Wie soll man einem Buch gerecht werden, welches das "Erstbeste" aus dreißig Jahren Zentralorgan des bissigen wie feinen Humors enthält? Das auf 400 großen Seiten die schönsten Titelbilder, Zeichnungen, Artikel und Aktionen der Titanic versammelt, die der Republik oder wenigstens der distinguierten Leserschaft drei Jahrzehnte lang das Zwerchfell gekitzelt haben?
Vielleicht mit etwas Sachlichkeit. Redakteure aus allen Titanic-Epochen, nämlich Peter Knorr, Hans Zippert, Oliver Maria Schmitt, Martin Sonneborn und Mark-Stefan Tietze haben diesen Prachtband zusammengestellt. Man liest von den Anfängen, wie Robert Gernhardt, F.K. Waechter, Chlowig Poth und Co. die Zeitschrift "Pardon" verließen, um in einem neuen Heft auf all den Irrsinn in Staat, Politik und Gesellschaft zu reagieren. Und zwar nicht mit Borniertheit und erigiertem Zeigefinger, sondern mit Veräppelung in Strich und Wort und damit Demaskierung.
Ein Konzept, das mühelos über drei Jahrzehnte trägt. Aus den ersten zehn Jahrgängen gibt's u.a. eine "(Anti-)Faschismus-Revue", F.K. Waechters zeichnerische Zwiesprachen z.B. mit dem weiblichen Geschlechtsorgan, die ersten Anzeigenparodien ("Woran wir glauben - echtes Geld"), Hilke Raddatz' schönste Illustrationen der Adressaten der "Briefe an die Leser" und Eckhard Henscheids vielschichtige Betrachtungen der Psychologie von Fotograf und Modell bei der Aktfotografie. Mit der Wiedervereinigung kamen "Zonenkönig" Chlodwig Poth, Max Goldts erste Kolumnen, "die roten Strolche" um "Ziege" Scharping, die untertänigst bei "Oberförster" Kohl um die Macht anfragten, u.v.m. Zum Ende des Jahrhunderts zeichnen Greser & Lenz (Mahn-)"Male für alle", die garantiert nie gebaut wurden, packt Martin Sonneborn die SPD-Chefs telefonisch nach dem Labour-Sieg in England an ihrem Schwachpunkt, der Eitelkeit, und erklärt Jugoslawien "nachträglich" per Fax den Krieg. Zu den '00er-Jahren schließlich liest man Thomas Gsellas Ländergedichte, Fanny Müllers erfrischend andere Hausfrauenprosa, die Werbekampagne "Deutsche Wurst - alles andere ist Käse", die Abenteuer bei der PARTEI-Gründung und betrachtet die großartigen Themencartoons "Hier lacht der Betrachter".
Natürlich fehlen auch die bekannten Geschichten und Motive nicht, Bernd Fritz' Buntstiftsgeschmacksprobe bei "Wetten, dass ...?", Zonen-Gabi ("meine erste Banane"), Birne Kohl, Genschman und Martin Sonneborns Bestechungsfaxe, die dem Vaterland die WM 2006 einbrachten. Interessanterweise liest man die Aktionen nicht im Original, sondern Rückblicke der Autoren.
Dazwischen verklären die Herausgeber und Andere die Heftgeschichte, dass es eine Freude ist. So ordnet Mark-Stefan Tietze all die juristischen Klagen von Engholm, Katholischer Kirche, Stuckrad-Barre u.a. ein, was gleichermaßen über Intention der Titanic und Humorzustand der Kläger aufklärt. Dass bei manchen Artikeln der Autor verlorengegangen ist, und man über die Auswahl im Detail natürlich diskutieren kann, ist geschenkt.
Was ist's nun, was an der Titanic soviel Vergnügen bereitet? Humor als "Gegenmittel zur Angst" (Leo Fischer, amtierender Chefredakteur) oder Alternative zu "Politik und Bombenwerfen", um "auf all den Irrsinn zu reagieren, der einen so umgibt" (Martin Sonneborn, Vorvorgänger)? Wie auch immer, solange es die Titanic gibt, ist die Welt noch in Ordnung - irgendwo und irgendwie.