Huysmans' Là-Bas wird eine enzyklopädisch naturalistische, ja fast wissenschaftliche Akribie in der Darstellung von Satanismus, Biographie des Gilles de Rais und aller weiteren behandelten Themenkomplexe bescheinigt (s. Nachwort RUB). Dass aber darin zuallererst die Sinnsuche eines denkenden Menschen und Künstlers in einer (der heutigen mehr als nur vergleichbaren) sinnleeren Epoche voller verflachter, mediokrer Menschen dargestellt wird, ist in der Rezeption anscheinend nur am Rande erkannt. Die schriftstellerische Methode des Naturalismus - Postnaturalismus und der Décadence spielt für diese Erkenntnis nur eine marginale Rolle. Wesentlich erscheint mir viel mehr die Haltung des Helden seinen Erfahrungen gegenüber. Hier ist nämlich, wie ich denke, sehr genau der Typus Mensch auch des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts dargestellt, der zwar von Erfahrungs- und Erkenntnishunger durchdrungen ist, sich letztendlich aber seinen Erfahrungen gegenüber als indifferent erweist. Der Grund hierfür ist zur Hälfte die Natur der gemachten Erfahrungen: Diese sind bloß rein additiv und nicht der Art, den Erfahrenden zu einer Entwicklung zu befähigen. Zur anderen Hälfte ist es die Natur des Protagonisten selbst, der nicht dazu in der Lage ist, Schlüsse aus seinen Erfahrungen zu ziehen; es geht ihm offensichtlich nicht um Verarbeitung der Erfahrung, sondern lediglich um die Erfahrung selbst. Sein Antrieb ist es, ständig irgendwelche neue Erfahrungen zu sammeln, die sobald sie gemacht sind, uninteressant und somit abgehakt werden (siehe die Begierde nach Mme Chantelouve und die Haltung zu den vollbrachten Werken (Aussage: "Ich interessiere mich nicht mehr für meine Bücher, sobald ich sie geschrieben habe.")). Diese Haltung hat Durtal mit dem heutigen Menschen gemein, den andauernden Hunger nach Information, nach Konsumation ohne Konsumption. Kurz, ein beunruhigendes, kluges und unbedingt zu lesendes Buch, welches jedem, der nach dem Lesen der letzten Seite nicht auch den letzten Gedanken über ein Buch beiseite zu legen pflegt, anempfohlen sei.