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17
4,4 von 5 Sternen
Tiere in der Stadt: Eine Naturgeschichte
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5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
Als mir zum ersten Mal in einer deutschen Großstadt ein frei lebender Halsbandsittich entgegen flatterte, konnte ich mir noch nicht vorstellen, dass aus anderen Klimazonen eingewanderte Tiere in Deutschland überleben würden. Mit aus dem Ausland zugewanderten Pflanzen und Tieren, sowie Umsiedlern aus dem Umland der Städte befasst sich Bernhard Kegel in seiner Naturgeschichte der Stadt. Als gebürtigen Berliner, der als Kind auf Trümmergrundstücken und verwilderten Brachflächen spielte, hat die noch junge Wissenschaft der Stadtökologie den gelernten Biologen besonders interessiert. Kegel, der sich sehr belesen darin zeigt, wie die Belletristik Fuchs und Hase darstellt, referiert zum Thema Wildtiere in der Stadt Forschungsergebnisse aus diversen Ländern. Als Leser wird man zukünftig die Stadt Warschau mit anderen Augen betrachten, als außergewöhnlich umfassend erforschten Lebensraum für Tiere. Vom Kindchen-Schema (vierbeinig, Fell, runde Augen) muss sich der Leser bereits in Kegels ersten Kapiteln verabschieden. Zunächst geht es um wenig kuschelige Tiere mit sechs oder acht Beinen, Parasiten, die Mensch und Tier auf der Pelle hocken. Doch wer die wenig putzige Kegelsche Floh- und Milbeninvasion im Buch überstanden hat, kann anschließend in seine fesselnde Betrachtung der Stadt als urbane Wärmeinsel abtauchen. Man erfährt von den Wegen, die Pionierorganismen gern für die Zuwanderung nutzen, welche Lebewesen besonders vom menschlichen Wunsch nach langweiligen Zierrasenflächen profitieren und welche Flächen schnell von Neophyten besiedelt werden. Vögel haben eine Lobby unter Menschen und ihre Verbreitung ist darum sorgfältig kartiert und erforscht. Am Beispiel der Vögel unternimmt der Autor eine interessante Exkursion bis in die Zeit zurück als der Anblick von Greifvögeln Stadtbewohnern sehr viel vertrauter war als in der Gegenwart und als Menschen Schlangen in ihrer unmittelbaren Umgebung duldeten, da sie Haus und Garten mäusefrei hielten. Faszinierend fand ich Kegels Blick auf Kriege, Großfeuer und andere Katastrophen, die durch die Verwüstung Platz für eine Neubesiedlung durch Pflanzen und Tiere schaffen. Zur Belohnung für die, die bis hierhin durchgehalten haben, folgen nun Einblicke in das Leben des ordinären Großstadtfuchses. Von einigen liebgewonnen Schlüssen muss man sich als Kegel-Leser verabschieden. Ökosysteme funktionieren längst nicht so simpel wie die verbreitete Erklärung: Katzen jagen Singvögel, also sind Katzen die Ursache für den Rückgang städtischer Vogelpopulationen.

Bernhard Kegel hat mit seinen Krimis gezeigt, dass er ein breites Publikum unterhalten kann. Seine Naturgeschichte der Stadt ist mit Humor verfasst und geprägt vom Aufwachsen des Autors im Berlin der Nachkriegszeit. Kegel macht die eingeschränkte Sicht deutlich, mit der wir unsere tierischen Mitbewohner oft bewerten, und bietet seinen Lesern einen ungewohnt breiten Blickwinkel auf ökologische Zusammenhänge.
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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 7. März 2013
Ein Buch, das mir einfach so vom Verlag zu geschickt wurde. Danke jedenfalls. Tiere in der Stadt? Wäre ich jemals drauf gekommen, darin zu blättern? Eher nicht. Aber nun, ich fing an zu lesen, und war doch ständig wahlweise belustigt oder bestürzt, betroffen oder erstaunt. In erster Linie aber so gut wie unwissend. Es gibt ja diesen wunderbaren Satz von Isaac Newton: Was wir wissen, ist ein Tropfen, was wir nicht wissen, ist ein Ozean! Ersetzen wir das Wort wissen mit sehen, so kommen wir schon auf die Quintessenz dieses Buches, welches eher als Sachbuch daherkommt.
Tiere in der Stadt, da denkt man an Amseln, Tauben, Ratten. Hier und da hört man jetzt von Mardern und Waschbären. Bernhard Kegel nimmt uns aber mit in eine andere Welt. Auch in die, die sich unter einem Elektronenmikroskop verbirgt. Schier unglaublich was sich so in den Ritzen und Betten abspielt, was hinter Wänden lauert und was uns sirrend die Nächte um die Ohren haut. Waren bisher Berichte von ungeheuren Flohpopulationen eher einmalige mediale Sensationen, so wissen wir jetzt, dass es uns jederzeit und immer treffen kann. Und es nimmt die Gefahr diametral zu, wo man meint absolut hygienisch sein zu müssen. Ich selbst ertappte mich nach ein paar Kapiteln dabei, einfach mal mein Bett saugen zu müssen. Denn wie viel Millionen Milben sich da tummeln, das weiß ich jetzt. Und da kommen wir zu dem springenden Punkt des Buches: muss ich das wirklich wissen? OK, eine notwendige Sensibilisierung für Spinnen, Käfern, Fliegen einerseits und andrerseits deshalb den eben erwähnten Staubsauger mal im Schrank zu lassen, wenn es irgendwo huscht, ist dem Buch gelungen. Aber wer nimmt das Buch schon in die Hand? Ich will mal so sagen: der ganze Duktus der populär wissenschaftlichen Sprache erinnert mich an meine Lieblingstiersendungen aus meiner Kindheit. Prof. Dr. Bernhard Grzymek, Heinz Sielmann, oder besser noch Horst Stern. Das Buch ist im Moderationsstil geschrieben und man denkt sich quasi die Bilder die dazu gehören, schon selbst herbei. Ein großes Lehrbuch, für den, der Stadtflora und Fauna, mit all den gewachsenen, geschichtlichen Unterschieden, erfahren will. Der Wanzenpopulationsstatistiken interessant findet und der dann mit einem ganz anderen Ohr und Auge durch die Stadt geht. Sich auf eine Bank setzt und dem summenden Treiben zusieht und -hört. Und bitte nicht verschenken, eventuell trifft man auf einen psychisch schwer angeschlagenen Menschen, der grad seine Spinnenphobie psychotherapeutisch los werden will.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 20. April 2013
„Die Wildnis drängt in die Städte und ehemals scheue Tierarten, die sich, solange man denken konnte, vom Menschen fernhielten, werden zu einem Teil der Stadtnatur“, schreibt Bernhard Kegel in seinem neuen Buch „Tiere in der Stadt“. Inzwischen gibt es sogar eine eigene Wissenschaftsdisziplin, die sich mit den wild lebenden Tieren und Pflanzen der Städte beschäftigt: die Stadtökologie.

Tatsache ist, dass die Scheu, welche die Wildtiere auf dem Land zeigen, in der Stadt abgebaut ist. Dies liegt vor allem daran, dass in der Stadt nicht gejagt wird. Der Mensch ist für die Tiere in der Stadt damit kein Feindbild mehr – ganz anders in der freien Natur, in Wäldern und Feldern. Auf dem Land werden Tiere das ganze Jahr gejagt, die Städte bieten ihnen dagegen Schutz. In Parks, Gartensiedlungen und auf Brachen gibt es Nischen zum Leben, die sogar sicherer sind als die freie Wildbahn.

„Die Städte sind zu einer, vielleicht sogar der entscheidenden Schnittstelle zwischen Natur und Mensch geworden“, so der Stadtökologe Bernhard Kegel. Er verweist darauf, dass in den Städten die Käufer ökologischer Lebensmittel leben, die Mitglieder der Natur- und Tierschutzverbände, die Vegetarier und Veganer.

Auf dem Land hingegen werden wild lebende Tiere bekämpft: Wehe dem Spatz, der Kirschen nascht! Wehe den arktischen Gänsen, die während des Vogelzugs auf einem Acker Rast machen! Wehe dem Reh, das an einem Baum knabbert! Wehe der Wildschweinmutter, die ihre Kinder in einem Maisfeld groß zieht! Wehe dem Hasen, der ins Gemüsebeet kommt! Es scheint, als würden die Bauern den Tieren kein einziges Körnchen gönnen – und die Bauern sind es, die nach den Jägern schreien, dass mehr Tiere tot geschossen werden.

Die Verfolgung durch den Menschen hat eigentlich tagaktive Tiere wie Füchse oder Wildschweine nachtaktiv gemacht, so dass Erholungssuchende nur selten überhaupt ein Tier zu Gesicht bekommen. Denn die ständige Bejagung macht die Tiere scheu und führt zu großen Fluchtdistanzen. Auch der tierliebende Spaziergänger fällt für die Tiere in die Kategorie „Feindbild Mensch“, vor dem man sich verstecken und die Flucht ergreifen muss.

Füchse sind sehr anpassungsfähig. Ihr Speiseplan ist breitgefächert und reicht von Mäusen und Regenwürmern über Aas bis hin zu Beeren und Früchten. In den Städten finden Füchse reichlich Nahrung in Gärten, auf Komposthaufen und in Küchenresten. Als die ersten Fuchs-Pioniere in die Städte zogen, machten sie die Erfahrung, dass die Stadtmenschen keine Füchse töten. In einer Zeit, in der Filme wie »Der Fuchs und das Mädchen« von Oscarpreisträger Luc Jacquet ein Millionenpublikum in die Kinos locken, freuen sich viele Städter sogar über den Anblick von Füchsen. Wenn heutzutage ein Städter im Frühjahr einen ausgezehrten Fuchs zu Gesicht bekommt, ruft er bei den zuständigen Behörden an und fragt, ob man das arme Tier nicht füttern müsse – um dann zu erfahren, dass es sich wahrscheinlich um eine Fuchsmutter handelt, die gerade ihr Winterfell verloren hat und einige Jungfüchse zu säugen hat.

Für moderne Biologen ist Fuchs nicht gleich Fuchs: sie beobachten Stadtfüchse als individuelle Tiere und nicht einfach als Exemplar einer Gattung. In seinem Buch Tiere in der Stadt erklärt Bernhard Kegel, dass die Tiere, welche in den letzten Jahrzehnten vom Land in die Städte einwanderten, besondere Tierpersönlichkeiten« innerhalb ihrer Art darstellen: Sie sind die neugierigsten und am wenigsten ängstlichen Tiere, mutige Pioniere, die das Wagnis eingehen, eine neue Lebenswelt zu erobern. Ihre Gene und auch ihr Verhalten geben sie an ihre Nachkommen weiter. Verhaltensforschungen zeigen, dass Stadtfüchse und Landfüchse inzwischen sehr unterschiedliche Verhaltensformen ausgeprägt haben.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 1. April 2013
Auf dem Schutzumschlag vorn ein Fuchs vor einer Großstadtsilhouette. Also wieder eines dieser journalistischen Bücher, in denen Plattheiten verkauft werden, war mein erster Gedanke.

Aber der Inhalt ist eine Überraschung. Hier schreibt nicht ein Blinder über die Farbe, sondern ein Wissenschaftler mit jahrelanger Berufserfahung als Stadtökologe. Kegel steht über dem Gegenstand und schreibt anschaulich und verständlich. Die wissenschaftlichen Fragestellungen und Ergebnisse, auf die er sich bezieht, sind mit Fußnoten belegt. Die angeführten Quellen kann man im Literaturverzeichnis nachschlagen. Ein Register rundet das Buch ab, so wie es sich für ein ordentliches Sachbuch gehört.

Vor allem habe ich über das Krabbelvieh einiges dazugelernt. Das wöchentliche Staubsaugen der Böden, Polstermöbel und Betten sehe ich ab jetzt nicht mehr als manchmal lästige Routine, sondern habe begriffen: Der Staubsauger ist unsere Hauptwaffe gegen Milben und ihre Aussscheidungen ist, die Hauptursache der Hausstauballergie. Ein altes Schaffell ist in den Müll gewandert.

In dem Buch kommen auch Pflanzen, Vögel und Säugetiere nicht zu kurz. Ich habe selbst Biologie studiert und bewege mich seit meiner Jugend in Stadt und Großstadt. Wenn man aber dann z. B. über die Verstädterung einiger Vogelarten und die Veränderung ihres Gesangs unter dem Einfluß des Großstadtlärms auf neue Erkenntnisse und Fragen aufmerksam gemacht wird, danke!

Nur an einem Punkt scheint der Verfasser unrettbar dem Zeitgeist verhaftet. Kegel wird nicht müde, die Tatsache zu beschreiben und zu belegen, daß die großen Städte eine Vielfalt sehr unterschiedlicher Lebensräume bieten und deshalb die Artenzahl an Pflanzen und Tieren in den Städten die flache Landschaft weit übertrifft. Dennoch bezieht sich Kegel mehrfach auf das Stereotyp an, die Biodiversität sei bedroht, weil insgesamt die Artenzahl abnehme. Es ist eben doch nicht so einfach, zu einer unabhängigen kritischen Meinung zu gelangen.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 29. März 2013
Vorsicht! Sollten Sie jemand sein der unter einer Phobie leidet und sich fürchtet, wenn er Spinnen in seiner Nähe krabbeln sieht, sich vor Milben oder sonstigen Kleintieren ekelt, die Augen verschließt und die Ohren fest zuhält, wenn über die Wanzenstatistik in unseren Haushalten berichtet wird, dann sollten Sie auf keinen Fall dieses Buch lesen; auch wenn Sie ein begeisterter Bücherwurm sind. Wer hingegen offen ist für alles Tierische, egal wie nahe es an ihn herankommt, der kann sich auf ein interessantes Buch freuen. Kegel’s Reportage ähnliche Berichterstattung bringt uns näher an unsere tierischen Nachbarn heran. Von ihnen wissen die zukünftigen Generationen so wenig wie nie. Unser Verhältnis zu den Tieren hat sich grundlegend verändert. Das liegt daran, daß wir - durch unsere Bequemlichkeit - die Wildbahn zum Schrumpfen gebracht und das Biotop zum Aussterben verurteilt haben. Jetzt haben wir den Salat.
Wir erfahren das der Mensch - mehr als je zuvor -in Symbiose mit den Tieren lebt. Wir verzehren sie über den Schlachthof und sie, sie fressen unsere Hautschuppen, unsere Haare, saugen unser Blut und verwüsten unseren Müll auf der Suche nach Nahrung. Dazu suchen sie mit großer Überwindung unsere Nähe. Kein Tag vergeht an dem nicht etwas über wild einher laufende Kaninchen in einem Berliner Nobelviertel, Horden von Wildschweinen am Frankfurter Stadtrand, oder ähnliches, aus der Peripherie einer deutschen Großstadt berichtet wird. Die Reaktionen der Menschen sind unterschiedlich. Die einen amüsieren sich und finden es „Süß“, die anderen echauffieren sich. Es wird gestritten, der Förster weigert sich die Tiere zu erschießen und Gruppen tun sich zusammen, von denen die einen sich bedroht fühlen von den immer näher rückenden Tieren und die anderen sich darüber freuen über ihre Nähe. Fakt ist, es hat sich etwas verändert in der Natur. Wenn wir das erkennen und uns nicht davor fürchten, besser noch, wenn wir die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen, dann können wir aus der Situation der Tiere in den Großstädten einen Garten Eden machen. Ob da die Milben und Läuse unbedingt dazu gehören sollten, das sei mal dahingestellt? Wer gerne Bücher liest die sich mit einem Thema beschäftigen das anregt die Augen offen zu halten um etwas aus dem Alltag zu lernen, für den ist dieses Buch eine empfehlenswerte Lektüre. Weil es aber eine gewisse Einschränkung beinhaltet, gebe ich hier nur 4 Sterne, obwohl ich es viel lieber als 5 Sterne Buch bewertet hätte.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
TOP 500 REZENSENTam 19. März 2013
Dieses Buch ist nicht nur eine Forschungsreise in die Wildnis vor unserer Haustür. Nein, auch in die Wildnis dahinter, denn obwohl dem Leser auf dem Titel ein Fuchs entgegenläuft, behandelt fast seine gesamte erste Hälfte ganz anderes Getier, das sich nicht nur in der Stadt angesiedelt hat, sondern uns zum Teil noch sehr viel dichter auf die Pelle gerückt und in unsere Wohnungen eingezogen ist.

Zunächst geht es also um Krabbeltiere, Sechs-, Acht- und Mehrbeiner, geflügelt und ungeflügelt, mit bloßem Auge erkennbar und nur unter dem Mikroskop zu beobachten, neben uns her, symbiotisch und parasitär lebend. Und obwohl ich ein sehr unproblematisches und unverkrampftes Verhältnis zu Krabbelgetier hege, Spinnen schon von klein auf faszinierend finde, auch Asseln, Silberfischchen, Ameisen, Käfern, fliegenden Insekten aller Art ihr Recht auf Leben nicht abspreche und sie deshalb nicht einfach totschlage, sondern lebend an die frische Luft befördere, wenn sie mich stören oder sich an mir bzw. meinem Besitz vergreifen, habe ich mich beim Lesen mehrfach dabei ertappt, wie es anfing, überall auf meiner Haut zu kribbeln und zu jucken. Denn was lebt nicht nur in Vogelnestern, sondern auch am engsten mit Menschen zusammen, wenn es kann? Richtig, die Parasiten, als da wären Flöhe, Läuse, Bettwanzen, Zecken, Mücken usw., und unter anderem von diesen berichtet Bernhard Kegel in den ersten Kapiteln ebenso ausführlich wie interessant und humorvoll.

Hat man die Hürde dessen überwunden, was für die meisten Leser unter Ekelgetier fallen dürfte, geht es weiter mit den Tieren, die in der Stadt am augenfälligsten sind: Vögel aller Arten. Da Vogelschutz eine lange Tradition hat, viel länger als jeder andere Naturschutz, haben Vögel die beste Lobby aller Wildtiere. Zumindest gilt das für die kleineren Singvögel. Deshalb sind sie auch am besten erforscht, und man kann sich darauf verlassen, dass nahezu jede Sichtung gemeldet und vermerkt wird. Fuchs und Co spielen eher eine Randrolle in diesem Buch, in dem es im Grunde gar nicht so sehr um einzelne Tierarten in der Stadt geht, sondern um das, was als Stadtnatur bezeichnet wird. Um das große Ganze also, um Flora und Fauna, um die ökologischen Zusammenhänge, in denen der Mensch mit seinen Siedlungen und Bauten sich in ungewohnter Perspektive sieht: als Teil der Natur, als Tier unter Tieren, als ein Tier, in dessen "Nestern" andere Tierarten brauchbare Lebensbedingungen suchen und finden.

Der Leser erfährt, wie, auf welchen Wegen und warum bestimmte Tierarten und Einzeltiere in unsere Städte einwandern bzw. eingewandert sind. Welche Flächen für Neuansiedlungen von Pflanzen und Tieren besonders attraktiv und wertvoll sind und wo die höchste Artenvielfalt herrscht (nein, nicht in erster Linie in den sorgsam gepflegten Gärten und Parks mit ihrer Vielzahl nicht heimischer Zierpflanzen). Warum Natur immer auch Wandel bedeutet - mit Zu- und Abwanderung, Blütezeiten und Aussterben, Katastrophen, die alles vernichten und zugleich Neuanfänge ermöglichen. Was unsere heimischen Wildtiere, die sich auch in der Stadt wohlfühlen, wirklich gefährdet und was entgegen allgemeiner Überzeugung eher nicht (nein, frei laufende Katzen können zwar empfindlich stören, sind aber nicht schuld, dass es immer weniger Singvögel in unseren Gärten gibt). Und nicht zuletzt, wie sich die Einstellung des Menschen zur Natur im allgemeinen und zu einzelnen Tierarten im besonderen im Laufe der Zeit gewandelt hat.

Ein sehr informatives Buch, das den Blick für die Natur in der Stadt zu schärfen vermag, auch Natur- und Tierliebhabern, die sich auskennen, viele neue Erkenntnisse vermittelt, das Verhältnis zu den Tieren um uns herum und ihren Verhaltensweisen sowohl positiv beeinflussen als auch versachlichen kann. Der Schreibstil ist locker, sehr gut lesbar, fesselnd und von trockenem Humor geprägt. Ich habe es sehr gern gelesen, nein, fasziniert verschlungen.
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am 29. April 2013
Wer von Kegels Buch eine Darstellung erwartet, wie und warum die auffälligen "neuen" Tiere in unsere Städte gelangt sind und wie sie dort leben, wird nur in einem Bruchteil des Buches fündig. Weite Teile des Werks setzen sich mit Parasiten und mit den Verhältnissen in anderen Teilen der Welt auseinander.
Das Buch ist flüssig geschrieben, wenn es mir auch manchmal zu "journalistisch" daher kommt. Viele Informationen sind für den Durchschnittsleser bestimmt neu und interessant, wenn man ein breit angelegtes Interesse mitbringt. Insofern lohnt die Lektüre durchaus; man muss halt nur wissen, dass der Inhalt nicht unbedingt das ist, was Titelbild und Promotion erwarten lassen.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
AUFBAU

Das Buch ist inhaltlich sehr übersichtlich gegliedert. Es zeigt von Beginn an, dass das Buch sich nicht nur auf Deutschland konzentriert, sondern die Städte auf dem gesamten Globus beleuchtet. Anschließend wird in verschiedenen Etappen beschrieben, wie die Natur in den Städten sich entwickelte, welchen Tieren man begegnet, wie der Mensch sich darin auswirkt. Auch auf historische Aspekte geht der Autor ein sowie das Thema Naturkatastrophen und Natur / Stadt im Wandel der Zeit. Denn um die Natur in den Städten zu verstehen, muss man zuvor auch die Stadt selbst als Habitat verstehen, sodass er hierauf viel Gewicht legt. Bei all den Tierarten widmet er besonders den Vögeln und dem winzigen Insekten und anderen Kleintieren sehr viel Raum.

Es gibt nur sehr wenige Bilder, zum Teil alte Zeichnungen, ansonsten vor allem Statistiken oder um mikroskopisch kleine Tiere im Großen zu zeigen. Sehr oft findet man graue Kästen, die zusätzlich zu dem Fließtext Episoden erzählen. Anekdoten, Info, Trivia, Exkurse.

19 Seiten Literaturangabe der Fußnoten, 17 Seiten Aufzählung der Quellen, 10 Seiten alphabetisches Register und eine Seite mit Bildnachweisen. Mag manchen Lesern recht viel vorkommen, so jedoch funktioniert wissenschaftliches Arbeiten. Man erkennt, dass der Autor sehr intensiv recherchiert hat und vor allem neben älteren Schriften auch auf aktuelle Titel Bezug nimmt und nicht nur Bücher sondern auch wissenschaftliche Artikel, Fachzeitschriften und Zeitungsberichte heranzieht.

UMSETZUNG

Obwohl er das Thema sehr fachlich angeht, schreibt er leicht verständlich und in einem flüssigen Duktus. Es ist eine Freude, sich in das Buch zu vertiefen und Kegels Ausführungen zu lauschen. Gelegentlich bindet er Anekdoten ein, bringt den Leser zum Schmunzeln, lockert den gelegentlich recht sachlichen Text ein wenig auf. Trotz der vielen Fußnoten, Quellen und wissenschaftlichen Untermauerung lässt er das Buch in keinem Moment trocken oder langweilig erscheinen.

Auch die Gliederung in gut erkennbare Absätze und Kapitel sowie die zwischendurch eingeschobenen grauen Infokästen sind sehr hilfreich. Oft vermisse ich in anderen Fachbüchern die Lesbarkeit, etwa wenn Text an Text an Text gereiht ist und das Hirn mit Input zugeschüttet wird ohne das Auge zu entlasten. Hier aber klappt alles bestens. Ob dies Kegel zuzuschreiben ist oder dem Verlag, vermag ich nicht zu beurteilen, in der Aufmachung jedenfalls ist es gelungen, es trotz der Wissenschaftlichkeit leserfreundlich zu präsentieren.

PERSÖNLICHE MEINUNG

Das Buch liest sich wunderbar, und man geht danach tatsächlich mit anderen Augen durch die Stadt. Dennoch war ich ein wenig enttäuscht: gut, im Inhaltsverzeichnis wird schnell klar, dass das Augenmerk auf Vögeln und Insekten sowie der Stadt als solcher liegt. Doch die Vermarktung und auch das Cover lassen eigentlich auf etwas anderes schließen. Ich finde es sehr interessant, wie Städte entstanden sind und sich entwickelten, veränderten. Und Milben, Flöhe, Käfer, Spinnen, Asseln, Wanzen, Zecken, Flöhe, Fliegen, Mücken etc gehören selbstverständlich dazu, wenn man über Tiere in der Stadt schreibt, ebenso die unzähligen Vogelarten.

Die deutliche Konzentration vor allem auf diese Bereiche allerdings fand ich sehr schade. Es ist nicht so, dass ich Säugetiere mag und Insekten nicht (ich gehöre sogar zu denen, die lange fasziniert zusehen wie eine Spinne ihre Beute einwickelt oder sich auf den Waldboden setzen, um eine Ameisenstraße zu beobachten), aber ich hätte mir einfach mehr Gewicht auf den Säugetieren gewünscht. Nicht, weil sie niedlich sind, sondern weil sie für mich das Stadtbild prägen und ich ihnen täglich vielfach begegne. Es ist ja nett, wenn ich mir bewusst werde "ah, in meinem Bett sind soundsoviele Milben", aber es wäre auch schön, wenn ich mehr über die Hasen, Eichhörnchen, Füchse, Fledermäuse, Schmetterlinge, Mäuse, Ratten, Dachse, Marder, Maulwürfe erfahren könnte, die sich zwischen den Häusern tummeln. Darüber liest man jedoch kaum etwas.

Der Klappentext verspricht "nimmt uns mit auf Forschungsreise in die Wildnis vor unserer Haustür", das Cover zeigt einen Fuchs. Das impliziert dann doch etwas komplett anderes als das, was man tatsächlich im Buch las (okay, ein Katzenfloh macht sich nicht gut auf dem Buchcover). Auch ist klar, dass ich global denken muss und mir bewusst sein muss, dass es nicht nur um meine eigene kleine Haustür in meiner Stadt in meinem Bundesland geht. Aber ein wenig mehr Konzentration auf Deutschland und weniger Bezüge auf Paris, London, Warschau, Sidney, New York und Co hätte ich deutlich begrüßt. London 1666 ist einfach nicht "vor meiner Haustür", ebensowenig wie Afrika vor 72.000 Jahren oder Manhatten 1650.

FAZIT

Ein wunerschönes Buch, das dem Leser Natur und Stadt näherbringt. Dank des lockeren Stils kann man dem Autor gut folgen, die Texte sind angenehm aufbereitet und präsentiert. Kegel gelingt die Kunst, komplexes Fachwissen unterhaltsam zu verpacken. Allerdings liegt das Gewicht doch sehr auf Insekten und Vögeln. Wer also mehr über die heimischen Vierbeiner lesen möchte, wird etwas enttäuscht werden. Wer diese Erwartung nicht hegt und eine Vorliebe für mikroskopisches Kelingetier und Vögel hat, wird dagegen begeistert sein.
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am 4. Mai 2013
Als ich Ende 2006 nach Wiesbaden gezogen bin, wusste ich noch nicht, dass hier Papageien leben. Naja, keine echten Papageien. Sondern Halsbandsittiche. Aber die sehen aus wie Papageien, sind grün und besiedeln inzwischen nicht mehr nur Kurpark und den Schloßpark in Biebrich. Man findet sie allerorten.

Als ich das Buch von Bernd Kegel bekam, wusste ich erst überhaupt nicht was ich damit anfagen soll. "Tierie in der Stadt - Eine Naturgeschichte" - der Titel ist meiner Meinung nach wirklich nicht der Brüller (auch wenn er sachlich wiedergibt, worum es geht). Das Buch aber bietet in unterhaltsamer Weise Lesestoff genau dazu. Mir hat es Spaß gemacht darin zu lesen. Daher von ganzem Herzen fünf Punkte.

Es ist ja nicht nur das "große Krabbeln" in Insektengestalt, dem wir allerorten Begegnen. Vögel hinterlassen ihren Unrat auf geparkten Autos. Marder zerbeißen die Schläuche. Und allerlei Säugetiere haben in den Städten ihr Zuhause gefunden. Berhard Kegel erzählt darüber. Den Wissenschaftler lässt er dabei nicht zuhause, er geht schon gut in die Tiefe und die Breite. Das aber erzählerisch gekonnt als Unterhalter. Wer ein stures Sachbuch erwartet hat, wird enttäuscht sein. Wer mehr über seine Umwelt erfahren möchte, ist hier gut bedient. Und gut unterhalten.

Nicht alles, was Tiere so anstellen, können wir Menschen gut finden. Sei es nach Kriegen oder Katastrophen. Die Tiere sind genauso betroffen wie wir, sie gehen aber mit den sich bietenden Chancen recht gut um und nutzen sie.

Das Buch eignet sich gut als Geschenk. Soweit ich es gesehen habe, gibt es das Buch bislang nicht als Hörbuch. So gut wie Bernhard Kegel erzählt - ich könnte mir vorstellen, daß eine gute Lesung ihren Abnehmerkreis finden würde.
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am 12. März 2013
Egal wo man in diesen Tagen wohnt, ob in einer der großen Millionenstädte, oder in einer kleineren Stadt in der Nähe des Hinterlandes, überall kann der wache Zeitgenosse ein Phänomen beobachten, das ihn staunen lässt. Ehemals scheue Wildtierarten bewegen sich von ihren angestammten Lebensräumen in Wald und Flur hinein in die Ballungszentren und werden zunehmend Teil einer neuen Stadtnatur.

Mitten zwischen Beton und Asphalt, lange verteufelt als lebensfeindliche Umgebung für Lebewesen, findet sich eine ganz erstaunliche und immer weiter zunehmende Vielfalt der Arten. Fast könnte man annehmen, es habe sich eine Art Umkehr vollzogen. Draußen auf dem Land verkommen ehemals fruchtbare und lebensfreundliche Flächen durch die auch der angeblich so alternativen Energie geschuldete Monokultur zu regelrechten Agrarwüsten, während innerhalb der Städte sich Oasen gebildet haben , in denen auch sehr selten gewordene Tierarten gut leben und überleben können.

Mit vielen Beispielen aus allen Teilen der Welt zeichnet der Wissenschaftsjournalist Bernhard Kegel, der 2009 mit seinem Buch „Epigenetik“ aufhorchen ließ, diese Entwicklung nach in einer Naturgeschichte, in der es ihm wie in dem schon erwähnten Buch gelingt, komplizierte Themen in einfache und spannende Geschichten zu verwandeln.

Eine spannende Forschungsreise in die Wildnis vor unserer Haustür.
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