Walter Lords Titanic-Report ist ein gutes Buch. Ein gutes Buch deshalb, weil sich Lord selbst an einen von ihm aufgestellten Grundsatz hält. Diese Leitlinie umschreibt er folgendermaßen: "Ganz sicher wird man nie die Lösung für alle Rätsel der Titanic ergründen können. Das beste, was man machen kann, ist, die Beweise sorgfältig zu wägen und eine ehrliche Meinung abzugeben" (S. 206). Ein nüchtern-realistischer Ansatz zur Rekonstruktion des damaligen Geschehens. Diese realistische Darstellung mag mit ein Grund dafür gewesen sein, daß der Report auch für das Drehbuch des Titanic-Spielfims von 1958 mit Barbara Stanwyck in der weiblichen Haußtrolle Verwendung gefunden hat. Das Werk des amerikanischen Historikers - erstmals 1956 erschienen - ist zudem flüßig geschrieben und äußerst spannend zu lesen. Der Autor konnte Mitte der 50er Jahre noch Gespräche mit Überlebenden der Katastrophe führen. Deren Aussagen läßt er in seine lebendige Darstellung der Ereignisse einfließen. Zeitgenösssiche Fotos sowie Rißzeichnungen der Titanic bringen das Schiff und die Menschen auf ihm dem Leser noch näher. Lord gelingt es so, den Untergang des Liners, diese "klassische griechische Tragödie" (S. 196), plastisch vor Augen zu führen. Freilich enthält die mir vorliegende Auflage des Buches sprachliche Ungenauigkeiten, die die Bestnote ausschließen. Einige Beispiele sollen dies veranschaulichen. Auf S. 56 heißt es "Musikreisen" statt "Musikkreisen" und auf S. 58 "Schiffsbaum" statt "Schiffsbauch". Und was soll dieser Satz bedeuten: "Es war auch das Ende einer Zeit, die beim Beladen der Boote Rettungsboote auf Große Fahrt ging" (S. 119). Oder: "Es war auch das letztemal, daß ein Schiff ohne genügend Klassenunterschiede machte" (S. 120). Zudem ist es falsch, bei Dampfschiffen von "Motoren" (vgl. S. 64 u. 168) zu sprechen. "Maschinen" wäre der richtige Terminus. Auch der Satz, "beide Männer klammerten sich an" (S. 9), ergibt keinen Sinn. Schade, daß solche Nachlässigkeiten die Qualität des Buches etwas mindern. Ein spannendes Werk bleibt der Report trotzdem allemal.