Das beliebte Thema Tibet hat auch den Hirmer Verlag dazu bewegt, in bewährter Qualität einen neuen Bildband herauszugeben. In großzügigen Bildsequenzen lassen uns die Autoren Franz Binder und Winfried Rode mit ihren farbenprächtigen Bildern in das Reich der Mönche und Pilger eintauchen und ein wenig am Leben der Bauern und Nomden teilhaben. Eingerahmt von Schneegipfeln und kargen Hochlandsteppen werden wir mit typisch tibetischen Landschaften ebenso vertraut wie mit den Tempeln und Klöstern, in denen über eine üppige Bilddekoration Inhalte der Glaubensformen des tibetischen Buddhismus deutlich werden. Umfassend will uns der Text durch die spannende und wechselvolle Geschichte des Schneelandes führen, in hohem Maße differenzierend von den nur in Mythen überlieferten Ursprüngen über die frühe Geschichtlichkeit bis in die Gegenwart. Dies geschieht sachkundig, wenn auch ganz im Sinne der tibetisch-buddhistischen Geschichtsschreibung (und damit nicht quellenkritisch). Damit leisten die Autoren auch ein wenig westlichen Idealisierungen Vorschub (S. 21: „ein Volk kriegerischer Nomaden ... in eine religiös geprägte Hochkultur geführt") und schwanken dabei zuweilen zwischen Romantisieren („Nomaden seit undenklichen Zeiten"), Simplifizieren (Darstellung der Ereignisse von 1959 und danach auf S. 30) und Differenzieren insbesondere in den Kapiteln über Religion und Kunst. Gerade letztere gefallen ganz ausgezeichnet, da sie korrekterweise die Volksreligion betonen und den weltanschaulichen Hintergrund des Lamaismus besser als sonst üblich ausführen. Der Mythos Tibet allerdings wirkt auch hier ungebrochen fort, wenn auf S. 32 wieder das Bild einer ökologisch orientierten, gewaltfreien und überaus spirituellen Bevölkerung gezeichnet wird. Dennoch werfen die Autoren auch öfters einen kritischen Blick auf die alte Gesellschaft und die politischen Ereignisse vor und nach dem chinesischen einmarch. Allerdings muss gesagt werden, dass auch der vorliegende Band nicht dazu verhilft, bei größerem Interesse an den Hintergründen der modernen Geschichte Tibets auf englischsprachige Literatur zurückgreifen zu müssen - leider fehlen in der Bibliographie die dazu wichtigen Werke von Melvyn Goldstein, Geoffrey Samuel, Tsering Shakya. Das ist aber ohnehin nicht das eigentlich Anliegen eines Bildbandes. Das Kunstverständnis der Autoren lässt einen beträchtlichen Teil des Bildmaterials zum Anschauungsmaterial für einen langen und lohnenden Ausflug in die Welt der Stile und Formen tibetischen Kunstschaffens werden, mit prägnanten Bilderklärungen und von ergänzenden Artikeln untermauert: über die „Erforschung" Tibets, Tibet im Exil, über tibetische Medizin, den typischen Aufbau eines Klosters sowie zentrale Motive des tibetischen Buddhismus. Dies alles gelingt in hohem Maße. Der Anspruch der Autoren, in einem reich bebilderten Band eine Landeskunde von Tibet zu präsentieren, bleibt allerdings unerfüllt. Zwar ist der Einblick in die Kultur- und Religionsgeschichte, den die Binder und Rode vermitteln, sowohl anschaulich als auch umfassend, aber die tibetischen Regionen jenseits Zentral- und Westtibets und ihre Bewohner werden kaum mit einbezogen. Der Ostteil des Tibetischen Hochlandes, der mit den Kulturprovinzen Amdo und Kham etwa die Hälfte des gesamten tibetischen Kulturraumes ausmacht (!), ist mit ganzen drei (von über 260) Fotos repräsentiert - während dem kleineren (aber touristisch besser erschlossene Westtibet zehnmal so viele Bilder gewidmet sind. Im Text findet der Osten allenfalls als Herkunftsgebiet von hohen Lamas und Thangkas Erwähnung - von einer Darstellung des Lebensraumes, der kulturellen Besonderheiten und vielfach eigenen Geschichte, die nicht nur von jener Innerchinas, sondern auch von der Zentraltibets verschieden sein konnte, wollen wir hier gar nicht reden. Dies sollten wir auch weniger Binder und Rode selbst vorwerfen, denn die Aufarbeitung der kulturellen Eigenarten und geographischen wie geschichtlichen Besonderheiten von Amdo und Kham ist ja selbst in der Wissenschaft noch ein großes Desiderat. Aber den Anspruch einer umfassenden Landeskunde Tibets im Raum des ganzen Hochlandes, also dem (auch im Text in keiner Weise ernsthaft diskutierten) exiltibetischen Anspruchgebiet, das auch in der Karte im Anhang wiedergegeben ist, erfüllt das ansonsten sehr schöne und lohnende Buch natürlich nicht. Um diese Rezension nicht mit diesen sehr kritischen Anmerkungen enden zu lassen, soll abschließend betont werden, dass dieser Bildband aus den meisten anderen Bildbänden dieser Art und dieses Umgfangs auf jeden Fall als ein sehr empfehlenswerter herausragt.
Andreas Gruschke