»Tilt« ist ungehörter, begnadeter, bewegender Manierismus, der mich zum ersten Mal ohne Jahrtausendwendekitsch an 2002 denken können läßt. Denn »Tilt« ist ein Beweis dafür, daß Pathos noch einmal als Erinnerung an das Lied, das bestimmte Gefühle zum Ausdruck brachte, gedacht werden kann. Diese Erinnerung wird geöffnet für eine Zukunft. Ganz direkt, in den Kompositionen, den Worten, der Stimme von Scott Walker. Bis ans Äußerste gefiltert durch Zweifel, selbst das »Dennoch« ist gebrochen. Daß man den Hauch einer Aura bekommt, von der man sich streifen lassen kann, daß man in jedem Moment vom Masochismus verfolgt wird (dem eigenen und dem des Künstlers), verdeutlicht, daß hier Schönheit nur im Widersprüchlichsten gedacht und aufgeführt wird. Ja, überhaupt entwendet dieser Künstler ihre Rhetoriken und macht sie (auch ihre Geschichte mitinbegriffen) in seiner Musik neu fühlbar, macht Musik als Dichtung neu erinnerbar. Und weil dies hier in einer unglaublichen und unnachahmlichen und ungehörten Weise auftritt, ist es schwer, im Augenblick der Präsenz andere Ansätze, die Kategorie (guter) SONG, mit bescheideneren Mitteln zu verteidigen, angemessen zu verfolgen. Walker setzt eine Ernsthaftigkeit in die Schönheit seiner Lieder, die Witze, Hipness, Zynismus einfach abgleiten lassen. Indem das Unmögliche, fast Unanhörbare gesetzt wird, ist man eingesogen in dieses zerbrechlich geschichtete Monster von Platte. Seit seiner letzten Platte und das war 1984 (!) - hat sich Scott Walker noch mehr dekontextualisiert, und das so Fragmentierte handelt auch noch nicht einmal mehr von seiner früheren Geschichte oder überhaupt von etwas Persönlichem. Daß hier etwas so Irritierendes entstand, eine komplexe »Privatsprache« (musikalisch und auch lyrisch) mit unpersönlichen, aber wiederum abstrahierten Inhalten gefüllt ist und als »zeitlose« Musik erscheint, ist ungewöhnlich. Walkers Stimme war schon immer weit außerhalb des Zeitgeschmacks, aber mit »Tilt« hat er sich noch weiter abgekoppelt. Vom Crooning weg, vom AUSDRUCK weg, von seiner Liebe zu Jaques Brel, dem abgerundeten Chanson weg. Was er hier macht, ist komplett dekonstruierter Existenzialismus. Beim Anhören dieser Platte haben mir die Freunde von hinten so manches »Oh, was hörst denn du? Pavarotti?« zugerufen. Das sind die Momente, wenn es opernhaft wird auf dieser Platte, aber auch dies ist ein Bruchstück unter vielen, eines von all den extrem sich wiedersprechenden Impulsen auf »Tilt«. So aufgedonnert an einem Punkt, der Abgrund, und unter dem Abgrund im nächsten Stück. Extremer, präziser und sparsamer Gebrauch von Drums und winzige, aber prägnante Auftritte von Percussion-Einheiten überziehen die Platte wie ein feines Netz. Auch ist sie geädert von einem religiösen Gespinst, angefangen mit einem sehr leisen Glöckchen (tibetanisch?), das zum Beginn der Platte sachte vorschreibt, wie laut (und damit auch, wie sehr man die Wallungen, wenn sie kommen, sich reintun muß) dieses Werk angehört werden soll, über das Auftauchen des Ich-als-Heiliger in »Bolivia '95«, die Aufforderung zum Gebet in »Tilt«, bis hin zu den letzten Worten im letzten Stück, »Rosary«: »And I gotta quit, and I gotta quit«. Wahrscheinlich ist auch das ernst gemeint, als letztes Bild. Das schwarze Bild? Nein, kein Drama (höchstens sehr ausgeklügeltes Avantgarde-Drama) wird hier gespielt. Eher ist »Tilt« ein Soundtrack zu diesem Problem, ist Soundtrack zu den Möglichkeiten des >letzten Mals<, wissend, daß es da auch nicht nur das eine gibt, gegeben hat. Ad Reinhardts, Paul Celans und Ian Curtis' letzte Male oder das literarisch ausgefaltete von Samuel Beckett. Die Tode, die überhöhte Enden waren. »Tilt« ist wie eine Zusammenfassung der Weisen, die Dichter über 20.-Jahrhundert-Verzweiflungen anboten. Eine intensive Irrerei findet hier statt. Und ich habe nicht zählen können, wie viele Male die Platte für Sekunden in diesem schwarzen Loch versiegt, um sich dann wieder zu erheben. »Tilt« ist nicht statisch, sondern bewegte Fragmentierung, gleitendes Zerfetztes. Nicht der Körper in gestückelten Teilen, sondern die Stimme, die Gedanken, die Gefühle in ausgeklügelten Fassungen von Fassungslosigkeit. Es gibt ebensowenig berechnende Pose, wie es die letzten Bilder von Mondrian nötig hatten, berechnend zu sein. Und auch sie waren ein Modell aus Modernismus, das nicht starr war, sondern sich tatsächlich in Bewegung auflöste (Boogie Woogie, New York I und II). Es soll »Tilt« hier kein Ewigkeitsanpruch angehängt werden. Aber eine in diesem Werk steckende Herausforderung, ob es nicht doch so etwas gegeben haben sollte wie ein Modell vom Moment des sich in Produktives verkehrenden Kulturpessimismus. Das wäre nicht falsch. Das denkbar unkommerziellste, klaustrophobischste, fragmentarischste Stück von »Tilt« ist »The Cockfighter«. Man weiß nun wirklich nicht mehr, was diese teils fast erstickende Avantgarde-Torch-Gesänge wollen, wohin sie gehen mit ihrem minimalen industrialhaften, aber sich ebenso an zeitgenössischen Produktionen (wie etwa denen von Portishead) orientierenden Sound, der aber statt harmonisch sich zu fügen, sich in weiße Geräuschfetzen wandet. In dem Text findet man Satzteile aus dem Eichmann-Prozess. »Relocated« seien diese Worte, steht auf dem Textblatt. Ich hoffe auf eine Exegese dieses, aber auch aller anderen Texte seitens entsprechender Fachkräfte! (Einsendungen werden aufmerksam gelesen). »Farmer In The City«, das Auftaktstück, ist das zugänglichste. Während der Rest in Schwarz bis tiefstem Tiefschwarz verharrt, ist dieses Stück blitzendes Dunkelgrau. Ursprünglich ein Soundtrack-Song für den Film »Der Mann aus Rio«, wurde es, versehen mit dem Untertitel »Remembering Pasolini«, neu aufgenommen. Hier, wie an einigen anderen Stellen, finden sich anschwellende Orchestrierungen, Klänge, die von klassischen Musikern erzeugt werden. Auch durch die anderen sieben Songs - von denen außer »Rosary« keiner unter 5 Minuten lang ist - zieht man durch ein nicht kartographiertes Gebiet aus symphonischen Resten, zum Bersten aufgeladenen Introvertiertheiten. Nichts ist normal, nichts selbstverständlich. »Tilt« wird zum Emblem für den hermetischsten Pop dieser Zeit. Und selbst in seinem eigens gesteckten Kosmos stellt er nochmal einen Bruch her, indem Walker die beiden extremsten Stücke an den Anfang gestellt hat. Der Rest ist eben nicht Schweigen, sondern ein seltsamer Abgang (meta-orpheisch!), ein komponiertes Schwingen des Vorhangs, so final und so grenzenlos.
© Spex,Jutta Koether
In den Sechzigern Kopf der legendären WALKER BROTHERS, die mit Hits wie 'The Sun Ain't Gonna Shine Anymore' und 'Make It Easy On Yourself' zeitweise größeren Starruhm genossen als die BEATLES, zog sich der introvertierte SCOTT WALKER schon früh aus dem Rampenlicht in die totale Isolation zurück. Die Unmöglichkeit, sich der aufdringlichen Öffentlichkeit zu entziehen, trieb ihn mehrfach beinahe in den Selbstmord. Elf Jahre nach seinem 'Comeback'-Album 'Climate Of Hunter' durchbricht er mit 'Tilt' erneut die Mauer des Schweigens. Es ist ein finsteres, rätselhaftes, für diese Jahreszeit fast zu schweres, sakrales Werk geworden. Getragen von einer Theatralik, die nie aufgesetzt wirkt. Stilvoll stillos im Sinne geschmackvoll entfernter verbindender Bezüge und nicht einzuordnender Zitate, voll erhabener Unmöglichkeiten. Was auf den ersten Blick gelegentlich geckenhaft aufgesetzt wirkt, zieht bei genauerem Hinhören gnadenlos in die Tiefe, in schwarze Abgründe, irgendwo zwischen barockem Glam und klassischem Drama. 'Tilt' ist betäubend und belebend zugleich. Der personifizierte Widerspruch. Eine Platte, die DAVID BOWIE, MARC ALMOND und JULIAN COPE vor Erfurcht erstarren lassen sollte.
C. Hobein / Intro - Musik & so
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