Dieses Buch ist fesselnd, es hat mich sehr beeindruckt und fasziniert. Es ist sehr spannend, düster und depressiv, darin steht es den Wallander-Krimis in nichts nach. Das Besondere an diesem Buch ist, dass es weitgehend aus der Sicht eines zunehmend verabscheuungswürdigen Menschen erzählt wird, dessen abgrundtief schlechter Charakter kaum zu übertreffen ist. Dieser Mensch, ein Seevermesser, vermittelt von außen betrachtet den Eindruck, im Laufe der Handlung immer mehr seinen Realitätssinn zu verlieren, und gleichzeitig betreibt er sehenden Auges sein schlimmes, böses, falsches Spiel. Als Leser müsste man sich aufregen und wütend auf ihn sein, doch sein Verhalten macht so fassungslos, dass man wie paralysiert neben sich steht und permanent die Luft anhalten möchte. Er spielt ein grausames Spiel mit zwei Frauen, die er m. E. beide nicht liebt. Wenn er von seiner Ehefrau spricht, nennt er sie stets bei ihrem vollen Namen, Christina Tacker, was eine merkwürdige Distanz des Paares zueinander zeigt. Er bringt sie häufig mit den Porzellanfiguren, welche sie sammelt, in Verbindung. Fast scheint es, als ob er sie selbst wie einen ebensolchen toten Gegenstand betrachtet. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass er sie aus rein gesellschaftlichen Gründen geheiratet hat, um sein eigenes Ansehen zu steigern und sein berufliches Fortkommen positiv zu beeinflussen. Die andere Frau, Sara Frederika, lebt allein auf einer Schäre weit draußen in der Ostsee und wünscht sich sehnlichst weg von dort. Dabei könnte er ihr helfen. Das gibt ihm eine gewisse Macht über sie. Vielleicht ist es das, was ihn so an ihr fasziniert, dass er eifersüchtig über sie wacht. Auch den meisten anderen Menschen begegnet er mit innerer Kälte und Distanziertheit. Dabei gibt er sich nach außen anders, wohl wissend, dass er sein wahres Ich nicht zeigen kann.
Dies ist kein schönes Buch, aber eins, das sich zu Lesen lohnt, weil es herausragt aus dem Angebot. Gerade wenn man schon viel gelesen hat, erlebt man immer wieder einmal ein déjà vu des gleichen Themas in anderer Verpackung. Bei Tiefe ist das nicht so. Mir wurde häufig beinahe schlecht beim Lesen von so viel Skrupellosigkeit und einem Verhalten, von dem man sagen würde, dass es nur einem kranken Hirn entspringen kann. Gleichzeitig war ich so gefangen von diesem Buch, dass ich die Lektüre kaum unterbrechen mochte und wie besessen las. Es ist kafkaesk, aber aus der Person heraus, nicht von außen, und kein Buch für jeden Leser; man muss wissen, was man mag und was man sich zumuten kann.