Der ehemalige ANGRA-Sänger Andre Matos ist bei Metal-Fans bekannt und beliebt, weil aufgrund seiner technisch nahezu perfekten Stimme viele Musikstücke fast im Alleingang tragen kann. Deshalb war er seinerzeit neben James LaBrie (DREAM THEATHER) auch in den Top 3 für die Nachfolge von Bruce Dickinson bei IRON MAIDEN und wird auch gerne immer wieder für Power Metal Projekte wie AVANTASIA oder AINA gebucht.
Ich kenne Andre Matos in erster Linie von seinem Projekt VIRGO mit Sascha Paeth, der auch bei Matos' Soloalbum zusammen mit Roy Z für die Produktion veranwortlich war. Bei VIRGO war es zwar nicht der gleiche Metalsound, der jetzt bei "Time To Be Free" vorherrscht, aber seine Stimme hat mich da schon fasziniert. Denn sowohl mit ANGRA als auch den anderen musikalischen Stationen VIPER und SHAAMAN kann ich nicht so viel anfangen.
Für sein erstes Soloprojekt hat sich Andre Matos mit einigen seiner Kollegen der vorgenannten Bands verstärkt, deshalb ist Zusammenarbeit ein bisserl wie "Heimkommen".
Am Anfang von "Time To Be Free" steht ein "Menuett", das auf seine Ausbildung in orchestralem Dirigieren und Komponieren zurückzuführen ist, die der Brasilianer im Anschluss an sein Engagement bei VIPER absolvierte. Ein Touch von RONDO VENEZIANO, bis das Intro in "Letting Go" explodiert, wenn Eloy Casagrande seine Fähigkeiten am Schlagzeug beweist. Der Junge ist eine echte Entdeckung, beherrscht sein Instrument phänomenal und ist dabei aber erst 16 Jahre alt! Die Doublebase glüht, während Andre Matos in einer dennoch ruhigen und souveränen Art den sehr melodiösen Gesangspart zelebriert. Der Opener ist sehr abwechslungsreich, fasziniert mit symphonischen Zwischenstücken und zieht mich sofort in seinen Bann, obwohl ich wie erwähnt kein Freund von zu schnellen Metalsongs bin. Bei "Rio" begeistert mich das immer wiederkehrende Anfangs-Gitarrenmotiv und der folkloristische Mittelteil (da sieht man die Capoeira-Buben förmlich vor sich), insgesamt wirkt trotz streckenweiser Ähnlichkeit zu IRON MAIDEN-Songs der Titel etwas gehetzt. Wohltuend beginnt "Remember Why" mit einem Dudelsack und Orchester, hält die Spannung auch in den schnelleren Passagen und ist sicher einer der Anspieltipps. "How Long (Unleashed Away)" ist dann ganz im Stile von EDGUY, während das folgende "Looking Back" der sicherlich kommerziellste Song ist. Vielleicht etwas schnell und bombastisch im Schlussteil, aber absolut radiotauglich, einfach schön! "Face The End" ist dann eines der ruhigeren Stücke, erinnert mich teilweise sogar an MAGNUM, ich bin wieder mal fasziniert von der orchestralen Instrumentierung. Der anschliessende Titelsong ist die erste von zwei ewig langen musikalischen Kurzgeschichten, die sich sehr variabel durch die 8 1/2 Minuten zieht. Nach dem progressiv angehauchten "Rescue" folgt dann der zweite Song mit Überlänge, "A New Moonlight". Dieser ist ja ursprünglich 1989 auf dem VIPER Album "Theatre Of Fate" erschienen und verbreitet über knapp 9 Minuten eine spannende Atmosphäre, wie sie in vielen älteren QUEEN-Songs üblich war. Gefällt mir ausgesprochen gut. Mit "Endeavour", einer schlichten, aber schnellen Metalnummer, endet das Album, das für mich eine echte positive Überraschung war.
Das Album wurde ja bereits Ende letzten Sommers in Japan veröffentlicht, schön, dass wir in Europa jetzt auch zugreifen können.