Die Abenteuer von Tim und Struppi in fernen Ländern (oder auf dem Mond...) sind auch knapp 70 Jahre nach ihrem ersten Erscheinen immer noch spannend und witzig zu lesen -- Hergé, der Verfasser dieser legendären Serie, bürgt nicht nur für ausgefeilte, spannende Plots voller Überraschungen, sondern war auch ein wunderbarer Grafiker. Ohne seinen typischen Stil aufzugeben, der detailreiche ornamentale Bilder mit klarem Bildaufbau kombiniert, vermittelt er in jedem Band eine exotische Atmosphäre, stellt das Typische dar und umgeht doch stilsicher die fadenscheinigen Klischees. Ein weiteres Charakteristikum kommt hinzu: In etlichen Folgen, darunter auch den gelungensten wie z.B. "König Ottokars Zepter" oder eben "Der blaue Lotos", verarbeitet Hergé die aktuellen politischen Krisen seiner Zeit und nimmt deutlich Stellung. In bezug auf letzteres ist "Der blaue Lotos" ein Paradebeispiel.
Tim und sein treuer Hund Struppi reisen ins China der frühen 1930er Jahre. Sie kommen in ein Shanghai, das von einer korrupten internationalen Verwaltung regiert wird, wo der Opiumschmuggel in großem Maßstab von Europäern und Japanern organisiert wird, und in dem die Chinesen im eigenen Land Bürger zweiter Klasse sind. Soweit der historische Hintergrund.
Die einheimischen "Söhne des Drachen" wollen gegen den überhand nehmenden Drogenhandel einschreiten und rufen Tim um Hilfe, aber ihr Bote wird daran gehindert, ihn genauer zu informieren. Also muss Tim selbst den Weg durch ein Labyrinth von Spionen, Schmugglern und korrupter internationaler Verwaltungsbürokratie finden -- dass er das schafft, hat er nicht nur seiner eigenen Findigkeit zu verdanken, sondern auch dem Mut seiner einheimischen Freunde.
Auch wenn Hergés Handlungen immer sehr ausgefuchst sind -- im "Blauen Lotos" überbietet er sich selbst. Hinzu kommt: Seine Zeichnungen schaffen eine fesselnde Atmosphäre, die wunderbar mit der Geschichte harmoniert, deren Schauplatz sie ist. Und obendrein sorgen nicht nur die Herren Schulze und Schultze dafür, dass es auch was zu lachen gibt...