Henry ist eine "chrono-displaced person": Er wurde mit einem genetischen Defekt geboren, der ihn gelegentlich (bevorzugt in einem psychisch unausgeglichenen Zustand, Stichwort: Sehnsucht!) für eine begrenzte Zeitspanne an einen anderen Punkt in unserem Zeit-Raum-Kontinuum versetzt. Das sind bevorzugt Punkte, zu denen er eine seelische Bindung hat, Orte des Verlustes, der Angst und der Sehnsucht, zu denen es sein "unruhiges Herz" immer wieder hinzieht. Transferiert wird nur Henrys Körper, was er am Leibe trägt, bleibt zurück, seien es Kleider, Zahnplomben, Taschen usw. Diese Tatsache bringt enorme Schwierigkeiten mit sich -- aber innerhalb der Bildhaftigkeit dieses "genetischen Defekts" paßt es hervorragend, daß er jedesmal nackt und vollkommen mittellos auf sich selbst gestellt ist. Er wird immer wieder zurückversetzt, so daß diese Krankheit Ähnlichkeit mit anderen Anfallsleiden hat. Manchmal "verschwindet" er nur für Minuten, manchmal Stunden, manchmal für einen längeren Zeitraum; allerdings stimmen der Zeitraum, in dem er aus seine "synchronen" Leben verschwindet, und die Dauer des "Aufenthaltes" in anderen Situationen nicht überein. Und er kann sich selbst begegnen.
Als Henry 6 Jahre alt wird, verunglückt seine Mutter mit ihm im Auto -- während sie stirbt, rettet ihn sein genetischer Defekt "instinktiv". Doch das Gefühl der Schuld, das Menschen heimsucht, die eine gefährliche Situation überlebt haben, während andere starben, versetzt ihn in den unterschiedlichen Lebensaltern immer wieder an diesen Punkt seines Lebens. Er ist derjenige, der die Polizei ruft, der sich um dies und das kümmert -- aber den Unfall kann er nicht verhindern.
Im Alter von 28 Jahren, als leicht abgestürzter Typ begegnet er Clare, die ihn zu kennen und schon lange in ihn verliebt zu sein scheint. Bei einem Essen offenbart ihm Clare, daß sie ihn seit ihrem 6. Lebensjahr kennt, daß sein älteres Ich sie auf seinen "Zeitreisen" immer wieder besucht hat, weil er später mit ihr verheiratet sein wird.
Henry und Clares Schicksal erfüllt sich, wenn man ihr(e) Leben jeweils als Ganzes betrachtet. Es ist bei aller Tragik voller Lebenfreude und Hoffnung.
Man muß sich auf die Geschichte einlassen, auf die beiden (einander weitgehend abwechselnden) Ich-Erzähler Henry und Clare, die einem ihre Gedanken und Gefühle in dieser für Nicht-Betroffene absurd erscheinenden Situation rückhaltlos offenbaren, wie sie sich auch einander ebenso rückhaltlos offenbaren.
Audrey Niffenegger benutzt einen sehr klaren, schnörkellosen amerikanischen Stil, keineswegs mainstreamig simpel, sondern immer durchsetzt mit Anspielungen, Bildern, Sprachspielen, fremdsprachlichen Elementen, Einsprengseln und Zitaten aus Dichtung und Musik -- es ist schier unmöglich, das "lückenlos" ins Deutsche zu übertragen. Nicht daß unsere Sprache mangelhaft wäre im Verhältnis zum (amerikanischen) Englisch, beide Sprachen transportieren unterschiedlichen, gesellschaftlich und kulturell bedingte Informationen. Mir ist sicherlich unendlich viel durch die Lappen gegangen angesichts der hohen Dichte von Niffeneggers Sprache und Stil, das fiel mir immer dann auf, wenn mich etwas überraschte. Kein Wunder, daß die deutsche Übersetzung gegenüber dem Original stark abfällt.
"The Time Traveller's Wife" erscheint als Parabel über das Leib-Seele-Verhältnis, über Schicksal und Freiheit und über die Maßlosigkeit der Liebe. Und als solches war der Roman für mich eine der Entdeckungen des vergangenen Jahres!