MEINE LEBENSSPIRALE I
Die Wurzeln dieses Buches reichen zurück bis zu meiner Großmutter mütterlicherseits, Frances Rousmaniere Dewing, die mir, als ich fünfzehn Jahre alt war, ein Buch mit Zen-Gedichten schenkte. Sie war auf ihre Weise und in ihrer Zeit eine von Weisheit erfüllte Frau. Als vierte Frau in der Geschichte hatte sie ein Doktorat des Radcliffe-College erhalten. Ihr Gebiet war Philosophie, und sie war eine Freundin von William James und Khalil Gibran, der sie sehr bewundert und ein Porträt von ihr gemalt hat.
Sie war eine Freidenkerin und plante nicht, sich zu verheiraten, denn sie hatte sich entschlossen, sich ganz und gar einem intellektuellen Leben zu widmen. Sie lehrte am Wellesley-, am Mount-Holyoke- und am Smith-College und wurde von ihren Studenten so innig geliebt, dass diese sie noch besuchten, als sie schon hoch in den Achtzigern war. Sie begegnete meinem Großvater, Arthur Stone Dewing, bei einem philosophischen Seminar, als sie beide mit Studienarbeiten zu ihrer Doktorarbeit befasst waren, aber erst sechs Jahre später, als meine Großmutter fünfunddreißig Jahre alt war, traf sie die schwere Entscheidung, ihren Beruf aufzugeben und zu heiraten. Damals blieb den Frauen ja nichts anderes übrig, als zwischen Ehe und Beruf zu wählen. Mein Großvater war ebenfalls ein Philosoph, und zudem ein finanzielles Genie und eine sehr exzentrische Persönlichkeit. Er pflegte sich am Telefon mit einem Krähen wie ein Hahn zu melden; er trug Schlangen in seinen Taschen mit sich herum, hielt sich Krokodile in der Badewanne, Schildkröten im Hinterhof und schenkte meiner Mutter einen Bären als Schmusetier.
Sie hatten drei Töchter, Mary, Abigail und Ruth. Meine Mutter, Ruth, die jüngste Tochter, teilte die Liebe ihrer Mutter zu Ideen und ihren unabhängigen Geist. Sie wanderte mit einer Freundin durch ganz Südrussland, als sie neunzehn Jahre alt war, und ein paar Jahre später machte sie ihren Pilotenschein und arbeitete dann in der gewerkschaftlichen Tarifvermittlung.
Sie gab einen faszinierenden Beruf im Gewerkschaftsbereich auf, um meinen Vater zu heiraten, den Herausgeber einer Kleinstadtzeitung, und um Kinder zu bekommen. Es gelang ihr, auch meiner Schwester, meinem Bruder und mir die Liebe zu geistigen Abenteuern einzupflanzen und uns ein Gefühl für Kunst und Schönheit zu vermitteln. Ich glaube nicht, dass ihr der Entschluss zur Ehe leicht gefallen ist. Denn ich erinnere mich an ihre verzweifelten Versuche, an unserem chaotischen Esstisch so etwas wie eine »gehobene Konversation« durchzusetzen. Obwohl wir damals alle über sie lachten, ist mir heute klar, dass dieser Versuch ein Zeichen für ihre Sehnsucht nach geistiger Nahrung war.
Ich vermute, dass es bei diesen Frauen in meiner »Linie« kein Wunder ist, dass ich im Alter von neunzehn Jahren meine Universitätsstudien aufgab und mich auf eine planlose geistige Suche machte, die mich schließlich dahin führte, dieses Buch zu schreiben.
Im Juni 1967, neunzehn Jahre alt, flog ich mit meiner Freundin von der Universität von Colorado und spirituellen Schwester, Victress Hitchcock, von San Francisco nach Hongkong, um ihre Eltern zu besuchen, die damals zum diplomatischen Corps von Kalkutta gehörten. Wir reisten per Schiff von Hongkong nach Bombay, und dort wurden wir von kleinen Booten zur Küste gebracht, wo sie uns am Fuß einer langen Flucht von breiten Steintreppen absetzten. Als ich diese Stufen hinaufschritt, fühlte ich, dass ich endlich an dem Ort angekommen war, wo ich wahre Weisheit finden würde.
Während des Monsuns blieben wir bei Victress' Eltern in Kalkutta. Ihr Vater war der Generalkonsul, und seine Frau Maxine arrangierte für uns einen Volontärplatz in Mutter Teresas »Waisenhaus und Heim für ledige Mütter«. Sie hoffte, dass uns diese Art von Arbeit die Phantasien über den »mystischen Osten« austreiben und uns auf einen akzeptableren Weg führen würde; aber dann schickte sie uns nach Kathmandu, um mit tibetischen Flüchtlingen zu arbeiten.
Eines Tages, als wir uns in dem oberen Stockwerk eines Hauses in
Kathmandu umsahen, gelangten wir auf einen Balkon, und in der Ferne sah ich einen Hügel, auf dessen Spitze ein weißer Kuppelbau mit einem goldenen Dachaufsatz stand. Er sah aus wie etwas aus einem Märchen, und er glitzerte einladend in der hellen Sonne. Man sagte uns, dass dieses Bauwerk »Affentempel« genannt wurde, weil wilde Affen es bewohnten; aber sein tatsächlicher Name war Swayambhu was so viel bedeutet wie »selbst-entsprungen«. Dieser kleine Hügel mit seiner Gruppe von Tempeln und Klostergebäuden und einer riesigen tibetischen Stupa ist sowohl für die Nepalesen als auch für die Tibeter ein Heiligtum. Wir erfuhren, dass im Sommer frühmorgens vor Sonnenaufgang Prozessionen von Kathmandu nach Swayambhu zogen, und wir beschlossen, früh genug aufzustehen, um bei einer von ihnen mitzumachen.
Am nächsten Morgen standen wir lange vor Sonnenaufgang auf, und als wir verschlafen auf die Straße stolperten, gerieten wir in eine höchst bizarre Parade, zusammengesetzt aus Nepalesen aller Altersklassen, die irgendwelche Gesänge kreischten und mit allem, was sie zur Hand hatten, einen Riesenlärm veranstalteten, von verbeulten Trompeten bis zu scheppernden Blechtrommeln. Man sagte uns, dass der ganze Krawall dazu diene, die Götter aufzuwecken, damit sie nicht vergäßen, den Reis wachsen zu lassen. Wir marschierten durch die engen, staubigen Steingassen der Stadt, über eine Brücke und dann hinauf zum Fuß des Hügels, von wo aus ein steiler Aufstieg begann. Wir kletterten die Hunderte von Steinstufen empor und sahen kaum die alten Stein-Buddhas, die Gebetsfahnen und die wilden Affen, die uns umgaben. Schon zu dieser frühen Stunde begann es heiß zu werden; wir waren außer Atem und schwitzten, als wir über die letzten Stufen wankten, und fielen geradezu über das größte Vajra (Diamantzepter), das ich jemals gesehen habe. Hinter diesem Vajra erhob sich die gewaltige weiße Kuppel der Stupa wie ein weiter, kompakter Rock, und darüber befanden sich zwei riesige Buddhaaugen, die weise über das friedliche Tal hinwegblickten, das gerade zu erwachen begann. Wir umwanderten diese Stupa inmitten der singenden und trommelnden Nepalesen und der murmelnden Tibeter, die die Stupa umkreisten und dabei die Gebetsmühlen in Drehung versetzten, die den unteren Teil des runden Kuppelbaus umgeben. Wir rangen noch nach Atem, als plötzlich mehrere zwei Meter lange Hörner aus dem benachbarten tibetischen Kloster auftauchten und einen unglaub- liehen Ton von sich gaben. Es ist ein lang gezogener, schwirrender, quälender Klageton, der einen irgendwo über die höchsten Himalaya-Gipfel hinausträgt und zugleich tief zurück in den Mutterschoß wirft.
Dieser Ort berührte mich so sehr, dass ich eine kleine Hütte auf dem Nachbarhügel, KimdoP, mietete. Ich gewöhnte mir an, sehr früh am Morgen aufzustehen und die Runde um die tibetischen Klöster auf dem Swayambhu-Hügel zu machen, wenn dort die Morgenrituale rezitiert und die ersten Tassen des tibetischen Tees getrunken wurden. Es war vor allem ein bestimmtes Kloster, das mich besonders beeindruckte. Es stand rechts von der Stupa, und ich saß dort gerne in einer abgelegenen Ecke an der Rückseite des Tempels. Eines Tages kam ich wie üblich früh am Morgen dorthin und fand einen kleinen Teppich vor, den man für mich dort zum Sitzen hingelegt hatte, und zudem eine Tasse mit tibetischem Tee. Von diesem Tag an wartete stets der kleine Teppich auf mich, und einer der Mönche, Gyalwa, der mein Freund wurde, achtete immer darauf, dass ich Tee bekam.
Es war, als hätten die Mönche meine Bindung an diesen Ort und die unwiderstehliche Anziehung, die die Stupa auf mich ausübte, verstanden. Wenn ich dort saß, hatte ich das Gefühl, als würde ein Teil von mir, der bis dahin leer gewesen war, nun gefüllt sein. Es überkam mich eine freudige Gewissheit, von einem fast spürbar anwesenden Segen umgeben zu sein. Obwohl ich keine...
-- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe:
Taschenbuch
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