Literatur zu verfilmen ist schwer genug; Poesie auf die Leinwand zu transportieren fast unmöglich. Auch wenn man den zu Grunde liegenden Roman von Harper Lee nicht kennt, spürt man, daß dies hier gelungen ist. Beginnend mit einer fast magischen Titelsequenz wird langsam eine Kleinstadt in den Südstaaten der 30er Jahre vor uns ausgebreitet, eine Welt aus Kindersicht, die uns immer mehr in ihren Bann zieht. Ruhige Schwarz-Weiß-Bilder und die hypnotische Musik von Elmer Bernstein erzeugen eine ungeheuer dichte Atmosphäre. Erstaunlich hierbei die jungen Schauspieler, die absolut natürlich agieren: sie "spielen", wie es ihrer Natur entspricht. Wir spüren den steten Wechsel von Neugier und Furcht, wenn es an die Erkundung des Nachbarhauses mit dem geheimnisumwitterten, monströsen Bewohner geht. Und wir erkennen die Wichtigkeit einer Identifikationsfigur, wie sie der Vater und Rechtsanwalt Atticus Finch darstellt. Gregory Peck ist auf der einen Seite der Fels des Anstandes in der Brandung des Rassenhasses, auf der anderen Seite sind seine Gefühle (Angst um seine Kinder, Wut, Verzweiflung, Hoffnung, Dankbarkeit) stets sichtbar, selbst wenn er sich nicht von ihnen leiten läßt. Er spielt hier nicht nur die Rolle seines Lebens, sondern zeigt für mich eine der besten schauspielerischen Leistungen überhaupt, auch wenn Pauline Kael hämisch kolportiert, er habe den Oscar nur gewonnen, weil er einen tollwütigen Hund erschossen und einen unschuldigen Schwarzen verteidigt habe. Bevor man nun den Vorwurf erhebt, hier würden (wenn auch edle) Klischees erzeugt, muß man sich überlegen, daß es 1962 tatsächlich ungeheuer war, daß ein Schwarzer "Mitleid" mit einer weißen Frau zeigte; daß seine Chance tatsächlich sehr gering war, in einem Gerichtsverfahren Recht zu bekommen, wenn seine Aussage gegen die Aussage weißer Zeugen stand. Der schwer übersetzbare Titel "To Kill A Mockingbird" deutet auf das Dilemma von "Gut" und "Böse", und daß Kinder diese zu unterscheiden lernen müssen. Klischee ist lediglich eine einfältige Einteilung aller Menschen in diese Kategorien. Ist der Lynchmob, gegen den Attichus Finch antritt, nun gut oder böse? Man achte auf die unschuldige und doch so weise Antwort, die seine Tochter Scott gibt! Wem der couragierte Anwalt immer noch zu eindimensional erscheint, der sei nochmals an die idealisierende Kindersicht erinnert. Kunst ist immer Abstraktion von Wirklichkeit - auf die Sichtweise kommt es an! Es gibt wenige Filme, die in ihrer Aussage so zeitlos und ihrer emotionalen Wirkung so tiefgehend sind.
Die DVD-Ausgabe dieses Klassikers ist grandios. Das Schwarz-Weiß-Bild ist (gemessen am Alter des Films) makellos, der originale Mono-Ton fast rauschfrei, die Dialoge akustisch gut verständlich. Wer Schwierigkeiten hat, den (gemäßigten) Südstaaten-Dialekt zu verstehen, kann englische Untertitel zublenden. Die Mühe lohnt sich allemal; über die Synchronfassung kann ich daher keine Angaben machen. Vorbildlich die ausführlichen Zusatzinformationen über die Beteiligten, die hier nicht nur Alibi-Funktion haben. Dazu kommt eine 90minütige (!) Dokumentation von 1998 (mit Interviews fast aller Beteiligter), die weder als Werbefilmchen noch als Heldenverehrung daherkommt, sondern ein eigenständiger Versuch ist, beiden Meisterwerken (Buch und Film) in Voraussetzung, Bedeutung und Wirkung künstlerisch näherzukommen. Merkwürdigerweise meint Columbia, es nicht nötig zu haben, Sonderausstattungen ihrer Scheiben auf der Verpackung zu vermerken - um so freudiger manchmal die Überraschung...