Kurzbeschreibung
Der Autor über sein Buch
Klappentext
Über den Autor
PD Dr. med. Gerhard Hesse, Facharzt für HNO Heilkunde studierte Physik und Medizin in Hannover. Er leitet die bundesweit einzigartige Tinnitus-Klinik in Bad Arolsen.
Privat Dozent Dr med Hesse hat zahlreiche Beiträge zur Innenohrforschung sowie zur Elektrophysiologie der Hörbahn- und Tinnitustherapie veröffentlicht und unterhält Lehrtätigkeiten an der Universität Witten. Er hat sich habilitiert über objektive Diagnosemöglichkeiten in der Hörwahrnehmung und über Alterschwerhörigkeit
Auszug aus Tinnitus, Leiden und Chance von Helmut Schaaf, Gerhard Hesse. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Die Auseinandersetzung mit dem Tinnitus ist ein wichtiger Schritt zum Leben mit der Erkrankung.
Wer über Ursachen und Auswirkungen der Ohrgeräusche informiert ist, der kann lernen, die Angst beim Tinnitus zu überwinden, den Tinnitus anzunehmen und vor allen Dingen den aufreibenden Kreislauf zwischen Leiden, dem Leiden am Tinnitus und der sich ständig stärkenden Aufmerksamkeit zu beenden.
So ist die Kenntnis über die Vorgänge im Ohr und im Gehirn eine wichtige Voraussetzung für den wirkungsvollen Umgang mit dem Ohrgeräusch.
Tinnitus ist immer ein Symptom!
Wichtig zu wissen ist, dass Tinnitus immer ein Symptom, ein Zeichen einer Veränderung im sogenannten hörverarbeitenden System ist.
Tinnitus ist nie die Krankheit selbst!
Auch bei gesunden Menschen ist ein Tinnitus wahrscheinlich als Grundrauschen vorhanden, er wird meist nur nicht als solcher wahrgenommen und - was wichtiger ist - dauerhaft beachtet.
Setzen sich Menschen etwa in einer schalldichten Kammer absoluter Stille aus, so entsteht innerhalb kurzer Zeit ein akustischer Eindruck. Das liegt daran, dass das Innenohr wegen seiner ständig aktiven Sinneszellen seit der Geburt ein sehr lauter Ort ist. In etwa vergleichbar ist dies mit einer Ton-Anlage, die beim Stromeinschalten ein durchaus hörbares, meist leises Grundrauschen hat.
In der Regel werden - beide - Grundmuster im hörverarbeitenden System als Ruhe gedeutet und über-hört. In absoluter Stille ist das Rauschen aber wahrzunehmen, wenn man hin-hört. Erst wenn der Strom ausgeschaltet wird, ist absolute Ruhe, dies gilt - vergleichbar - auch für das Ohr.
Wenn sich in der Hörwahrnehmung etwas ändert, kann dies als Tinnitus empfunden werden. Dazu kann ein mehr oder weniger schwerer Schaden im Innenohr führen. Aber auch ohne organische Veränderung, bei bestem Hörvermögen, kann eine Senkung der Wahrnehmungsschwelle für das ganz normale Grundrauschen entstehen. Dies ist z.B. möglich, wenn die inneren Hörfilter geschwächt oder aufgebraucht sind, wenn wir nach Arbeitsüberlastung ent-nervt sind oder zu viel (Stress) um die Ohren hatten.
Bei kleinen organischen Änderungen, wie leichten oder langsam hinzugekommenen Hörverlusten, ermöglichen es meist zahlreiche Hör-Filter, Änderungen dieses Grundmusters als veränderten Höreindruck wegzufiltern und nicht ins Bewußtsein gelangen zu lassen.
Bei chronischen Tinnitus-Eindrücken liegen fast immer Schädigungen im Innenohr (Lärmschäden, Hörsturz), Schwankungen in der Flüssigkeit des Innenohres oder Übererregbarkeiten oder Fehlsteuerungen bei den Nervenaktivitäten im Innenohr vor.
Entscheidend für das Tinnitusleiden ist, unabhängig von der Art der Tinnitusentstehung, wie sehr sich die Betroffenen durch das Ohrgeräusch gestört fühlen.
Wie kommt es zum Leiden am Tinnitus?
Das ABC der Hörwahrnehmung
Im Laufe der Entwicklungsgeschichte des Menschen war es erforderlich, sich neu auftretenden Geräuschen sofort und in höchster Alarmbereitschaft zuzuwenden. Für Menschen, die vor geschichtlich noch gar nicht allzu langer Zeit um ein Lagerfeuer saßen, war es sogar überlebenswichtig, beim Knacken eines Astes sofort hin-zuhören, ggf. aufzuspringen, anzugreifen, zu fliehen, oder wenn alles nicht mehr möglich war, sich tot zu stellen.
Nur wenn etwas Bekanntes oder Vertrautes identifiziert werden konnte, durfte sofort Entspannung einkehren, ansonsten musste man sich mit dem Neuen vertraut machen oder einen ungefährlichen Umgang finden.
Die Information über den Tinnitus und das
"Sich-vertraut-machen" mit den Ursachen und Auswirkungen des Tinnitus ist daher eine wichtige Grundlage, um den aufreibenden bewerteten Kreislauf zwischen Tinnitus und Aufmerksamkeit beenden zu können.
Sonst wird dieser Kreislauf immer eingefahrener und kann dazu führen, dass der Tinnitus nicht überhört werden kann.
Wenn der Tinnitus in einer krisenhaften Situation in die Wahrnehmung rückt, vermuten wir als Ursache der verstärkten Tinnitus-Wahrnehmung eine Schwächung der Hörfilter.
Hörfilter sind Funktionssysteme, die gewohnte oder nicht notwendige Töne und Geräusche unterdrücken und ablenken, bevor sie in die Wahrnehmung kommen können.
Ein Beispiel dafür ist die Uhr, die 24 Stunden tickt, in der Regel aber nicht tickend wahrgenommen wird, obwohl sie laut genug ist, um gehört zu werden.
In beiden Fällen entsteht ein Kreislauf mit sich verstärkenden Elementen, die Energien und Ressourcen des Gesamtorganismus benötigen und verbrauchen!
· Der Tinnitus verstärkt die zunehmend krankhaft werdenden Reaktionen, die anwachsende psychische Not verstärkt die Tinnitus Lautheit.
· Erfolgt kein bewußter oder unbewußter Stopp kann dies - konsequent weitergedacht und beobachtet - in einer totalen Erschöpfung enden.
In beiden Fällen hilft zur Ab- und Aufklärung ein - möglicherweise wiederholtes - Gespräch mit einem kundigen Experten und - so wünschen wir, ein wesentliches Stück weit die Lektüre dieses Buches.
Nicht zuletzt könnte spätestens hier der Kontakt zur Deutschen Tinnitus-Liga aufgenommen werden, die über Selbsthilfe Gruppen informiert und Basisinformationen zur Verfügung stellt (s. auch Anhang).
So ist auch ein chronisches Ohrgeräuschleiden
kein Grund zur Mut- und Hoffnungslosigkeit!
Hilfen und Therapien sind möglich!