Qualitativ hochwertige Filme sollten gesehen werden. Auch wenn diese Qualität primär in den Bereichen Spaß und Action beheimatet ist, jedoch auch überraschende Tiefe besitzt - die den geneigten Zuschauer nicht mit einem Hammer übergebraten wird. Man ist gefragt, seine Antennen dafür auszurichten und offen zu sein für die Vielschichtigkeiten dieses Films. Thor ist Popcorn-Unterhaltung mit Tiefgang, Humor und Abenteuer und mit ungemein attraktiven, sympathischen Helden (und einem ebenso charismatischen Antagonisten).
Für mich gibt es viele Gründe, diesen Film zu lieben. Er erzählt neben allen Comic-Inhalten die Geschichte zweier Brüder und ihrer Probleme mit dem Vater (und es spielt zunächst keine Rolle, daß sie keine leiblichen Brüder sind - ihre Emotionen, Verbindungen und Schmerzen sind eben jene, die unter Geschwistern zu finden sind. Brüder müssen nicht unbedingt dem gleichen Genpool entstammen).
Ein Bruder folgt dem Weg seines Vaters, vermeintlich, während der andere mit dessen Wünschen im Konflikt steht. Nicht, daß dies eine neue Geschichte wäre. Sie wurde unzählige Male erzählt, beginnend in der Antike bis heute. Es ist eine Geschichte... so alt wie die Zeit selbst.
Thor nimmt uns mit in die Welt antiker Mythologie, in die Welt von Legenden und alter Religion - und wieder zurück auf die Erde, denn unsere Welt ist (folgen wir den nordischen Sagen) verbunden durch eine magische Brücke, dem Bifröst, mit Asgard, der Heimat der Götter. Über diese Brücke gelangt ein junger Mann auf die Erde, verwirrt, verloren und wütend - Thor (Chris Hemsworth). Jane Foster (Natalie Portman), eine brilliante Astrophysikerin, und ihre Mitstreiter Erik Selvig (Stellan Skarsgård) und Darcy Lewis (Kat Dennings) stolpern im Nichts der nächtlichen Wüste buchstäblich über ihn und schaffen ihn in ein Krankenhaus. In ihrer Eile erleben sie nicht mehr, wie Thors Hammer nicht weit entfernt aufschlägt. Sie wissen auch nicht, daß sie den Sohn eines Gottes aufgelesen haben und daß dieser von seinem Vater Odin (Anthony Hopkins) verbannt wurde. Denn Thor hatte sich den göttlichen Allvater widersetzt und damit sein Anrecht auf Macht und Thron an seinen Bruder Loki (Tom Hiddleston) verloren.
Wieder bei Bewußtsein und sich allmählich auf der Erde zurechtfindend, realisiert Thor langsam was tatsächlich in Asgard geschieht - nämlich, daß sein Bruder ein erfolgreiches Netz von Intrigen spinnt, in dem sich sowohl Thor als auch sein Vater verfingen. Der gefallene Gott benötigt die Hilfe der Menschen, um seine Kraft, derer ihn sein Vater beraubte, wiederzufinden, während sich ihm Men in Black und der Verräter Loki in den Weg stellen.
Mit seiner epischen Hintergrundgeschichte erleben wir hier eine Tragödie von shakespeare'scher Breite. Und wer könnte dieses Material besser umsetzen, als der jüngst mit dem Ritterschlag ausgezeichnete Experte auf dem Gebiet der Shakespeare-Verfilmungen: Sir Kenneth Branagh. Er ist bekannt für seine atemberaubenden Regiearbeiten und berührende Schauspielkunst, z.B. aus Henry V, Hamlet, Viel Lärm um Nichts, Mary Shelley's Frankenstein oder Schatten der Vergangenheit. Mit Anfang zwanzig trat er der Royal Shakespeare Company bei und gewann zweimal den renommierten Olivier-Award.
Betrachtet man die komplexe Mythologie, die in Thor angerissen wird, macht es überaus Sinn, daß dieser Shakespeare Kenner die Zügel dieser Produktion in die Hände nahm. Die Intrigen und Subtexte könnten sinngemäß auch aus Hamlet oder Henry IV stammen. Sie sind episch - nicht zuletzt, weil die Charaktere in vielerlei Weise mit ihren mythologischen Wurzeln verbunden sind. Und sich Fragen stellen, welche die Menschheit (und wohl auch Götter, wie man meinen möchte) seit Urzeiten bewegen: Wer bin ich? Welches ist die Reise, die ich unternehmen muß?
Diese Fragen sind, so finde ich, universell. Wir finden sie im Sediment unzähliger Heldengeschichten, in alten Mythologien und im Herrn der Ringe. Und in Thor.
Wir lernen zwei sich nahestehende Brüder kennen, die dennoch nicht unterschiedlicher sein könnten. Beide lieben den Vater. Aber einer von ihnen muß schmerzlich herausfinden, daß er auch noch etwas anderes ist - nicht der leibliche Sohn. Nicht mehr der Mann, der er zu sein glaubte, sondern etwas Monströses. Bin ich verflucht?!" fragt er verzweifelt den Allvater. Was bin ich?"
In den nordischen Legenden ist Loki, eben dieser Bruder, der Gott des Feuers, der Lüge und der Tricks. Ein Intrigant, über dessen Motive man sich nicht immer im Klaren sein kann. Es könnte durchaus sein, daß hinters Lokis Plänen gute Absichten stecken, zumal er durchaus als Helfer auftritt - eine Ambiguität, mit der dieser Film spielt.
Er wird in Thor von Tom Hiddleston dargestellt, der für mich die Sensation dieses Films ist. Der Londoner Hiddleston absolvierte eine hervorragende Ausbildung an der Universität Cambridge und der Schauspielschule schlechthin, der Royal Academy of Dramatic Arts, zu deren Absolventen Schauspielgrößen wie Peter O'Toole, Alan Rickman, Michael Sheen, Ralph Fiennes, Anthony Hopkins und auch Kenneth Branagh gehören. Tom Hiddleston gewann 2008 den Olivier Award als bester Newcomer und zeigte jüngst in mehreren Shakespeare Verfilmungen der BBC (The Hollow Crown, für jeden Shakespeare Liebhaber heiß zu empfehlen) welche schauspielerische Kraft dieser junge Mann zu entfalten vermag. In einigen Jahren wird niemand mehr an diesem überaus begabten Darsteller vorbei kommen. Schon jetzt ist er für mich, neben Michael Fassbender und Benedict Cumberbatch, einer der besten Akteure seiner Generation.
Tom Hiddleston verleiht Loki Adel und Grazie - und eine bewegende Tiefe, die man in einem Comic-Blockbuster nicht erwartet. Wir lernen einen gequälten und verstörten jungen Mann kennen, der redefinieren muß, wer er ist und wem gegenüber er loyal sein möchte und der dann doch den Vater verrät und damit seinen Platz und sein Zuhause aufs Spiel setzt. Wir verstehen seine Motive sogleich... und die Einsamkeit, die ihnen vorangeht. Hiddleston sprach zunächst für die Rolle des Thor vor, und es ist ein Glücksfall für den Film, daß er den Bruder spielt.
Denn er ist die perfekte Antithese zu Thor, dem Gott des Donners, des Sturms, der Arbeit und der Schlacht. Seine Waffe ist der Hammer Mjölnir, geschmiedet im Herzen eines sterbenden Sterns. Als Mann von kolossaler, manchmal schwer zu kontrollierender Kraft, wird er vom überaus sympathischen, hünenhaften Australier Chris Hemsworth verkörpert, dem es gelingt, das Publikum mühelos auf seine Seite zu ziehen. Eine großartig funktionierende Kombination aus jugendlichem Starrsinn, imperialem Stolz, komischem Timing und emotionaler Tiefe. Man möchte ihm zunächst eine kräftige Ohrfeige verpassen und kann dann doch nicht anders, als ihn mit ganzem Herzen zu mögen. Hemsworth ist ein wunderbarer Sympathieträger mit unglaublicher physischer Präsenz, und dennoch wird er in meinen Augen von Hiddleston und Hopkins überstrahlt. Hopkins` königliche Würde dient dem Film in vortrefflicher Weise und verleiht den Dialogen jene Shakespeare-ähnliche Qualität, die diesen Film vom einfachen Blockbustertum in die Liga eines Erste-Klasse-Abenteuers erhebt. Man glaubt Anthony Hopkins ohne jeden Zweifel, daß dieser Mann das Universum regiert.
Unglücklicherweise bekommen die anderen Darsteller, darunter Natalie Portman und Stellan Skarsgård, nicht viel zu tun und sind etwas unterfordert. Aber - daß sie einen Riesenspaß bei den Dreharbeiten gehabt haben müssen, ist ihnen absolut anzusehen. Dem geneigten Zuschauer seien die zusätzlichen Szenen der Blue-Ray empfohlen, wo man z.B. Skarsgård bei einem Wikinger-Trink-Gelage erleben darf - zwar auf eine Erden-Kneipe zugeschnitten, aber nicht minder feuchtfröhlich. Und Skarsgård, der als Schwede durchaus von Wikingern abstammen könnte, genießt die Szene sichtlich.
Thor ist die Geschichte einer dysfunktionalen Familie in Kriegszeiten, mit einer übermächtigen Vaterfigur, innovativen Kriegern und rivalisierenden Geschwistern, die um ihres Vaters Zustimmung und Liebe ringen - und um Macht. Es ist die Geschichte eines Mannes, der bar seiner Kraft die eigene Demut und Würde auf seiner Reise von einem Teil des Universums zum anderen entdeckt.
Obgleich wir bewundernswerte Kulissen (vieles, wie z.B. der atemberaubende Thronsaal, wurde tatsächlich gebaut!) und Special Effects erleben, so berühren doch am meisten die stillen Momente zwischen Vater und Sohn, zwischen einem Mann und seinen Gefährten, zwischen Bruder und Bruder... und gerade in jenen Szenen liegt eine wunderbar greifbare Authentizität, die den großartigen Schauspieltalenten zu schulden ist. Man nehme dazu Tempo, Witz, Action... und dann genießt man ein Abenteuer höchster Güte. Was mehr kann man sich wünschen?