öffnen, jedes Stück einzeln betrachten". So präsentiert sich die Musik von Tocotronic "auf nicht prahlerische Art sehr groß", wie es Jan treffend ausdrückt. Das Auftaktstück "Eure Liebe tötet mich" klingt, als würde es langsam aus einer Jamsession heraus entstehen und strebt dann unaufhaltsam seinem Höhepunkt entgegen. Ein Song wie "Macht es nicht selbst" hingegen gibt sich grob und unbehauen in einem Rahmen aus Feedback, als würden die frühen Jesus & Mary Chain die White Stripes covern. "Die Folter endet nie" wiederum ist ein wunderbar delikater Popsong mit einem vorzüglichen Bläserarrangement von Edda Durstewitz und Jakobus Siebels, bekannt als Duo Ja König Ja. Auch Streicher gibt es auf diesem Album, arrangiert von dem Neue-Musik-Komponisten Thomas Meadowcroft, der den üblichen Rock-mit-Streichern-Klischees weitestmöglich fern bleibt. Mit bordeigenen Mitteln lassen Tocotronic gelegentlich die Gitarren klingeln und im Hall schweben, so wie es die Shoegazer der späten 80er und frühen 90er taten.

So muss ein Album über Musik klingen, denn das ist es: Dirk sagt, ihm sei es darum gegangen, "als singendes Ich in einem Mahlstrom zu verschwinden, in einem Gewummer." Es ist eine der typischen dialektischen Gegenbewegungen, die Tocotronic von Album zu Album häufig machen: Wurde sich in der Rezeption von "Kapitulation" stark auf die Texte konzentriert, so steht diesmal der Klang im Vordergrund - was nicht heißen soll, dass die Texte diesmal unbedeutend seien: "Schall und Wahn" hat einen roten Faden, ein loses Narrativ zwischen den Stücken, das um Schuld, Liebe, Verbrechen und immer wieder die Musik selbst kreist. Und dabei kommen immer wieder großartige Zeilen zum Vorschein. So wie diese aus der ersten Single "Macht es nicht selbst, für Dirk eine "Hymne an die Aneignung": "Heim- und Netzwerkerei stehlen dir deine schöne Zeit". Machen Sie was draus!

Diese Biografie wurde von den Künstlern oder deren Vertretern bereitgestellt.

»Wie wir leben wollen« – das ist von der Band ganz dezidiert nicht als Fragesatz formuliert. Sondern so gemeint, dass man von Kunst unter Umständen lernen kann, wie man leben will – und vielleicht ist sie dadurch auch politisch. Sehr oft standen Tocotronic für Verneinung – diesmal gibt es Antworten auf die Frage: Wie wollen wir es denn? Dass die sich nicht in simple Ratschlagsformeln fassen lassen, versteht sich ja von selbst. Vor den Aufnahmen zu diesem Album wurden Beatles und Beach-Boys-Platten auf ihren psychedelischen Pop- Appeal hin geprüft; Godards Studie »One Plus One« darüber, wie eine Rockband musiziert, bestaunt; das Verhallen und Verwischen der Shoegazing-Bands analysiert. Man kann das alles hören, da und dort, in einem sehr unrockigen, konzentrierten Klangbild, mit ausgefeilt produziertem Gesang und einem Schlagzeug in Mono. Schon von der ersten Single an haben sich Tocotronic für Soundästhetik interessiert; dieses Interesse findet jetzt einen faszinierenden Höhepunkt.

1993/ Anfang 1994: Bandgründung von Tocotronic (benannt nach einem Gameboy-Vorläufer) durch die Hamburger Punkmusiker Jan Müller (Bass) und Arne Zank (Schlagzeug) - beide ex- Meine Eltern/ Punkarsch - und den aus dem Badischen zugezogenen Gitarristen und Sänger Dirk von Lowtzow. Erste Auftritte in Hamburg führen dazu, dass in Hamburger Kneipen zunehmend der Name Tocotronic gewispert wird. Junge Menschen finden eine Lieblingsband: der Enge-Werbe-T-Shirts-Trainingsjacken-Cordhosen-Stil wird gewürdigt, die Höflichkeit der Ansagen bewundert. Tocotronic-Zeilen finden sich auf Häuserwände gesprüht und in Schulbänke geritzt. Der Fanclub 'Megatronic' wird gegründet.

1994: Die erste Tocotronic-Single erscheint auf dem bandeigenen Rock-o-tronic-Label ROCK-O-TRONIC records: Vier Lieder, kompromisslos im Zwei-Spur-Verfahren im Proberaum aufgenommen, bei denen nicht stört, dass man die Texte stellenweise nicht versteht, da die Lieder so viel Energie und Melancholie zugleich in sich tragen. Jochen Distelmeyer von Blumfeld schnappt den Songtitel "Ich Möchte Teil Einer Jugendbewegung Sein" von Tocotronic auf und baut ihn in den Song 'Sing Sing' ein. Dirk singt ihn auf Blumfelds LP. L`Age D`Or übernimmt den Versand der Single und des Jugendbewegungs-T-Shirts. Erste Tourneen mit 5 Freunde und Blumfeld folgen. Christoph Gurk stellt die Tocotronic in Spex vor, Fanzines bejubeln die Single.

1995: ”Digital ist besser”, ihre Debütplatte, auf die sich vor einem Jahr nahezu jeder einigen konnte, stellt in seiner räudigen Unmittelbarkeit das wahrscheinlich beste Stück deutschsprachiger Popmusik ever dar.” (Chelsea Chronicle 6/96)
Die in wenigen Wintertagen im Soundgarden-Studio aufgenommene erste LP/ CD erscheint bei L`Age D`Or und setzt einen Meilenstein des Underground-Pop in Deutschland. Treibend punkiges Sloganeering (Jugendbewegung, Masterplan, Digital Ist Besser) und vergrätzte Abgrenzung von deutscher Alltagskultur (Freiburg, Samstag Ist Selbstmord, Hamburg rockt) treffen einen Nerv sowohl bei Pop-Intellektuellen, die darin den Ausdruck einer neuen Generation sehen, als auch bei eben dieser Generation, jungen Menschen, die sich mit Tocotronics Wut identifizieren können, aber auch bewegt sind von der leicht sentimentalen Melancholie von ”Drüben Auf Dem Hügel”, ”Letztes Jahr Im Sommer”, oder dem wunderbaren ”Die Idee Ist Gut, Doch Die Welt Noch Nicht Bereit”. Dass die Platte so trashig hingerotzt klingt und doch die Melodien so eingängig sind, verstärkt den Eindruck, den sie macht. Und wem das nicht weird genug ist, der hat ja noch die wirr-jaulend-sympathische Songvignetten von Schlagzeuger Arne.

Nach einer 14-tägigen ”Headline-Tour” (Powerline) im deutschsprachigen Raum und einigen Festivals im Sommer erscheint nicht nur Arne Zanks Cassette "Die Mehrheit Will Das Nicht Hören, Arne" (Eigenvertrieb), sondern zum Erstaunen aller Beobachter bereits im Juli das zweite (Mini-) Album von Tocotronic, ”Nach Der Verlorenen Zeit” auf L`Age D`Or/ RTD. Sie führt das Prinzip ”Platten machen wie Tagebuch schreiben” ein, denn auf ihr reagieren Tocotronic in selbstreflexiven Statements auf die Rezeption der Band ('Ich Bin Neu In Der Hamburger Schule', 'Ich Muss Reden, Auch Wenn Ich Schweigen Muss', 'Es Ist Einfach Rockmusik', 'Hauptsache Ist'). Andererseits sind da die berührenden persönlichen Stücke über Freundschaft, wie 'Du Bist Ganz Schön Bedient', 'Gott Sei Dank Haben Wir Beide Uns Gehabt' und 'Ich Mag Dich Einfach Nicht Mehr So', das ganz genau den Moment beschreibt, an dem Zuneigung in Langeweile übergeht. Danach folgt das erste Gitarrensolo in der Tocotronic-Geschichte.

Im August folgen fünf Auftritte mit Guided By Voices, u.a. bei der Popkomm; im November dann eine achttägige Tour durch kleinere deutsche Städte, wobei es in Potsdam vor Begeisterung zu einer Bühneninvasion kommt. Dazu erscheinen zwei 7"-Singles: "Du Bist Ganz Schön Bedient/ You Are Quite Cool" beinhaltet die Hits 'Bedient' und 'Die Idee Ist Gut, Doch Die Welt Noch Nicht Bereit' in englischen Übersetzungen, die zwischen Mittelstufenenglisch und kongenialer Übertragung pendeln (aus "Straciatella oder Nuss" wird "Cujamara Split"). Die andere Single ist eine Konzeptplatte: Das Stück 'Freiburg' (plus drei andere), von dem aus Freiburg weggezogenen Dirk geschrieben, live aufgenommen im Freiburger 'KTS Vauban' und veröffentlicht vom Freiburger Label Ritchie Records.

1996: Die Leser der Zeitschrift Spex wählen Tocotronic zum besten Newcomer 1995 und zur drittbesten Band überhaupt. Für die Hörer von Klaus Walters Radiosendung "Der Ball Ist Rund" auf HR 3 ist "Digital Ist Besser" die Platte des Jahres. Erstes Radio-Airplay in den Niederlanden wird kaltblütig ausgenutzt, indem eine Holland-Kurztournee organisiert wird. Mit Chokebore geht es dann auf Tour durch Süddeutschland, Österreich und die Schweiz. Dazu erscheint in Zusammenarbeit von L`Age D`Or und Amphetamine Reptile eine Tocotronic/ Chokebore-Splitsingle mit einer rockigeren neuen Version von "Gott Sei Dank Haben Wir Beide Uns Gehabt".

“Einfach Rockmusik” ist das nicht mehr. Eher ein waghalsiger Selbstversuch, der auch mit der erfolgsträchtigen Niedlichkeitsoffensive des Jungens-Trios ins Gericht geht. Das Sloganeering ist zurückgeschraubt- wer die Band liebt, soll ihr auch an die Ufer schlammiger 8-Minuten-Stücke folgen. Insofern also doch ein schülerhafter Schrei nach Gerechtigkeit, aber einer, der bewusst mit seinen beschränkten, mittelständischen Mitteln hausieren gehen muss. ”Wir kommen um uns zu beschweren” ist ein historischer Kompromiss.” (Taz, 2.4.96)
Die im Dezember im Hamburger Soundgarden-Studio von Christian Mevs und Carol von Rautenkranz aufgenommene LP "Wir Kommen Um Uns Zu Beschweren" erscheint. Das bekannt und beliebt gewordene tocotronische Soundspektrum wird ausformuliert und zugespitzt. Wenn man Punk-Pop-Songs spielen mag, dann brauchen die auch nicht länger als zwei Minuten zu sein. Und wenn man so eine richtige Rock-Schwarte spielen will, dann müssen die Gitarren auch sieben Minuten Zeit haben, um Dinosaur-Soli aufeinanderzuschaufeln. Auch in den Texten wird mächtig ausdifferenziert: Ein persönliches, trauriges Stück wie "Ich Möchte Irgendwas Für Dich Sein" braucht nur zwei Zeilen Text; der mitlaufende Kommentar zur Rezeption der Band wird wieder mitgeliefert ("Ich Werde Mich Nie Verändern", "Jetzt Geht Wieder Alles Von Vorne Los"), Hass und Sloganeering nicht vergessen ("Ich Verabscheue Euch Wegen Eurer Kleinkunst Zutiefst"), und mit "Ich Heirate Eine Familie" und "Schritte Auf Der Treppe" hat die Melancholie und Unsicherheit des Erwachsenerwerdens ihren Platz. Die Klippe des dritten Albums, an der schon einige Hamburger Hoffnungsträger zerschellten, wird sicher umfahren, dank der nonchalanten Herangehensweise an das Musikmachen, die an US-College-Bands erinnert.

"Wir Kommen Um Uns Zu Beschweren" steigt in die Album-Charts ein und verbringt dort einige Wochen. Die höchste Plazierung ist #47 am 30. April. Konzerte auf der zweiwöchigen Tournee müssen in größere Hallen verlegt werden. Im Sommer folgen die üblichen Wochenendausflüge zu Festivals, sowie ein Benefizauftritt für den in Berlin überfallenen Universal-Congress-Of-Gitarristen Joe Baiza. Unter der Woche beginnen die Arbeiten an Songs für das vierte Album.

Im August eröffnen Tocotronic die Theatersaison in der Berliner Volksbühne. Das erste Konzert ist bereits nach wenigen Stunden ausverkauft, so dass flugs ein Zusatzkonzert organisiert wird, bei dem auch keine Plätze frei bleiben. Beim Bizarre-Festival in Köln sind Tocotronic die umjubelten Stars des Nachmittages.

Mehr diskutiert wird allerdings an diesem Popkomm-Wochenende über einen anderen Auftritt von Tocotronic: Bei der "Comet"-Preisverleihungsgala des Musikfernsehsenders Viva lehnen sie auf der Bühne den ihnen zugedachten Award "Jung, deutsch und auf dem Weg nach oben" ab, nicht ohne sich vorher für die Einladung zu bedanken. Die Begründung von Jan Müller: „Wir sind nicht stolz darauf, jung zu sein. Und wir sind auch nicht stolz darauf, deutsch zu sein.“ Die Band hatte sich erst nach langen Diskussion im Vorfeld zu diesem Vorgehen entschlossen, wobei es wichtig erschien, den Preis inhaltlich begründet und vor laufender Kamera abzulehnen. sich einerseits für die Respektsbezeugung höflich erkenntlich zu zeigen, andererseits aber die Ablehnung des Einsortiertwerdens in Kategorien wie "jung" und "deutsch" deutlich abzulehnen. Und außerdem wollte Jan unbedingt seine Helden Kiss sehen, die dort auftraten.

Abgeschlossen wird das ereignisreiche Jahr mit einer Tour durch kleinere deutsche Städte – mit etwas unangenehmen Begleitumständen: Jan wird krank und tritt mit 40 Grad Fieber auf, dazu schlägt das schlechte Wetter auf die Stimmung. ("Einmal waren wir fast eingeschneit.") Dieses beschert der Gruppe jedoch auch die üblichen lehrreichen Rock'n' Roll-Erfahrungen wie etwa eine unfreiwillige Übernachtung an einer Autobahnraststätte inmitten einer inspirierenden Katastrophenstimmung.

1997: Das neue Jahr läuten die Tocs mit einem Auftritt bei dem von L'Age D'Or mitveranstalteten Rock & Rave-Festival in der Hamburger Markthalle ein. In den Leserpolls der Musikzeitschriften sind Tocotronic auch diesmal gut plaziert: Die Leser von Spex wählen sie zur viertbesten Band und zur drittbesten Show. Im Rolling Stone landen sie auf Platz 6 in der Kategorie "Beste Band-National" und aus den monatlichen Lesercharts von Visions und Intro sind Tocotronic kaum wegzudenken.

Im Februar reisen Tocotronic nach Frankreich, um im Blackbox-Studio von Iain Burgess ihre vierte LP "Es Ist Egal, Aber..." aufzunehmen. Produzent ist diesmal Hans Platzgumer, der auch die Streicherarrangements für die Platte geschrieben hat. Toningenieur ist Peter Deimel, der "Stag" von den Melvins für die bestproduzierte Platte ever hält. Die Vorabsingle "Sie Wollen Uns Erzählen" erscheint im Juni und steigt kurz darauf in deutschen Singlecharts ein. Das Video dazu dokumentiert einen Ausflug in den Wildpark “Schwarze Berge”, passend zu den drei Enten auf dem Albumcover. Schon im Herbst stellt die Hamburger Country-oder-sowas-Band Fink eine Coverversion des Songs vor.

„Wie Nabokov fügen Tocotronic mit Liebe zum Detail manchmal auch scheinbar Unzusammenhängendes aneinander, brechen abrupt ab. Und wie Nabokov und dessen berühmtester Schüler, Thomas Pynchon, entwickeln auch Tocotronic langsam, aber stetig einen Hang zu einigermaßen absurden Phantasien.“ (Jochen Bonz, Intro)

"Es Ist Egal, Aber..." erscheint im Juli. Wandel und Weiterentwicklung sind der Platte anzuhören, obgleich sie noch immer eindeutig nach Tocotronic klingt. Doch in den Texten wird Abstand genommen von der “Ich”-Litanei früherer Platten, das ”Du” kommt stärker zu seinem Recht. Die Songs sprechen von Entfremdung, von sich voneinander entfernenden Menschen, von der Sehnsucht nach Freundschaft. Im Songwriting sind gesungene und instrumentale Teile stärker ineinander verwoben, der Aufbau der Songs folgt einer Dramaturgie, die in enger Korrespondenz zum Text steht. Der Einsatz von Streichern ist das augenfälligste Ergebnis der Zusammenarbeit mit Hans Platzgumer. Dirks Gesang ist ausgefeilter denn je, in der Melodiesetzung, wie in der Phrasierung, wie auch in der Aufnahme. “Es Ist Egal, Aber...” ist der Abschied von den einfachen musikalischen Laut-Leise-Lösung; Tocotronic verfeinern den Umgang mit ihren musikalischen Mitteln - manche sprechen da gern von Reife.

“Es Ist Egal, Aber” tritt einen erfolgreichen Weg in die Hitparaden an und erreicht Platz 13 in den deutschen und Platz 21 in den österreichischen Albumcharts.

Auch in diesem Sommer spielen Tocotronic auf diversen Festivals, u.a. bei dem berühmten Openair im dänischen Roskilde. Im Herbst folgt die große Tournee durch das Verbreitungsgebiet der deutschen Sprache - so lange am Stück wie noch nie zuvor. Das hat die von vielen Bands gefürchteten Auswirkungen der Routine: “Ich hatte das Gefühl, wir funktionieren auf Knopfdruck”, erinnert sich Dirk und meint das durchaus auch wörtlich: Der Entschluss reift, den Verzerrer zukünftig wegzulassen. Eventueller Überdruss wurde aber gemindert durch eine weitere Freundschaft zu einer amerikanischen Band: Fuck. Ein Ergebnis davon ist die Coverversion von “Alles Was Ich Will Ist Nichts Mit Euch Zu Tun Haben” auf dem Fuck-Album “Conduct”; ein anderes die Gegeneinladung an Tocotronic zu einer USA-Tournee. Die zweite Hälfte der Herbst-Tour spielten die Schweizer Lado-Kollegen Die Aeronauten mit. Zur Tour erscheint mit der Herbst-Hymne und Neil-Young-Hommage “Dieses Jahr” eine zweite Single aus dem Album.

Zum Jahresende gibt es eine ungewöhnlich lange Probepause von drei Monaten, unterbrochen nur von einem Benefiz für den Golden Pudel Club. Jan und Arne nutzen die Zeit, um das Rock-o-Tronic-Label wiederzubeleben: Sie produzieren das Debüt der jungen Grungeband Jonas aus Bad Bentheim, das schließlich an L’Age D’Or lizensiert wird. Arne dreht außerdem einen Filzlegetrickfilm, Dirk schreibt die Musik für einen ungarischen Spielfilm.

1998: Die Leserpolls der Musikzeitschriften belohnen das Schaffen von Tocotronic erneut mit guten Plazierungen: Im Visions belegen sie in der Kategorie “Beste Band” Platz 9, in “Bestes Konzert” Platz 3, und “Es Ist Egal, Aber” ist Nummer 6 bei den Alben des Jahres. Auch für die Leser von Spex sind Tocotronic die neuntbeste Band, das Album erreicht Platz 16 und das Video zu “Dieses Jahr” Platz 9 bei den Clips. Die Leser des Rolling Stone wählen “Es Ist Egal, Aber” auf 25 bei den Alben und “Sie Wollen Uns Erzählen” auf 26. Und im Intro gibt es Platz 2 bei den Bands, 3 bei den Live-Acts, 6 bei den Alben

Tocotronic kehren zurück in den Übungsraum und proben im Sitzen. Neue Stücke entstehen, zunächst mit dem Plan, eine sehr ruhige Platte zu machen, die durch längere Texte unaufdringlicher wirken soll, deren Ich ein eindeutig lyrisches und kein autobiografisches sein soll. Doch Cornershops Zwei-Akkorde-Hit „Brimful Of Asha“ bringt die Band von der durchgängigen Ruhe ab, auch Stücke wie „Let There Be Rock“ sind erlaubt.

Im März wird die Gegeneinladung von Fuck angenommen: Tocotronic gehen mit ihnen auf US-Tour. Und zwar nicht durch Goethe-Institutssäle, sondern durch ganz normale Rockclubs in Städten wie Chicago, Detroit, Philadelphia, Washington oder New York, wo bei am Abschlusskonzert mit Come als zusätzlicher Band Indie-Rock-Prominenz von Pavement und Sonic Youth gratulieren kommt. Zur Tour erscheint nicht nur ein Song auf einer CD des US-Fanzines „Bunny Hop“, sondern auch ein Best-of-Album für den internationalen Markt mit dem Titel „The Hamburg Years“.

Bei den Sommerfestivals wird die Bekanntschaft mit Micha Acher von Notwist intensiviert, der den Auftrag bekommt, Streicher- und Bläserarrangements vorzubereiten. Tocotronic selbst fahren im Herbst wieder ins Black Box-Studio in Frankreich. Diesmal darf aber auch Carol von Rautenkranz als Produzent des fünften Albums mitkommen, allerdings unter einer Bedingung: Er muss sein Handy zuhause lassen. Vierwöchige Aufnahmen mit dem bewährten Tontechniker und Ko-Produzenten Peter Deimel folgen. Dirk, Jan und Arne lassen sich Vollbärte wachsen, die aber zurück in Hamburg alle schnell (Arne weniger schnell) wieder abrasieren. Im November/Dezember folgen zusätzliche Aufnahmen in Weilheim (Bläser und Streicher, arrangiert von Micha Acher, im Uphon-Studio) und Hamburg (Keyboards mit Stellas Thies Mynther und Overdubs im Soundgarden-Studio) – insgesamt dauern die Aufnahmen 70 Tage, ein klarer Rekord für Tocotronic.

Anfang 1999: Huch, keine Pollergebnisse! Erstmals seit „Digital ist besser“ ist ein Jahr ohne neues Tocotronic-Album vergangen. Doch das nächste wird schon im Soundgarden abgemischt und bekommt den Namen „K.O.O.K.“ – Jan findet derweil Zeit, das zweite Album von Jonas für Rock-o-Tronic zu produzieren. Die Band probiert die neuen Stücke auch auf der Bühne aus, bei einzelnen Konzerten in Kopenhagen, Amsterdam, Wien und Belgien (dort mit To Rococo Rot, was sich natürlich auf den Plakaten sehr gut macht).

Mai/Juni 1999: Nun kehren Tocotronic auch auf deutsche Konzertbühnen zurück – und zwar mit sehr kontrastreichen Auftritten: Bei Rock im Park/ am Ring (nachmittags auf der großen Bühne), einem Antifa-Festival in Greifswald, sowie mit ihrer eigenen Theater-Tournee. Der Hintergrund ist, dass der Band die Konzerte in der Berliner Volksbühne immer großen Spaß machten. Außerdem sollen ja diesmal überwiegend Stücke zur Aufführung gelangen, die das Publikum noch nicht kennt – die Theatersitze sollen zum entspannten Zuhören einladen. Der Erfolg der Auftritte steht und fällt etwas mit der Atmosphäre der Theater, besonders die Volksbühne und Hamburgs Schauspielhaus wissen zu gefallen. Im Sendesaal des ORF in Wien kommt es zu amüsanten Schwierigkeiten der Rundfunktechniker mit der Klangübertragung: Immer neue Mikrofone werden vor Dirk aufgebaut.
Wie erhofft, kommt bei den Theaterkonzerten das neue Lied „Let There Be Rock“ besonders gut an, denn es wird auch die Vorabsingle zu „K.O.O.K.“ und steigt im Juni auf Platz 38 in die deutschen Singlecharts ein. „Let There Be Rock“ löst sofort hitzige Debatten aus, wegen des in Gibraltar gedrehten Videos, der AC/DC-Hommage im Titel, vor allem aber weil die Keyboard-Fanfare aus „Final Countdown“ von Europe zitiert wird.

Juli/August 1999: „K.O.O.K.“ erscheint. Tocotronic hatten einen langen Nachdenkprozess an den Anfang der Arbeit an diesem Album gestellt. Das Ergebnis: Keine Hass-Lieder mehr, kein Punk-Pop, nicht mehr Identifikations-Dienstleister sein. Die Sprache der Songtexte ist bildhafter, verrätselter, weniger direkt, aber dafür bleibend schöner. Und trotzdem kommen dabei Zeilen und Titel heraus, die sich in Alltagssituationen der Hörer einmischen: „Wir sind raus, und wir sind stolz darauf“, „Das haben sich die Jugendlichen selbst aufgebaut“, „Das Unglück muss zurückgeschlagen werden“. Die überwiegende Zahl der Lieder ist im Midtempo gehalten, ihre Länge lässt viel Platz für Streicher-, Bläser-, Synthesizer-Arrangements. Letztes Mal fiel das Wort „reif“, diesmal fällt das Wort „erwachsen“. Mancher Stagediver mag enttäuscht sein, andere entdecken erstmals, dass Tocotronic eine Band ist, die ihnen etwas in ihrem Leben sagen kann.

Greil Marcus hat vor zehn Jahren über den ebenso unerwarteten wie totalen Erfolg Nirvanas sinngemäß geschrieben, dass eine ganze Nation wie gelähmt auf genau den Sound dieser Gruppe gewartet hätte und ihn annahm wie eine Erlösung: Dies könnte in einem besseren Deutschland auch für „K.O.O.K.“ gelten, Tocotronics fünfte CD. (...) In einer letzten Kraftanstrengung wird ein überlebensgroßer Gitarrensound aufgebaut, der aufräumen soll mit Mittelmaß, mit der eigenen Epigonalität von gestern, mit der erbärmlichen Sprache, in der heute in Deutschland gern gerappt und gesungen wird. (...) Eine bessere CD mit Gitarren drauf wird heuer nicht mehr gemacht. (Karl Bruckmaier, Süddeutsche Zeitung)

Das Album steigt auf einem hervorragenden 7. Platz in die deutschen Charts ein und hält sich fünf Wochen unter den Top 50. In Österreich ist es sogar noch eine Woche länger, die höchste Position ist Platz 18.

Parallel sind Tocotronic auch in diesem Sommer wieder auf Festivals unterwegs, kreuz und quer von Losheim bis Puch, von Haldern bis Wiesen, von Erfurt bis zum Bizarre in Köln. Zwischendurch spielen sie auf einem LKW-Anhänger, um gegen einen Nazi-Aufmarsch in Hamburg zu mobilisieren. Oder entern als Alsterpiraten das Vorprogramm eines Konzerts von Tomte in Hildesheim.

Oktober/November 1999: Tomtes Sänger und Gitarrist Thees Uhlmann begleitet Tocotronic auf ihrer Tournee als Gitarrenroadie – und als Chronist: Sein Tourtagebuch wird zunächst auf der offiziellen Website von Tocotronic (www.tocotronic.de) veröffentlicht und erscheint später im Ventil-Verlag in Buchform, unter dem Titel „Wir könnten Freunde werden“. Auf der Tour werden die nun meist ganz in schwarz gekleideten Tocotronic in der ersten Tourhälfte begleitet von den Finnen And The Lefthanded, in der zweiten von den Kanadiern Weakerthans. Dirk erinnert sich an eine „sehr gute Stimmung“, die unterwegs herrschte; die Atmosphäre sei sehr angenehm gewesen, ein Verdienst auch von Tourmanager Michael Bugmann. Nach dem ersten von zwei Konzerten im Wiener Planet Music eilt Dirk noch ins Flex, um dort für ein Lied mit der Berliner Band Britta auf der Bühne zu stehen.

Ende November schafft es auch die zweite Single aus „K.O.O.K.“ in die deutschen Singlecharts (wenn auch nur gerade so): „Jackpot“ überrascht mit Remixen von den Kölner Kompakt-Leuten Tobias Thomas & Olaf Dettinger und von Fischmob & Erobique. Ein Vorgriff auf das kommende Remixalbum, für das Jan und Arne bereits Kontakte knüpfen.

Am Ende des Jahres läuft der Plattenvertrag mit Motor Music aus. Die Band vergleicht zusammen mit L’Age D’Ors Carol von Rautenkranz die Angebote und unterschreibt schließlich bei Zomba.

Anfang 2000: In diesem Jahr sind Tocotronic zurück in den Zeitschriftenpolls: Das Album „K.O.O.K.“ schafft es bei den Lesern von Spex auf Platz 3, vom Rolling Stone auf 11 und vom Visions auf 18. Für die Kritiker des Rolling Stone ist es das zehntbeste Album, bei den Kritikern des Musikexpress gibt es Platz 26. Die Spex-Kritiker wählen die Single „Let There Be Rock“ auf Rang 11 ihrer Endabrechnung, bei den Spex-Lesern ist es sogar die Nummer 4, für die Musikexpress-Leser die 10.

Dirk tritt im Februar zusammen mit dem Wiener DJ DSL am Vorabend einer der regelmäßigen Donnerstagsdemos auf, die zum Protest gegen die Regierungsbeteiligung von Jörg Haiders FPÖ durch Österreichs Hauptstadt ziehen. Einen Monat später fliegt die ganze Band in die USA, spielt dort eine Radiosession für ein Chicagoer Collegeradio, beim South-By-Southwest-Festival in Austin, sowie im Brownies im New Yorker East Village (zusammen mit Stella). Aus Anlass dieser Amerikareise wird „K.O.O.K.“ in einer Version mit ins Englische übersetzten Texten veröffentlicht. Tocotronic-Platten werden in den USA von Triage vertrieben. Der holländische Vertrieb ist Konkurrent, und in Holland spielen Tocotronic dann auch im April, seltsamerweise auf einem Festival namens „London Calling“ im Amsterdamer Paradiso. In Paris entsteht das Video zur Vorabsingle aus dem Remixalbum, „Freiburg Version 3.0“, in dem der Interpretenname Tocotronic vs. Console verkörpert wird: Die drei Tocs kämpfen in Superheldenkostümen gegen den Bösewicht Console. „Es war wahnsinnig anstrengend“, schnauft Dirk noch in der Erinnerung. Martin Gretschmann alias Console nahm eine Neufassung des Tocotronic-Klassikers „Freiburg“ auf, im Stile seines Hits „14 Zero Zero“ mit englischem Computergesang.

Sommer/Herbst 2000: Ende Juli erscheint bei L’Age D’Or/Zomba das Album „KOOK Variationen“. Angeregt vom wachsenden persönlichen Interesse an elektronischer Musik, haben Tocotronic das Projekt in Angriff genommen. „Gerade nach der langen Arbeit an ‚K.O.O.K.‘ waren wir neugierig darauf, was andere daraus machen“, erinnert sich Jan. Teilweise fragten Elektroniker von selbst an, teilweise fragten Tocotronic persönliche Bekannte, teilweise wurden Kontakte über Lado hergestellt. Die Auswahl der Tracks übernahmen hauptsächlich Jan und Arne. Sie sorgten für ein breites Stilspektrum, von Beinahe-Coverversionen (Dakar & Grinser, Justus Köhncke) über eher klassische Remixe (Thomas & Dettinger, Egoexpress, Turner) bis hin zu radikaleren Verfremdungen (Funkstörung, Fever) – und da ist DJ DSLs erstaunliche Bar-Version von „Let There Be Rock“ noch gar nicht erwähnt.

Den typischen Problemen von Remixalben zum Trotz (nie wird jemand alle Versionen gleich gut finden), finden die „KOOK Variationen“ ein überwiegend positives Echo und steigen auch auf Platz 82 in die deutschen Albumcharts ein.

Den Rest des Jahres gibt es nur noch vereinzelte Live-Auftritte – zum einen Benefiz-Konzerte wie in der Roten Flora für die Jungle World oder in Magdeburg gegen rassistische Gewalt; zum anderen bei Festivals wie etwa dem „20 Jahre Spex“-Abend zur Eröffnung der Popkomm, bei dem Rick McPhail sein Debüt als Tourkeyboarder gibt. Rick ist ein langjähriger Freund von Dirk, stammt ursprünglich aus den USA, lebt aber schon lange in Deutschland und spielt in der Band Venus Vegas, die zuletzt eine EP namens „Gold“ bei Fanboy Records/EFA veröffentlicht haben. Mit Rick können die ausgefeilteren Arrangements der neueren Platten live besser umgesetzt werden; bei Studioaufnahmen ist er vorerst nicht dabei.

Ins Studio nistet sich die Band ab August ein – dem Electric Avenue von Tobias Levin, zum Proben von neuen Songs, die diesmal gleich im Studio entwickelt werden sollten.

2001: In den Polls ist diesmal hauptsächlich die „Freiburg“-Version von Console platziert – bei Spex sind sich Leser (Platz 3) und Kritiker (Platz 5) fast einig. Die Redakteure der BR-Radiosendung „Zündfunk“ wählen die Single auf Platz 8 ihres Jahresrückblicks. Und für die Hörer von „Der Ball ist rund“ im HR ist „Freiburg“ die Nummer 8 und Justus Köhnckes Version „Tomorrow Will Be Like Today“ sogar die Nummer 6 unter den Singles des Jahres.

2001 machen sich Tocotronic in der Öffentlichkeit rar. Kein einziger Liveauftritt in Vollbesetzung, nur bei vereinzelten, mehr oder weniger unangekündigten Soloauftritten von Dirk sind schon die neuen Lieder zu hören, deren Aufnahme die Hauptbeschäftigung des Jahres ist. Nach den Proben finden von Mai bis Dezember auch die Aufnahmen im Hamburger Electric-Avenue-Studio statt; Produzent ist Tobias Levin (der mit Cpt. Kirk & u.a. für das großartige Album „Reformhölle“ verantwortlich war), Engineer Thomas Maringer. Es sind die bisher aufwändigsten Tocotronic-Aufnahmen, wie ja schon aus ihrer Länge ersichtlich wird.

Neben den Aufnahmen bleibt den Bandmitgliedern aber noch Zeit für verschiedene Nebenaktivitäten. Dirk bringt gemeinsam mit Thies Mynther (Stella, Superpunk) unter dem Namen Phantom/Ghost ein Album mit elektronischer Popmusik bei Ladomat heraus. Phantom/Ghost treten auch in Clubs auf, z.B. auf der Operation-Pudel-Tour, dem Viva-Zwei-Abschied, zwei Spex-Datapop-Abenden und der Intro-Jubiläumsfeier. Dabei genießt Dirk, die Hände frei zu haben und wirft sich in Discodiva-Posen. Right Said Freds „You’re My Mate“ ist der regelmäßige Abschluss.

Daneben ist Dirk auch journalistisch tätig: Schon seit 1999 schreibt er Ausstellungskritiken für „Texte zur Kunst“, wo auch ein Interview mit dem italienischen Horrorfilmregisseur Dario Argento erscheint, das wiederum die Basis bildet für einen Vortrag an der Hamburger Kunsthochschule im Rahmen der Gastprofessur von Cosima von Bonin. Ein Interview mit dem Science-Fiction-Künstler Chris Foss (von dem auch das Cover-Motiv für „K.O.O.K.“ stammt) erscheint in dem Suhrkamp-Band „Sound Signatures“, herausgegeben von Jochen Bonz. Und schließlich inszeniert Angela Richter beim Theaterfestival „Dramatik 01“ in Hannover das Stück „Alles wird in Flammen stehen“, das aus Songtexten und Interviewaussagen von Dirk besteht, sowie aus übersetzten Interviewaussagen von skandinavischen Satanistenbands.

Jan gründet Das Bierbeben, zusammen mit Rasmus Engler, dem Schlagzeuger der Band Gary dem Herausgeber des Fanzines Die tobende Mumie.und Julia Wilton ehedem Sängerin und Bassistin der Berliner Band Pop Tarts. „Eine Liebhabersache“, sagt Jan selber dazu. Anfang 2002 erscheint bei Rock-o-TronicROCK-O-TRONIC records die 7“-Single „Die Birne Ist Reif“ mit Coverversionen der Deutsch-Punkbands OHL, Junge Front und Schleimkeim, sowie dem Titelsong, einer Eigenkomposition. Ziel war im Design eine möglichst originalgetreue Nachahmung der Covergestaltung des Rock-o-Rama-Labels zu erreichen. Die unfreundlichen Texte werden von freundlichen Frauenstimmen gesungen – man darf vielleicht Art-Punk dazu sagen. Zuvor hatte Rock-o-Tronic bereits 2000 das Album „Die Schleife“ vomder Hamburger Band Rudolf Brauer Sextett veröffentlicht.

Im Zeichen von Jans Punkvergangenheit steht auch sein Auftritt in dem Dokumentarfilm „So jung kommen wir nicht mehr zusammen“. Die Regisseurin Vera Vogt spürt darin den Lebensläufen von vier früheren Freunden aus Hamburger Punktagen nach – und einer davon ist eben auch Jan.

Arne produziert weiterhin zuhause am Computer Musik – elektronische Instrumentals, von denen das Stück „Sweet Bird Of Youth“ auf der Ladomat-Jubiläumscompilation „Ladomat 100“ erscheint. Sein Comicstrip „Die Vögel“, der seit 1997 in der Kölner StadtRevue erschien, endet im November. Dafür ist Arne seit dem Herbst an der Programmgestaltung der Hamburger Off-Galerie Hinterconti beteiligt.

Seltsames geschieht derweil auf der Stil-Seiteim Feuilleton der FAZ: Der Redakteur Klaus Ungerer wählt für Artikelüberschriften regelmäßig Tocotronic-Textzeilen aus. Die Band ist geschmeichelt und peinlich berührt zugleich.

Anfang 2002: Für die Poll-Ausbeute ist in diesem Jahr Phantom/Ghost alleine zuständig: Die Single „Perfect Lovers“ kam auf Platz 9 der Intro-Kritikerliste und auf 39 im Spex-Leserpoll. Die Spex-Kritiker wählten das Album auf Rang 40. Den Vogel schossen aber wieder die Radiohörer von „Der Ball ist rund“ ab: Platz 6 fürs Album und Platz 5 für den Song „Phantoms & Ghosts“!

Im Soundgarden-Studio wird derweil das neue Tocotronic-Album abgemischt von Michael Ilbert, der schon für Roxette und Union Carbide Productions gearbeitet hat. Auch ein Titel für das Album wird gefunden – nach etwas Hinundher heißt die Platte einfach „Tocotronic“. Einfach, schlicht und gerade deshalb auch opulent.

Mai/ Juni 2002: Die Single „This Boy Is Tocotronic“ erscheint. Das Video dazu wurde im Schloss Blomenburg bei Kiel gedreht und erzählt eine Dornröschen-Geschichte im Stil tschechischer Märchenfilme. Der Song ist, wie schon „Let There Be Rock“, eindeutig als Single konzipiert und zitiert u.a. Technotronic und Sisters Of Mercy. „Excellent icy electro-guitar-clash-pop“, schreibt der NME, „a meeting of movements that comes good (…), landing somewhere between Grandaddy and New Order.“ Der Charteinstieg folgt bald, in Deutschland auf 48, in Österreich auf 51. Und darauf wiederum folgt der erste Auftritt bei „Top Of The Pops“ in der Bandgeschichte von Tocotronic – angekündigt von Alex Christensen, behält nur Dirk seine angestammte Rolle (trägt dafür aber Anzug), die restliche Besetzung ist: Jan am Keyboard, Arne an der Gitarre, Rick am Schlagzeug.

„This Boy is Tocotronic“ ist aber nur eine unvollständige (um nicht zu sagen: irreführende) Vorbereitung auf das, was die Hörer mit dem Album „Tocotronic“ erwartet. Ganz in weiß gehalten, mit den allzu nahe liegenden Beatles-Verweisen spielend, ist „Tocotronic“ das mit Abstand musikalischste, produzierteste, durcharrangierteste Album der bisherigen Bandgeschichte – dank der langwierigen, „workshop-artigen“ (Dirk) Arbeit mit Produzent Tobias Levin in dessen Electric-Avenue-Studio. Die gewohnten Indie-Rock-Soundwelten existieren nur noch als Ahnung, stattdessen fallen Roxy Music, David Bowie, The Smiths als häufigste Vergleiche. Es ist Popmusik, sanft, melodisch, optimistisch – und doch als Tocotronic-Platte erkennbar. Dazu haben sich Dirks Texte wieder verändert: Weiter weg von den genau benennbaren Alltagsorten, sollen sie bewusst offen sein für Interpretationen, die auch kommen und von Fantasy ebenso sprechen wie von GlobalisierungskritikPolitik, von Märchenhaftigkeit ebenso wie von Intellektualismus, von Science Fiction wie von Poesie. Das abschließende „Neues vom Trickser“ gibt dann auch den Schlüssel zur offenen Interpretation: „Eines ist doch sicher: Eins zu eins ist jetzt vorbei.“ Aus der Identifikationsmaschinerie haben sich Tocotronic befreit – zum Glück ist Schönheit an die Stelle getreten. Vielleicht seit „Digital Ist Besser“ wurde jedenfalls kein Tocotronic-Album mehr mit derart einhelliger Begeisterung aufgenommen.

Das gilt für die veröffentlichte Meinung (Spex brachte die Band nicht nur aufs Cover, sondern druckte sogar gleich drei unterschiedliche Titelseiten), aber, wenn man den Chartsplatzierungen glauben darf, auch fürs Publikum: „Tocotronic“ steigt auf Platz 5 in die deutschen Albumcharts ein, in Österreich ist es Platz 6 – jeweils die bisher höchsten erreichten Plätze. Die Live-Umsetzung der für Tocotronic-Verhältnisse ja sehr komplexen Platte lässt sich zunächst etwas kompliziert an – auch in Viererbesetzung. Dass „Rock am Ring“ gleich der erste Auftritt ist, macht die Dinge nicht leichter – doch von Festival zu Festival wird es besser, und bei der fast schon traditionellen Zweimal-zwei-Wochen-Tour im Herbst läuft es dann rund (im Vorprogramm übrigens Turner).

Herbst/Winter 2002: Als zweite Single wird aus „Tocotronic“ das Stück „Hi Freaks“ ausgekoppelt, erhältlich in zwei Versionen: Zum einen mit Coverversionen von Fuck, Minutemen und Turbonegro, zum anderen mit Remixen von Tobias Levin, DJ Rabauke, Superpitcher, Martini Brös und Alexander Polzin – auch wenn es also diesmal keine „Variationen“-Platte gibt, bleiben Tocotronic elektronischen Musiken gegenüber aufgeschlossen. Auch „Hi Freaks“ schafft es in die Charts, nämlich auf Platz 77 – trotz oder wegen des Videos? Dabei handelt es sich nämlich um eine Art Ballett-Clip, gedreht in den Hamburger Kammerspielen.

Die Jahresendauswertungen der Musikzeitschriften fallen diesmal sehr erfolgreich aus für Tocotronic. In der Spex schafft es „Tocotronic“ auf Platz 2 der Leser und Platz 7 der Kritiker, bei den Lieblingssingles der Leser schaffen „Hi Freaks“ und „This Boy Is Tocotronic“ sogar den Doppelschlag auf 1 und 2. Beim Intro wählen die Kritiker das Album auf Platz 1, die Leser auf die 4. „Hi Freaks“ ist die 3 bei den Autoren-Singles, bei den Lesern die 4. Für die Kritiker des Musikexpress ist „Tocotronic“ das zehntbeste Album 2002, für die des Rolling Stone sogar das zweitbeste.

2003: Im Januar werden Tocotronic für den Echo in der Kategorie „Künstler/in/Gruppe National Alternative“ nominiert, doch müssen weder Dankes- noch Ablehnungsreden erdacht werden. In Hamburg ist derweil die Räumung des Bauwagenplatzes Bambule durch den rechten Innensenator Schill ein großes Thema – Tocotronic spielen unter dem Motto "Regierung stürzen - Let the music play!" ein Benefiz in der Roten Flora, die Zuschauerschlange zieht sich durchs halbe Schanzenviertel. Im Frühjahr gibt es einen Festivalausflug zum Primavera Sound in Spanien. Ansonsten ist es für Tocotronic ein eher geruhsames Jahr: ein Auftritt in Dänemark, vereinzelte Festivals in Österreich, der Schweiz und Deutschland (u.a. springen Tocotronic kurzfristig auf der großen Bühne des Hurricane ein).

Im Dezember jährt sich zum zehnten Mal die Bandgründung von Tocotronic – zum Jubiläum erscheint „10th Anniversary“, zum einen eine CD mit B-Seiten und Raritäten, die sich über die Jahre angesammelt haben, zum anderen eine DVD, auf der nicht nur alle Videoclips der Bandgeschichte zu sehen sind, sondern auch Tour-und Studio-Dokumentationen. In einigen großen Interviews lassen Tocotronic die Jahre Revue passieren.

Ansonsten ist durchaus Zeit für Nebenaktivitäten: Dirk bringt zusammen mit Thies Mynther das zweite Phantom/Ghost-Album „To Damascus“ beim Label Mute heraus. Das Bierbeben veröffentlicht derweil drei Maxis und das Album „No Future No Past“ für das Berliner Elektronik-Label Shitkatapult. Arne bestreitet auf der Jubiläumstour von L’Age D’Or einige Soloauftritte.

2004: Waren Tocotronic beim letzten Mal ohne fertige Songs ins Studio gegangen, um sie im Produktionsprozess entstehen zu lassen, findet diesmal die Hauptarbeit wieder im Proberaum statt – und zwar zu viert: Rick McPhail wird offizielles Bandmitglied von Tocotronic. Die dort entstehenden neuen Songs bekommen ihre Livepremiere in eher exotisch wirkendem Zusammenhang: Tocotronic spielen auf Einladung des Goethe-Instituts vier Konzerte in Sibirien. Zehn Tage dauert die Reise, die Jan als „extrem interessant und von den Publikumsreaktion her toll“ bezeichnet.

Danach gehen Tocotronic ins Berlin-Kreuzberger Mamasweed-Studio, um mit Produzent Moses Schneider in nur neun Tagen die meisten Songs des neuen Albums einzuspielen. Zusätzliche Aufnahmen finden im Mushroom- (Berlin) und Soundgarden-Studio (Hamburg) statt. Nach dem langwierigen Werkeln an „Tocotronic“ wird diesmal „live und ohne Kopfhörer“ eingespielt – mit Rick an der zweiten Gitarre, ein deutlich hörbares neues Element im Bandsound. Abgemischt wird das Ganze erneut von Michael Ilbert, diesmal im Puk-Studio in Dänemark.

Die Umstände der Popkultur in Deutschland machen ein Debattenstatement von Tocotronic nötig: „Sehr geehrte Damen und Herren, wie schon an anderer Stelle vermerkt, lehnen wir, die Gruppe Tocotronic, Nationalismus, Deutschtümelei und Heimatduseligkeit seit Anbeginn aller Zeiten ab. Umso erstaunter sind wir nun, dassß schon zum zweiten Mal in unsrer bewegten Karriere der Versuch unternommen wird, deutsche Musik zu nationalisieren und eine Quote für hiesige Produktionen im Rundfunk einzurichten. Gerechtfertigt wird dies mit zweifelhaften wirtschaftlichen Argumenten. Wohin die Reise geht ist völlig klar: Wir sind wir, auferstanden aus Ruinen und fühlen uns deutsch und sexy und haben es satt uns im eigenen Land ständig marginalisiert zu fühlen, wir werden förmlich überschwemmt von der angloamerikanischen Kulturindustrie, es gibt doch eine coole, heimatverbundene deutsche Musikszene, der geholfen werden muss und pi, pa und po. Wir sagen ganz deutlich, wie so oft in unserem Leben: Wir sind dagegen! Und fragen: Lebt denn der alte Holzmichl noch? Mit herzlichem Gruss, Tocotronic“

Außerdem gilt es, weitere Nebentätigkeiten der Bandmitglieder zu vermelden: Dirk schreibt weiterhin gelegentlich für Texte Zur Kunst und liest zudem zwei Texte vor von HP Lovecraft für ein Hörbuch. Jan gründet zusammen mit dem Blumfeld-Manager Oliver Frank den Müller + Frank-Musikverlag und kümmert sich u.a. um Ida Red, La Grande Illusion und Julia Hummer. Arne veröffentlicht unter dem Namen DJ Shirley beim Label Scheinselbstständig und als Arne Zank bei L’Age D’Or je eine EP. Und Rick schließlich spielt Tour-Keyboard bei Karl Bartos und arbeitet an seiner eigenen Band Glacier. Aus der Vergangenheit meldet sich hingegen eine Seven-Inch-Veröffentlichung mit Proberaumaufnahmen von Punkarsch, der prä-Tocotronic-Band von Jan und Arne.

Anfang 2005: Am 1. Januar spielen Tocotronic das Neujahrskonzert in der Berliner Volksbühne. Und schon am 17. Januar erscheint „Pure Vernunft Darf Niemals Siegen“, das neue Album von Tocotronic. Als erstes Fanal gibt es die Single „Aber Hier Leben, Nein Danke“, bewusst ausgekoppelt als Reaktion auf die Debatten um neues deutsches Pop-Selbstbewusstsein und nationale Radioquoten. Kämpferisch gibt sich auch das dazugehörige Video, in dem die historischen Konzert-Riots an der Musikmuschel im Hamburger Park Planten un Blomen nachgestellt werden.

Das Album „Pure Vernunft Darf Niemals Siegen“ ist in der Musik reduziert auf zwei Gitarren, Bass und Schlagzeug – „Dogma-Musik“ war als Schlagwort im Studio gefallen – eine gewollte Abkehr von den aufwändigen Arrangements des weißen Vorgängeralbums. Zudem sind die Songstrukturen bewusst einfach gehalten, Melodien wiederholen sich wie Schlaufen. Umso verzierter sind die Texte, in denen die Regeln der Physik und des gesunden Menschenverstands lustvoll gebrochen werden; poetischer klangen Tocotronic nie. Mit dem Albumtitel äußert die Band eine Verweigerungshaltung gegenüber der Verwertungslogik und Alltäglichkeitsbesessenheit, von der sie auch die Kunst zunehmend befallen sehen.

Die Platte, man muss es wohl so sagen, wird nicht unumstritten aufgenommen von der Kritik und der Öffentlichkeit. Doch das Interesse am neuen Tocotronic-Album ist überwältigend groß: Das FAZ-Feuilleton entsendet gleich drei Redakteure zum Gipfeltreffen mit der Band; der resultierende Text ist ein Fest der großen Namen, von Baudelaire über Nietzsche, Lovecraft, Meese bis hin zu Volker Lechtenbrink – „der Artikel ist ein eigenes Kunstwerk“, findet Jan Müller im Nachhinein. In leicht indigniertem Tonfall stellt Ulrich Wickert in den ARD-Tagesthemen die Band vor. Mit dem Hitparadeneinstieg auf Platz 3 in den deutschen Albumcharts erklimmen Tocotronic neue Höhen, neun Wochen bleibt „Pure Vernunft…“ notiert. Auch die Single „Aber Hier Leben, Nein Danke“ schafft es für zwei Wochen in die Charts.

Mit 29 Terminen gerät die übliche Deutschland-/ Österreich-/ Schweiz-Tour von Ende Februar bis Anfang April recht lang; trotzdem freut sich die Band über angenehme Stimmung und gut besuchte Konzerte. Im Vorprogramm spielt das Hamburger Eleganz-Pop-Projekt La Grande Illusion.

Kurioses tut sich Ende Februar in Hamburgs Medienwelt: Der Erste Bürgermeister Ole von Beust (CDU) beschwert sich on air, dass er als Gast bei der NDR-Lokalwelle einige seine Musikwünsche nicht im Radio spielen dürfe, darunter auch Tocotronic. Die örtlichen Zeitungen berichten, der NDR verweist auf andere Programme, in denen Tocotronic sehr wohl liefen, und lädt von Beust zu einem Radiokonzert von Tocotronic im klassischen Konzertsaal des Senders ein. Von Beust sagt den Konzertbesuch letztlich per Fax an die Band ab, nicht ohne seine langjährige Anhängerschaft zu bekräftigen. Die Band errötet, aber man kann sich seine Fans nun mal nicht aussuchen. Kleine Fußnote: Im NDR-Fernsehen wird „Let There Be Rock“ im Sommer auf Platz 10 einer Zuschauerumfrage nach den „größten Popsongs des Nordens“ gewählt.

Frühjahr / Sommer 2005: Anfang April schafft es „Gegen Den Strich“, die zweite Singleauskopplung aus „Pure Vernunft…“ so eben gerade in die deutschen Charts. Der von der englischen Band Felt beeinflusste Popsong wird von einem angemessen elegischen Video begleitet, gedreht am Hamburger Flughafen.

Am Vorabend des 60. Jahrestages der deutschen Kapitulation im Zweiten Weltkrieg findet auf dem Berliner Alexanderplatz eine Gala „gegen Geschichtsrevisionismus, Opfermythen und Kapitalismus“ statt unter dem Motto „Deutschland, du Opfer“, bei der Tocotronic als Headliner spielen. Auch auf dem Sampler „I Can’t Relax In Deutschland“, der im Herbst erscheint und sich gegen die Re-Nationalisierungsbestrebungen in der Popkultur richtet, sind Tocotronic vertreten. Den politisch unverfänglichen Teil der Festivalsaison nehmen Tocotronic in diesem Jahr recht ausgiebig mit, von Roskilde über Melt bis Haldern, um nur einige zu nennen.

Eine ganz besondere Single erscheint am 1. August des Jahres: Der Titelsong des Albums, der Gitarrenwalzer „Pure Vernunft Darf Niemals Siegen“, erscheint beim berühmten Kölner Elektroniklabel Kompakt, mit einem Remix von Wassermann & Superpitcher als A-Seite. Ein konsequenter Schritt, waren doch die Remixe von „Jackpot“ und Phantom/Ghosts „Perfect Lovers“ aus dem Kompakt-Umfeld Clubhits geworden.

Herbst/ Winter 2005: Alte Bekannte, nämlich Geoff und Tim von der amerikanischen Band Fuck, sind mit ihrer neuen Band Staff zu Gast als Vorgruppe bei der zehntägigen Herbst-Tournee von Tocotronic. Über die Touren zu „Pure Vernunft…“ äußert sich Dirk sehr angetan, es sei immer voll gewesen, das Publikum sehr angenehm, und musikalisch passierte auch etwas: „Das Rockige hat sich wieder eingeschlichen. Wir haben manche Stücke freier interpretiert und sie wurden alle rockiger dadurch.“

Am 18. November erscheint „The Best Of Tocotronic“, als Best-Of-Album mit 22 Stücken, sowie als Limited Edition mit einer zusätzlichen CD voller Raritäten. „(…) nachzuvollziehen, wie diese Band sich vom jugendlich gewandeten Garagenrock-Schlendrian zur hochartifiziellen Poeterei entwickelt, ist eine einsichtsreiche Studie“, fand der Kritiker des Musikexpress. Das Best-of-Album kommt in Deutschland auf Platz 51 der Charts und in Österreich auf 53. Und wo wir gerade bei Zahlen sind; die Bilanz der Kritiker- und Leserumfragen der Musikzeitschriften zum Jahr 2005 ergibt folgendes für das „Pure Vernunft…“-Album: Platz 2 bei den Rolling-Stone-Kritikern, Platz 4 bei den Spex-Lesern, Platz 7 bei den Musikexpress-Kritikern. Derweil arbeitet Dirk weiter am Werk: Ab Mitte 2005 nimmt er bei Moses Schneider Demos für neue Songs auf.

2006: Vereinzelt geben Tocotronic Konzerte, darunter ein Eröffnungskonzert im neuen Hamburger Club Übel & Gefährlich, oder beim Brecht-Festival in Augsburg, für das der alte Weggefährte Hans Platzgumer das Musikprogramm kuratierte.

Doch vor allem steht 2006 im Zeichen der verschiedenen Nebenprojekte, deren Verhältnis zu Tocotronic sehr schön auf der Single „Gegen Den Strich“ verdeutlicht wird, auf deren Extratracks alle vier einen Remix beisteuern. Dirk bringt ein drittes Phantom/Ghost-Album heraus, Das Bierbeben von Jan macht ein zweites Album, und auch Glacier, die Band von Rick, veröffentlicht die erste Langspielplatte. Nur Arne hat Pech: Sein fertig aufgenommenes Solowerk wird Opfer der Wirren um die drohende Insolvenz der Plattenfirma Lado, die Veröffentlichung wird aufgeschoben.

Die finanziellen Schwierigkeiten von Lado führen schließlich dazu, dass Tocotronic sich von Lado trennen. Fortan veröffentlicht die Band beim Majorlabel Universal Music, mit dem sie zu Motor-Zeiten ja schon einmal verbandelt waren. Die Rechte am Backkatalog liegen jetzt beim Tocotronic-eigenen Label ROCK-O-TRONIC records, Ideen für schöne Wiederveröffentlichungen werden schon gesammelt.

2007/08: Im Kunstbuchverlag der Galerie Daniel Buchholz erscheint im April „Dekade 1993-2007“, ein Buch mit Songtexten von Dirk, illustriert von den Künstlern Cosima von Bonin, Sergej Jensen, Michael Krebber und Henrik Olesen – von letzterem stammt auch das Plattencover des neuen Albums.

Dies entsteht in Berlin-Neukölln, im Studio Chez Cherie, wieder mit dem Produzenten Moses Schneider. Doch wo bei „Pure Vernunft…“ der Versuch gemacht wurde, die Musik ganz trocken klingen zu lassen, soll diesmal die Musik ganz räumlich klingen. Das meiste wird live eingespielt, der Raumklang mitbenutzt. Das Ergebnis heißt „Kapitulation“ und erscheint am 6. Juli 2007 bei Universal. Und klingt groß und nach Rock. Auf dem Eröffnungslied „Mein Ruin“ lässt Arne das Schlagzeug rumpeln, fast wie in den Anfangstagen, und auf „Sag Alles Ab“ klingt Dirk plötzlich wie der frühe Diskurs-Pop-Pate Kristof Schreuf (Kolossale Jugend, Brüllen). Es klingt, als seien Tocotronic durch all die Jahre der Abgrenzung gegangen, um nun von einem anderen Stand aus frühere musikalische Aufgaben neu anzugehen. Es ist ein ungestümes und dennoch durchdachtes Werk, schon vom Titel angefangen. Dirk: „Wenn man als deutsche Band eine Platte ‚Kapitulation’ nennt, hat man natürlich Hintergedanken“, er spricht von einem Gegenentwurf zu der aufwallenden Deutschland-Aufbruchstimmung. Auf der Band-Website verliest Dirk ein Manifest zu dem Album.

Musik, Haltung und Texte haben einen enormen öffentlichen Widerhall: „Die Stücke auf ‚Kapitulation’ (…) feiern, poetisch überstilisiert, den Triumph der Niederlage, die Kunst des Verlierens. Sie stellen den Absturz über den Aufschwung, bieten Erlösung durch Ergebung“, stellt Philipp Oehmke im Spiegel fest. Thomas Groß sieht in der Zeit eine Traditionslinie: „Der Faulpelz Oblomov hat seine Spuren hinterlassen, die Desinvolture des Dandys. Bartleby, Herman Melvilles subversiver Schreiber, geistert mit seinem ‚Ich möchte lieber nicht’ durch die Zeilen.“ Jens Balzer interpretiert in Spex: „Die eigentliche Repetition, die man in der Musik von Tocotronic jetzt hört, ist das In-sich-selbst-Kreisen eines endlich nicht-reaktionär gewordenen Dandyismus; eines Dandyismus, der keinen Dünkel, keine Exklusion von vorgeblich Minderwertigen kennt, sondern sich nur noch auf die eigene Verfeinerung konzentriert; der aus tiefer Resignation zu einer Gelassenheit, einer Ruhe, einem Nein ohne jeden Kulturpessimismus gelangt.“ Ein Song wie "Mein Ruin" erweist sich angesichts der Finanzkrise als geradezu prophetisch.

Das Album "Kapitulation" steigt auf Platz 3 in die deutschen Charts ein, wo es zehn Wochen lang platziert bleibt; in Österreich kommt es bis auf Platz 10, in der Schweiz auf 35. Die Auskopplungen "Kapitulation" (Platz 69) und "Imitationen" (Platz 96) schaffen es in die deutschen Singlecharts. Nicht für die Charts gedacht waren zwei 7"-Singles auf befreundeten Labels im Umfeld des Albums: "Sag alles ab" erschien als Vorbote auf dem Buback-Label, das auch die Vinyledition des Albums veröffentlicht; "Für Immer Jung" schließlich ist der Abschluss des "Kapitulation"-Zyklus - eine Single bei Ritchie Records aus Freiburg.

Schier unglaublich die Bilanz in den Jahresendabrechnungen der Musikzeitschriften: "Kapitulation" ist für die Leser von Intro, Spex und Musikexpress das Album Nummer 1 des Jahres 2007, beim Rolling Stone ist es die Nummer 4 im Leserpoll, bei Visions die 9. Die Kritiker sind kaum zurückhaltender: Platz 1 bei Intro, Platz 2 beim Musikexpress, Platz 5 beim Rolling Stone und Platz 11 bei Spex. Außerdem stehen Tocotronic mit "Kapitulation" auf der Bestenliste des Preises der deutschen Schallplattenkritik. Mit "Kapitulation" treffen Tocotronic den ominösen Zeitgeist so sehr wie einst mit "Digital Ist Besser" - wenngleich auf völlig andere Weise.

Natürlich wurde der Geist der "Kapitulation" auf die Festivalbühnen und in die Konzerthallen getragen, im Vorprogramm mit Chokebore-Sänger Troy von Balthazar mal wieder ein alter Bekannter. Die Band wurde im Verlauf der Tour immer freier im Zusammenspiel, Improvisationen schlichen sich ein, Dirk spricht von "Crazy-Horse-haftem Krachmachen", das einen Vorgeschmack gibt auf das kommende Album. Besonders in Erinnerung bleiben drei Auftritte: Beim Tourabschluss im November 2007 in der Berliner Columbiahalle kommt ein vielstimmiger Chor aus Freunden und Weggefährten der Band auf die Bühne. Beim Hurricane-Festival 2008 muss die Band ausgerechnet beim Song "Kapitulation" vor einem Sturm kapitulieren. Und beim Auftritt in Luzern erleidet Arne während des Konzerts einen Allergieschock und wird direkt in die Notaufnahme gebracht - Rick wechselt ans Schlagzeug und Tocotronic spielen weiter, geschockt und nervös. Doch zum Glück erholt sich Arne schnell und sitzt am nächsten Tag schon wieder am Schlagzeug.
Ein Souvenir der Tour ist das Album "Kapitulation Live", das Anfang 2008 erscheint und einen Auftritt im Hamburger Kampnagel-Theater dokumentiert.

In der Reihe "Pop Portrait" des Labels PIAS erscheint im Oktober 2008 eine von der Band ausgewählte Zusammenstellung von Songs anderer Interpreten, die Tocotronic geprägt haben. Die Bandgeschichte lässt sich inzwischen in einer historisch-kritischen Edition nachvollziehen: 2008 und 2009 erscheinen die ersten sechs Studioalben mit Bonustracks und erhellenden Essays als Wiederveröffentlichungen bei ROCK-O-TRONIC. Ebenfalls beim bandeigenen Label erscheint endlich das Soloalbum von Arne Zank, "Love & Hate From A To Z", als Download und als LP. Auf der Tour dazu wird Arne von Rick McPhail begleitet.

2009: Rick arbeitet mit seiner Band Glacier an einem zweiten Album, das aber erst 2010 erscheinen wird. Umfangreich sind, wie stets, die Aktivitäten von Jan Müller. Als Musikverleger kümmert er sich gemeinsam mit Olli Frank um die Rechte an den Kompositionen von z.B. Die Türen und Herrenmagazin. Unter dem Dach der Künstelrgruppe im Namen des Volkes gibt er gemeinsam mit Rasmus Engler und Julia Wilton Broschüren in Kleinauflage heraus und stellt in der Hamburg-Wilhelmsburger WCW Gallery Zeichnungen und Installationen aus. Mit Rasmus Engler bildet Jan auch Dirty Dishes, das "internationale Pop-Duett von Deutschland", das 2006 als Übersprungshandlung entstand, während Thies Mynther den beiden zu lange an Bierbeben-Aufnahmen herumschraubte: "Vorranging um rumzunerven haben wir Lieder geschrieben, und Thies musste die dann gleich aufnehmen." Eine LP erschien 2007, 2009 kommt erstmals eine CD.

Doch auch Das Bierbeben bringt 2009 ein neues Album heraus - diesmal nicht mehr von Thies Mynther abgemischt, sondern von Marco Haas, besser bekannt als T.Raumschmiere und als Labelmacher von Shitkatapult, wo "Das Bierbeben" auch erscheint. Im Herbst setzen Jan, Rasmus Engler, Julia Wilton und Alexander Tsitsigias die Elektro-Songs in klassischer Rockbesetzung live um.

Fast gleichzeitig mit dem Bierbeben-Album erscheint auch ein neues, viertes Studioalbum von Phantom/Ghost beim Hamburger Techno-Label Dial. Dirk widmet sich gemeinsam mit dem Pianisten Thies Mynther mehr denn je dem Kunstlied auf "Thrown Out Of Drama School" - solche Musik kann man auch in Theaterfoyers spielen (was Phnatom/Ghost durchaus auch tun). Ein Kreis schließt sich, als mit Julia Wilton (Das Bierbeben) und Michaela Meise (Phantom/Ghost) zwei Sängerinnen im Hintergrund des neuen Albums singen, die über die Nebenprojekte in den tocotronischen Kosmos eingeflogen waren.

Neues Album? Ach ja: Schon seit Anfang des Jahres proben Tocotronic neue Songs und arbeiten an den Arrangements. Es ist ein sehr konzentriertes, detailliertes Arbeiten - "sehr, sehr anstrengend", sagen Dirk und Jan unisono -, das dadurch ermöglicht wird, dass Tocotronic nach Jahren im Bunker ihren Proberaum in das Tonstudio von Rick verlagert haben. Als die Arrangements fertig sind, gehen Tocotronic wieder mit Moses Schneider als Produzenten ins Berliner Chez-Cherie-Studio, um die Songs aufzunehmen und sich mehr denn je auf den Sound konzentrieren zu können. Die Berlin-Trilogie, die mit "Pure Vernunft..." begonnen hatte, kommt also zu ihrem Abschluss.

"Schall und Wahn" heißt das neue Werk, mit dem die Band "eine Stufe weiter" gehen wollte, wie Dirk sagt: "den Raum viel mehr öffnen, jedes Stück einzeln betrachten". So präsentiert sich die Musik von Tocotronic "auf nicht prahlerische Art sehr groß", wie es Jan treffend ausdrückt. Das Auftaktstück "Eure Liebe tötet mich" klingt, als würde es langsam aus einer Jamsession heraus entstehen und strebt dann unaufhaltsam seinem Höhepunkt entgegen. Ein Song wie "Macht es nicht selbst" hingegen gibt sich grob und unbehauen in einem Rahmen aus Feedback, als würden die frühen Jesus & Mary Chain die White Stripes covern. "Die Folter endet nie" wiederum ist ein wunderbar delikater Popsong mit einem vorzüglichen Bläserarrangement von Edda Durstewitz und Jakobus Siebels, bekannt als Duo Ja König Ja. Auch Streicher gibt es auf diesem Album, arrangiert von dem Neue-Musik-Komponisten Thomas Meadowcroft, der den üblichen Rock-mit-Streichern-Klischees weitestmöglich fern bleibt. Mit bordeigenen Mitteln lassen Tocotronic gelegentlich die Gitarren klingeln und im Hall schweben, so wie es die Shoegazer der späten 80er und frühen 90er taten.

So muss ein Album über Musik klingen, denn das ist es: Dirk sagt, ihm sei es darum gegangen, "als singendes Ich in einem Mahlstrom zu verschwinden, in einem Gewummer." Es ist eine der typischen dialektischen Gegenbewegungen, die Tocotronic von Album zu Album häufig machen: Wurde sich in der Rezeption von "Kapitulation" stark auf die Texte konzentriert, so steht diesmal der Klang im Vordergrund - was nicht heißen soll, dass die Texte diesmal unbedeutend seien: "Schall und Wahn" hat einen roten Faden, ein loses Narrativ zwischen den Stücken, das um Schuld, Liebe, Verbrechen und immer wieder die Musik selbst kreist. Und dabei kommen immer wieder großartige Zeilen zum Vorschein. So wie diese aus der ersten Single "Macht es nicht selbst, für Dirk eine "Hymne an die Aneignung": "Heim- und Netzwerkerei stehlen dir deine schöne Zeit". Machen Sie was draus!

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»Wie wir leben wollen« – das ist von der Band ganz dezidiert nicht als Fragesatz formuliert. Sondern so gemeint, dass man von Kunst unter Umständen lernen kann, wie man leben will – und vielleicht ist sie dadurch auch politisch. Sehr oft standen Tocotronic für Verneinung – diesmal gibt es Antworten auf die Frage: Wie wollen wir es denn? Dass die sich nicht in simple Ratschlagsformeln fassen lassen, versteht sich ja von selbst. Vor den Aufnahmen zu diesem Album wurden Beatles und Beach-Boys-Platten auf ihren psychedelischen Pop- Appeal hin geprüft; Godards Studie »One Plus One« darüber, wie eine Rockband musiziert, bestaunt; das Verhallen und Verwischen der Shoegazing-Bands analysiert. Man kann das alles hören, da und dort, in einem sehr unrockigen, konzentrierten Klangbild, mit ausgefeilt produziertem Gesang und einem Schlagzeug in Mono. Schon von der ersten Single an haben sich Tocotronic für Soundästhetik interessiert; dieses Interesse findet jetzt einen faszinierenden Höhepunkt.

1993/ Anfang 1994: Bandgründung von Tocotronic (benannt nach einem Gameboy-Vorläufer) durch die Hamburger Punkmusiker Jan Müller (Bass) und Arne Zank (Schlagzeug) - beide ex- Meine Eltern/ Punkarsch - und den aus dem Badischen zugezogenen Gitarristen und Sänger Dirk von Lowtzow. Erste Auftritte in Hamburg führen dazu, dass in Hamburger Kneipen zunehmend der Name Tocotronic gewispert wird. Junge Menschen finden eine Lieblingsband: der Enge-Werbe-T-Shirts-Trainingsjacken-Cordhosen-Stil wird gewürdigt, die Höflichkeit der Ansagen bewundert. Tocotronic-Zeilen finden sich auf Häuserwände gesprüht und in Schulbänke geritzt. Der Fanclub 'Megatronic' wird gegründet.

1994: Die erste Tocotronic-Single erscheint auf dem bandeigenen Rock-o-tronic-Label ROCK-O-TRONIC records: Vier Lieder, kompromisslos im Zwei-Spur-Verfahren im Proberaum aufgenommen, bei denen nicht stört, dass man die Texte stellenweise nicht versteht, da die Lieder so viel Energie und Melancholie zugleich in sich tragen. Jochen Distelmeyer von Blumfeld schnappt den Songtitel "Ich Möchte Teil Einer Jugendbewegung Sein" von Tocotronic auf und baut ihn in den Song 'Sing Sing' ein. Dirk singt ihn auf Blumfelds LP. L`Age D`Or übernimmt den Versand der Single und des Jugendbewegungs-T-Shirts. Erste Tourneen mit 5 Freunde und Blumfeld folgen. Christoph Gurk stellt die Tocotronic in Spex vor, Fanzines bejubeln die Single.

1995: ”Digital ist besser”, ihre Debütplatte, auf die sich vor einem Jahr nahezu jeder einigen konnte, stellt in seiner räudigen Unmittelbarkeit das wahrscheinlich beste Stück deutschsprachiger Popmusik ever dar.” (Chelsea Chronicle 6/96)
Die in wenigen Wintertagen im Soundgarden-Studio aufgenommene erste LP/ CD erscheint bei L`Age D`Or und setzt einen Meilenstein des Underground-Pop in Deutschland. Treibend punkiges Sloganeering (Jugendbewegung, Masterplan, Digital Ist Besser) und vergrätzte Abgrenzung von deutscher Alltagskultur (Freiburg, Samstag Ist Selbstmord, Hamburg rockt) treffen einen Nerv sowohl bei Pop-Intellektuellen, die darin den Ausdruck einer neuen Generation sehen, als auch bei eben dieser Generation, jungen Menschen, die sich mit Tocotronics Wut identifizieren können, aber auch bewegt sind von der leicht sentimentalen Melancholie von ”Drüben Auf Dem Hügel”, ”Letztes Jahr Im Sommer”, oder dem wunderbaren ”Die Idee Ist Gut, Doch Die Welt Noch Nicht Bereit”. Dass die Platte so trashig hingerotzt klingt und doch die Melodien so eingängig sind, verstärkt den Eindruck, den sie macht. Und wem das nicht weird genug ist, der hat ja noch die wirr-jaulend-sympathische Songvignetten von Schlagzeuger Arne.

Nach einer 14-tägigen ”Headline-Tour” (Powerline) im deutschsprachigen Raum und einigen Festivals im Sommer erscheint nicht nur Arne Zanks Cassette "Die Mehrheit Will Das Nicht Hören, Arne" (Eigenvertrieb), sondern zum Erstaunen aller Beobachter bereits im Juli das zweite (Mini-) Album von Tocotronic, ”Nach Der Verlorenen Zeit” auf L`Age D`Or/ RTD. Sie führt das Prinzip ”Platten machen wie Tagebuch schreiben” ein, denn auf ihr reagieren Tocotronic in selbstreflexiven Statements auf die Rezeption der Band ('Ich Bin Neu In Der Hamburger Schule', 'Ich Muss Reden, Auch Wenn Ich Schweigen Muss', 'Es Ist Einfach Rockmusik', 'Hauptsache Ist'). Andererseits sind da die berührenden persönlichen Stücke über Freundschaft, wie 'Du Bist Ganz Schön Bedient', 'Gott Sei Dank Haben Wir Beide Uns Gehabt' und 'Ich Mag Dich Einfach Nicht Mehr So', das ganz genau den Moment beschreibt, an dem Zuneigung in Langeweile übergeht. Danach folgt das erste Gitarrensolo in der Tocotronic-Geschichte.

Im August folgen fünf Auftritte mit Guided By Voices, u.a. bei der Popkomm; im November dann eine achttägige Tour durch kleinere deutsche Städte, wobei es in Potsdam vor Begeisterung zu einer Bühneninvasion kommt. Dazu erscheinen zwei 7"-Singles: "Du Bist Ganz Schön Bedient/ You Are Quite Cool" beinhaltet die Hits 'Bedient' und 'Die Idee Ist Gut, Doch Die Welt Noch Nicht Bereit' in englischen Übersetzungen, die zwischen Mittelstufenenglisch und kongenialer Übertragung pendeln (aus "Straciatella oder Nuss" wird "Cujamara Split"). Die andere Single ist eine Konzeptplatte: Das Stück 'Freiburg' (plus drei andere), von dem aus Freiburg weggezogenen Dirk geschrieben, live aufgenommen im Freiburger 'KTS Vauban' und veröffentlicht vom Freiburger Label Ritchie Records.

1996: Die Leser der Zeitschrift Spex wählen Tocotronic zum besten Newcomer 1995 und zur drittbesten Band überhaupt. Für die Hörer von Klaus Walters Radiosendung "Der Ball Ist Rund" auf HR 3 ist "Digital Ist Besser" die Platte des Jahres. Erstes Radio-Airplay in den Niederlanden wird kaltblütig ausgenutzt, indem eine Holland-Kurztournee organisiert wird. Mit Chokebore geht es dann auf Tour durch Süddeutschland, Österreich und die Schweiz. Dazu erscheint in Zusammenarbeit von L`Age D`Or und Amphetamine Reptile eine Tocotronic/ Chokebore-Splitsingle mit einer rockigeren neuen Version von "Gott Sei Dank Haben Wir Beide Uns Gehabt".

“Einfach Rockmusik” ist das nicht mehr. Eher ein waghalsiger Selbstversuch, der auch mit der erfolgsträchtigen Niedlichkeitsoffensive des Jungens-Trios ins Gericht geht. Das Sloganeering ist zurückgeschraubt- wer die Band liebt, soll ihr auch an die Ufer schlammiger 8-Minuten-Stücke folgen. Insofern also doch ein schülerhafter Schrei nach Gerechtigkeit, aber einer, der bewusst mit seinen beschränkten, mittelständischen Mitteln hausieren gehen muss. ”Wir kommen um uns zu beschweren” ist ein historischer Kompromiss.” (Taz, 2.4.96)
Die im Dezember im Hamburger Soundgarden-Studio von Christian Mevs und Carol von Rautenkranz aufgenommene LP "Wir Kommen Um Uns Zu Beschweren" erscheint. Das bekannt und beliebt gewordene tocotronische Soundspektrum wird ausformuliert und zugespitzt. Wenn man Punk-Pop-Songs spielen mag, dann brauchen die auch nicht länger als zwei Minuten zu sein. Und wenn man so eine richtige Rock-Schwarte spielen will, dann müssen die Gitarren auch sieben Minuten Zeit haben, um Dinosaur-Soli aufeinanderzuschaufeln. Auch in den Texten wird mächtig ausdifferenziert: Ein persönliches, trauriges Stück wie "Ich Möchte Irgendwas Für Dich Sein" braucht nur zwei Zeilen Text; der mitlaufende Kommentar zur Rezeption der Band wird wieder mitgeliefert ("Ich Werde Mich Nie Verändern", "Jetzt Geht Wieder Alles Von Vorne Los"), Hass und Sloganeering nicht vergessen ("Ich Verabscheue Euch Wegen Eurer Kleinkunst Zutiefst"), und mit "Ich Heirate Eine Familie" und "Schritte Auf Der Treppe" hat die Melancholie und Unsicherheit des Erwachsenerwerdens ihren Platz. Die Klippe des dritten Albums, an der schon einige Hamburger Hoffnungsträger zerschellten, wird sicher umfahren, dank der nonchalanten Herangehensweise an das Musikmachen, die an US-College-Bands erinnert.

"Wir Kommen Um Uns Zu Beschweren" steigt in die Album-Charts ein und verbringt dort einige Wochen. Die höchste Plazierung ist #47 am 30. April. Konzerte auf der zweiwöchigen Tournee müssen in größere Hallen verlegt werden. Im Sommer folgen die üblichen Wochenendausflüge zu Festivals, sowie ein Benefizauftritt für den in Berlin überfallenen Universal-Congress-Of-Gitarristen Joe Baiza. Unter der Woche beginnen die Arbeiten an Songs für das vierte Album.

Im August eröffnen Tocotronic die Theatersaison in der Berliner Volksbühne. Das erste Konzert ist bereits nach wenigen Stunden ausverkauft, so dass flugs ein Zusatzkonzert organisiert wird, bei dem auch keine Plätze frei bleiben. Beim Bizarre-Festival in Köln sind Tocotronic die umjubelten Stars des Nachmittages.

Mehr diskutiert wird allerdings an diesem Popkomm-Wochenende über einen anderen Auftritt von Tocotronic: Bei der "Comet"-Preisverleihungsgala des Musikfernsehsenders Viva lehnen sie auf der Bühne den ihnen zugedachten Award "Jung, deutsch und auf dem Weg nach oben" ab, nicht ohne sich vorher für die Einladung zu bedanken. Die Begründung von Jan Müller: „Wir sind nicht stolz darauf, jung zu sein. Und wir sind auch nicht stolz darauf, deutsch zu sein.“ Die Band hatte sich erst nach langen Diskussion im Vorfeld zu diesem Vorgehen entschlossen, wobei es wichtig erschien, den Preis inhaltlich begründet und vor laufender Kamera abzulehnen. sich einerseits für die Respektsbezeugung höflich erkenntlich zu zeigen, andererseits aber die Ablehnung des Einsortiertwerdens in Kategorien wie "jung" und "deutsch" deutlich abzulehnen. Und außerdem wollte Jan unbedingt seine Helden Kiss sehen, die dort auftraten.

Abgeschlossen wird das ereignisreiche Jahr mit einer Tour durch kleinere deutsche Städte – mit etwas unangenehmen Begleitumständen: Jan wird krank und tritt mit 40 Grad Fieber auf, dazu schlägt das schlechte Wetter auf die Stimmung. ("Einmal waren wir fast eingeschneit.") Dieses beschert der Gruppe jedoch auch die üblichen lehrreichen Rock'n' Roll-Erfahrungen wie etwa eine unfreiwillige Übernachtung an einer Autobahnraststätte inmitten einer inspirierenden Katastrophenstimmung.

1997: Das neue Jahr läuten die Tocs mit einem Auftritt bei dem von L'Age D'Or mitveranstalteten Rock & Rave-Festival in der Hamburger Markthalle ein. In den Leserpolls der Musikzeitschriften sind Tocotronic auch diesmal gut plaziert: Die Leser von Spex wählen sie zur viertbesten Band und zur drittbesten Show. Im Rolling Stone landen sie auf Platz 6 in der Kategorie "Beste Band-National" und aus den monatlichen Lesercharts von Visions und Intro sind Tocotronic kaum wegzudenken.

Im Februar reisen Tocotronic nach Frankreich, um im Blackbox-Studio von Iain Burgess ihre vierte LP "Es Ist Egal, Aber..." aufzunehmen. Produzent ist diesmal Hans Platzgumer, der auch die Streicherarrangements für die Platte geschrieben hat. Toningenieur ist Peter Deimel, der "Stag" von den Melvins für die bestproduzierte Platte ever hält. Die Vorabsingle "Sie Wollen Uns Erzählen" erscheint im Juni und steigt kurz darauf in deutschen Singlecharts ein. Das Video dazu dokumentiert einen Ausflug in den Wildpark “Schwarze Berge”, passend zu den drei Enten auf dem Albumcover. Schon im Herbst stellt die Hamburger Country-oder-sowas-Band Fink eine Coverversion des Songs vor.

„Wie Nabokov fügen Tocotronic mit Liebe zum Detail manchmal auch scheinbar Unzusammenhängendes aneinander, brechen abrupt ab. Und wie Nabokov und dessen berühmtester Schüler, Thomas Pynchon, entwickeln auch Tocotronic langsam, aber stetig einen Hang zu einigermaßen absurden Phantasien.“ (Jochen Bonz, Intro)

"Es Ist Egal, Aber..." erscheint im Juli. Wandel und Weiterentwicklung sind der Platte anzuhören, obgleich sie noch immer eindeutig nach Tocotronic klingt. Doch in den Texten wird Abstand genommen von der “Ich”-Litanei früherer Platten, das ”Du” kommt stärker zu seinem Recht. Die Songs sprechen von Entfremdung, von sich voneinander entfernenden Menschen, von der Sehnsucht nach Freundschaft. Im Songwriting sind gesungene und instrumentale Teile stärker ineinander verwoben, der Aufbau der Songs folgt einer Dramaturgie, die in enger Korrespondenz zum Text steht. Der Einsatz von Streichern ist das augenfälligste Ergebnis der Zusammenarbeit mit Hans Platzgumer. Dirks Gesang ist ausgefeilter denn je, in der Melodiesetzung, wie in der Phrasierung, wie auch in der Aufnahme. “Es Ist Egal, Aber...” ist der Abschied von den einfachen musikalischen Laut-Leise-Lösung; Tocotronic verfeinern den Umgang mit ihren musikalischen Mitteln - manche sprechen da gern von Reife.

“Es Ist Egal, Aber” tritt einen erfolgreichen Weg in die Hitparaden an und erreicht Platz 13 in den deutschen und Platz 21 in den österreichischen Albumcharts.

Auch in diesem Sommer spielen Tocotronic auf diversen Festivals, u.a. bei dem berühmten Openair im dänischen Roskilde. Im Herbst folgt die große Tournee durch das Verbreitungsgebiet der deutschen Sprache - so lange am Stück wie noch nie zuvor. Das hat die von vielen Bands gefürchteten Auswirkungen der Routine: “Ich hatte das Gefühl, wir funktionieren auf Knopfdruck”, erinnert sich Dirk und meint das durchaus auch wörtlich: Der Entschluss reift, den Verzerrer zukünftig wegzulassen. Eventueller Überdruss wurde aber gemindert durch eine weitere Freundschaft zu einer amerikanischen Band: Fuck. Ein Ergebnis davon ist die Coverversion von “Alles Was Ich Will Ist Nichts Mit Euch Zu Tun Haben” auf dem Fuck-Album “Conduct”; ein anderes die Gegeneinladung an Tocotronic zu einer USA-Tournee. Die zweite Hälfte der Herbst-Tour spielten die Schweizer Lado-Kollegen Die Aeronauten mit. Zur Tour erscheint mit der Herbst-Hymne und Neil-Young-Hommage “Dieses Jahr” eine zweite Single aus dem Album.

Zum Jahresende gibt es eine ungewöhnlich lange Probepause von drei Monaten, unterbrochen nur von einem Benefiz für den Golden Pudel Club. Jan und Arne nutzen die Zeit, um das Rock-o-Tronic-Label wiederzubeleben: Sie produzieren das Debüt der jungen Grungeband Jonas aus Bad Bentheim, das schließlich an L’Age D’Or lizensiert wird. Arne dreht außerdem einen Filzlegetrickfilm, Dirk schreibt die Musik für einen ungarischen Spielfilm.

1998: Die Leserpolls der Musikzeitschriften belohnen das Schaffen von Tocotronic erneut mit guten Plazierungen: Im Visions belegen sie in der Kategorie “Beste Band” Platz 9, in “Bestes Konzert” Platz 3, und “Es Ist Egal, Aber” ist Nummer 6 bei den Alben des Jahres. Auch für die Leser von Spex sind Tocotronic die neuntbeste Band, das Album erreicht Platz 16 und das Video zu “Dieses Jahr” Platz 9 bei den Clips. Die Leser des Rolling Stone wählen “Es Ist Egal, Aber” auf 25 bei den Alben und “Sie Wollen Uns Erzählen” auf 26. Und im Intro gibt es Platz 2 bei den Bands, 3 bei den Live-Acts, 6 bei den Alben

Tocotronic kehren zurück in den Übungsraum und proben im Sitzen. Neue Stücke entstehen, zunächst mit dem Plan, eine sehr ruhige Platte zu machen, die durch längere Texte unaufdringlicher wirken soll, deren Ich ein eindeutig lyrisches und kein autobiografisches sein soll. Doch Cornershops Zwei-Akkorde-Hit „Brimful Of Asha“ bringt die Band von der durchgängigen Ruhe ab, auch Stücke wie „Let There Be Rock“ sind erlaubt.

Im März wird die Gegeneinladung von Fuck angenommen: Tocotronic gehen mit ihnen auf US-Tour. Und zwar nicht durch Goethe-Institutssäle, sondern durch ganz normale Rockclubs in Städten wie Chicago, Detroit, Philadelphia, Washington oder New York, wo bei am Abschlusskonzert mit Come als zusätzlicher Band Indie-Rock-Prominenz von Pavement und Sonic Youth gratulieren kommt. Zur Tour erscheint nicht nur ein Song auf einer CD des US-Fanzines „Bunny Hop“, sondern auch ein Best-of-Album für den internationalen Markt mit dem Titel „The Hamburg Years“.

Bei den Sommerfestivals wird die Bekanntschaft mit Micha Acher von Notwist intensiviert, der den Auftrag bekommt, Streicher- und Bläserarrangements vorzubereiten. Tocotronic selbst fahren im Herbst wieder ins Black Box-Studio in Frankreich. Diesmal darf aber auch Carol von Rautenkranz als Produzent des fünften Albums mitkommen, allerdings unter einer Bedingung: Er muss sein Handy zuhause lassen. Vierwöchige Aufnahmen mit dem bewährten Tontechniker und Ko-Produzenten Peter Deimel folgen. Dirk, Jan und Arne lassen sich Vollbärte wachsen, die aber zurück in Hamburg alle schnell (Arne weniger schnell) wieder abrasieren. Im November/Dezember folgen zusätzliche Aufnahmen in Weilheim (Bläser und Streicher, arrangiert von Micha Acher, im Uphon-Studio) und Hamburg (Keyboards mit Stellas Thies Mynther und Overdubs im Soundgarden-Studio) – insgesamt dauern die Aufnahmen 70 Tage, ein klarer Rekord für Tocotronic.

Anfang 1999: Huch, keine Pollergebnisse! Erstmals seit „Digital ist besser“ ist ein Jahr ohne neues Tocotronic-Album vergangen. Doch das nächste wird schon im Soundgarden abgemischt und bekommt den Namen „K.O.O.K.“ – Jan findet derweil Zeit, das zweite Album von Jonas für Rock-o-Tronic zu produzieren. Die Band probiert die neuen Stücke auch auf der Bühne aus, bei einzelnen Konzerten in Kopenhagen, Amsterdam, Wien und Belgien (dort mit To Rococo Rot, was sich natürlich auf den Plakaten sehr gut macht).

Mai/Juni 1999: Nun kehren Tocotronic auch auf deutsche Konzertbühnen zurück – und zwar mit sehr kontrastreichen Auftritten: Bei Rock im Park/ am Ring (nachmittags auf der großen Bühne), einem Antifa-Festival in Greifswald, sowie mit ihrer eigenen Theater-Tournee. Der Hintergrund ist, dass der Band die Konzerte in der Berliner Volksbühne immer großen Spaß machten. Außerdem sollen ja diesmal überwiegend Stücke zur Aufführung gelangen, die das Publikum noch nicht kennt – die Theatersitze sollen zum entspannten Zuhören einladen. Der Erfolg der Auftritte steht und fällt etwas mit der Atmosphäre der Theater, besonders die Volksbühne und Hamburgs Schauspielhaus wissen zu gefallen. Im Sendesaal des ORF in Wien kommt es zu amüsanten Schwierigkeiten der Rundfunktechniker mit der Klangübertragung: Immer neue Mikrofone werden vor Dirk aufgebaut.
Wie erhofft, kommt bei den Theaterkonzerten das neue Lied „Let There Be Rock“ besonders gut an, denn es wird auch die Vorabsingle zu „K.O.O.K.“ und steigt im Juni auf Platz 38 in die deutschen Singlecharts ein. „Let There Be Rock“ löst sofort hitzige Debatten aus, wegen des in Gibraltar gedrehten Videos, der AC/DC-Hommage im Titel, vor allem aber weil die Keyboard-Fanfare aus „Final Countdown“ von Europe zitiert wird.

Juli/August 1999: „K.O.O.K.“ erscheint. Tocotronic hatten einen langen Nachdenkprozess an den Anfang der Arbeit an diesem Album gestellt. Das Ergebnis: Keine Hass-Lieder mehr, kein Punk-Pop, nicht mehr Identifikations-Dienstleister sein. Die Sprache der Songtexte ist bildhafter, verrätselter, weniger direkt, aber dafür bleibend schöner. Und trotzdem kommen dabei Zeilen und Titel heraus, die sich in Alltagssituationen der Hörer einmischen: „Wir sind raus, und wir sind stolz darauf“, „Das haben sich die Jugendlichen selbst aufgebaut“, „Das Unglück muss zurückgeschlagen werden“. Die überwiegende Zahl der Lieder ist im Midtempo gehalten, ihre Länge lässt viel Platz für Streicher-, Bläser-, Synthesizer-Arrangements. Letztes Mal fiel das Wort „reif“, diesmal fällt das Wort „erwachsen“. Mancher Stagediver mag enttäuscht sein, andere entdecken erstmals, dass Tocotronic eine Band ist, die ihnen etwas in ihrem Leben sagen kann.

Greil Marcus hat vor zehn Jahren über den ebenso unerwarteten wie totalen Erfolg Nirvanas sinngemäß geschrieben, dass eine ganze Nation wie gelähmt auf genau den Sound dieser Gruppe gewartet hätte und ihn annahm wie eine Erlösung: Dies könnte in einem besseren Deutschland auch für „K.O.O.K.“ gelten, Tocotronics fünfte CD. (...) In einer letzten Kraftanstrengung wird ein überlebensgroßer Gitarrensound aufgebaut, der aufräumen soll mit Mittelmaß, mit der eigenen Epigonalität von gestern, mit der erbärmlichen Sprache, in der heute in Deutschland gern gerappt und gesungen wird. (...) Eine bessere CD mit Gitarren drauf wird heuer nicht mehr gemacht. (Karl Bruckmaier, Süddeutsche Zeitung)

Das Album steigt auf einem hervorragenden 7. Platz in die deutschen Charts ein und hält sich fünf Wochen unter den Top 50. In Österreich ist es sogar noch eine Woche länger, die höchste Position ist Platz 18.

Parallel sind Tocotronic auch in diesem Sommer wieder auf Festivals unterwegs, kreuz und quer von Losheim bis Puch, von Haldern bis Wiesen, von Erfurt bis zum Bizarre in Köln. Zwischendurch spielen sie auf einem LKW-Anhänger, um gegen einen Nazi-Aufmarsch in Hamburg zu mobilisieren. Oder entern als Alsterpiraten das Vorprogramm eines Konzerts von Tomte in Hildesheim.

Oktober/November 1999: Tomtes Sänger und Gitarrist Thees Uhlmann begleitet Tocotronic auf ihrer Tournee als Gitarrenroadie – und als Chronist: Sein Tourtagebuch wird zunächst auf der offiziellen Website von Tocotronic (www.tocotronic.de) veröffentlicht und erscheint später im Ventil-Verlag in Buchform, unter dem Titel „Wir könnten Freunde werden“. Auf der Tour werden die nun meist ganz in schwarz gekleideten Tocotronic in der ersten Tourhälfte begleitet von den Finnen And The Lefthanded, in der zweiten von den Kanadiern Weakerthans. Dirk erinnert sich an eine „sehr gute Stimmung“, die unterwegs herrschte; die Atmosphäre sei sehr angenehm gewesen, ein Verdienst auch von Tourmanager Michael Bugmann. Nach dem ersten von zwei Konzerten im Wiener Planet Music eilt Dirk noch ins Flex, um dort für ein Lied mit der Berliner Band Britta auf der Bühne zu stehen.

Ende November schafft es auch die zweite Single aus „K.O.O.K.“ in die deutschen Singlecharts (wenn auch nur gerade so): „Jackpot“ überrascht mit Remixen von den Kölner Kompakt-Leuten Tobias Thomas & Olaf Dettinger und von Fischmob & Erobique. Ein Vorgriff auf das kommende Remixalbum, für das Jan und Arne bereits Kontakte knüpfen.

Am Ende des Jahres läuft der Plattenvertrag mit Motor Music aus. Die Band vergleicht zusammen mit L’Age D’Ors Carol von Rautenkranz die Angebote und unterschreibt schließlich bei Zomba.

Anfang 2000: In diesem Jahr sind Tocotronic zurück in den Zeitschriftenpolls: Das Album „K.O.O.K.“ schafft es bei den Lesern von Spex auf Platz 3, vom Rolling Stone auf 11 und vom Visions auf 18. Für die Kritiker des Rolling Stone ist es das zehntbeste Album, bei den Kritikern des Musikexpress gibt es Platz 26. Die Spex-Kritiker wählen die Single „Let There Be Rock“ auf Rang 11 ihrer Endabrechnung, bei den Spex-Lesern ist es sogar die Nummer 4, für die Musikexpress-Leser die 10.

Dirk tritt im Februar zusammen mit dem Wiener DJ DSL am Vorabend einer der regelmäßigen Donnerstagsdemos auf, die zum Protest gegen die Regierungsbeteiligung von Jörg Haiders FPÖ durch Österreichs Hauptstadt ziehen. Einen Monat später fliegt die ganze Band in die USA, spielt dort eine Radiosession für ein Chicagoer Collegeradio, beim South-By-Southwest-Festival in Austin, sowie im Brownies im New Yorker East Village (zusammen mit Stella). Aus Anlass dieser Amerikareise wird „K.O.O.K.“ in einer Version mit ins Englische übersetzten Texten veröffentlicht. Tocotronic-Platten werden in den USA von Triage vertrieben. Der holländische Vertrieb ist Konkurrent, und in Holland spielen Tocotronic dann auch im April, seltsamerweise auf einem Festival namens „London Calling“ im Amsterdamer Paradiso. In Paris entsteht das Video zur Vorabsingle aus dem Remixalbum, „Freiburg Version 3.0“, in dem der Interpretenname Tocotronic vs. Console verkörpert wird: Die drei Tocs kämpfen in Superheldenkostümen gegen den Bösewicht Console. „Es war wahnsinnig anstrengend“, schnauft Dirk noch in der Erinnerung. Martin Gretschmann alias Console nahm eine Neufassung des Tocotronic-Klassikers „Freiburg“ auf, im Stile seines Hits „14 Zero Zero“ mit englischem Computergesang.

Sommer/Herbst 2000: Ende Juli erscheint bei L’Age D’Or/Zomba das Album „KOOK Variationen“. Angeregt vom wachsenden persönlichen Interesse an elektronischer Musik, haben Tocotronic das Projekt in Angriff genommen. „Gerade nach der langen Arbeit an ‚K.O.O.K.‘ waren wir neugierig darauf, was andere daraus machen“, erinnert sich Jan. Teilweise fragten Elektroniker von selbst an, teilweise fragten Tocotronic persönliche Bekannte, teilweise wurden Kontakte über Lado hergestellt. Die Auswahl der Tracks übernahmen hauptsächlich Jan und Arne. Sie sorgten für ein breites Stilspektrum, von Beinahe-Coverversionen (Dakar & Grinser, Justus Köhncke) über eher klassische Remixe (Thomas & Dettinger, Egoexpress, Turner) bis hin zu radikaleren Verfremdungen (Funkstörung, Fever) – und da ist DJ DSLs erstaunliche Bar-Version von „Let There Be Rock“ noch gar nicht erwähnt.

Den typischen Problemen von Remixalben zum Trotz (nie wird jemand alle Versionen gleich gut finden), finden die „KOOK Variationen“ ein überwiegend positives Echo und steigen auch auf Platz 82 in die deutschen Albumcharts ein.

Den Rest des Jahres gibt es nur noch vereinzelte Live-Auftritte – zum einen Benefiz-Konzerte wie in der Roten Flora für die Jungle World oder in Magdeburg gegen rassistische Gewalt; zum anderen bei Festivals wie etwa dem „20 Jahre Spex“-Abend zur Eröffnung der Popkomm, bei dem Rick McPhail sein Debüt als Tourkeyboarder gibt. Rick ist ein langjähriger Freund von Dirk, stammt ursprünglich aus den USA, lebt aber schon lange in Deutschland und spielt in der Band Venus Vegas, die zuletzt eine EP namens „Gold“ bei Fanboy Records/EFA veröffentlicht haben. Mit Rick können die ausgefeilteren Arrangements der neueren Platten live besser umgesetzt werden; bei Studioaufnahmen ist er vorerst nicht dabei.

Ins Studio nistet sich die Band ab August ein – dem Electric Avenue von Tobias Levin, zum Proben von neuen Songs, die diesmal gleich im Studio entwickelt werden sollten.

2001: In den Polls ist diesmal hauptsächlich die „Freiburg“-Version von Console platziert – bei Spex sind sich Leser (Platz 3) und Kritiker (Platz 5) fast einig. Die Redakteure der BR-Radiosendung „Zündfunk“ wählen die Single auf Platz 8 ihres Jahresrückblicks. Und für die Hörer von „Der Ball ist rund“ im HR ist „Freiburg“ die Nummer 8 und Justus Köhnckes Version „Tomorrow Will Be Like Today“ sogar die Nummer 6 unter den Singles des Jahres.

2001 machen sich Tocotronic in der Öffentlichkeit rar. Kein einziger Liveauftritt in Vollbesetzung, nur bei vereinzelten, mehr oder weniger unangekündigten Soloauftritten von Dirk sind schon die neuen Lieder zu hören, deren Aufnahme die Hauptbeschäftigung des Jahres ist. Nach den Proben finden von Mai bis Dezember auch die Aufnahmen im Hamburger Electric-Avenue-Studio statt; Produzent ist Tobias Levin (der mit Cpt. Kirk & u.a. für das großartige Album „Reformhölle“ verantwortlich war), Engineer Thomas Maringer. Es sind die bisher aufwändigsten Tocotronic-Aufnahmen, wie ja schon aus ihrer Länge ersichtlich wird.

Neben den Aufnahmen bleibt den Bandmitgliedern aber noch Zeit für verschiedene Nebenaktivitäten. Dirk bringt gemeinsam mit Thies Mynther (Stella, Superpunk) unter dem Namen Phantom/Ghost ein Album mit elektronischer Popmusik bei Ladomat heraus. Phantom/Ghost treten auch in Clubs auf, z.B. auf der Operation-Pudel-Tour, dem Viva-Zwei-Abschied, zwei Spex-Datapop-Abenden und der Intro-Jubiläumsfeier. Dabei genießt Dirk, die Hände frei zu haben und wirft sich in Discodiva-Posen. Right Said Freds „You’re My Mate“ ist der regelmäßige Abschluss.

Daneben ist Dirk auch journalistisch tätig: Schon seit 1999 schreibt er Ausstellungskritiken für „Texte zur Kunst“, wo auch ein Interview mit dem italienischen Horrorfilmregisseur Dario Argento erscheint, das wiederum die Basis bildet für einen Vortrag an der Hamburger Kunsthochschule im Rahmen der Gastprofessur von Cosima von Bonin. Ein Interview mit dem Science-Fiction-Künstler Chris Foss (von dem auch das Cover-Motiv für „K.O.O.K.“ stammt) erscheint in dem Suhrkamp-Band „Sound Signatures“, herausgegeben von Jochen Bonz. Und schließlich inszeniert Angela Richter beim Theaterfestival „Dramatik 01“ in Hannover das Stück „Alles wird in Flammen stehen“, das aus Songtexten und Interviewaussagen von Dirk besteht, sowie aus übersetzten Interviewaussagen von skandinavischen Satanistenbands.

Jan gründet Das Bierbeben, zusammen mit Rasmus Engler, dem Schlagzeuger der Band Gary dem Herausgeber des Fanzines Die tobende Mumie.und Julia Wilton ehedem Sängerin und Bassistin der Berliner Band Pop Tarts. „Eine Liebhabersache“, sagt Jan selber dazu. Anfang 2002 erscheint bei Rock-o-TronicROCK-O-TRONIC records die 7“-Single „Die Birne Ist Reif“ mit Coverversionen der Deutsch-Punkbands OHL, Junge Front und Schleimkeim, sowie dem Titelsong, einer Eigenkomposition. Ziel war im Design eine möglichst originalgetreue Nachahmung der Covergestaltung des Rock-o-Rama-Labels zu erreichen. Die unfreundlichen Texte werden von freundlichen Frauenstimmen gesungen – man darf vielleicht Art-Punk dazu sagen. Zuvor hatte Rock-o-Tronic bereits 2000 das Album „Die Schleife“ vomder Hamburger Band Rudolf Brauer Sextett veröffentlicht.

Im Zeichen von Jans Punkvergangenheit steht auch sein Auftritt in dem Dokumentarfilm „So jung kommen wir nicht mehr zusammen“. Die Regisseurin Vera Vogt spürt darin den Lebensläufen von vier früheren Freunden aus Hamburger Punktagen nach – und einer davon ist eben auch Jan.

Arne produziert weiterhin zuhause am Computer Musik – elektronische Instrumentals, von denen das Stück „Sweet Bird Of Youth“ auf der Ladomat-Jubiläumscompilation „Ladomat 100“ erscheint. Sein Comicstrip „Die Vögel“, der seit 1997 in der Kölner StadtRevue erschien, endet im November. Dafür ist Arne seit dem Herbst an der Programmgestaltung der Hamburger Off-Galerie Hinterconti beteiligt.

Seltsames geschieht derweil auf der Stil-Seiteim Feuilleton der FAZ: Der Redakteur Klaus Ungerer wählt für Artikelüberschriften regelmäßig Tocotronic-Textzeilen aus. Die Band ist geschmeichelt und peinlich berührt zugleich.

Anfang 2002: Für die Poll-Ausbeute ist in diesem Jahr Phantom/Ghost alleine zuständig: Die Single „Perfect Lovers“ kam auf Platz 9 der Intro-Kritikerliste und auf 39 im Spex-Leserpoll. Die Spex-Kritiker wählten das Album auf Rang 40. Den Vogel schossen aber wieder die Radiohörer von „Der Ball ist rund“ ab: Platz 6 fürs Album und Platz 5 für den Song „Phantoms & Ghosts“!

Im Soundgarden-Studio wird derweil das neue Tocotronic-Album abgemischt von Michael Ilbert, der schon für Roxette und Union Carbide Productions gearbeitet hat. Auch ein Titel für das Album wird gefunden – nach etwas Hinundher heißt die Platte einfach „Tocotronic“. Einfach, schlicht und gerade deshalb auch opulent.

Mai/ Juni 2002: Die Single „This Boy Is Tocotronic“ erscheint. Das Video dazu wurde im Schloss Blomenburg bei Kiel gedreht und erzählt eine Dornröschen-Geschichte im Stil tschechischer Märchenfilme. Der Song ist, wie schon „Let There Be Rock“, eindeutig als Single konzipiert und zitiert u.a. Technotronic und Sisters Of Mercy. „Excellent icy electro-guitar-clash-pop“, schreibt der NME, „a meeting of movements that comes good (…), landing somewhere between Grandaddy and New Order.“ Der Charteinstieg folgt bald, in Deutschland auf 48, in Österreich auf 51. Und darauf wiederum folgt der erste Auftritt bei „Top Of The Pops“ in der Bandgeschichte von Tocotronic – angekündigt von Alex Christensen, behält nur Dirk seine angestammte Rolle (trägt dafür aber Anzug), die restliche Besetzung ist: Jan am Keyboard, Arne an der Gitarre, Rick am Schlagzeug.

„This Boy is Tocotronic“ ist aber nur eine unvollständige (um nicht zu sagen: irreführende) Vorbereitung auf das, was die Hörer mit dem Album „Tocotronic“ erwartet. Ganz in weiß gehalten, mit den allzu nahe liegenden Beatles-Verweisen spielend, ist „Tocotronic“ das mit Abstand musikalischste, produzierteste, durcharrangierteste Album der bisherigen Bandgeschichte – dank der langwierigen, „workshop-artigen“ (Dirk) Arbeit mit Produzent Tobias Levin in dessen Electric-Avenue-Studio. Die gewohnten Indie-Rock-Soundwelten existieren nur noch als Ahnung, stattdessen fallen Roxy Music, David Bowie, The Smiths als häufigste Vergleiche. Es ist Popmusik, sanft, melodisch, optimistisch – und doch als Tocotronic-Platte erkennbar. Dazu haben sich Dirks Texte wieder verändert: Weiter weg von den genau benennbaren Alltagsorten, sollen sie bewusst offen sein für Interpretationen, die auch kommen und von Fantasy ebenso sprechen wie von GlobalisierungskritikPolitik, von Märchenhaftigkeit ebenso wie von Intellektualismus, von Science Fiction wie von Poesie. Das abschließende „Neues vom Trickser“ gibt dann auch den Schlüssel zur offenen Interpretation: „Eines ist doch sicher: Eins zu eins ist jetzt vorbei.“ Aus der Identifikationsmaschinerie haben sich Tocotronic befreit – zum Glück ist Schönheit an die Stelle getreten. Vielleicht seit „Digital Ist Besser“ wurde jedenfalls kein Tocotronic-Album mehr mit derart einhelliger Begeisterung aufgenommen.

Das gilt für die veröffentlichte Meinung (Spex brachte die Band nicht nur aufs Cover, sondern druckte sogar gleich drei unterschiedliche Titelseiten), aber, wenn man den Chartsplatzierungen glauben darf, auch fürs Publikum: „Tocotronic“ steigt auf Platz 5 in die deutschen Albumcharts ein, in Österreich ist es Platz 6 – jeweils die bisher höchsten erreichten Plätze. Die Live-Umsetzung der für Tocotronic-Verhältnisse ja sehr komplexen Platte lässt sich zunächst etwas kompliziert an – auch in Viererbesetzung. Dass „Rock am Ring“ gleich der erste Auftritt ist, macht die Dinge nicht leichter – doch von Festival zu Festival wird es besser, und bei der fast schon traditionellen Zweimal-zwei-Wochen-Tour im Herbst läuft es dann rund (im Vorprogramm übrigens Turner).

Herbst/Winter 2002: Als zweite Single wird aus „Tocotronic“ das Stück „Hi Freaks“ ausgekoppelt, erhältlich in zwei Versionen: Zum einen mit Coverversionen von Fuck, Minutemen und Turbonegro, zum anderen mit Remixen von Tobias Levin, DJ Rabauke, Superpitcher, Martini Brös und Alexander Polzin – auch wenn es also diesmal keine „Variationen“-Platte gibt, bleiben Tocotronic elektronischen Musiken gegenüber aufgeschlossen. Auch „Hi Freaks“ schafft es in die Charts, nämlich auf Platz 77 – trotz oder wegen des Videos? Dabei handelt es sich nämlich um eine Art Ballett-Clip, gedreht in den Hamburger Kammerspielen.

Die Jahresendauswertungen der Musikzeitschriften fallen diesmal sehr erfolgreich aus für Tocotronic. In der Spex schafft es „Tocotronic“ auf Platz 2 der Leser und Platz 7 der Kritiker, bei den Lieblingssingles der Leser schaffen „Hi Freaks“ und „This Boy Is Tocotronic“ sogar den Doppelschlag auf 1 und 2. Beim Intro wählen die Kritiker das Album auf Platz 1, die Leser auf die 4. „Hi Freaks“ ist die 3 bei den Autoren-Singles, bei den Lesern die 4. Für die Kritiker des Musikexpress ist „Tocotronic“ das zehntbeste Album 2002, für die des Rolling Stone sogar das zweitbeste.

2003: Im Januar werden Tocotronic für den Echo in der Kategorie „Künstler/in/Gruppe National Alternative“ nominiert, doch müssen weder Dankes- noch Ablehnungsreden erdacht werden. In Hamburg ist derweil die Räumung des Bauwagenplatzes Bambule durch den rechten Innensenator Schill ein großes Thema – Tocotronic spielen unter dem Motto "Regierung stürzen - Let the music play!" ein Benefiz in der Roten Flora, die Zuschauerschlange zieht sich durchs halbe Schanzenviertel. Im Frühjahr gibt es einen Festivalausflug zum Primavera Sound in Spanien. Ansonsten ist es für Tocotronic ein eher geruhsames Jahr: ein Auftritt in Dänemark, vereinzelte Festivals in Österreich, der Schweiz und Deutschland (u.a. springen Tocotronic kurzfristig auf der großen Bühne des Hurricane ein).

Im Dezember jährt sich zum zehnten Mal die Bandgründung von Tocotronic – zum Jubiläum erscheint „10th Anniversary“, zum einen eine CD mit B-Seiten und Raritäten, die sich über die Jahre angesammelt haben, zum anderen eine DVD, auf der nicht nur alle Videoclips der Bandgeschichte zu sehen sind, sondern auch Tour-und Studio-Dokumentationen. In einigen großen Interviews lassen Tocotronic die Jahre Revue passieren.

Ansonsten ist durchaus Zeit für Nebenaktivitäten: Dirk bringt zusammen mit Thies Mynther das zweite Phantom/Ghost-Album „To Damascus“ beim Label Mute heraus. Das Bierbeben veröffentlicht derweil drei Maxis und das Album „No Future No Past“ für das Berliner Elektronik-Label Shitkatapult. Arne bestreitet auf der Jubiläumstour von L’Age D’Or einige Soloauftritte.

2004: Waren Tocotronic beim letzten Mal ohne fertige Songs ins Studio gegangen, um sie im Produktionsprozess entstehen zu lassen, findet diesmal die Hauptarbeit wieder im Proberaum statt – und zwar zu viert: Rick McPhail wird offizielles Bandmitglied von Tocotronic. Die dort entstehenden neuen Songs bekommen ihre Livepremiere in eher exotisch wirkendem Zusammenhang: Tocotronic spielen auf Einladung des Goethe-Instituts vier Konzerte in Sibirien. Zehn Tage dauert die Reise, die Jan als „extrem interessant und von den Publikumsreaktion her toll“ bezeichnet.

Danach gehen Tocotronic ins Berlin-Kreuzberger Mamasweed-Studio, um mit Produzent Moses Schneider in nur neun Tagen die meisten Songs des neuen Albums einzuspielen. Zusätzliche Aufnahmen finden im Mushroom- (Berlin) und Soundgarden-Studio (Hamburg) statt. Nach dem langwierigen Werkeln an „Tocotronic“ wird diesmal „live und ohne Kopfhörer“ eingespielt – mit Rick an der zweiten Gitarre, ein deutlich hörbares neues Element im Bandsound. Abgemischt wird das Ganze erneut von Michael Ilbert, diesmal im Puk-Studio in Dänemark.

Die Umstände der Popkultur in Deutschland machen ein Debattenstatement von Tocotronic nötig: „Sehr geehrte Damen und Herren, wie schon an anderer Stelle vermerkt, lehnen wir, die Gruppe Tocotronic, Nationalismus, Deutschtümelei und Heimatduseligkeit seit Anbeginn aller Zeiten ab. Umso erstaunter sind wir nun, dassß schon zum zweiten Mal in unsrer bewegten Karriere der Versuch unternommen wird, deutsche Musik zu nationalisieren und eine Quote für hiesige Produktionen im Rundfunk einzurichten. Gerechtfertigt wird dies mit zweifelhaften wirtschaftlichen Argumenten. Wohin die Reise geht ist völlig klar: Wir sind wir, auferstanden aus Ruinen und fühlen uns deutsch und sexy und haben es satt uns im eigenen Land ständig marginalisiert zu fühlen, wir werden förmlich überschwemmt von der angloamerikanischen Kulturindustrie, es gibt doch eine coole, heimatverbundene deutsche Musikszene, der geholfen werden muss und pi, pa und po. Wir sagen ganz deutlich, wie so oft in unserem Leben: Wir sind dagegen! Und fragen: Lebt denn der alte Holzmichl noch? Mit herzlichem Gruss, Tocotronic“

Außerdem gilt es, weitere Nebentätigkeiten der Bandmitglieder zu vermelden: Dirk schreibt weiterhin gelegentlich für Texte Zur Kunst und liest zudem zwei Texte vor von HP Lovecraft für ein Hörbuch. Jan gründet zusammen mit dem Blumfeld-Manager Oliver Frank den Müller + Frank-Musikverlag und kümmert sich u.a. um Ida Red, La Grande Illusion und Julia Hummer. Arne veröffentlicht unter dem Namen DJ Shirley beim Label Scheinselbstständig und als Arne Zank bei L’Age D’Or je eine EP. Und Rick schließlich spielt Tour-Keyboard bei Karl Bartos und arbeitet an seiner eigenen Band Glacier. Aus der Vergangenheit meldet sich hingegen eine Seven-Inch-Veröffentlichung mit Proberaumaufnahmen von Punkarsch, der prä-Tocotronic-Band von Jan und Arne.

Anfang 2005: Am 1. Januar spielen Tocotronic das Neujahrskonzert in der Berliner Volksbühne. Und schon am 17. Januar erscheint „Pure Vernunft Darf Niemals Siegen“, das neue Album von Tocotronic. Als erstes Fanal gibt es die Single „Aber Hier Leben, Nein Danke“, bewusst ausgekoppelt als Reaktion auf die Debatten um neues deutsches Pop-Selbstbewusstsein und nationale Radioquoten. Kämpferisch gibt sich auch das dazugehörige Video, in dem die historischen Konzert-Riots an der Musikmuschel im Hamburger Park Planten un Blomen nachgestellt werden.

Das Album „Pure Vernunft Darf Niemals Siegen“ ist in der Musik reduziert auf zwei Gitarren, Bass und Schlagzeug – „Dogma-Musik“ war als Schlagwort im Studio gefallen – eine gewollte Abkehr von den aufwändigen Arrangements des weißen Vorgängeralbums. Zudem sind die Songstrukturen bewusst einfach gehalten, Melodien wiederholen sich wie Schlaufen. Umso verzierter sind die Texte, in denen die Regeln der Physik und des gesunden Menschenverstands lustvoll gebrochen werden; poetischer klangen Tocotronic nie. Mit dem Albumtitel äußert die Band eine Verweigerungshaltung gegenüber der Verwertungslogik und Alltäglichkeitsbesessenheit, von der sie auch die Kunst zunehmend befallen sehen.

Die Platte, man muss es wohl so sagen, wird nicht unumstritten aufgenommen von der Kritik und der Öffentlichkeit. Doch das Interesse am neuen Tocotronic-Album ist überwältigend groß: Das FAZ-Feuilleton entsendet gleich drei Redakteure zum Gipfeltreffen mit der Band; der resultierende Text ist ein Fest der großen Namen, von Baudelaire über Nietzsche, Lovecraft, Meese bis hin zu Volker Lechtenbrink – „der Artikel ist ein eigenes Kunstwerk“, findet Jan Müller im Nachhinein. In leicht indigniertem Tonfall stellt Ulrich Wickert in den ARD-Tagesthemen die Band vor. Mit dem Hitparadeneinstieg auf Platz 3 in den deutschen Albumcharts erklimmen Tocotronic neue Höhen, neun Wochen bleibt „Pure Vernunft…“ notiert. Auch die Single „Aber Hier Leben, Nein Danke“ schafft es für zwei Wochen in die Charts.

Mit 29 Terminen gerät die übliche Deutschland-/ Österreich-/ Schweiz-Tour von Ende Februar bis Anfang April recht lang; trotzdem freut sich die Band über angenehme Stimmung und gut besuchte Konzerte. Im Vorprogramm spielt das Hamburger Eleganz-Pop-Projekt La Grande Illusion.

Kurioses tut sich Ende Februar in Hamburgs Medienwelt: Der Erste Bürgermeister Ole von Beust (CDU) beschwert sich on air, dass er als Gast bei der NDR-Lokalwelle einige seine Musikwünsche nicht im Radio spielen dürfe, darunter auch Tocotronic. Die örtlichen Zeitungen berichten, der NDR verweist auf andere Programme, in denen Tocotronic sehr wohl liefen, und lädt von Beust zu einem Radiokonzert von Tocotronic im klassischen Konzertsaal des Senders ein. Von Beust sagt den Konzertbesuch letztlich per Fax an die Band ab, nicht ohne seine langjährige Anhängerschaft zu bekräftigen. Die Band errötet, aber man kann sich seine Fans nun mal nicht aussuchen. Kleine Fußnote: Im NDR-Fernsehen wird „Let There Be Rock“ im Sommer auf Platz 10 einer Zuschauerumfrage nach den „größten Popsongs des Nordens“ gewählt.

Frühjahr / Sommer 2005: Anfang April schafft es „Gegen Den Strich“, die zweite Singleauskopplung aus „Pure Vernunft…“ so eben gerade in die deutschen Charts. Der von der englischen Band Felt beeinflusste Popsong wird von einem angemessen elegischen Video begleitet, gedreht am Hamburger Flughafen.

Am Vorabend des 60. Jahrestages der deutschen Kapitulation im Zweiten Weltkrieg findet auf dem Berliner Alexanderplatz eine Gala „gegen Geschichtsrevisionismus, Opfermythen und Kapitalismus“ statt unter dem Motto „Deutschland, du Opfer“, bei der Tocotronic als Headliner spielen. Auch auf dem Sampler „I Can’t Relax In Deutschland“, der im Herbst erscheint und sich gegen die Re-Nationalisierungsbestrebungen in der Popkultur richtet, sind Tocotronic vertreten. Den politisch unverfänglichen Teil der Festivalsaison nehmen Tocotronic in diesem Jahr recht ausgiebig mit, von Roskilde über Melt bis Haldern, um nur einige zu nennen.

Eine ganz besondere Single erscheint am 1. August des Jahres: Der Titelsong des Albums, der Gitarrenwalzer „Pure Vernunft Darf Niemals Siegen“, erscheint beim berühmten Kölner Elektroniklabel Kompakt, mit einem Remix von Wassermann & Superpitcher als A-Seite. Ein konsequenter Schritt, waren doch die Remixe von „Jackpot“ und Phantom/Ghosts „Perfect Lovers“ aus dem Kompakt-Umfeld Clubhits geworden.

Herbst/ Winter 2005: Alte Bekannte, nämlich Geoff und Tim von der amerikanischen Band Fuck, sind mit ihrer neuen Band Staff zu Gast als Vorgruppe bei der zehntägigen Herbst-Tournee von Tocotronic. Über die Touren zu „Pure Vernunft…“ äußert sich Dirk sehr angetan, es sei immer voll gewesen, das Publikum sehr angenehm, und musikalisch passierte auch etwas: „Das Rockige hat sich wieder eingeschlichen. Wir haben manche Stücke freier interpretiert und sie wurden alle rockiger dadurch.“

Am 18. November erscheint „The Best Of Tocotronic“, als Best-Of-Album mit 22 Stücken, sowie als Limited Edition mit einer zusätzlichen CD voller Raritäten. „(…) nachzuvollziehen, wie diese Band sich vom jugendlich gewandeten Garagenrock-Schlendrian zur hochartifiziellen Poeterei entwickelt, ist eine einsichtsreiche Studie“, fand der Kritiker des Musikexpress. Das Best-of-Album kommt in Deutschland auf Platz 51 der Charts und in Österreich auf 53. Und wo wir gerade bei Zahlen sind; die Bilanz der Kritiker- und Leserumfragen der Musikzeitschriften zum Jahr 2005 ergibt folgendes für das „Pure Vernunft…“-Album: Platz 2 bei den Rolling-Stone-Kritikern, Platz 4 bei den Spex-Lesern, Platz 7 bei den Musikexpress-Kritikern. Derweil arbeitet Dirk weiter am Werk: Ab Mitte 2005 nimmt er bei Moses Schneider Demos für neue Songs auf.

2006: Vereinzelt geben Tocotronic Konzerte, darunter ein Eröffnungskonzert im neuen Hamburger Club Übel & Gefährlich, oder beim Brecht-Festival in Augsburg, für das der alte Weggefährte Hans Platzgumer das Musikprogramm kuratierte.

Doch vor allem steht 2006 im Zeichen der verschiedenen Nebenprojekte, deren Verhältnis zu Tocotronic sehr schön auf der Single „Gegen Den Strich“ verdeutlicht wird, auf deren Extratracks alle vier einen Remix beisteuern. Dirk bringt ein drittes Phantom/Ghost-Album heraus, Das Bierbeben von Jan macht ein zweites Album, und auch Glacier, die Band von Rick, veröffentlicht die erste Langspielplatte. Nur Arne hat Pech: Sein fertig aufgenommenes Solowerk wird Opfer der Wirren um die drohende Insolvenz der Plattenfirma Lado, die Veröffentlichung wird aufgeschoben.

Die finanziellen Schwierigkeiten von Lado führen schließlich dazu, dass Tocotronic sich von Lado trennen. Fortan veröffentlicht die Band beim Majorlabel Universal Music, mit dem sie zu Motor-Zeiten ja schon einmal verbandelt waren. Die Rechte am Backkatalog liegen jetzt beim Tocotronic-eigenen Label ROCK-O-TRONIC records, Ideen für schöne Wiederveröffentlichungen werden schon gesammelt.

2007/08: Im Kunstbuchverlag der Galerie Daniel Buchholz erscheint im April „Dekade 1993-2007“, ein Buch mit Songtexten von Dirk, illustriert von den Künstlern Cosima von Bonin, Sergej Jensen, Michael Krebber und Henrik Olesen – von letzterem stammt auch das Plattencover des neuen Albums.

Dies entsteht in Berlin-Neukölln, im Studio Chez Cherie, wieder mit dem Produzenten Moses Schneider. Doch wo bei „Pure Vernunft…“ der Versuch gemacht wurde, die Musik ganz trocken klingen zu lassen, soll diesmal die Musik ganz räumlich klingen. Das meiste wird live eingespielt, der Raumklang mitbenutzt. Das Ergebnis heißt „Kapitulation“ und erscheint am 6. Juli 2007 bei Universal. Und klingt groß und nach Rock. Auf dem Eröffnungslied „Mein Ruin“ lässt Arne das Schlagzeug rumpeln, fast wie in den Anfangstagen, und auf „Sag Alles Ab“ klingt Dirk plötzlich wie der frühe Diskurs-Pop-Pate Kristof Schreuf (Kolossale Jugend, Brüllen). Es klingt, als seien Tocotronic durch all die Jahre der Abgrenzung gegangen, um nun von einem anderen Stand aus frühere musikalische Aufgaben neu anzugehen. Es ist ein ungestümes und dennoch durchdachtes Werk, schon vom Titel angefangen. Dirk: „Wenn man als deutsche Band eine Platte ‚Kapitulation’ nennt, hat man natürlich Hintergedanken“, er spricht von einem Gegenentwurf zu der aufwallenden Deutschland-Aufbruchstimmung. Auf der Band-Website verliest Dirk ein Manifest zu dem Album.

Musik, Haltung und Texte haben einen enormen öffentlichen Widerhall: „Die Stücke auf ‚Kapitulation’ (…) feiern, poetisch überstilisiert, den Triumph der Niederlage, die Kunst des Verlierens. Sie stellen den Absturz über den Aufschwung, bieten Erlösung durch Ergebung“, stellt Philipp Oehmke im Spiegel fest. Thomas Groß sieht in der Zeit eine Traditionslinie: „Der Faulpelz Oblomov hat seine Spuren hinterlassen, die Desinvolture des Dandys. Bartleby, Herman Melvilles subversiver Schreiber, geistert mit seinem ‚Ich möchte lieber nicht’ durch die Zeilen.“ Jens Balzer interpretiert in Spex: „Die eigentliche Repetition, die man in der Musik von Tocotronic jetzt hört, ist das In-sich-selbst-Kreisen eines endlich nicht-reaktionär gewordenen Dandyismus; eines Dandyismus, der keinen Dünkel, keine Exklusion von vorgeblich Minderwertigen kennt, sondern sich nur noch auf die eigene Verfeinerung konzentriert; der aus tiefer Resignation zu einer Gelassenheit, einer Ruhe, einem Nein ohne jeden Kulturpessimismus gelangt.“ Ein Song wie "Mein Ruin" erweist sich angesichts der Finanzkrise als geradezu prophetisch.

Das Album "Kapitulation" steigt auf Platz 3 in die deutschen Charts ein, wo es zehn Wochen lang platziert bleibt; in Österreich kommt es bis auf Platz 10, in der Schweiz auf 35. Die Auskopplungen "Kapitulation" (Platz 69) und "Imitationen" (Platz 96) schaffen es in die deutschen Singlecharts. Nicht für die Charts gedacht waren zwei 7"-Singles auf befreundeten Labels im Umfeld des Albums: "Sag alles ab" erschien als Vorbote auf dem Buback-Label, das auch die Vinyledition des Albums veröffentlicht; "Für Immer Jung" schließlich ist der Abschluss des "Kapitulation"-Zyklus - eine Single bei Ritchie Records aus Freiburg.

Schier unglaublich die Bilanz in den Jahresendabrechnungen der Musikzeitschriften: "Kapitulation" ist für die Leser von Intro, Spex und Musikexpress das Album Nummer 1 des Jahres 2007, beim Rolling Stone ist es die Nummer 4 im Leserpoll, bei Visions die 9. Die Kritiker sind kaum zurückhaltender: Platz 1 bei Intro, Platz 2 beim Musikexpress, Platz 5 beim Rolling Stone und Platz 11 bei Spex. Außerdem stehen Tocotronic mit "Kapitulation" auf der Bestenliste des Preises der deutschen Schallplattenkritik. Mit "Kapitulation" treffen Tocotronic den ominösen Zeitgeist so sehr wie einst mit "Digital Ist Besser" - wenngleich auf völlig andere Weise.

Natürlich wurde der Geist der "Kapitulation" auf die Festivalbühnen und in die Konzerthallen getragen, im Vorprogramm mit Chokebore-Sänger Troy von Balthazar mal wieder ein alter Bekannter. Die Band wurde im Verlauf der Tour immer freier im Zusammenspiel, Improvisationen schlichen sich ein, Dirk spricht von "Crazy-Horse-haftem Krachmachen", das einen Vorgeschmack gibt auf das kommende Album. Besonders in Erinnerung bleiben drei Auftritte: Beim Tourabschluss im November 2007 in der Berliner Columbiahalle kommt ein vielstimmiger Chor aus Freunden und Weggefährten der Band auf die Bühne. Beim Hurricane-Festival 2008 muss die Band ausgerechnet beim Song "Kapitulation" vor einem Sturm kapitulieren. Und beim Auftritt in Luzern erleidet Arne während des Konzerts einen Allergieschock und wird direkt in die Notaufnahme gebracht - Rick wechselt ans Schlagzeug und Tocotronic spielen weiter, geschockt und nervös. Doch zum Glück erholt sich Arne schnell und sitzt am nächsten Tag schon wieder am Schlagzeug.
Ein Souvenir der Tour ist das Album "Kapitulation Live", das Anfang 2008 erscheint und einen Auftritt im Hamburger Kampnagel-Theater dokumentiert.

In der Reihe "Pop Portrait" des Labels PIAS erscheint im Oktober 2008 eine von der Band ausgewählte Zusammenstellung von Songs anderer Interpreten, die Tocotronic geprägt haben. Die Bandgeschichte lässt sich inzwischen in einer historisch-kritischen Edition nachvollziehen: 2008 und 2009 erscheinen die ersten sechs Studioalben mit Bonustracks und erhellenden Essays als Wiederveröffentlichungen bei ROCK-O-TRONIC. Ebenfalls beim bandeigenen Label erscheint endlich das Soloalbum von Arne Zank, "Love & Hate From A To Z", als Download und als LP. Auf der Tour dazu wird Arne von Rick McPhail begleitet.

2009: Rick arbeitet mit seiner Band Glacier an einem zweiten Album, das aber erst 2010 erscheinen wird. Umfangreich sind, wie stets, die Aktivitäten von Jan Müller. Als Musikverleger kümmert er sich gemeinsam mit Olli Frank um die Rechte an den Kompositionen von z.B. Die Türen und Herrenmagazin. Unter dem Dach der Künstelrgruppe im Namen des Volkes gibt er gemeinsam mit Rasmus Engler und Julia Wilton Broschüren in Kleinauflage heraus und stellt in der Hamburg-Wilhelmsburger WCW Gallery Zeichnungen und Installationen aus. Mit Rasmus Engler bildet Jan auch Dirty Dishes, das "internationale Pop-Duett von Deutschland", das 2006 als Übersprungshandlung entstand, während Thies Mynther den beiden zu lange an Bierbeben-Aufnahmen herumschraubte: "Vorranging um rumzunerven haben wir Lieder geschrieben, und Thies musste die dann gleich aufnehmen." Eine LP erschien 2007, 2009 kommt erstmals eine CD.

Doch auch Das Bierbeben bringt 2009 ein neues Album heraus - diesmal nicht mehr von Thies Mynther abgemischt, sondern von Marco Haas, besser bekannt als T.Raumschmiere und als Labelmacher von Shitkatapult, wo "Das Bierbeben" auch erscheint. Im Herbst setzen Jan, Rasmus Engler, Julia Wilton und Alexander Tsitsigias die Elektro-Songs in klassischer Rockbesetzung live um.

Fast gleichzeitig mit dem Bierbeben-Album erscheint auch ein neues, viertes Studioalbum von Phantom/Ghost beim Hamburger Techno-Label Dial. Dirk widmet sich gemeinsam mit dem Pianisten Thies Mynther mehr denn je dem Kunstlied auf "Thrown Out Of Drama School" - solche Musik kann man auch in Theaterfoyers spielen (was Phnatom/Ghost durchaus auch tun). Ein Kreis schließt sich, als mit Julia Wilton (Das Bierbeben) und Michaela Meise (Phantom/Ghost) zwei Sängerinnen im Hintergrund des neuen Albums singen, die über die Nebenprojekte in den tocotronischen Kosmos eingeflogen waren.

Neues Album? Ach ja: Schon seit Anfang des Jahres proben Tocotronic neue Songs und arbeiten an den Arrangements. Es ist ein sehr konzentriertes, detailliertes Arbeiten - "sehr, sehr anstrengend", sagen Dirk und Jan unisono -, das dadurch ermöglicht wird, dass Tocotronic nach Jahren im Bunker ihren Proberaum in das Tonstudio von Rick verlagert haben. Als die Arrangements fertig sind, gehen Tocotronic wieder mit Moses Schneider als Produzenten ins Berliner Chez-Cherie-Studio, um die Songs aufzunehmen und sich mehr denn je auf den Sound konzentrieren zu können. Die Berlin-Trilogie, die mit "Pure Vernunft..." begonnen hatte, kommt also zu ihrem Abschluss.

"Schall und Wahn" heißt das neue Werk, mit dem die Band "eine Stufe weiter" gehen wollte, wie Dirk sagt: "den Raum viel mehr öffnen, jedes Stück einzeln betrachten". So präsentiert sich die Musik von Tocotronic "auf nicht prahlerische Art sehr groß", wie es Jan treffend ausdrückt. Das Auftaktstück "Eure Liebe tötet mich" klingt, als würde es langsam aus einer Jamsession heraus entstehen und strebt dann unaufhaltsam seinem Höhepunkt entgegen. Ein Song wie "Macht es nicht selbst" hingegen gibt sich grob und unbehauen in einem Rahmen aus Feedback, als würden die frühen Jesus & Mary Chain die White Stripes covern. "Die Folter endet nie" wiederum ist ein wunderbar delikater Popsong mit einem vorzüglichen Bläserarrangement von Edda Durstewitz und Jakobus Siebels, bekannt als Duo Ja König Ja. Auch Streicher gibt es auf diesem Album, arrangiert von dem Neue-Musik-Komponisten Thomas Meadowcroft, der den üblichen Rock-mit-Streichern-Klischees weitestmöglich fern bleibt. Mit bordeigenen Mitteln lassen Tocotronic gelegentlich die Gitarren klingeln und im Hall schweben, so wie es die Shoegazer der späten 80er und frühen 90er taten.

So muss ein Album über Musik klingen, denn das ist es: Dirk sagt, ihm sei es darum gegangen, "als singendes Ich in einem Mahlstrom zu verschwinden, in einem Gewummer." Es ist eine der typischen dialektischen Gegenbewegungen, die Tocotronic von Album zu Album häufig machen: Wurde sich in der Rezeption von "Kapitulation" stark auf die Texte konzentriert, so steht diesmal der Klang im Vordergrund - was nicht heißen soll, dass die Texte diesmal unbedeutend seien: "Schall und Wahn" hat einen roten Faden, ein loses Narrativ zwischen den Stücken, das um Schuld, Liebe, Verbrechen und immer wieder die Musik selbst kreist. Und dabei kommen immer wieder großartige Zeilen zum Vorschein. So wie diese aus der ersten Single "Macht es nicht selbst, für Dirk eine "Hymne an die Aneignung": "Heim- und Netzwerkerei stehlen dir deine schöne Zeit". Machen Sie was draus!

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