Frau kennt das: da produziert die BBC seit Jahren hochkarätige Dramen, basierend auf Klassikern der englischen Literatur und am Ende bekommt sich das Heteropärchen - hach, wie schön!
Abgesehen von dem doch eher langweiligem "Portrait of a marriage" gab es meines Wissens nach lange Zeit kein rein lesbisches "Period drama" der BBC, höchste Zeit also, diesen Mißstand zu beheben.
"Tipping the velvet" basiert auf dem gleichnamigen Roman von Sarah Waters, der im Deutschen unter dem Titel "Die Muschelöffnerin" veröffentlicht worden ist und reiht sich, was Ausstattung und Qualität der Darsteller angeht, wunderbar in die Reihe der großartigen BBC period dramas vom Schlage "Pride&Prejudice" oder "North&South" ein.
Erzählt wird die Geschichte des Austernmädchens Nan (Rachael Stirling), das sich bei einem Besuch im örtlichen Theater ihrer kleinen Provinzstadt in die Herren-Imitatorin Kitty (Keeley Hawes) verliebt und ihr nach London folgt. Die beiden werden als Duo zu großen Stars, ihre Liebesbeziehung geht jedoch bald in die Brüche, als Kitty beschließt, zu heiraten. (Einen Mann natürlich, das ganze spielt schließlich im viktorianischen England!) Diese Trennung ist für Nan einerseits ein großer Schock, allerdings nutzt sie diesen Schock, um ihre Sexualität zu erkunden und mit den Geschlechtern zu spielen. Sie verdingt sich als Strichjunge und wird sogar zum Lustknaben einer herrischen Adeligen (Anna Chancellor, Caroline Bingley aus der legendären "Pride&Prejudice"-Verfilmung), bis sie schließlich die Liebe ihres Lebens findet.
"Tipping the velvet" ist eine klassische coming-of-age-story, kombiniert mit coming-out-Elementen und lesbischen Liebesgeschichten. Dabei ist der Film verdammt sexy und scheut auch einige prickelnde Liebesszenen nicht, die auf Heterozuschauer vielleicht etwas verwirrend wirken können. ;-)
Im Gegensatz zu "Fingersmith", ebenfalls eine Sarah-Waters-Adaption, ist "Tipping the velvet" gerade heraus erzählt ohne Flashbacks oder bewußt falsch gelegte Fährten. Ein wenig mehr Spannung hätte hier und da schon sein dürfen, wirkliche Langeweile kommt aber nicht auf.
Besonders schön ist das erste Treffen von Nan und Kitty im Theater gestaltet, die Szene, in der Nan Kitty das erste Mal auf der Bühne sieht, als diese ihre Rose ins Publikum wirft. Zauberhaft ist das geworden, wie eine Szene aus dem Märchen.
Was mich beim Sehen ein wenig gestört hat, war Rachael Stirlings tiefe Alt-Stimme, mit der sie die Handlung aus dem Off kommentiert. Diese Kommentare aus dem Off wirken manchmal störend, wenn nicht gar unnötig platt und man hätte gut auf sie verzichten können.
Alles in allem fand ich "Tipping the velvet" nicht ganz so packend und spannend wie "Fingersmith", aber dennoch bietet dieser Film gute Unterhaltung für alle Fans der period dramas der BBC, ganz gleich ob homo oder hetero.