Arnon Grünbergs neuester Roman "Tirza" beginnt unspektakulär. Der Protagonist Jörgen Hofmeester, Lektor für fremdsprachige Literatur an einem niederländischen Verlagshaus beschäftigt, bereitet Sushi und Sashimi für die quasi als Vorabend zu einer Afrikareise stattfindende Abiturfeier seiner Tochter Tirza vor, bis seine Frau im Bademantel in die Küche tritt...
Schnell erfährt der Leser mittels Rückblenden, wie Jörgen Hofmeesters Frau sechs Tage vor diesem Abend nach drei Jahren absoluter Abstinenz wieder vor der Tür stand und sich einfach so zurück in das Leben Jörgen Hofmeesters und seiner Tochter gedrängt hat. Dieses Ereignis, wie auch die Freistellung (bei vollem Bezug) als Lektor triggern in Jörgen Hofmeester den finalen Abbau seiner moralischen und persönlichen Werte.
Mittels permanenter Rückblenden wird man in den Sog der letzten knapp über zwanzig Jahre des Protagonisten gezogen. Jahre, in die die Bekanntschaft mit seiner Frau, die Geburt der beiden Töchter, das Zerwürfnis mit der älteren Tochter, das Verschwinden der Frau und das liebevolle, aber neurotische Kümmern um die jüngere Tochter Tirza, die Sonnenkönigin Jörgen Hofmeesters fallen.
Arnon Grünberg entwickelt dieses Portrait auf beeindruckende Weise; ohne viel in das Handeln seiner Protagonisten einzugreifen, lässt er diese mittels der Geschichte unkommentiert agieren. Das funktioniert wirklich blendend. Er zeigt, wie sich der generelle moralische Verfall und das provokativ sexuelle Verhalten von Hofmeesters Ehefrau, sowie eine Affäre seiner damals fünfzehnjährigen Tochter mit einem Mieter auf die folgenden Ereignisse auswirken. Hinweise, im ganzen Buch verstreut, die man erst mit der Kenntnis der letzten ca. dreißig Seiten als Hinweise wahrnimmt.
Die absolut inkonsequenten Vorwürfe, die auf jahrelang fehlende Kommunikation und unterschiedlichste Wünsche und Bedürfnisse im sexuellen Bereich deuten, mit denen sich Hofmeester nun täglich von seiner Ehefrau konfrontiert sieht, versucht er durch Nichtbeachtung zu verarbeiten, kann sich aber auch nicht wirklich dazu bringen, seine nach ihren sexuellen Eskapaden aus Mangel an anderen Möglichkeiten zu ihm zurückkehrende Frau, vor die Tür zu setzen.
Ein weiterer Störfaktor ist die Bekanntschaft Jörgen Hofmeesters mit Choukra, dem dunkelhäutigen Freund Tirzas, mit dem sie auf die sechsmonatige Afrikareise gehen wird. Jörgen Hofmeester sieht in Choukra ein Ebenbild Mohammed Attas, eine Spiegelung, die ihn wie im Wahn nicht mehr loslässt.
Als sich Tirza aus Namibia nicht meldet, begibt sich Jörgen Hofmeester auf eine irrationale Suchaktion in der Wüste Namibias, über die ich hier nicht mehr verraten möchte.
Somit entsteht im Kopf des Lesers ein beeindruckendes Psychogramm eines einerseits liebenden Vaters, andererseits zu sehr Besitz ergreifenden Vaters, eines hilflos unfähigen Ehemanns und Liebhabers, eines erfolglosen Lektors; eines Mannes, der immer versucht hat, es allen Recht zu machen, sich den Konventionen gebeugt hat, der letztendlich aber im Zusammenspiel einiger Faktoren an seiner Umgebung zerbricht.
Die letzten ca. dreißig Seiten dieses Romans haben mich regelrecht erschlagen, die Wucht, mit der Arnon Grünberg das Buch schließt, gehört, wie schon der ganze Roman, in eine ganz besondere Liga der Literatur. Arnon Grünbergs frühere Romane waren schon ausgezeichnet, "Tirza" geht noch einen großen Schritt weiter und ist große Literatur.