Die Schreibweise des Textes macht großen Spaß und trägt einen mit Leichtigkeit vom Anfang bis an den Schluss des Textes. Sie entspricht dem Gegenstand: Fundstellen aus einer breiten Auswahl poststrukturalistischer Texte werden unter zentralen Begriffen zusammengestellt. So entsteht ein Kaleidoskop vielfältiger Argumentationen, jeweils verknüpft durch kritische Fragen aus der Debatte, die die vorgestellten AutorInnen hervorgerufen haben, wie z.B.: Führt die Kritik des Wahrheitsbegriffs nicht zu einer kriterienlosen Beliebigkeit? Bedeutet der 'Tod des Subjekts' nicht die Aufgabe der Vorstellung aktiv handelnder Individuen und wie kann eine sich als revolutionär definierende Theorie das handelnde Subjekt ad acta legen? Hat Foucault in seinen letzten beiden Büchern dieser Kritik schließlich nachgegeben und eine 'Wende zum Subjekt' vollzogen? Unterminiert die Abkehr vom Subjekt-Begriff gerade in dem Augenblick, in dem Frauen beginnen, sich als Subjekte zu konstituieren, nicht die feministischen Kämpfe? Ist die Aufforderung 'Frau, Schwarz, Tier' zu werden, nicht eine Anbiederung weißer dominanter Männer an die Marginalisierten?
All diese Fragen werden nicht 'beantwortet' in dem Sinn, dass der Autor uns mitteilt, wie wir seiner Meinung nach die Texte lesen sollten, um die richtige Antwort zu finden. Vielmehr eröffnet er uns durch die kommentierende Zusammenstellung von Textstellen, die für die Diskussion dieser Fragen relevant sind, einen eigenen Zugang zu den Argumentationsweisen der poststrukturalistischen AutorInnen. Wir können uns einen Überblick verschaffen und entscheiden, ob und wo wir eingehender im Original nachlesen wollen, oder ob wir mit der angebotenen Darstellung zufrieden sind. Der argumentierende Kontext, in dem die Texte vorgestellt werden, ermöglicht einen konstruktiven Umgang mit ihnen. Man könnte die Darstellungsweise als konstruktive Dekonstruktion bezeichnen.
Die Hauptthesen poststrukturalistischer Theorien sind inzwischen fast zum Mantra geworden: dass es keine objektive Wahrheit gibt, sondern dass wir die Welt konstruieren, dass Subjekte unterworfene und nicht autonome AutorInnen ihres Handelns sind, dass alles im Fluss, im Werden ist, dass wir Differenzen respektieren müssen, statt auf einer einzigen Wahrheit zu beharren ' solche Prinzipien sind auch zum Gegenstand stets auf neue wiederholter Kritik geworden, ohne dass die ProtagonistInnen oder KritikerInnen je einen Blick in die Originalschriften geworfen hätten, weil die Texte nur noch durch ihrer InterpretInnen zur Kenntnis genommen werden. Dieser Unsitte wird hier entgegengewirkt, indem die AutorInnen selbst zu Wort kommen. Der Charakter einer Einführung in die Texte stellt sich über die Kommentare und Zusammenfassungen her, die Klarheit schaffen, wo die Originalzitate für sich genommen zuweilen verwirren. Es wird jedoch kein Poststrukturalismus light serviert. Die Anstrengung des Denkens ist nicht suspendiert, sondern es werden Wege ins Dickicht geschlagen, die die Anstrengung lohnend machen.
Wie immer man am Ende diese Theorien beurteilen mag, für mich hat der Autor gezeigt, dass sie Begründungen oder Perspektiven für Formen gesellschaftsverändernder Praxis liefern. Grund genug, sich mit ihnen auseinanderzusetzen und sie in die interne Diskussion um Formen kritischer Theorie und Praxis einzubeziehen.