Gleich vorweg: eingefleischten Klassik-Experten wird meine Rezension vielleicht ein bisschen laienhaft und schwärmerisch erscheinen. Ich bin Naturwissenschaftlerin, und halte meinen Intellekt dort für am besten aufgehoben; Musik, auch klassische, wird für mich immer eine Sache des Herzens sein. Und das kann diese Stimme wie keine andere: sie findet zielsicher die Direttissima zum Herzen des Zuhörers. Ich finde darin eine Ausgewogenheit von perfekter Technik und berührender Emotion wie bei keinem anderen Künstler. Gut singen gelernt haben viele - doch sie sind austauschbar, machen einfach einen guten Job. Diese Stimme jedoch vermittelt die Eleganz und Leichtigkeit einer natürlichen musikalischen Hochbegabung, wo man manchen anderen Sängern die Mühsal anhört, mit der sie ihren Vokalapparat getrimmt haben. Für mich ist Gesang die nobelste Art, Gefühle auszudrücken - und das beherrscht Ian Bostridge aufs Schönste, völlig frei von jeglicher billiger Sentimentalität. Ich habe oft gelesen, er hätte keine "große" Stimme; und immer klingt das wie ein Vorwurf. Als ob zu gutem Gesang nicht mehr, viel mehr gehörte, als Stimmvolumen, dessen Druckwelle einen an die Wand quetscht. Das ist, als würde man einen Wein nur für gut befinden, wenn er mindestens 14 Prozent Alkohol hat.
Die englischen Arien sind für mich noch ein bisschen schöner als die italienischen, besonders das im wahrsten Sinne des Wortes göttliche "From celestial seats descending". Als Brite fühlt sich Bostridge hier vielleicht mehr zu Hause. Dieses Werk ähnelt meiner Meinung nach stark dem erhabenen "Great Handel", kommt aber im Vergleich dazu, vor allem in den Koloraturen, etwas schaumgebremst rüber, nicht ganz so strahlend. Überhaupt kann der Sänger seine Stärken, die ihn als Musiker so einzigartig machen, im Liedfach und bei Kantaten besser ausspielen, finde ich. Trotzdem - dieser Mann liefert den Beweis, dass Kunst von Können kommt. Das ist für mich Gesang, wie er klingen soll, auch auf dieser CD.