Dieses Buch ist eine einzige Freude, für mich wenigstens. Dabei mutmaße ich, dass es auch seine Kritiker haben wird, denn es riskiert einen einzigartigen Spagat. Die Erinnerungen Isabella Rossellinis an ihren Vater, den Regisseur Roberto Rossellini, sind vieles in einem, denn die Autorin macht so viel mehr, als aus dem Nähkästchen zu plaudern: Sie kombiniert ihre höchstpersönlichen, höchst persönlichen Eindrücke mit interessantem historischem Material, und alles zusammen ergibt ein faszinierendes Bild, beinahe eine Quadratur des Kreises. Um dies zu erklären, sei ein bißchen weiter ausgeholt: Rossellini ist ja nicht nur die Tochter eines Regisseurs, sondern auch einer Darstellerin Namens Ingrid Bergman. Und dass dieser Topstar Hollywoods Ende der Vierziger Jahre nicht nur Hauptdarstellerin, sondern auch Geliebte und später Ehefrau des Meisters des Neorealismus wurde, sorgte in gewissen bigotten Kreisen für einen wahrhaften Skandal (wobei Hollywood Ende der 40er mit McCarthy-Hexenjagden und moralapostolischen Glaubensbekenntnissen bigotter denn je war). Zu diesen Ereignissen findet man genauso aufschlussreiche Dokumente und Zeugnisse wie zu der Entstehung und Interpretation von "Stromboli", dem Film, der Bergman/Rossellini zusammenbrachte. Zu dem Eindruck, eine gleichsam kenntnisreiche wie lebendige Filmgeschichte zu lesen, trägt überdies das gut gemachte Register des Buches bei. Für manchen mag das Register kalter Kaffee sein, für mich ist es bei Filmbüchern nicht unwichtig. Hier finden sich eine Zeittafel und eine kommentierte Filmographie R. Rossellinis. Weit über Tochtererinnerungen hinaus gewährt dies Einblick in die Arbeitsweise des Regisseurs und in das Wesen und die Begleitumstände des italienischen Neorealismus.
Dies muss aus meiner Sicht gesagt werden, weil das Buch auch noch eine ganz andere Seite hat, bei deren Betonung das Filmwissenschaftliche unter den Tisch zu fallen droht: In wunderschöner optischer Gestaltung liegen diese Tochtererinnerungen vor, die ein gleichsam persönliches wie warmherziges wie kluges wie eigenwilliges Bild der Autorin wie des Vaters selbst vermitteln. Das habe ich sofort in mein Herz geschlossen, es lebt so sehr von der Reichhaltigkeit des Materials wie der Gedanken, die sich dort finden. Auf vielen Bildern finden sich Fotos des Familienalbums, aber auch Zeichnungen der jungen und nicht mehr ganz so jungen Isabella, in denen sie ihrer Phantasie freien Lauf lässt. Das ist mehr als nur eine Selbstentblößung, wie wir sie heutzutage in Dutzenden von Nachmittagstalkshows haben können. Die Autorin teilt sich uns mit, und sie hat etwas mitzuteilen. Man muss nicht alles davon unterschreiben, aber kann es mit viel Liebe und einem Lachen begleiten. Wie sich die kleine Isabella so ihre Vorstellung davon macht, ihren wohlbeleibten Vater als gütige Muttersau zu sehen, wie sie sich beim Entstehen seiner späteren Naturfilme über die Fortpflanzung von allen möglichen Lebewesen Gedanken macht und sich das wortwörtlich ausmalt, wie sie voller Liebe und zärtlicher Bewunderung für Roberto steckt, ohne seine gewöhnungsbedürftige Haltung bei der Scheidung von Ingrid Bergman zu verschweigen, wie sie einfach jedem Rollenklischee widerspricht und aus ihrer großen kleinen Welt heraus sich künstlerisch ausdrücken kann - das alles ist ein Lob der Individualität und der Emanzipation, das immer ohne stinkendes Eigenlob und ohne jeden Zeigefinger daherkommt. Die Autorin hat dann ja auch eine ebensolche Karriere hingelegt: Model, Schauspielerin, Regisseurin, aber immer abseits des Mainstream, wo sich die Nischenisabella offensichtlich sehr wohl fühlt. Googeln Sie einmal ihre "Green Pornos" über die Fortpflanzung von Meerestieren und Insekten, da können Sie diese sympathische Eigenwilligkeit, gepaart mit wunderschöner Gestaltung und viel Humor, sofort erleben, und diese ihre Filmchen sind genauso wie schon gewisse Passagen und Zeichnungen in dem Buch.
Das Buch enthält also "akademische" Teile wie auch frei schwebende, luftig-leichte Erinnerungen, die aber durch ihre Originalität Gewicht bekommen. Eine solche Gratwanderung schafft nahezu niemand, fast alle biographischen Bücher entscheiden sich irgendwann einmal, ob sie eher Nabelschau mit wenig Wissensvermittlung oder Lehrbuch mit wenig Persönlichem sind. Isabella Rossellini will offensichtlich beides, und es gelingt ihr (auch das mag indirekt ein Lob der Emanzipation sein, ein Gelingen des Lebens der Frau, die will, was man und frau selten unter einen Hut bringen können). Mancher Leser mag denken, von allem etwas und nichts richtig, ich finde: von allem viel und alles richtig.
Als wäre das noch nicht genug, gibt es zudem ein längeres Kapitel über einen kurzen Dokumentarfilm über R. Rossellini, an dem Tochter Isabella mitgewirkt hatte. Hier erfahren wir nicht nur etwas von außen über Film und von innen über Vater/Tochter, sondern beides von innen. Die Autorin lässt sich bereitwillig bei der Arbeit an dem Film (in dem sie Männer- wie Frauenrollen selbst spielt) über die Schulter und in die Karten schauen, und indem sie das tut, erzählt sie halt ganz beiläufig über ihren Vater. Weil hier die Symbiose aller Ebenen dieses Buches genial perfektioniert ist, gehört dies zu den stärksten Kapiteln des Werkes. Aber auch der Rest ist wunderbar. Daher auch meine Titelzeile: Das Buch ist nicht nur schön, sondern auch gut.