Vordergründig geht es in Tiger & Dragon um das ‚grüne Schwert' des vom Weg des Kampfes abgekommen Wudang-Kriegers Li Mu Bai, welches aus dem Haus eines hochrangigen Politikers von einer maskierten Kämpferin gestohlen wird, obwohl es unter der Obhut vom Mu Bais heimlicher Liebe Shu Lien steht. Die Diebin entpuppt sich als Jen, der Tochter des Politikers, die Shu Lien um ihr scheinbar ungebundenes Leben beneidet und die sich schweren Herzens auf ihre Hochzeit vorbereitet, die sie aber zugunsten des Wüstenbandites Schwarze Wolke platzen lässt. Sie hat ihre Kampfkünste bei Li Mu Bais Erzfeindin Jadefuchs gelernt - und ist mit dem grünen Schwert im Kampf natürlich mächtiger als zuvor. Es kommt zu mehreren faszinierenden Gefechten...
In Wirklichkeit aber geht es in dem Film um verborgene Gefühle, um die Selbstbestimmung des Lebensweges, um Vergebung, Geduld, Ehre und neue Chancen.
Dieses fernöstliche Märchen enthält die typischen Merkmale der Schwertkämpferfilme. Die von Action-Gott Yuen Woo Ping inszenierten atemberaubenden Kampfsequenzen sind mal schnell und energiegeladen und dabei so filigran choreographiert und geschmeidig, daß sie eher wie ein Tanz wirken, mal ruhig, malerisch und wunderbar poetisch - etwa wenn Menschen im Gleitflug um Baumwipfel schweben -, aber immer elegant, dramatisch und faszinierend.
Dennoch kann man dieses Drama nicht als actionlastig bezeichnen. Mit viel Sensibilität für kleine Gesten, fast zärtlich stellt Regisseur Ang Lee die übergroßen, aber eingeengten Gefühle der Protagonisten dar, die auch den Zuschauer ergreifen, wenn er schafft, sich auf die ruhige, leise Erzählweise einzulassen. Was genau das Problem ist: Das Genre ist nach wie vor vielen fremd und deshalb unverständlich. Man muss sich im klaren sein, dass es sich um eine märchenhafte Erzählung handelt, in denen Kampfkünste nicht nur aus Muskelkraft resultieren, sondern durch jahrelange Meditation und Einklang von Körper und Geist entstehen - weshalb Geisteskraft über Körperkraft steht, alte Menschen und zierliche Frauen (wie hier) prinzipiell nicht unterlegen sind und Schwerkraft ein Hindernis ist, das von mächtigen Kämpfern gemeistert wird.
Sich bei Tiger & Dragon über die ‚Fliegerei' zu beschweren und diese sogar als albern zu bezeichnen ist daher genauso unangemessen wie bei einem Musical über Gesangseinlagen zu schimpfen und bei einem Disney-Film (oder einer Fabel) darüber zu meckern, dass Tiere sprechen können. Denn die Schwerelosigkeit gehört genauso zum Wesen dieses Filmgenres.
Wer es also schafft, sich auf den Film und die östliche Erzählweise einzulassen und diese zu respektieren, erlebt diese Hommage von Ang Lee an traditionelle chinesische Schwertkämpfer-Opern, die virtuos, leicht, dennoch dramatisch und traurig-schön inszeniert ist; die charismatischen, mit zurückhaltender Leidenschaft und Gefühl für kleine Gesten spielenden Darsteller; den fulminanten und oscargekrönten Score von Tan Dun und einen gänsehauterzeugenden Cello; elegante, virtuose und energiegeladene Kampfszenen, die dem Rest des Filmes in Ästhetik und Poesie in nichts nachstehen, kurz: die zeitlose, ergreifende und atemberaubende Schönheit dieses Meisterwerkes.