Diria, ein Dorf in Nicaragua. Durch ein tragisches Missverständnis geht Sofia ihren Eltern als kleines Mädchen verloren - die Mutter wähnt sie beim Vater, der Vater denkt, sie ist bei der Mutter. Sofia glaubt ihr Leben lang, von beiden Eltern verlassen worden zu sein. Sie wächst liebevoll behütet auf bei Don Ramon, einem Kaffeeplantagen-Besitzer, der ohne Familie ist, und Eulalia, der Frau, die sie gefunden hat. Siebzehnjährig heiratet sie René, den begehrtesten Junggesellen des Dorfes, der von ihrer Schönheit hingerissen ist, doch die Ehe startet unter ungünstigen Vorzeichen und bleibt unglücklich. René hat von Anfang an Schwierigkeiten mit dem Selbstbewusstsein der jungen Frau, da er um sein Ansehen im Dorf fürchtet. Um ihren Willen zu brechen und sie zu kontrollieren, sperrt er sie in seinem Haus ein und lässt sie vom Hauspersonal bewachen. Sofia erträgt dieses Leben, solange ihre Zieheltern leben. Nach dem Tode Don Ramons erbt sie die Hacienda. Ihr gelingt die Flucht und die Scheidung von René. Gemeinsam mit Fausto, dem schwulen Neffen Don Ramons, bewirtschaftet sie sehr erfolgreich die Plantage. Schließlich bekommt sie ein lang ersehntes Kind, ein kleines Mädchen, das sie geradezu vergöttert. Eines Tages, auf einer Kirmes in Managua, reißt sich die Kleine von ihrer Hand los und verschwindet in der Menge.....
Es ist nicht nur Renés Verhalten allein, sein Macho-Gehabe, das Sofia zu schaffen macht. Sofia entstammt einer Zigeuner-Sippe, und das ist sie auch für die meisten Dorfbewohner, die Zigeunerin, die nicht in das Dorf passt, die die Männer verrückt macht, die alles und jeden verhext, die Erdbeben hervorrufen kann. Zunehmend wird sie von fast allen gemieden. Natürlich beäugt man auch misstrauisch und neidisch den Erfolg, den ihre mit Fausto geführte Kaffee-Plantage zunächst hat. Doch im gleichen Maße, wie sich mehr Gerüchte um sie ranken, verlässt sie auch das Glück, und immer mehr Arbeiter verlassen sie aus Aberglauben.
Sofia leidet ihr Leben lang unter dem Verlust der Eltern, vor allem dem der Mutter, und stellt sich wiederholt die Frage, wie diese ihr Kind verlassen konnte. Alle Missgeschicke ihres Lebens führt sie auf dieses Ereignis zurück. Sie zermartert sich, wird depressiv, verhält sich merkwürdig, doch nichts kann sie von diesem Gedanken abbringen.
Dona Carmen, Xintal und Engracia, die weisen Frauen des Dorfes, von manchen auch Hexen genannt, und Samuel, der Zauberer, versuchen mit allen Mitteln, sie von diesem Fluch zu befreien, doch nichts will helfen. Schließlich offenbart sich ihnen, dass Flavia, Sofias Tochter, dazu bestimmt ist, den Kreis zu durchbrechen und Sofia von ihrem Unglück zu erlösen.
Der Roman beschreibt ein Frauenschicksal vor dem mystischen Hintergrund Mittelamerikas, wo sich vielfach christliche Elemente und Naturreligionen vermischen. Das ist sehr spannend. Man leidet mit Sofia. Man amüsiert sich über den Aberglauben und die Vorurteile der Dorfbewohner. Man schmunzelt über das illustre Paar Sofia und Fausto, die allerdings kein Paar im klassischen Sinne sind, sie Zigeunerin, er schwul, Eigenschaften, die beide so gar nicht in die festgefügte, patriarchalisch geprägte Dorfgemeinschaft passen und natürlich geeignet sind, diese gehörig aufzumischen. Von Anfang an weiß der Leser mehr als Sofia und auch alle anderen und ist mehr als einmal geneigt einzuschreiten, wenn dies denn ginge. Politisch wie Bewohnte Frau ist dieses Buch nicht, deshalb würde ich es auch gar nicht damit vergleichen. Es entspricht der süd- bzw. mittelamerikanischen Erzähltradition. Der Erzählstil ist chronologisch. Mehr als einmal merkt man dem Text an, das seine Autorin auch Lyrikerin ist, denn sie bedient sich einer sehr schönen, geschliffenen Sprache. Die Perspektive ist die des allwissenden Erzählers. Wenn man, trotz aller tragischen Elemente, etwas Schönes lesen möchte, sollte man unbedingt zu diesem Buch greifen.