Ich kann das Geschrei um dieses Buch nicht verstehen, weder das positive noch das negative. Die Story schwankt über 400 Seiten hinweg beharrlich zwischen „hoch einfallsreich" und „absolutem Schwachsinn".
Hätte ich die ersten 180 Seiten von Timeline bewerten müssen, ich hätte ohne zu zögern 5 Sterne vergeben. Das Einstiegsszenario ist klasse und die wissenschaftliche Erklärung für das Phänomen der Zeitreise, die Crichton hier ersonnen hat, ist überaus interessant obwohl ich natürlich nicht beurteilen kann ob sie realistisch ist.
Das Niveau sinkt jedoch bedenklich, wenn die 3 unerschrockenen Historiker (Chris, André, Kate) ins Jahr 1357 zurückreisen um ihren Professor aus den Wirren des 100 jährigen Krieges zwischen Frankreich und England zu befreien. Traurig, aber leider wahr: die Hauptcharaktere sind mies! Ihre Reaktionen und Handlungen sind einfach nicht nachvollziehbar. Sie verlieren nie die Nerven und finden aus jeder Situation mit Leichtigkeit einen Ausweg, egal wie viel Blut ihnen entgegenspritzt. Am sympathischsten fand ich noch Sonnyboy Chris, der wenigstens zuweilen an Nervenflattern leidet. Wenig zimperlich sind sie jedoch alle, wenn sie (zum xten Mal!) annehmen, dass einer ihrer Kameraden die letzte Prügelei wohl nicht überlebt hat. Dialoge wie Chris: „Wo ist André?" Kate: „Ich glaube, er hat es nicht geschafft!" Chris: „Oh...." haben mich schier zur Weißglut gebracht. Die Tatsache, dass der Todgeglaubte 5 Seiten später quicklebendig zur Rettung seiner Spießgesellen naht, hat mich wenig über diese Gefühlskälte hinweggetröstet.
Ansonsten muss ich zugeben, dass die Story dank einiger Cliffhanger recht flüssig zu lesen war, auch wenn die Spannung manchmal etwas gar konstruiert wirkte. Und wenn Zeit-Jediritter André Marek im Alleingang ein paar bis auf die Zähne bewaffnete Ritter verkloppt oder Katzenfrau Kate ohne Seil Steinwände hinaufklettert und zwischen Holzgewölben hin und her springt wie eine Zirkusartistin, dann ist das vielleicht unterhaltsam, glaubhaft ist es jedoch mit Sicherheit nicht. Man hätte sich zudem ein bisschen mehr geschichtlichen Hintergrund und ein bisschen weniger abgetrennte Körperteile gewünscht.
Einige Leser finden den Schluss vorhersehbar. Nun, um ehrlich zu sein, ich hätte etwas derart Einfallsloses nicht vorhergesehen und war deshalb doppelt enttäuscht. Mein Fazit: wer eine unterhaltsame, kurzweilige Strandlektüre sucht, ist mit Timeline gut beraten. Wer sich Charaktere mit Tiefgang und eine anspruchsvolle Story wünscht, sollte besser die Finger davon lassen!