Nach dem auf Wunsch von Rick Rubin vollzogenen Labelwechsel von Jive zu Columbia melden sich die Thornton-Brüder aus Virginia mit dem lang erwarteten, dritten bzw. vierten Soloalbum "Til The Casket Drops" zurück. Den Labelstress hinter sich gelassen, konnten Clipse sich endlich freien Herzens ihrer Musik widmen. Im Vorfeld war für das Album eine ganze Armee an verschiedenen Produzenten angekündigt wie z. B. Timbaland, Swizz Beatz, Scott Storch, Dame Grease, Kanye und auch Rick Rubin. So dachte man bis vor ein paar Monaten, "Til The Casket Drops" würde das erste Clipse-Album mit einem geringen Anteil an Neptunes-Produktionen. Einige waren gespannt auf Neues, Andere abgeturnt, weil Clipse von der altbewährten Formel abzuweichen schienen.
Letztere können aufatmen, auf der finalen Version gehen neun der vierzehn Tracks auf Pharrel's und Chad's Konto, den Rest teilen sich Puffy's Hitmen und der mit Dr. Dre an "Detox" schraubende DJ Khalil. Mit dem Dreiergespann hat man zumindest alle für Hip Hop relevanten Himmelsrichtungen, East, West & South abgedeckt. Trotz der grundverschiedenen musikalischen Styles der beteiligten Produzenten sind die Beats auf dem Album erstaunlich gut aufeinander abgestimmt. Man spielt u. a. mit Rock-, Electro-, und Reggaeeinflüssen, die Neptunes scheinen ein wenig auf Eurodance-Synthies hängengeblieben zu sein, setzen aber gleichzeitig auch auf organische Instrumentierung. Insgesamt ist der Sound des Albums sehr melodiös und verspielt, teilweise sehr experimentell.
Herrausragend sind vor allem die zwei Songs von LV & Sean C, die schon mit ihren Soulgranaten auf Jay-Z's "American Gangster" einige Glanzleistungen vollbracht haben: Der Opener "Freedom" thematisiert noch ein mal durch Lines wie "With every line written, and all I have given/Music's been nothin' more than a selfmade prison" den Struggle in der Musikindustrie, unterlegt mit erratischem Drumfeuerwerk und brachialem E-Gitarrenriff am Ende. Nicht weniger beeindruckend ist das mit melancholischen Pianoklängen und sphärischen Sounds ausgestattete "Never Will It Stop" mit Star Trak-Kollege Ab-Liva. DJ Khalil lacet die schon seit längerem bekannte Streetsingle "Kinda Like A Big Deal" mit Kayne West am Gastreim. Obwohl seine Strophe ursprünglich statt Ludacris auf T.I.'s "Top Of The World" landen sollte, fügt sich Ye's Flow perfekt in das rockig-düstere Gerät mit den an den alten Timbo erinnernden Jungledrums ein. Auf eben diese greift Khalil auf dem Reggae-beinflussten "There Was A Murder" mit Kobe zurück, worauf Pusha T sogar einen leichten Pathois-Akzent auspackt. Auf "Footsteps" hält Khalil es mit den Drums etwas erdiger, der wieder gefeaturete Kobe bringt dezent den Autotune-Effekt zum Einsatz, was aber keinesfalls stört.
Die auf "Til The Casket Drops" dominierenden Neptunes haben sich in den letzten Jahren von dem dreckigen Funk der ersten Tage abgewandt und klangen in der letzten Zeit ein wenig vorhersehbar und glattgebügelt. Obwohl sie auf dem Album weitgehend den fiesen, bedrohlichen Vibe von "Hell Hath No Fury" vermissen lassen, scheint die Arbeit mit Malice und Pusha die Beiden zu neuen Glanztaten zu inspirieren. Die mit Dipset-Totengräber Cam'Ron eingespielte Single "Popular Demand" besticht vor allem durch das groovende Instrumental und der wunderbar primitiven Ignoranz Cam'Ron's: "I know your Mom's well, tell your mother "Hi"/I'm the other guy that got your mother high". Auf dem mit oben erwähnten Eurodance-Synthies durchtrieften "Showin' Out" bleibt der Beat während den Strophen auf Reverse und bricht nur während Pharrel's Hook aus. Durch die mit Inbrunst gespitteten Strophen von Clipse und Yo Gotti bleibt das hohe Energielevel den kompletten Song über bestehen. Sehr originell, kreativ und wirkungsvoll, Hut ab. Die zuerst skeptisch betrachtete Single "I'm Good" erscheint im Kontext des Albums plötzlich sinnvoll, als Bonustrack gibt's die nochmal im Remix mit Rick Ross.
Ein weiteres Highlight stellt das finstere "Doorman" dar, auf dem die Neps lateinamerikanisches Flair mit 808-Sounds paaren. Wieder mal ein Paradebeispiel für die beeindruckende Fähigkeit der Neptunes, verschiedenste Musikstile stimmig miteinander zu verbinden. Mit Pusha's und Malice' ("If the good die young, the great sit in jail") messerscharfen Reimen wird dieser Song zu einem unheimlich intensiven Stück Musik, was in änhlicher Form auch auf "Hell Hath No Fury" Sinn gemacht hätte. Die Clubgranate "All Eyes On Me" mit Keri Hilson hätte in einer perfekten Welt mindestens Top 5 gehen müssen, genauso wie das von Nicole Hurst mit wunderbaren Vocals veredelte "Counseling". Das trotz Snaregewitter ziemlich radiofreundliche "Champion" bringt noch mal die 808 zu Einsatz, die Hook teilt sich Pusha mit einer weiblichen Vokalistin. Bei introspektiven "Life Change" geht es um den Ausstieg aus der Kriminalität. Ein obligatorischer Konzeptsong für Coke-Rapper, den aber nur wenige so authentisch umsetzten können wie Clipse.
Das den Thornton-Brüdern lyrisch kaum jemand irgendwas vormachen kann, ist bei einem Clipse-Album der Sound immer das entscheidende Kriterium. Während auf "Lord Willin'" die Beats teilweise zu funky und überproduziert für den straighten Clipse-Style schienen, bleibt "Hell Hath No Fury" mit seinen reduzierten, bitterbösen Neptunes-Bangern und beindruckender Kohärenz das bisher beste Clipse Album. Was aber an Kreativität und Einfallsreichtum auf "Til The Casket Drops" geboten wird, lässt einen für die Zukunft auf noch Größeres hoffen. Allerdings muss ich erwähnen, dass das Album erst nach mehrfachem Hören seine volle Wirkung entfaltet und das Bild, das man sich anfangs nach dem Genuß der Snippets macht, völlig unausreichend ist.
Obwohl es keinen einzigen Totalausfall zu vermelden gibt, Clipse (besonders Malice) teilweise energischer und hungriger klingen als zuvor und alle Gäste eine gute Figur machen, kann ich leider keine volle Sternzahl vergeben. Aber das nur, weil ich genau weiss, dass das alles noch viel größer, fetter und besser geht. Schade ist auch, dass Rick Rubin nichts für's Album gemacht hat, besonders nach dem man den rockigen Vibe der Platte gespürt hat. Man vermisst einen Beat wie "99 Problems", der perfekt zum Style des Albums gepasst und ein wenig den Hunger nach traditionellem Hip Hop Sound gestillt hätte. Den gab es in 2009 allerdings von anderen Künstlern zu Genüge, und wenn Mos Def mit seinem experimentellen und vor Kreativität strotzenden "The Ecstatic" etwas verspätet das gute Rapjahr begonnen hatte, so schließen Clipse mit "Til The Casket Drops" den Kreis nahezu perfekt und demonstrieren wie keine Zweiten, wie kunstvoll gute Rapmusik sein kann.