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Der Verlust des Pianisten Esbjörn Svenssons vor zweieinhalb Jahren, innigst vertrauter Freund von Magnus Öström aus Kindertagen und engster Musikerkollege im Trio e.s.t., war ein Schlag mitten in die Seele, saß tief, lähmte und es dauerte lange, ihn zu verkraften.
Bassist Dan Berglund rappelte sich zuerst wieder auf. Sein in alten e.s.t.-Freundeskreisen durchaus nicht unumstrittenes
Tonbruket-Debut wurde aktuell und nur ein Jahr nach Erscheinen mit einem schwedischen Grammy für das Jazzalbum des Jahres bedacht. Der Erfolg lässt aufatmen und positiv in die Zukunft blicken. "Dig it to the End" heißt das neue vorraussichtlich Ende Mai 2011 erscheinende Album von Berglund, die Band bleibt als Tonbruket zusammen.
Nun also zieht Öström, Schlagzeuger und mitprägender Ideengeber für e.s.t., mit musikalisch differenzierten, nicht unbedingt jazzigen Eigenkompositionen auf seinem Debütalbum nach. Wenngleich die Nähe davon mit anklingt - die Klangspiele sind anders als die von e.s.t., anders als die Berglunds, dazu genügt bereits ein Blick auf die Instrumentalisierungen.
Neben Öström an Drums, Percussion, Electronics, additional Keyboards sowie lautmalerische Vocals (Track 4) spielen aus der Stockholmer Musikszene:
Andreas Hourdakis - E- und akustische Gitarren
Gustaf Karlöf - Piano, Keyboards, Vocoder
Thobias Gabrielson - E-Bass, Bass Synthesizer, Keyboards, Trompete
Nackt und bloß steht Öström da, fast archaisch anmutend. Das Becken im Anschlag. Wie einer, der seinen Musik-Welt-Diskus hinaus schleudern will, der äußerlich gelassen und doch noch fast ein wenig unsicher ob seines eigenen Wagnisses scheint. Öström offenbart sein Innerstes. Nicht nur auf dem Cover. Und er will seine Vielfalt beweisen - als Musiker, Komponist, Arrangeur und Produzent.
Prelud erinnert an fernöstlich Meditatives und doch wird man von unerwarteter Wucht überflutet. Begegnet man darin wohl seiner Suche nach Distanz? Steht das als Pseudonym für ein aus der Stille Kraftschöpfen? Danach formen sich immer wieder Momente der Trauer, mitunter sakral anklingend. Tönendes Leiden, Melancholie, Zartheit, spröde Zerbrechlichkeit. Erinnerung und Mahnung zugleich: Wie leicht zerreißt der Faden des Lebens - Fragile. Unweigerlich kommen mir Wollny & Landgren im Elmauer Gedenken an Svensson in den Sinn. Dazwischen scheinen Seelenqualen hervor zu brechen, vielleicht sogar Wut. Oder ist die dann teils rockig protzende, wie ein Derwisch kreiselnde Dynamik doch (auch) Ausdruck von Trotz, gleich einem Aufbäumen des verloren geglaubten, aber im Verborgenen unbändig gebliebenen Künstlerischen und des eigenen Lebenswillens? Denn es gibt zudem helles, lockere Akzente setzendes Tonlicht. Über allem Schleifen und auch Akzente im Sound, als würden sie ein Thema durch alles tragen: tickende Zeit, Herzschläge.
Die direkte Erinnerung an beste musikalische Trio-Zeiten bleibt. Song for E heißt sie bei Berglund, Ballad for E nun bei Öström. Pianissimo im Piano ohne Piano. Die Leichtigkeit der Gitarre klingt überaus beredet, als würde jemand etwas erzählen. Man könnte problemlos eine Geschichte dazu schreiben. Liebevolle Melancholie und doch unbeschwert, fast heiter. Warum auch nicht? Die leicht dramatischen, aushauchenden Schlussakkorde - ein versiegender Herzschlag. Diesen unweigerlich "körperlich zu hören", treibt einen das Wasser in die Augen ...
Für dieses meisterliche Stück holte sich Öström alte Mitstreiter ins Boot: Berglund am Bass und den weltweit renommierten Amerikaner Pat Metheny an der Gitarre, der auch für das Arrangement dieser empfindsamen Ballade sorgte. Wer erinnert sich nicht an die wenigen gemeinsamen Auftritte mit e.s.t.? Legendär beim JazzBaltica in Salzau, von dort noch immer allgegenwärtig auf Youtube, schwarz gebrannt wie gesaugt und verhökert, weil ansonsten so unverständlicher- wie bedauerlicherweise im Archiv des NDR vergraben.
Im nahezu symphonisch endenden finalen Hymn findet sich das E-Thema noch einmal wieder wie auch Gefühle aus Prelud. Der Kreis schließt sich - Spirale des Lebens.
Öström hat nicht zu viel versprochen. Egal wie oder was, diese vielschichtige Musik ist emotional nachvollziehbarer Ausdruck eines Lebens zwischen himmelhoch jauchzendem Glück, Liebe und Erfolg und bodenlosem Fallen in Leid aus Tod. Allein die Titel an sich sprechen Bände. Instrumentales Philosophieren war kaum zuvor so greifbar nah.
Wer nach dem e.s.t.-Gefühl mit Tonbruket klar kam, dem sollte das mit dem tiefgründigen Emotionalsound von Thread Of Life erst recht gelingen. Berglund war mehr geneigt, im Eigenen nach vorn zu blicken. Öström vermag in grandioser Weise vergangenes Geschehen empathisch zu reflektieren.
Die Hörproben allein sind nichtssagend.
Eintauchen. Nachfühlen. Die Gedanken sind frei ...
Für mich ist es das nächste Schweden-"Jazz"-Album des Jahres.
Das Album:
Thread of Life.
Einige Empfehlungen zu e.s.t.:
- Querschnitt zum Kennenlernen:
Retrospective-The Very Best Of e.s.t.- ausgezeichnet als Jazz-Album des Jahrzehnts von der Londoner Times:
Live in Hamburg- Fragile als Remember zu Svensson in:
Magic Moments (at) Schloss Elmau.