Spontaner Liebhabreflex! Dass ausgerechnet ein Nebenprojekt von Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow den bislang einprägsamsten, niedlichsten Song des Jahres 2009 liefern würde, damit war nicht zu rechnen. "Thrown out..." ist eine klavierbegleitete Kostbarkeit, die Oscar Wilde gutgeheißen und vom dandyesken Noel Coward hätte ersonnen sein können. Eventuell ist das nicht mehr ganz Pop, doch mit einem Kunstliedgebilde kann man dieses kleine Wunder auch nicht verwechseln. Der Hamburger Schlacks singt die Geschichte eines nonkonformen Schauspielers ein bisschen so, wie Daniel Kehlmann auf PR-Fotos guckt. Er mutet so ernst an wie ein Oberstufensprecher, der auf ein überkorrektes Englisch getrimmt wurde, wobei dieser fast schon ulkige Verfremdungseffekt volle Absicht ist. Bis auf sehr wenige Stellen wird er auch bei allen anderen Liedern lediglich vom Piano begleitet, das teilweise auch präpariert wurde (sprich: Nägel, Radiergummis und Wäscheklammern werden in die Saiten gezwängt bzw. auf diese gelegt, um subtile perkussive Effekte zu erzielen). Mindestens drei weitere Titel machen süchtig, trotz oder wegen ihrer Einfachheit ("The Beautiful Fall" musste ich neulich elf Mal hintereinander hören, es war beseelend). Nur ein Song ist mit fast sieben Minuten etwas zu langatmig geraten. Gemeint ist "The Process", hier wird aller Nasen lang "So Gott will" auf arabisch gesungen. Ansonsten sind die insgesamt 34 Minuten so leichtfüßig, so perlend, so schnell vorbei. Die Lyrics sind meistens etwas bemüht, das stimmt. Aber das ist bei Tocotronic ja nicht anders, nur eben in deutscher Sprache. Oder etwa nicht?