Komponist und Texter Maury Yeston ist mit dem üppigen Orchestersound grosser Broadway-Musicals bestens vertraut, zeichnet er sich doch verantwortlich für Werke wie "Nine", welches nach Motiven von Fellinis Filmklassiker "9 1/2" entstand, sowie seiner eigenen Interpretation vom "Phantom der Oper", welches mir persönlich sogar noch einen Tick besser gefällt als die bekanntere Version von Sir Andrew Lloyd Webber. Ein sicheres Feeling für breit angelegte, epische Kompositionen kann man Herrn Yeston also bescheinigen. Die Idee, ein Musical über den Untergang der TITANIC zu machen, hatte übrigens nur wenig mit dem Film von James Cameron zu tun, in dem sich Leonado diCaprio und Kate Winslet so vergeblich bemühten, den Kopf über Wasser zu halten. Beide TITANIC-Hits kamen zwar im gleichen Jahr auf die Leinwand bzw. die Theaterbühne, doch Yeston wie Cameron mussten diese Projekte unabhängig voneinander bereits Jahre vorher planen.
Während Caprio und Winslet es beim Untergangs der TITANIC immer geschafft haben, direkt am gefährlichsten Ort des Geschehens anwesend zu sein und Cameron diese beiden Protagonisten in den Mittelpunkt der Handlung stellte, beschreibt Yeston die Katastrophe aus der Sicht vieler Einzelschicksale und belässt die jeweiligen Personen am Ort des Geschehens. So erlebt man den Untergang des Schiffes im Musical mal aus der Sicht des Kapitäns, des Heizers, des Funkers, der reichen Passagiere der ersten Klasse und der armen Mitreisenden der dritten Klasse. Musikalisch entsteht so ein Werk von grosser Vielseitigkeit in dem starke Solonummern mit gewaltigen Chorszenen Hand in Hand gehen und selbst während eines Songs nahtlos ineinander verflochten werden.
Grandios ist bereits der Prolog inszeniert, in der nach der Ouvertüre nahtlos in 6 weiter aufeinander aufbauenden Liedern alle beteiligten Personen vorgestellt werden, während sie an Bord des Schiffes gehen. Diesem 16 minütigem Geniestreich folgen im Wechsel bewegende Solonummern, wie das stampfende "Barretts Lied" direkt aus dem Maschinenraum des Schiffes, harmonisch aufgebaute Duette (der wunderbar formulierte "Der Heiratsantrag", den Barrett dem Schiffsfunker diktiert) und Terzette (den ambitionierten Amerika-Plänen der drei dritte Klasse Kates in "In Amerika"), die sich beeindruckend zu den grossen Ensemble-Nummern (z.B. "Eine Zeit voller Glanz und Pracht") weiterentwickeln.
Ohne falschen Pathos und für den Untergang der TITANIC recht unspektakulär geht es im 2. Akt des Dramas her, welches musikalisch nicht mehr ganz mit dem hohen Niveau des 1. Aktes mithalten kann. Wer hier schreiende und verzweifelte Menschen erwartet hat, wird enttäuscht sein, dass der dramatische Kampf um die Rettungsboote recht zivilisiert vonstatten geht ("In die Rettungsboote") und die Untergangssequenz nur als resignierter Monolog des Schiffsbauers Andrews ("Mr. Andrews Vision") vorgetragen wird. Wahre Emotionen kommen nur bei der etwas konstruiert wirkenden Konfrontation bei "Die Schuldfrage" auf, bei der Kapitän Smith, Architekt Andrews und Reeder Ismay heftig aneinander geraten. Und so sinkt die TITANIC schliesslich musikalisch doch eher verhalten auf den Grund des Atlantiks.
Einer gelungenen Übersetzung der Texte von Wolfgang Adenberg und einem guten Händchen bei der Auswahl der deutschen Erstbesetzung ist es zu verdanken, dass das Erlebnis TITANIC auch in der übersetzten Fassung klar, deutlich und erfreulich akzentfrei über den CD-Player ins heimische Wohnzimmer kommt. Ein rundum gutes Ensemble und das fulminant aufspielende Orchester unter Bernhard Volk lassen aus der triumphalen Tragödie einen klassischen Hörgenuß für zu Hause werden.
Hoffen wir, dass die tragische Story in Hamburg keinen Schiffbruch erleidet - eine Laufzeit von zwei Jahren hätte die TITANIC schon verdient!
Fazit: Grosses klassisches Musiktheater von mitreissenden Solonummern bis hin zu bombastischen Ensemblestücken perfekt ins Deutsche übertragen.