Das Beste an Dagmar Röhrlichs "Tiefsee" ist ihr Schreibstil. Röhrlich erzählt spannend und informativ die Geschichte dieses Lebensraumes. Ihr roter Faden ist die Schilderung der "Challanger"-Expedition, die zwischen 1872 und 1876 die erste weltumfassende Tiefsee-Forschungsreise unternahm. Ihr Ergebnis kurz zusammen gefasst: die Tiefsee ist nicht der unbewohnte Lebensraum wie man immer dachte.
Anknüpfend an die Abenteuer und wissenschaftliche Kenntnisse dieser Reise gibt Röhrlich Auskunft wie der heutige Stand der Wissenschaft ist. Das Ganze liest sich locker leicht, wie aus einem Guss.
Unglaubliche Formen von Pflanzen und Tieren haben sich hier ausgebildet. Neben den "üblichen Verdächtigen", wie Architeuthis, Anglerfisch etc. werden auch viele Exoten gezeigt, beispielsweise Chaetopterus, ein Wurm, der "wie das Hinterteil eines Schweins aussieht" (S. 179).
Ich fand den Schwarzen Drachenfisch sehr interessant; dieser besitzt neben Rotlicht auch ein "Fernlicht"; um das Rotlicht wahrzunehmen benötigt er zusätzliche Sehpigmente, die eine Variante des grünen Chlorophylls darstellen - bin gespannt wie man das in Zukunft klärt.
Natürlich erzählt Röhrlich auch über die Gefahren der Zerstörung dieses Lebensraumes. Waren es zu "Challenger"-Zeiten die Walfänger, sind es heute die Fischer, die mit Technik und z. T. über 130 km langen Schleppnetzen jedes Leben am Boden den Garaus machen. Aber auch Umweltverschmutzung und Klimawandel üben negativen Einfluss auf den Biotop.
Über das ganze Buch verteilt sind Illustrationen von Jan Feindt. Positiv ist der dadurch entstehende einheitliche Gesamt-Eindruck des Buches. Ich persönlich finde allerdings Photos in diesem Zusammenhang (= Sachbuch) besser. Beim Vergleich mit Claire Nouvians "Leben in der Tiefsee" von 2006, strahlen die dort gezeigten Photos pathetisch ausgedrückt mehr Erhabenheit aus.
Sehr überrascht war ich, dass einige Tiere in Röhrlichs Buch - ohne Angaben - von Photos aus Nouvians Buch (wahrscheinlich) fast 1:1 abgemalt wurden, die einzelnen Tierindividuen sind deutlich zu erkennen. Z.B. Periphyllopsis (Nouvian Seite 113, Röhrlich Seite 115), Vampyroteuthis (129/19), Haplophryne (132/162), Strahlentierchen (155/139) Seefeder (158/181), Kugelschwamm (179/70), Baumschwamm (187/119), Krausenhai hier 2 verschieden Photos (190 + 191/152 + 221),Yeti-Krabbe (221/223), Pompejiwurm (222/243).
Das finde ich nicht gut. Nouvian hat ein faszinierendes Buch herausgegeben und man sollte die Arbeit respektieren, die hinter solch einem Engagement steckt.
Dagmar Röhrlich hat eine gute, spannend zu lesende Einführung in die Ozeanographie geschrieben, bei einer neuen Auflage des Buches sollten die Vorlagen einiger Illustrationen auch genannt werden.