Kapitulation steht in grossen Lettern eingeritzt in der Zellenwand. Da ist jemand müde von der ständigen Suche nach dem Sinn des Lebens und vom unendlichen Sehnen nach Liebe. Die häufigste Phrase dieser Platte lautet deshalb „I don't know". Die Texte sind einfach. Zu keiner Zeit, auf keiner Platte hat Dylan je so einfache Worte gewählt. Nichts scheint dylanesk. Kein
Hirnf..., kein Literatenlatein, keine Mystik, überhaupt keine Strebsamkeit. Die Reime sind vorhersehbar und werden auch absichtlich mit grossen Pausen gesungen, so dass man sie im Kopf schon vorher beendet hat („that's alright mamma you, you gotta do what you gotta ... do). Er zitiert häufig benutzte Worte aus den amerikanischen Blues-Songs, wie „waiting for a train", „lonesome roads", "deep muddy water", um das Bild des Einsamen zu implizieren. Immer ist er unterwegs („walking" / „going" / „went to") und die amerikanische Landschaft "Missouri", "New Orleans", "Baltimore", "Bostontown" zieht an uns vorbei. Diese Begriffe und Bilder sind uns seit Ur-Zeiten bekannt. Es ist das Bild des 400 Jahre alten Amerika und Dylan hält auf seinem Streifzug scheinbar die Zeit an ("I know it looks like I'm moving, but I'm standing still"). Nicht umsonst heißt das Album "Time out of mind". Dylan begreift sich ohne Anmassung als Teil dieses Amerikas: „When I'm gone you will remember my name". Dylan muss sich und anderen nichts mehr beweisen. Er kann ganz in der Tradition seiner Vorbilder aufgehen. Seine Stimme benötigt längst keine wortgewaltigen und -gewandten Geschichten mehr um gehört zu werden. Seine Stimme erzählt die Geschichten, zu denen er nur noch eine bildhafte Sprache braucht.
Wie auch gleich im ersten Song. Einer geht, und er ist liebeskrank, und die Liebste geht ihm nicht aus dem Kopf, und die Schatten, die ihn umgeben, deuten seine Krankheit. Fertig. "Lovesick". Nicht eine famose Wendung. Nicht eine überraschende Umschreibung. Kein Wort das blitzt. Er ist liebeskrank und das macht ihn sprachlos. Oder wie es später heissen wird: "I was alright 'til I fell in love with you".
Und immer wieder kommt er auf die Zeit und sein Alter zu sprechen. Er stellt fest, dass „yesterday everything was going too fast, today it's moving to slow". Er sieht jüngere Leute tanzen und würde natürlich gerne mit ihnen tauschen. „I wish someone would turn back the clock for me" heißt es im finalen "Highlands". So zieht er weiter auf seiner Never - Ending - Tour und läßt uns wissen: "I've been all around the world boys and now I'm trying to get to heaven before they close the door". Dylan klingt, als ob er vorsichtig den Tod begrüßen würde. „It's not dark yet, but it's getting there" singt er. So muß es sein, das Warten im Todestrakt. Dead man walking. Auf Hoffnung und Trost muss der Zuhörer bis zum finalen Stück „Highlands" warten. Er sei in seinem Kopf bereits dort, in den Highlands, heißt es nach 16 (!) wie nichts verflossenen Minuten und das sei für den Augenblick genug. Der Refrain ist übrigens an einen der ältesten überlieferten Folksongs angelehnt. Dass er so scheinbar unschuldig die Straßen in Boston durchwandert, hier wo die amerikanische Republik einen ihrer Anfänge hatte und die Art wie er sich beiläufig wundert, dass das Restaurant so leer sei („well it must be a holiday"), zeigen einmal mehr, dass Dylan hier auch leicht eine andere Geschichte hätte erzählen können. Aber da er noch einige Zeit in seiner Zelle zubringt, muss er ja nicht gleich alle Geschichten erzählen.
Man muss Produzent Daniel Lanois (u.a. U2), sonst für seine glatte Produktion bekannt, für seine Zurückhaltung danken. Er diente dem Meister im wahrsten Sinne des Wortes. Dieser elektrische Blues wurde größtenteils live eingespielt und klingt improvisiert, roh und unfertig. Sie passt zu Dylan's Stimme, obwohl es auf diesem Album keine verschluckten Endsilben, kein Nuscheln und kein Genöle gibt.
Mit diesem Album hat jetzt auch meine Generation ihre Dylan-Scheibe. Sympathie for the old devil.