Vorab eine kleine Einschränkung: Richtig lohnen tut sich die Lektüre meiner Meinung nach nur, wenn man den geschichtlichen Hintergrund insbesondere der Jahre 1918/1919 kennt. Des Weiteren sollte man wenigstens ein paar Namen von Vertretern des damaligen Literaturbetriebes schon gehört haben. Ansonsten könnte es sein, dass man den Lesestoff mühsam und langweilig findet. Wer diese beiden Voraussetzungen jedoch mitbringt und Interesse für den Privatmann Thomas Mann hat, der wird viel Neues entdecken.
Sie fragen sich aber sicher wieso ich mich mit diesem Tagebuch beschäftigt habe, nun denn:
Angefangen hat alles mit dem Hörbuch von
Herr und Hund, in welchem Thomas Mann Bauschan beschreibt. Als ich dann dessen Rezensionen gelesen habe, erfuhr ich, dass es gekürzt ist. Also musste es zusätzlich die
Taschenbuchversion sein. Und danach war völlig klar, dass ich noch mehr über das Schicksal von Bauschan wissen wollte ... also wurde sofort dieses Tagebuch bestellt. Und hier sind meine Erkenntnisse - nicht vollständig wohlgemerkt, denn diese Rezension soll Sie ja neugierig machen. Die Schreibweise ist aus dem Buch übernommen, wenn dort von Thee anstelle von Tee oder von thaten anstelle von taten die Rede ist, so entspricht dies wohl dem damaligen Stil. Es beginnt im Jahre 1918.
Donnerstag den 12. Sept.
Im Spielzimmer der Kinder an "Herr und Hund" geschrieben. Brief an Loeb wegen hundemedizinischer Fragen. - Rede des deutschen Kaisers an die Krupp'schen Arbeiter: ...
Dienstag den 17. IX. 18
... Zur Stadt, in weißen Hosen, um Besorgungen: Pillen, ein Halsband für Bauschan, ein paar Federhalter. ... Noch nachmittags Beschäftigung mit "Bauschan". - ... Von jener Höhe der Freude, wo der Mensch sich selber und sich ganz und gar als eine vergöttlichte Form und Selbstrechtfertigung der Natur fühlt, bis hinab zu der Freude gesunder Bauern und gesunder Halbmensch-Tiere... (Nietzsche)
Mittwoch den 18. Sept.
... Kühle Ablehnung der österr. Note durch Wilson und Balfour. - Rein geistige Gedanken wirken als Labsal nach dem erbitterten Grübeln über den gemeinen Humbug der Politik. Dachte gelegentlich von "Herr und Hund" und des "Nietzsche", daß die Ironisierung des Humanistischen, aber aus Sympathie, eigentlich mein Stylelement sei, oder mehr u. mehr dazu wird.
Donnerstag den 19. Sept.
Bedeckt schwühl. Schloß ziemlich gelangweilt die Klinik-Episode im "Bauschan" ab. ...
Freitag den 20. Sept.
... Mittags bei Regen in der Stadt. Holte Bauschans Sechs-Mark-Halsband, das hatte verengert werden müssen, u. legte es ihm zu Hause um. Thee schon um 4 Uhr ...
Sonnabend den 21. IX. 18.
Frischer, klarer Herbstmorgen. War bei Zeiten draußen, obgleich spät und schwer eingeschlafen. An der Hasenhetze geschrieben. Andernthalbstündiger Spaziergang bis zur Föhringer Brücke, mit Bauschan, der sein neues Halsband trug. ...
Dienstag den 24. IX.
... Ausgedehnter Spaziergang mit Bauschan, Kummer, daß man nicht ruhig und gleichmäßig leben kann, während man doch nur dann Lebensbehagen zu kosten vermag. ...
[und so weiter und so fort ... am 26.9. holt er Bauschans graviertes Halsband ab und natürlich schreibt er fleißig weiter an Herr und Hund. Weiter geht es im Jahre 1919.]
Donnerstag den 25. XII. 19. 1. Weihnachtst.
... Vor 3 Uhr fort, um den Veterinär noch zu sprechen, den ich auch auf der Diele in Gegenwart des armen Bauschan traf. Junger Mann mit Schmissen und Dr.-Titel. Diagnose: Staupe in der jetzt grassierenden schweren Form, wovon auch ältere Hunde betroffen. Eitrige Lungenentzündung, aber auch nervöse Erscheinungen (die ich beobachtete), auf Angegriffensein von Hirn und Rückenmark deutend. Prognose trüb. Verbringung in die Klinik beschlossen, da Inhalierungen notwendig. Der Doktor wird dort empfehlendes Wort einlegen. Werde mich an den Gedanken gewöhnen müssen, das gute Tier einzubüßen. Fütterte ihn in der Heizung, wo er zu liegen pflegt, mit Wurst. ...
[Am zweiten Weihnachtstag führten Eri und Klaus Bauschan in die Klinik. Es folgen mehrere Berichte über seinen Zustand bis ...]
Freitag den 16. I.
Ruhiges, mildes auch helles Wetter. Schrieb eine Seite. Aus der Klinik Meldung, endgültig, daß Bauschan nicht wiederherzustellen sei. Auch Harnvergiftung ist vorhanden. Schmerzlose Tötung wird empfohlen und von uns denn auch angeordnet.
R.I.P.
Ich citierte gegen K. als Grabschrift:
"Zwar hat auch ihm das Glück sich hold erwiesen,
Denn schöner stirbt ein Solcher, den im Leben
Ein unvergänglicher Gesang gepriesen."
Ging eine Stunde spazieren, wobei mir im Anblick des Parks, unseres Jagdreviers, weh ums Herz wurde.
[Und keine drei Monate später ...]
Dienstag den 23. III.
... Kauf eines neuen Hundes namens Lux für 750 M von dem Polizei-Wachtmeister, der sich schon neulich als Vermittler anbot. Kleiner Schäferhund, zuthunlich, gutmütig und wachsam, wie es scheint. ...
[Schon bald nennt Thomas Mann Lux allerdings Luchs. Jener liebt es fortzulaufen.]
Dienstag den 13. IV.
... Luchs ist ein wenig begabtes, kriecherisches, sentimental-wollüstiges Tier, nicht sehr sympathisch; springt aber über den Stock.
Mittwoch den 14. IV.
... Nachher noch etwas Korrespondenz erledigt und mit Luchs, den ich Fritzchen nennen möchte, 1/2 Stunde gegangen. ...
Und wenn Sie, liebe Leser wissen wollen, wie es weitergeht mit dem neuen Hund, dann werden Sie wohl in den Geldbeutel greifen müssen, um dieses Buch zu kaufen. Mein Bericht endet hier. Das heißt, eine Anmerkung zum Buch selber hätte ich schon noch: neben den Vorbemerkungen des Herausgebers enthält es ab S. 559 bis S. 831 Anmerkungen mit Erläuterungen zu den Eintragungen sowie von S. 833 bis S. 908 ein sehr ausführliches Register (leider werden nur die Menschen erwähnt, die Hunde finden keine Berücksichtigung).