Mit "Kapitulation" entwickelten Tocotronic vor fast zwei Jahren eine ureigene Protestform und rockten mit dem wichtigsten deutschsprachigen Album der Dekade an gegen die krisengeschüttelte Gegenwart. Wenn das Zweitprojekt von Sänger Dirk von Lowtzow jetzt Taugenichtse und vertrödelten Müßiggang feiert, ergänzt das die Verweigerung mit ganz anderen Mitteln, doch ebenso effektvoll. Von Lowtzow besteigt erneut die Theaterbühne und vertraut neben seinem sonoren Gesang nur auf das präparierte Klavier von Partner Thies Mynther. Im Spiel mit Zitaten und Posen entwickeln Phantom Ghost eine Form des Eskapismus, die in erster Linie zwar der Zerstreuung dient, aber immer auch einen sanften und gar nicht närrischen Protest gegen das verachtete Erfolgsstreben mitdenkt. Da feiert der Titelsong die Kunst der Herumlungerns, während die Literaturvertonung "The Process (after Brion Gysin)" von einem halluzinatorischen Trip durch die Sahara berichtet. Und wenn ganz am Ende sogar die Coverversion von Right Said Freds "You're my Mate" einen subversiven Unterton bekommt, dann gelingt sie Phanton Ghost wirklich, die perfekte Illusion. (cs)
Kurzbeschreibung
Mit leichtem Gepäck reisen Phantom Ghost auf ihrem inzwischen 4. Album durch eine heiter gestimmte Welt, die diesmal nicht von Geistern, sondern freundlichen Querulanten, vertrödelten Traumtänzern und sorglosen Müßiggängern bewohnt ist. Trotz dieses irdischen Personals und der reduzierten Instru-mentierung aller Stücke - (präpariertes) Klavier und Gesang - ist "Thrown Out Of Drama School" ein überaus feierliches Album geworden, eine richtige Festtagsmusik. Ihrer gemeinsamen Vorliebe für Erfundenes, Zusammengereimtes und Versponnenes gehen Dirk von Lowtzow und Thies Mynther bereits seit zehn Jahren nach, und nun sind sie dort angekommen, wo sich das Spiel mit Künstlichkeiten, Manierismen, exaltierten Zitaten und theatralen Posen in seiner Reinform studieren lässt: auf der Bühne, in der Schauspielklasse, vor und hinter dem samtenen Vorhang. Auch wenn "Thrown Out Of Drama School" kein "echtes" Highschool Musical ist, folgt es doch lose der Idee einer durchgehenden "Aufführung" - ein kleines und wunderliches Konzert mit neun Kompositionen, das allerdings nicht ganz ohne störrische Momente verläuft. Denn nicht zuletzt singen Phantom Ghost ein Loblied auf renitente, ungehorsame Gesten, die von närrischem Witz, aber auch großer Sanftmut bestimmt sind. Sie tragen den Hörer in fremde Regionen, nach Marokko, Miami oder noch weiter weg, in surrealistische Traumwelten. So etwa die Literaturvertonung "The Process (after Brion Gysin)", die von einem halluzinatorischen Trip durch die Sahara erzählt. Mal gibt das Klavier im Hintergrund dumpf flirrende Klänge von sich, dann erinnert es wieder an ein heiseres Streichensemble, es röchelt und vibriert. Und das Duett mit der Berliner Künstlerin Michaela Meise (die auch bei einigen anderen Stücken mitsingt) macht den Wüstenzauber noch vollkommener, wobei die Stimme Dirk von Lowtzows hier so dunkel und umnebelt klingt, dass man fürchtet, er könnte niemals wieder zurückkommen von seiner Reise, die weder Anfang noch Ende kennt. Doch ausgiebig lässt sich in diesen entrückten Sphären nicht verweilen. "Thrown Out Of Drama School" wirft uns immer wieder in eine ganz greifbare Wirklichkeit zurück - eine Wirklichkeit, die den Rahmen der Bühne allerdings nie verlässt. Applaus, eine Verbeugung, der Vorhang fällt. Auch wenn der Titel anderes behauptet: Die Schauspielschule endet nie.