„Wir müssen versuchen, etwas gegen die klischeehaften Darstellungen des Tierarztes in den Medien zu unternehmen, und zwar nicht nur im Interesse des Ansehens unseres Berufsstandes, sondern (…) auch im Hinblick auf den Nachwuchs auf verschiedenen Gebieten unseres Berufes.“ (Jürgen Unshelm 1991) Dieses Zitat aus dem Jahr 1991 verdeutlicht, von welch großer Bedeutung die Kenntnis über das in den Medien erzeugte Tierarztbild ist. Die Berufswahl potenzieller Studienanfänger wird durch das Öffentlichkeitsbild beeinflusst. Erkenntnisse über die Darstellung des tierärztlichen Berufes können den Standesvertretungen bei ihrer Öffentlichkeitsarbeit helfen. Praktizierenden Tierärzten kann entsprechendes Wissen eine Hilfestellung im alltäglichen Umgang mit ihren Kunden sein. Darüberhinaus stellt die Vergegenwärtigung dieses Bildes für jeden einzelnen Tierarzt einen Anstoß zur Selbstreflexion dar. Dennoch haben sich bisher nur vergleichsweise wenige Autoren mit diesem Thema auseinandergesetzt. Ein bibliografischer und inhaltlicher Überblick, in welchen Gebieten der deutschsprachigen Belletristik und in welcher Weise das Motiv „Tierarzt“ aufgegriffen wird, fehlt bisher. Diese Forschungslücke soll mit der vorliegenden Arbeit geschlossen werden.
3 Einordnung in Themengruppen und Vorstellung der ein-zelnen Werke 3.1 Gruppe 1: Der Tierarzt als Mensch im Vordergrund Das Hauptcharakteristikum dieser Gruppe von Werken ist darin zu sehen, dass nicht der Tierarzt in der Ausübung seiner beruflichen Tätigkeit im Vordergrund steht. Das Augenmerk liegt vielmehr auf dem Tierarzt als Mensch mit seinen persönlichen Erlebnissen, Erfahrungen oder auch Problemen. Das bedeutet nicht zwingend, dass er nicht auch während der Erzählung als Tierarzt tätig sein kann. Die Erlebnisse des Menschen sind schließlich eng mit seinem Beruf verknüpft. Die berufliche Tätigkeit tritt jedoch vielfach in irgendeiner Weise hinter die Person selbst zurück. So liegt das Hauptaugenmerk in Leonore Hannss’ (1991) Roman auf dem Tierarzt in der Rolle des Vaters. Bei Fritz Reck-Malleczewen (1922) tritt der Tierarzt als Re-volutionär in der Deutschen Revolution 1848/49 in Erscheinung. In dieser Erzählung ist nicht der Beruf, sondern die soziale Zuordnung zum Bürgertum ent-scheidend. Die Hauptperson im Werk Romy Taylers (1996) muss sich mit den Schwierigkeiten des Lebens als allein erziehende Singlefrau auseinandersetzen. Jutta Beyrichen (2000) schreibt von einer Tierärztin, die ihrem Alltag und ihrem Beruf entflieht, um schwerwiegende persönliche Probleme zu verarbeiten. Auch wenn es ihr gelingt, aufgrund ihres Einfühlungsvermögens ein traumatisiertes Pferd zu heilen, geschieht dies nicht in ihrer Rolle als Tierärztin. William Quindts (1948) Roman handelt von einem Tierarzt, der im Grunde seines Herzens Zoologe ist. Dieser lässt den Leser an seinen Natur- und Tierbeobachtungen, aber auch an seinen Gedankengängen zu sozialen Fragestellungen teilhaben. Gerhard Parrisius (1992) schließlich schildert seinen persönlichen Werdegang, bei dem Beruf und Familienleben stets eng verknüpft sind. Es ist jedoch letzteres, was den eigentlichen Kern der Handlung bildet. Diesen so unterschiedlichen Geschichten entsprechend werden in den Werken dieser Gruppe auch ganz verschiedene Tierarztbilder geschaffen: So finden sich ein revoltierender Vertreter des Bürgertums und ein finanziell unabhängiger Natur- und Tierliebhaber, der an Menschen und Tiermedizin nur bedingtes Interesse zeigt. Ebenso treten aber auch zwei Tierärzte auf, deren Leben ihrer Berufung, der Tier-medizin, gewidmet ist. Schließlich wird das Leben zweier Tierärztinnen beschrieben, von denen die eine darum kämpft, ihr Privatleben nicht von der Arbeit in ihrer Praxis dominieren zu lassen, während die andere sich auch in ihrem Urlaub couragiert und sensibel für das Wohl eines Tieres einsetzt. Jutta Beyrichen Die Pferdefrau Autorin Die 1964 geborenen Jutta Beyrichen lebt als Mutter zweier Söhne in Bad Kissingen. Schon als Kind wurde ihre Leidenschaft für Pferde geweckt, später kam die Leiden-schaft für die „Grüne Insel“ Irland hinzu, auf der mehrere ihrer Romane spielen. Werk Der Roman „Die Pferdefrau“ ist seit 1998 in drei Verlagen erschienen und umfasst in der vorliegenden Fassung 488 Seiten. Weitere Werke zum Thema Beyrichen, Jutta (2003): Die Tochter der Pferdefrau. Verlag Knaur, München. ISBN 3-42666-098-9. Inhalt Dieses Buch handelt von der jungen deutschen Tierärztin Christine, die ihren Vater, einen vor Jahren nach Irland ausgewanderten Maler, in dessen neuer Heimat besucht. Wie sich im Laufe der Geschichte herausstellt, versucht sie, dort eine Fehlgeburt und die Trennung von ihrem Freund zu verarbeiten. Während dieses Aufenthaltes verbringt Christine viel Zeit auf einem nahe gelegenen Reiterhof. Dort entdeckt sie ein verstörtes Rennpferd und beschließt trotz vielerlei Hindernisse, es zu therapieren. Erst im weiteren Verlauf des Buches, in dem es zu Anschlägen auf einige Tiere des Hofes kommt, gibt sich Christine als Tierärztin zu erkennen und versucht, mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln zu helfen. Schließlich gelingt es der jungen Tierärztin, durch viel Einfühlungsvermögen das Rennpferd zu heilen, das fortan zahlreiche Rennen gewinnt und dadurch das Schicksal des vom Ruin bedrohten Reiterhofes wendet. Zu guter Letzt findet Christine in dem Sohn des Besitzers, Denis, einen Partner fürs Leben und wandert selbst nach Irland aus. Analyse • Text In diesem in der personalen Erzählperspektive verfassten Roman steht eine Tierärz-tin nicht primär in ihrer beruflichen Tätigkeit, sondern vielmehr als Mensch und als Frau im Vordergrund. Deutlich wird dies daran, dass sie die beiden anderen Haupt-personen des Buches, die Söhne des Reiterhofbesitzers, erst auf Seite 125 über ihren Beruf aufklärt, als ihre Fachkenntnisse bei der Untersuchung eines toten Hundes einer Erklärung bedürfen. Im Mittelpunkt stehen jedoch ihre tierpsychologischen Kenntnisse und Fähigkeiten, die in Bezug auf die Therapie des verstörten Rennpferdes Anwendung finden und für den Fortgang der Geschichte unerlässlich sind. Sonstige fachliche Details treten nur begrenzt auf und sind auf die jeweils im Rahmen der Handlung verfügbaren Möglichkeiten zugeschnitten. So wird das Hinzuziehen eines weiteren Tierarztes, der die Geschichte stören könnte, nicht nötig. Darüber hinausgehende Therapiemaßnahmen, wie sie etwa bei der Behandlung der auf den Seiten 218-225 auftretenden Pododermatitis aseptica diffusa (Hufrehe) essenziell wären, werden entweder aus Unwissenheit oder aus dramaturgischen Gründen nicht erwähnt: „«Nun», meinte sie, «viel machen kann man im Moment wohl nicht. Kühle Umschläge, eventuell eine entzündungshemmende Breipackung. Eiweißar-mes Futter, das heißt Heu und Stroh. Auf keinen Fall Hafer, er enthält ja eben-falls viel Eiweiß. Sollte es schlimmer werden oder sich sogar chronisch entwi-ckeln, braucht sie Spezialhufeisen, aber das wird euer Hufschmied sicher wis-sen.»“ (S. 221) Die aufgeführten Details erinnern dabei stark an Informationen, die man in für tier-medizinische Laien bestimmten Büchern über Erste Hilfe-Maßnahmen bis zum Eintreffen des Tierarztes findet und lassen daher eine Recherche seitens der Autorin in derlei Literatur vermuten. Insgesamt wird dem Leser in diesem Roman eine gefühlvolle Geschichte erzählt, die zwar beispielsweise mit dem späten Bekanntwerden der Fehlgeburt Christines Überraschungen bereithält, in ihrem Gesamtverlauf jedoch vorhersehbar ist. Neben der Beziehung Christines zu den Pferden steht vor allem die sich entwickelnde Liebesbeziehung zu Denis im Vordergrund. Doch auch der Kampf um ihren Stand als Frau zieht sich als roter Faden durch die Geschichte. Schließlich gibt Christine der Erfolg ihres Handelns Recht und verschafft ihr auch bei den Männern Anerkennung. Unter Berücksichtigung all dieser Aspekte scheint eine Einordnung dieses Romans in die Unterhaltungs-, wenn auch nicht in die Trivialliteratur, berechtigt. Das Motiv „Tierarzt“ wäre im Rahmen dieses Romans nicht zwingend notwendig gewesen. Die für die Handlung entscheidende Eigenschaft Christines, nämlich der einfühlsame und von Geduld und Liebe geprägte Umgang mit Tieren, wird typischerweise Frauen an sich zugeschrieben. Somit wäre auch ohne den Verweis auf tierärztliche Ausbildung und tierpsychologische Kenntnisse ein Versuch der Heilung schlüssig gewesen. • Tierärztin Die Hauptfigur des Romans ist eine 28jährige Tierärztin. Sie hat ihr Studium in Deutschland abgeschlossen und wurde promoviert. In den USA hat sie ein einjähri-ges Praktikum an einem Forschungsinstitut absolviert. Zur Zeit der Handlung des Romans ist sie ohne Anstellung und verbringt einige Zeit in Irland, kann sich jedoch eine Tätigkeit im Großtierbereich vorstellen. Aussagen bezüglich des Arbeitsalltages können demzufolge nicht gemacht werden. Christine wird als schlanke junge Frau mit Kurzhaarfrisur beschrieben, die ein schlichtes, natürliches Aussehen hat und unauffällig, jedoch gut gekleidet ist. Sie tritt zumeist selbstsicher auf, auch wenn sie es nicht immer zu sein scheint. Um ihre Ziele zu erreichen, nimmt sie auch die Bewältigung von Hindernissen in Kauf. Ihr Vater charakterisiert sie im...