Die große Ära Jethro Tulls waren die Endsechziger und der größte Teil der Siebziger. Das merkt man auf der Songauswahl eines jeden Samplers von ihnen. Die letzten 20 Jahre nehmen gerade mal 20 % ein, die ersten 10 Jahre 80 %. Die noch heute aktive Band war in den Siebzigern enorm erfolgreich und verkaufte Abermillionen Platten, sie haben heute viele junge Fans, die sich in ihre CD-s hereingehört haben und diese sammeln. Kürzlich erzählte mir ein 18-jähriges Mädchen, daß sie "Thick as a Brick" für das beste Werk hielt. Anschaffenswert sind meiner Ansicht: - Stand Up: Der frühe Sound von 1969, viele balladenhafte Lieder, zum Teil schon rockige Riffs von Michael Barree. Für damalige Hörer durch die dominante Flöte und den teilweise harten Riffs à la Jeff Beck ungewohnte Kost. Eindrucksvoll. - Aqualung: Klassische LP der Gruppe: Es gibt einige harte Rock Songs mit Flöte und Riffs, viele Songs sind akustisch und gehen gut ins Ohr. Die Thematik über Kirche und Religion klingt nicht sehr originell und schon (seit Feuerbachs Zeiten) 1000 mal gehört, aber die Instrument und Aufnahmetechnik sind gut. - "Living in the Past": Ein Rückblick von 1972 auf die letzten 3 Jahre. Die meisten Songs waren unveröffentlicht, die Stimmung der Lieder ist anfangs etwas bluesig, oft leise und akustisch, die meisten Songs sind ausgereifete Kompositionen. Sehr Proressiv und interessant - auch für Jazzliebhaber - klingen die beiden langen Live-Mitschnitte mit langen Klaviersoli. - "Thick as a Brick" besteht aus nur einem Track von 50 Minuten. Der klingt aber so lyrisch und harmonisch, hat viele Melodiewechsel und neue Höhepunkte, daß man nach Ende der Platte noch nach mehr verlangt und die erste Seite wiederholt. Sensitive Lieder, es dominiert die Flöte, das Keyboard und oft die Akustikgitarre. Damals war die Gruppe wohl auf dem Gipfel ihrer progressiven Ausdrucksfähigkeit wie auch kommerziellen Erfolges. Ian Anderson war der absolute Superstar mit extrem langen Haaren und Bart. - Minstral in the Gallery: Nach langer Zeit (A Passion Play war auch klasse, aber das ist so progressiv, das es nur für Eingeweihte empfehlenswert ist) die erste LP, die mir in ihrer Gesamtheit gefiel. Die Stimmung ist relaxed, etwas traurig, mittelalterlich und exzellent gespielt. Toll ist der Titelsong, der mit seinen - für Tull ungewohnt - harten Riffs überrascht und im Gegensatz zur Gesamtstimmung ist, eher ein Balladenalbum. - Songs from the wood: Die Jahre um 1976 war es in, Jethro Tull als überproduziert und anachronistisch zu bezeichnen. Da kam diese folkloristische Platte heraus, die lockere, akustische Tracks hatt. Das Thema war Natur und Wald. Eine gelungene Überraschung dieser vielschichtigen Band und ein großer Verkaufserfolg. - Heavy Horses: Jethro Tull waren wieder in und hatten neue Fans des softeren Sounds hinzugewonnen. Hier begibt sich Ian Anderson aus dem Wald auf das freie Feld und die weite dörfliche Landschaft. Die Texte sind naturbezogen und handeln von Pferden. Die Kompositionen sind exzellent und melodisch, einige Lieder wurden sehr oft im Radio gespielt und sogar in Diskotheken und Jugendclubs. Der Titelsong ist eine der besten Lieder der gesamten Karriere. Jethro Tull war 1978 wieder in aller Munde und sehr angesagt. - Doch hier schließt sich der Kreis der besten Werke langsam. Für mich war "Bursting out" noch ein respektables Live Album und Erinnerung an alte Zeiten. Zu dieser Zeit verließ auch der Keyboarder John Evans die Band, die mit seinen klassischen Hammond und Piano den Sound der Gruppe seit Beginn enorm mitgeprägt hat. - Die einzige Platte die mir in den letzten 20 Jahren als Gesamtheit noch gefiel war das folkloristische und akustische "Catfish rising", das Freunden von "Songs from the Wood" gefallen dürfte. Auf dieser Zusammenstellung sind die besten und tapischten Tracks versammelt, allerdings bei weitem nicht alle aus dem enormen Repertoire der Gruppe mit dem mittelalterlichen Methusalem Image.
Für Jazz und Bluesfreunde empfehle ich das Erstlingswer "This was", das ziemlich anders klingt als alles spätere, mit dem virtuosen Mick Abrahams an der Gitarre.