"Tiger auf dem Sprung". Das Bild vom asiatischen Tiger ist nicht ganz neu und klingt ein wenig reißerisch. Das Buch allerdings ist sehr sachlich. Karl Pilny stellt die ASEAN Region als wirtschaftliche und politische Größe für die Weltwirtschaft vor. Er setzt dabei die eurozentristische Brille ab und beschreibt Südostasien vielmehr in einem ganzheitlichen Ansatz aus Geschichte, Kultur, Religion und Ökonomie. Dies hilft enorm, diese Region zu verstehen.
Im ersten Teil des Buchs informiert Pilny über die Geschichte der Region einschließlich ihrer vorkolonialen und kolonialen Phase sowie den Abhängigkeiten in der bipolaren Welt der Systemkonfrontation zwischen Kapitalismus und Sozialismus. Anschließend greift er den weltanschaulichen Hintergrund der Region auf - die Bedeutung von Tradition sowie Religionen und insbesondere des Konfuzianismus. Dieser Weltanschauung misst er die größte und wichtigste Bedeutung für die Entwicklung der Region zu - auch für die Zukunft. Ohne die Kenntnis des Konfuzianismus ist nach Pilnys These die Beurteilung der politischen und wirtschaftlichen Machtstrukturen in Südostasien nicht möglich.
Nach der historisch, kulturellen Einführung beleuchtet Dr. Pilny zehn Volkswirtschaften. Er beschreibt mit Zahlen die bis ins Jahr 2008 reichen, ihre wirtschaftliche Leistungen, Schwerpunkte, Stärken und Defizite. Überraschend für ein Wirtschaftsfachbuch: Pilny verzichtet vollständig auf Tabellen, sondern nennt die Zahlen im Rahmen geschlossener Sätze. Dies ist äußerst angenehm beim Lesen und zwingt dazu, Texte im Ganzen zu erfassen. Andererseits erschwert dies einen Vergleich der Zahlen zwischen den einzelnen Ländern sowie zu Ländern außerhalb Südostasiens.
Vor allem in den letzten Kapiteln zwingt er seine Leser dazu, sich sehr nüchtern mit der Zukunft Europas in Bezug auf die Power Asiens auseinanderzusetzen. Zitat: "Europa lag lange am Rand der zivilisierten Welt, ... hatte dann eine Zeitlang die Gelegenheit zu dominieren. Seit einiger Zeit rücken Asien und Europa jedoch zurück auf ihre alten Plätze" (S. 316)
Ein wesentlicher Kritikpunkt ist, dass in dem Buch so gut wie keine Quellen zu finden sind. Zu den 10 betrachteten Ländern gibt es im Anhang lediglich zu Laos und Kambodscha einige Hinweise auf weiterführende Literatur. Zu acht weiteren Ländern (Vietnam, Myamar, Singapur, ...) fehlen diese völlig. Versäumnisse des Autors oder Nachlässigkeit des Verlags?
Dennoch: Das leicht lesbare Buch ist (unter anderem) sehr gut geeignet für Personen, die sich in kurzer Zeit einen ersten Überblick über Südostasien verschaffen wollen, weil sie beabsichtigen in dieser Region beruflich oder geschäftlich aktiv zu werden.