Ein monumentales Werk ist hier entstanden, detailliert recherchiert, mit einer lebendigen Sprache geschrieben und von einer wahrhaft enzyklopädischen interdisziplinären Fülle. Elisabeth Bronfen, durch viele Monographien ausgewiesene Literaturwissenschaftlerin, legt mit diesem 640 Seiten umfassenden Werk die erste Kulturgeschichte der Nacht vor.
Quer durch unsere Kultur ist sie dabei gewandert, durch Kunst, Literatur, Philosophie, Musik; von der Antike über das Mittelalter bis hin zur Aufklärung und die aktuelle Gegenwart verfolgt sie das Phänomen der Nacht.
Die Nacht als die Zeit und den Ort, an dem sich all das auslebt, was am Tag, der Zeit der wachen Vernunft nicht zu fassen ist, bzw. dort einfach nicht kleben und existieren kann.
Ganze vierzehn Jahre habe sie, so berichtet Elisabeth Bronfen, an diesem Werk gearbeitet, wobei sie zwei Jahre nur geschrieben hat. Sie beschreibt die Nacht als "einen anderen Zeitraum", einen Raum, in der die Zeit, die sich - paradoxerweise - nicht verändert und doch nie die gleiche ist. Sie spricht von "zeitlicher Heterotopie", eine Wortschöpfung, die beschreiben soll, dass es ein und denselben Raum bei Tag und bei Nacht nicht gibt. Die Zeit sozusagen als veirte Dimension des Raums, der die Menschen, wenn sie diesen Zeitraum betreten, verändert. Wir werden andere, wenn wir in die Nacht gehen.
Elisabeth Bronfen will mit ihrem Buch lehren, genauer hinzusehen: "Ich möchte die Leute dazu bringen, bei Dingen, von denen sie meinen, das kennen sie, das ist so unglaublich vertraut, da muss man keinen weiteren Gedanken darüber verschwenden, noch einmal genauer hinzusehen. Genauer hinsehen heißt, Vertrautes wieder unvertraut machen."
Und so weckt die Lektüre dieses Buches genau diese klaren Nachtgedanken, öffnet Zusammenhänge, die man nur bei völliger Dunkelheit erkennt. Die Sprache selbst folgt erst am Tag.
Ein Buch, tiefer als der Tag gedacht.