Kurzbeschreibung
Klappentext
Das zeigen die bekannten Wolfs- und Hundeexperten Günther und Karin Bloch und legen mit dieser einmaligen Dokumentation die Krone ihrer durch namhafte Wissenschaftler unterstützten Arbeit vor. Elf Jahre lang haben sie in kanadischen Nationalparks wild lebende Wölfe in ihrer natürlichen Umgebung beobachtet, ihr Verhalten dokumentiert und in Fotos festgehalten. Hier wurden nicht "zahme" Gehegetiere, sondern wirklich wilde und vom Menschen unbeeinflusste Wölfe ins Visier von Feldstecher, Kamera und Notizblock genommen. Die Ergebnisse dieser Arbeit bringen überraschende Erkenntnisse über das Wolfsverhalten und revidieren Wesentliches von dem, was wir bislang über Wölfe zu wissen glaubten. Ein gesondertes Kapitel eröffnet neue Perspektiven auf das Verhalten unseres Haushundes, den "Wolf im Hundepelz". Auch dem Verhalten von Herdenschutzhunden ist ein eigenes Kapitel gewidmet.
Über den Autor
Auszug aus Timberwolf Yukon u. Co. Elf Jahre Verhaltensbeobachtung an freilaufenden Wölfen. von Günther Bloch. Copyright © 2002. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Wir stellten uns natürlich die Frage, warum Leittiere nicht immer voranlaufen und beobachteten von nun an das kommunikative Verhalten der Wölfe erheblich genauer. Nachdem wir sogar den jungen Yukon mehrmals bei der Führung der gesamten Gruppe beobachteten, erkannten wir, dass er immer nur bis zu einer Weggabelung voranlief. Dann blieb er stehen und schaute sich etwas hilflos nach Storm und Aster um. Storm trat aus der Spur, wählte an der Kreuzung kommentarlos z.B. die linke Richtung und schritt voran. Manchmal trat Storm in einer ähnlichen Situation auch einfach nur ein oder zwei Schritte vor, schaute in die seiner Meinung nach einzuschlagende Richtung und wies Yukon auf diese Weise den Weg. Mit der Zeit lernten wir, dass sich das Bowtal Rudel sogar regelmäßig Führungsaufgaben teilte. Dann gingen die juvenilen Yukon und Nisha voran und die Leittiere sparten dadurch wertvolle Energie. Diese Erkenntnis verblüffte uns und warf das bisher propagierte Alphasystem total über den Haufen. Einen Tag später wurde es dann noch interessanter. Yukon führte wieder die Gruppe an und geriet vor Überquerung der Parkstraße in eine sichtliche Konfliktsituation. Er stoppte und schaute sich abermals nach seinen Eltern um. Diesmal trat Storm von hinten an Yukon heran und stupste ihn mit der Nase in seine gewünschte Richtung. Wir wurden Zeuge einer neuen Variante von Führungsstil eines wirklich souveränen Leitrüden. Storm blieb im Hintergrund und leitete die Gruppe trotzdem.
Zwischenfazit: Leittiere brauchen nicht permanent die Frontlinie zu bilden, um die anderen Tiere zu leiten. Ein neuer Begriff ist geboren: die Zentralpositionsführung. Wie kann man sich das Etablieren und Dirigieren aus einer zentralen Position nun vorstellen? Nun, ganz einfach, wenn man sich bildlich den Aufbau und die Führung eines Fußballspiels vorstellt. Ein guter Mittelfeldspieler mit Übersicht denkt und lenkt die Mannschaft aus einer zentralen Position heraus. Man kann zum Beispiel in Fußballmannschaften Szenen beobachten, wo die zentrale Persönlichkeit weit zurückhängend abwartet, um die anderen Spieler im entscheidenden Moment besser einsetzen zu können. Dies ist eine mögliche Erklärung, wie die Führung einer Wolfsfamilie zumindest in einzelnen Fällen abläuft.
Von nun an begannen wir, die These der Zentralpositionsführung quantitativ nachzuweisen. Und siehe da, die Verhaltensmechanismen eines sehr variablen Führungsstils aus der zentralen Position glichen sich dann doch wieder. Zwar variierte die Führung der Gruppe je nach Umstand individuell, ein Konzept blieb aber trotz der vorübergehenden Leitung durch jugendliche Tiere klar erkennbar. Yukon oder Nisha waren mittlerweile 10 1/2 Monate alt, führten die Gruppe oft an und es schien eigentlich innerhalb des Kernterritoriums überhaupt keine Rolle zu spielen, wer letztendlich führte. Schließlich kannten sich auch die beiden Jungwölfe im Kerngebiet ihres Reviers bestens aus.
Im nächsten Schritt definierten wir nicht nur die Distanz, welche die Wölfe entlang der Parkstraße zurücklegten, sondern auch wer die Gruppe wann führte. Um vergleichbares Datenmaterial zu erhalten, kalkulierten wir eine Wegstrecke von mindestens einem Kilometer Länge und notierten dann, wer die gesamte Wolfsfamilie in dieser Zeit wie oft leitete.
Schon die nüchternen Zahlen erstaunten uns außerordentlich. Insgesamt beobachteten wir die komplette Wolfsfamilie 24 x (100%) auf ihren Wanderungen entlang der Parkstraße, wobei der Leitrüde Storm nur 6 x (25 %) voranlief, Aster ebenfalls 6 x (25%),Yukon aber 8 x (33%) und Nisha nur 4 x (16.6%).
Als nächstes untersuchten wir die Führung der Gruppe unter exakt den gleichen Bedingungen, diesmal jedoch außerhalb ihres eigentlichen Kernterritoriums. Als Kernterritorium definierten wir eine maximale Distanz von zwanzig Kilometern Wegstrecke vom Geburtsort der beiden Jungwölfe. Wir sahen die Wölfe außerhalb des Kerngebiets zwar insgesamt nur 12 x (100%), aber das Ergebnis war trotzdem sehr interessant. Nun führte Storm die Gruppe 8 x (66.6%) an, Aster lediglich 4 x (33.3%) und Yukon oder Nisha überhaupt nicht. Aus diesen Zahlen schlussfolgerten wir, dass der Leitrüde außerhalb des Kernterritoriums wesentlich öfter gefahrenvermeidend tätig werden musste, oder aber die Leittiere ihren Nachwuchs in Zeiten einer gewissen Nahrungsknappheit in Gebiete führte, wo die Alttiere aufgrund hoher Erfahrungswerte um eine bessere Bestandsdichte an Beutetieren wussten. Die Leittiere führten also immer dann die Geschicke der ganzen Gruppe, wenn wichtige Entscheidungen anstanden. Storm´s F!
ührungsanspruch bei der Vermeidung konkreter Gefahrensituationen maßen wir auch an seinem Verhalten vor der kritischen, weil mitunter gefährlichen Überquerung einer verkehrstechnisch stark befahrenen Straße. Bei 81 Straßenüberquerungen führte Storm die übrigen Wölfe 68 x an (83.9%), Aster 10 x (12.3%), Yukon 3 x (3.7%) und Nisha kein einziges Mal. Storm´s hauptsächliche Leitung lief immer nach dem gleichen Muster ab. Zuerst führte er die Gruppe wohlüberlegt am Waldrand entlang. Dann achtete er genau auf den Straßenverkehr. War keine brenzlige Situation zu befürchten, lief er voraus und animierte den Rest der Familie, ihm geschwind zu folgen. Storm führte die Wölfe auch am häufigsten über das Schienennetz. Die Überquerung der Eisenbahntrasse observierten wir insgesamt 42 x. In 54% aller Fälle (n = 23) lief Storm voraus, Aster zu 26.2% (n = 11), Yukon zu 14.3% (n = 6) und letztlich Nisha zu 4.8% (n = 2). Nach der Betrachtung des primären Führungsverhaltens durch Storm bei allen 14 beobachteten Durchquerungen von Autobahnunterführungen, wobei Storm zu 64% (n = 9), Aster zu 28,6% (n = 4), Yukon zu 7.1% (n = 1) und Nisha kein einziges Mal voranlief, zogen wir abschließend folgendes Fazit: Eine wesentliche Aufgabe des Leitrüden Storm bestand darin, die restlichen Familienmitglieder durch Erfahrung, Besonnenheit und kluge Voraussicht vor den speziellen Gefahren innerhalb ihres gemeinsamen Lebensraumes zu schützen.