Als Charles Mingus' Ehe Mitte der 50er in die Brüche ging, flüchtete er zusammen mit Drummer Dannie Richmond in die mexikanische Grenzstadt Tijuana mit dem festen Vorhaben in obsessiven Ausschweifungen seinem Leben ein Ende zu setzen. Der psychotrope Trip sollte jedoch der Startschuss zu einem neuen Kapitel in Mingus' Oeuvre werden: In Tijuana fand er einen kreativen Inspirationsquell in spanischen Traditionals und lateinamerikanischen Klängen, die er von jetzt an in seinen Improvisationskorpus einwob. Ähnlich wie sein Vorbild Ellington lehnte Mingus den Begriff "Jazz" ab, sondern setzte bei seiner Plattenfirma den Term "Ethnic Folk Dance Music" durch. 1957 nahm er Tijuana Moods auf, das aber erst 1962 veröffentlicht werden sollte und von dem er später einmal behaupten wird, dass dies sein bestes Werk gewesen sei. Ein durch beißendes Salz, gepfefferten Peperoni, scharfe Chilischoten, hochprozentigen Tequila und in Salsa getränktes Taco illustriertes Meisterwerk, das, durchsetzt von Flamenco-Rhythmiken und betörenden Mariachi-Klängen, Mingus' Akkordstrukturen ein breiteres Spektrum an Farben und Kraft verlieh. Der Bass-Redner Mingus zieht hier alle Register seines rhetorischen Repertoires. Spielerisch leicht gleitet er über das Griffbrett und lässt seinen expressiven Glissandi, Tremoli und Tonbeugungen freien Lauf. Sein typisch atemloses Before-The-Beat-Play gönnt der Musik kaum mal eine Phase der Entspannung und ist ähnlich ungeduldig und durchsetzungsfähig wie der oft nicht zu bändigende Echauffierfluss des stets erregten Cholerikers Mingus, der auch öfters mal von der Bühne aus das Publikum zusammenstauchte oder seinen Bass vor Wut zertrümmerte. Markant für sein Spiel ist dieser gezupfte Pizzicato-Ton von der Klarheit eines Segovia, der diesen aggressiven, perkussiven und manchmal blechernen Sound erzeugt. Ein kurzer Ton, eher pflopp als kantabel, der aus der Mitte von vier mit viel Vehemenz traktierten Darmsaiten entspringt. Der Opener "Dizzy Moods" ist noch eine kleine Auflockerungsübung, dessen Tune von Dizzy Gillespie's "Woody n' you" geliehen wurde, ehe dann mit "Ysabel's Table Dance" das über 10 Minuten lange Filetstück des Albums folgt. Eine mexikanische Tänzerin klatscht wild zur Flamenco-Rhythmik in die Hände, während ihre Absatzschuhe, unterlegt von hysterischen Shouts als Ausdruck entfesselnder Leidenschaft, wilde Rhythmen in die Tischplatte hämmern. Jede ihrer Bewegungen ist durch die Musik spürbar. Sie wirbelt von Tisch zu Tisch, entfacht die erotische Obsession und spielt lasziv mit den männlichen Gästen. Die beschleunigte Dynamik des Improvisationskorpus imaginiert die immer schnelleren Drehungen der eleganten Grazie. Ysabel Morel heißt die Dame, die hier die Kastagnetten perkussiv klacken lässt und die Musik mit ihren Handclaps anpeitscht. Typisch für Mingus sind auch auf diesem Werk die abrupten Brüche, bei denen urplötzlich in bluesige Tonalitäten oder in minimalistische Solopianistik gewechselt wird. Insofern passen die zahlreichen modalen Wendungen in der Harmonik und Melodik des Flamenco ideal zu Mingus' Improvisationsmuster. Die ausgefeilte Dynamik von Mingus' emphatischen und emanzipierten Bass-Spiel definiert die Interaktion der Rhythmusgruppe neu. Die Tempo- und Taktwechsel erfolgen quasi telepathisch. Blitzschnell wird zwischen verschiedenen rhythmischen Idiomen wie half time, stop time, walking bass und Latin-Figuren changiert. Schlagzeuger Dannie Richmond erweist sich dabei als reaktionsschneller perkussiver Idealpartner. Bill Triglia mit seinem Esprit an den Tasten brachte dabei neue Frische in Mingus' Ensemble. Durch das hohe rhythmische Tempo und die expressionistische Spontanität kann man sich dem leidenschaftlichen Flair und der Sogkraft dieses sündigen Grenzstädtchens kaum entziehen. Die Musik ist ähnlich impulsiv, kontrovers und intuitiv wie Mingus als Mensch selbst immer war.
Diese CD enthält zusätzlich zu den 5 Originalstücken des Albums den 10:57 langen Bonustrack A Colloquial Dream (Scenes In The City). Im Booklet sind neue Liner Notes von Nat Hentoff vom Wall Street Journal aus dem Jahr 2007 abgedruckt. Die originalen Liner Notes von Charles Mingus sind ebenfalls enthalten. In einem kurzen Text würdigt außerdem Martin Williams, der Editor von The Art Of Jazz, das Werk.