"Kauernder Tiger, verborgener Drache" ist ein umstrittenes Filmkunstwerk: verlacht, gehasst - geliebt, umjubelt. Er ist ein außergewöhnliches Experiment des Regisseurs Ang Lee, der darin nicht nur einen Klassiker der chinesischen Schwertkämpfer-Literatur verfilmt, sondern auch eigene, abenteuerliche und etwas verrückte Ideen seiner taiwanesischen Kindheitsträume umsetzt, wie eine Verfolgungsjagd durch die Baumwipfel eines Bambuswalds.
In einer historisch-mythologisch-märchenhaften Vision von China möchte der Schwertkämpf Li Mu Bai Frieden in der Liebe mit seiner Mitstreiterin Yu Shu Lien finden, obwohl er noch nicht den Mord seines Meisters an dessen Mörderin Jade Fuchs rächen konnte. Darum verschenkt er sein legendäres "Jadenes Himmelsschwert". Doch so einfach geht es nicht. Das Schwert wird geklaut. Später wird er auch auf Jade Fuchs treffen. Parallel zur uneingestandenen Liebesgeschichte zwischen Li Mu Bai und Yu Shu Lien entwickelt sich eine Freundschaft zwischen Yu Shu Lien und der Gouverneurstochter Jen, die den Banditen Lo liebt, aber mit einem hohen Beamten verheiratet werden soll. Neben Lo liebt Jen ganz besonders ihre eigene Freiheit, was die ganze Geschichte mitbestimmt.
Insgesamt ist der Film nach Aussage des Regisseurs Ang Lee eine Mischung aus chinesischen, manchmal auch klischeehaften Elementen, aber auch aus Elementen, die einem internationalen Publikum verständlicher sind. "Tiger & Dragon" wird man nur dann schätzen und eventuell lieben, wenn man sich auf die für uns fremde Bildersprache einlässt. Am gewöhnungsbedürftigsten ist, dass die Kämpfer auch durch die Luft fliegen können - für einen Historienfilm natürlich ein Unding, in einem Märchen, einem Mythos, einer Fantasie - und das ist "Tiger & Dragon" - aber nur verbildlichter Ausdruck einer Geisteshaltung, die sich wie Fliegen "anfühlt", was man als "Naturüberwindung" oder "Geisteskraft" interpretieren könnte.
Man darf also keinen gewöhnlichen Martial-Arts-Actionfilm erwarten. Dann würde man über weite Strecken hinweg gelangweilt, immerhin aber auch mit ein paar Bonbons getröstet, die sich locker mit Matrix messen können (der Choreograph von "Matrix" und "Tiger & Dragon" ist ein und derselbe). Nicht unberechtigt werden manche unsauber umgesetze Flug-Szenen kritisiert, in denen die Darsteller während eines langen Sprungs oder Flugs durch unnötige Trittbewegungen auffallen. Das irritiert mich auch. Ich denke aber, Regisseur und Choreograph - beide absolute Könner! - haben das willentlich durchgehen lassen. Vielleicht wollte Ang Lee keinen "geleckt"-perfekten Film, sondern einen mit Schönheitsfehlern. Das kennt man ja auch z.B. von Fotografen, die an ihren Modellen gerade kleine "Makel" und "Fehler" schätzen statt langweilige Makellosigkeit und Perfektion, die es sowieso nicht geben kann. Bemerkenswert ist auch, dass die Kämpfe in "Tiger & Dragon" ohne Computertechnik (also ganz anders als in "Matrix") auskommen. Umso mehr hält man den Atem an, gerade beim großen Kampf zwischen Yu Shu Lien und Jen, dem Martial-Arts-Highlight des Films und vielleicht auch der Filmgeschichte.
Neben den packend choreographierten Kämpfen und den zwei Liebesgeschichten der vier Hauptfiguren darf eine große Portion Verrat, Rache, Abenteuer, Dramatik und Tragik natürlich nicht fehlen. Der ganze Film hat zudem auch noch eine stark philosophische Note: Zen, Suche nach Frieden und Glück, aber auch Philosophiekritik, ebenso wie Heldentumskritik.
Die oscarprämierte Filmmusik ist wunderschön. Kein geringerer als der chinesische Star-Komponist Tan Dun hat sie komponiert. Der berühmte Cellist Yo-Yo Ma verzaubert zusätzlich mit herzzerreißenden Solo-Partien. Deren chinesische Namen dürfen nicht darüber hinweg täuschen, dass es sich bei ihnen um international renommierte Musiker handelt! Und die Filmmusik spricht für sich - buchstäblich, denn sie verleiht manchen Schlüsselszenen und damit dem gesamten Film eine andere Stimmung und damit eine andere Aussage, als Handlung und Bilder allein vermuten ließen.
Oscars gab es für die Kamera, die Musik, das Produktions- und Kostümdesign sowie für den besten fremdsprachigen Film, außerdem sechs weitere Oscar-Nominierungen, u.a. für den besten Film und für die Regie. Gegenüber "Gladiator", dem Oscar-Gewinner für den besten Film 2000, würde ich Tiger & Dragon tausendmal vorziehen (und "Gladiator" mit 3 Sternen glücklich sein lassen).
Dieser Film wird alle begeistern, die China, Mythos, Märchen, Fantasie, Liebe, Zen, Martial Arts, Abenteuer, Stille und Andacht, Musikgenuss, Bilderpracht, Spannung, Dramatik, Tragik, Gewalt und Tod sowie alle anderen Aspekte, die mir nun nicht einfallen, in einer meisterhaften Verbindung auf sich wirken lassen wollen.