"Tintenherz" ist ein gelungenes Spiel mit den Ebenen von Fiktion und Realität, kann aber dennoch nicht ganz Schritt halten mit Cornelia Funkes bisher größtem Wurf, dem "Herrn der Diebe". Der Vergleich mit "Harry Potter" führt erst recht in die Irre. Die sehr geradlinig erzählte und alles in allem etwas vorhersehbare Geschichte um aus dem Buch "Tintenherz" herausgelesene Unholde, die drei Büchernarren in Bedrängnis bringen, wird in punkto Tempo und Dynamik von beiden abgehängt.
Ausgelöst werden die dramatischen Ereignisse durch den Feuerartisten Staubfinger, der den Buchrestaurator Mo und dessen Tochter Meggie vor der Bedrohung durch den Bösewicht Capricorn warnt und sie damit zum Verlassen ihres Wohnortes nötigt. Capricorn ist der Anführer einer Verbrecherbande, die vor langer Zeit aus dem Buch "Tintenherz" in die Welt der Autoren und Leser gelangt ist, da Mo und Meggie (ACHTUNG: SPOILER) über die Fähigkeit verfügen, Figuren durch ihre Stimme in ihre Welt zu lesen. So ist vor vielen Jahren, parallel zu Capricorns Auftauchen, auch Meggies Mutter verschwunden. Capricorn sucht nun nach Mo, damit dieser ihm aus Büchern wie etwa der "Schatzinsel" Reichtümer herbeilesen kann. Außerdem lässt Capricorn alle "Tintenherz"-Bücher vernichten, damit niemand über ihn bestimmen kann. Durch den Verrat des von Capricorn erpressten Staubfinger geraten Mo, Meggie und deren Großtante Elinor (bei der Mo das letzte "Tintenherz"-Exemplar verstecken wollte) in die Gewalt Capricorns, der ein verlassenes Bergdorf zu seinem Hauptquartier umfunktioniert hat. Nachdem ihnen die Flucht gelungen ist, suchen Mo und Meggie Fenoglio, den Autor von "Tintenherz", auf. Vielleicht, so die Hoffnung, weiß er einen Ausweg. Die Handlung dreht sich dann im Kreise, da nacheinander alle außer Mo erneut in Capricorns Gewalt geraten. Durch eine List gelingt Fenoglio und Meggie in einem dramatischen Finale schließlich der Sieg über die Mächte der Finsternis.
Eine beachtliche Schwäche des Buches sind eine ganze Reihe von Logiklöchern. Dass sich Mo, Meggie und Elinor offensichtlich auf den Weg nach Italien gemacht haben und hier durch keinerlei Sprachbarrieren eingeschränkt sind, mag man im Blick auf ein jugendliches Publikum noch verzeihen; für die inkonsequente Art und Weise, in der Funke den magischen Vorgang des Herauslesens gestaltet hat, gilt das schon weniger: Mal verschwindet eine Figur aus der realen Welt, während gleichzeitig eine fiktive Figur in sie hereingelesen wird, mal nicht (z.B. beim Erscheinen von Tinker Bell). Noch ärgerlicher: In einer Szene taucht Elinor mit einem Polizeibeamten in dem verwunschenen Dorf auf, über das Capricorn herrscht, hat diesem aber nur etwas von einer Entführung berichtet. Wenig später ist es für den Fortgang der Handlung wichtig, dass Elinor Capricorn glauben macht, dass sie von Mos Ermordung überzeugt ist. Capricorn hätte diese Lüge sofort durchschauen müssen. Niemand zeigt bei der Polizei schließlich eine Entführung an, wenn er vom Tod des oder der Entführten überzeugt ist; er zeigt dann einen Mord an. Nur ein Dummkopf, wie Capricorn keiner ist, hätte also Elinors Lüge nicht sofort durchschaut. Und Elinor kann eigentlich auch nicht dumm genug sein, sie zu riskieren.
Das sind nur zwei Beispiele für Ungereimtheiten, die ein guter Lektor eigentlich hätte ausmerzen müssen. Aber das ist es nicht allein, was Abstand davon nehmen lässt, diesen Fantasy-Roman für rundum gelungen zu halten. Seine größte Schwäche ist die Eindimensionalität der Schurkenbande um Capricorn. Nirgends sind Brüche oder Erklärungsmuster für dieses abgrundtief Böse zu erkennen. Die Schurken sind einfach nur deswegen böse, weil sie so gemacht sind. Das macht Capricorn und seine Genossen zu langweiligen Schwarzflächen in der Geschichte. (Immerhin sieht Fenoglio diesen Fehler auch ein.) Zu bemängeln sind auch längere Passagen ohne die geringste Spannung, insbesondere in der ersten Hälfte des Buches, die vergleichsweise handlungsarm ist. Zwar folgt man den gut und stimmig konturierten Figuren auf ihrem Weg in Capricorns Dorf gern; doch es gibt zu weniges, das in dieser Phase die Aufmerksamkeit des Lesers fesselt. Solche Spannungsdefizite gibt es in "Tintenherz" leider immer wieder. Erfreulicherweise entschädigt das Ende dafür.
Positiv zu verzeichnen sind ferner die liebevolle Gestaltung des Buches und die Referenzen zu anderen Werken der Kinder- und Jugendliteratur (ein Zitat steht jedem Kapitel als Motto vor), durch die sich auf den Leser etwas von der Faszination überträgt, die Bücher nicht nur auf Meggie, Mo und Elinor, sondern zweifellos auch auf ihre Erfinderin ausüben.