Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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18 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Von der Zentralperspektive zur Dreidimesionalität, 5. Juni 2003
Wenn eine Band den eigenen Sound zur Formvollendung bringt, trägt das dazugehörige Album als Ausdruck dessen meist den Bandnamen. Im Falle von Tocotronics neuem, selbstbetiteltem Album verwundert das, ist es doch eine Abkehr vom ursprünglichen Selbstverständnis der Band. Die eingängig - eindringlichen Texte, der demonstrative Dilettantismus, sowie die jugendliche Verweigerung der Anfangstage sind endgültig passé. Auf "Tocotronic" beginnt für von Lowtzow, Müller und Zank eine neue Zeitrechnung. Die Intuition ist einem gewissen Kalkül gewichen, alles ist durchkomponierter, durchdachter, das dutzendfach durchexerzierte Dreiakkordschema weicht einer vielschichtigeren, abwechslungsreichen Songstruktur. Die Drei setzen ihre nun einmal bescheidenen Mittel viel bewusster ein, beherrschen ihre Instrumente, hören besser aufeinander, stellen Details heraus, erarbeiten Melodien und verschmelzen so zu einem gefügigen Ganzen. Bei diesen Arrangements spielt natürlich auch die Studiotechnik, der Einsatz von Effekten und Samples (Gitarrensolo zu "This Boy") eine nicht unerhebliche Rolle. Produzent Tobias Levin (Cpt. Kirk) ist bei den meisten (auch besten) Songs im Booklet ausdrücklich als "viertes" Bandmitglied aufgeführt. Bei vielen Fans werden die beinahe poppigen Töne wohl wenig Anklang finden, hat man die "Tocos" doch besonders für ihre "punkige" Unprofessionalität geliebt. Bei aller Prinzipientreue ist aber auch einzusehen, dass nach fünf Alben Auf - der - Stelle - Treten und dem sparsamen Tapetenwechsel von "K.O.O.K." die Zeit für eine Veränderung überreif war. Das alte Image war zum lästigen Klischee erstarrt, der Hass, die Rebellion ausgiebig ausgelebt und mit Anfang 30 nicht länger glaubwürdig vertretbar. Oftmals geht eine solche Neuorientierung ziemlich in die Hose, hier wirkt sie wahre Wunder. Den Alltag lassen sie weit, weit hinter sich ("Der sogenannte Realismus fällt nicht weiter ins Gewicht"), stattdessen erschaffen sie sich substitutiv eine metaphysische, mystische Märchenwelt, ein "Zwischenreich", noch unentdeckt und daher unendliche Quelle der Inspiration: Verborgene Orte, "foucaultsche" Räume, geheime Türen und Wege ... Es ist wie ein Traum. Stimmungen werden vorsichtig eingefangen und genüsslich zelebriert, doch der Blick hinter die Dinge enttarnt auch das bedrohliche Antlitz des Bösen. Dirk von Lowtzow gelingt es auf neuem Terrain spielerisch die düstere Bildsprache eines Baudelaire mit schweren, existenzialistischen Gedankengängen zusammzuführen. Dabei ist er weder naiv - verklärend, noch kompliziert - vergeistigt: Das ist wundervolle Lyrik, voller Geist und voller Magie, elektrifizierend und beschwörend: "In diesen Räumen liegt sich's bequemer, als irgendwo anders zuvor." Dorthin und nie wieder zurück. sis
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6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Die Entdeckung der Langsamkeit, 28. September 2002
"Ich bin neu in der Hamburger Schule" sang Dirk von Lotzow auf dem zweiten Tocotronic-Album "Nach der verlorenen Zeit" noch seltsam melancholisch. Das ist nun sieben Jahre her, der Begriff "Hamburger Schule" nicht einmal mehr Geschichte und auch sonst ist eine Menge passiert in all den Jahren. Und, ganz wichtig an dieser Stelle - "Tocotronic" haben nicht aufgehört, Musik zu machen. Mittlerweile gibt es sechs Alben, das letzte Werk erschien am 10. Juni und ist schlicht "Tocotronic" betitelt. Schwarze Schrift auf weißem Grund - rein optisch schon einmal interessant. Wer möchte, kann auch gern mehr in die Aufmachung des Albums hinein interpretieren, die Variationen reichen dabei von fehlender Kreativität bis höchster Form der Vollendung ähnlich dem schwarzen Quadrat auf weißem Grund in der Kunst. Wie es auch sei, beim ersten Hören klingt die Platte mit Titeln wie "Alles wird in Flammen stehen", "Näher zu dir" oder "Schatten werfen keine Schatten" seltsam ungewohnt. Was sich im vierten Studioalbum mit dem Einsatz von Streichern und der Verschleppung des Tempos zugunsten stark melodiöser Elemente bereits angedeutet, sich dann auf K.O.O.K. mit größtenteils ruhigen Titeln und völligem Verzicht auf die sloganhaften Titel fortsetzte, hat nun auf "Tocotronic" seine vorläufige Perfektion erreicht. Man vermisst eingängige sloganhafte Textzeilen wie auf den ersten Alben, deren Weltschmerz sowieso und auch jene Lieder, die manchmal nur banal kurz und schnell daherkamen und dennoch auf Anhieb gefielen. Insgesamt dreizehn Titel fanden auf dem neuen Werk Platz, nach 65:48 Minuten hat man sie einmal komplett gehört. Hängen bleibt zunächst nur, dass man die Titel beim erstmaligen Hören nur schwer unterscheiden kann. Allen gemeinsam ist eine Passivität, eine Ruhe, denn Tocotronic scheinen die Langsamkeit entdeckt zu haben. Auch wenn Dirk von Lotzow unlängst meinte, auf den Vorgängeralben hätten die Texte nicht immer unbedingt seinem Seelenleben entsprochen, sondern seien manchmal nur der Form halber gewählt worden, hätte man sich eingängige Textzeilen wie "Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein" auch auf Tocotronic von Tocotronic gewünscht. Stattdessen erklingen Sätze wie "Führe mich sanft, gib mir einen Trunk-Trank" und man schaut noch einmal auf die CD, ob auch wirklich das richtige Album im CD-Spieler ist. Der Zauber der Platte entfaltet sich erst nach mehrmaligem Hören, wenn man die Stücke bereits kennt, unterscheiden und sich auf sie konzentrieren kann. Dann fallen plötzlich die gewohnt starken Texte ins Gewicht, dann beginnt man die Melodien mitzusummen und dann beginnt man die Aufmachung des Albums auch als bewusst gewählt zu verstehen. Auch wenn es vornehmlich ruhig klingt, die Texte so symbolhaft sind das eine Deutung oder ein Verstehen schlichtweg unmöglich wird, zieht es den Hörer bald in seinen Bann. Und dennoch, es wird Leute geben, denen nicht folgender Satz zu dem neuen Album einfällt: "Ich hab mich lange schon nach nichts so sehr gesehnt wie dieser Toco-Platte als ich aus dem Laden kam, war ich froh dass ich sie hatte." Sie werden denken: "Die Idee ist gut doch die Welt noch nicht bereit". Und vielleicht haben sie auch recht.
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16 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Das nennt man dann Meisterwerk, 7. Mai 2005
Jedes Tocotronic-Album ist etwas besonderes, doch "Tocotronic" ist nicht nur der größte Umbruch in der Bandgeschichte, sondern auch der (bisherige) Höhepunkt.Die Details im einzelnen: 1. "This Boy Is Tocotronic": Und es rockt doch. Das perfekte Einstiegstück, da es ankündigt, dass jetzt etwas neues kommt. In seiner Leidenschaft geht es schon sehr Richtung "Pure Vernunft..." 2. "Alles wird in Flammen stehen": etwas ruhiger, jedoch ein weiteres fantastisches Liebeslied ganz in der Tradition aller Tocotronic-Liebeslieder. Gnadenlos bis zur Selbstaufopferung, voller Sehnsucht und Leidenschaft. 3. "Hier ist der Beweis": ein verträumtes, trotziges Lied. "Diese Jungs sind anders wie man weiß." Ja, weiß man. 4. "Hi Freaks": vielleicht eines der besten Lieder aller Zeiten, fraglos das Highlight dieses Albums. Episch, großartig, wundervoll getextet, perfekt komponiert. Hier geht es einfach nur um alles oder nichts. 5. "Führe mich sanft": wieder ein Aufruf zur Leidenschaft mit grandiosen Gitarren- und Schlagzeugeinsatz und tollem Finale. 6. "Free Hospital": sicher kein schnelles Stück, aber wenn es erstmal losgeht lässt es einen kaum los. Die musikalische Umsetzung von Zufriedenheit. 7. "Das böse Buch": Wegfindung? Liebeslied? Bestandsaufnahme? Oder alles zusammen? Ich nehme Liebeslied. 8. "Näher zu dir": der Titel deutet es schon an, ein sehr reines Liebeslied bzw. ein Lied über den Moment bevor es groß wird. Oder ist das dann der größte Moment? 9. "Schatten werfen keine Schatten": wieder ein Liebeslied, was nichts macht, weil Tocotronic Liebeslieder machen, die jenseits jeglicher Liebeslieder-Tradition stehen. Soghaftere und zärtlichere Texte hört man selten. 10. "Dringlichkeit besteht immer": die Musik treibt an, die Stimme ist träge und bringt doch wieder alles was diese Band ausmacht auf den Nenner: Leidenschaft, Selbstaufgabe, Sehnsucht. 11. "Die Wolke der Unwissenheit": das zweitbeste Lied der Platte, von fast unerträglicher Schönheit, die Musik baut langsam eine Spannung auf, die sich in einer sanften Explosion auflöst, überlagert von Dirk von Lotzows überschnappender Stimme und dem Text, der einen gnadenlos in seinen Bann schlägt. So illustriert man Gefühle. 12. "Drama": na gut, das Instrumentalstück erscheint etwas überflüssig, ist aber doch nett anzuhören. Es klingt jedenfalls nicht nach irgendwas, was der Titel vermuten lässt. 13. "Neues vom Trickser": wirkt fast wie eine Rückblick auf dieses Album oder sogar auf alle Alben und dass "eins zu eins" jetzt vorbei ist, sagt ja auch alles was man über Tocotronics neue Richtung sagen muss. Ein makelloses Meisterwerk.
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