Gleich die ersten zwei Sätze finde ich genial: "Tintin war nie mein Freund. Jedenfalls nicht so, wie Donald, Spirou oder Lucky Luke meine Freunde waren." Zu meiner Tintin-Phase als Kind hätte ich das noch nicht so eloquent begründen können wie Seeßlen, aber es stimmt schon: Man bewundert die Comics für die schiere Meisterschaft der Erzählkunst und der Zeichnungen - aber die emotionale Anteilnahme hält sich in Grenzen. (Es gibt Ausnahmen, v.a. in "Tim in Tibet", dessen letztes Bild für mich eine der schönsten und berührendsten Comic-Zeichnungen überhaupt ist.)
Entsprechend pendelt Seeßlens Buch zwischen Würdigung und distanzierter und vor allem: ideologiekritischer Analyse. Und dieser Ansatz hebt sich wohltuend ab von der sonst recht affirmativen Tintin-Literatur. Dass das Frühwerk, vor allem "Tim im Lande der Sovjets" und "Tim im Kongo", unverhohlen chauvinistisch und rassistisch ist, gestehen zwar auch Tintologen schmerzhaft ein, aber Seeßlen trennt diese Frühwerke nicht von den späteren Heften, sondern untersucht das Hergé'sche Weltbild im Ganzen auf Wandlungen wie auf Kontinuitäten. Ich hielt George Remi bisher immer für eine Art Thomas Mann des Comics - also für jemanden, der nach furchtbar reaktionären Jugendsünden einen echten Erkenntnisprozess vollzieht und zu einer aufgeklärt-humanistischen (und vor allem: antifaschistischen) Position findet. Aber Seeßlen zeigt, dass davon bei H. höchstens in Ansätzen die Rede sein kann.
Das Buch teilt sich ein in eine Biografie Hergés, eine "Passage durch die Alben" mit der für Seeßlen typischen Mischung aus Nacherzählung und Analyse, danach Abhandlungen zur Ligne claire und zu Tintin in verschiedenen Medien und schließlich eine umfassende "Durchleuchtung" der Figur und ihrer Welt im Schlusskapitel (inkl. Kapitel zum Film).
Etwas wenig liefert Seeßlen zu Kapitän Haddock - der mit Abstand interessantesten Figur im Tintin-Kosmos (und auch der einzigen, zu der man doch stärkere Empathie aufbaut). Zum Beispiel zu dessen enthusiastischem Alkoholismus - der auch im Spielberg- Film erfreulicherweise voll erhalten bleibt - schreibt S. kaum etwas. Ebensowenig zu Haddocks berühmter "Opfer-Szene" in
"Tim in Tibet", wo die Freundschaft zwischen Haddock und Tintin eben mehr ist als nur eine "rhetorische Geste". Und schließlich hätte mich noch ein Exkurs darüber interessiert, dass die einzigen Gesetzeshüter der Serie, die Schulzes, zwei komplette Vollidioten sind.
Doch trotz der paar Lücken ist dieses Buch eine tiefgründige Analyse, die auch überaus spannend zu lesen ist. Und dass Seeßlen auch ein Fan von meinem Lieblingsband "Die Juwelen der Sängerin" ist - dem Kammerspiel, in dem auf höchst amüsante Weise gar nichts passiert - freut mich natürlich auch.