Thomas Mann - längst hat die Sekundärliteratur von der Menge her das ohnehin nicht gerade schmale Werk des größten deutschen Schriftstellers dieses Jahrhunderts in alle Schatten gestellt. Allein vier große Biographien liegen vor: die unvollendete des Peter de Mendelssohn, die sozusagen auf Knieen geschrieben wurde; die wenig aufregende des Donald A. Prater; die interessante Familiengeschichte der Manns von Marianne Krüll; die über 2000 Seiten des Klaus Harrprecht, der allerdings mehr über sich selbst als über Thomas Mann geschrieben hat. Und schließlich gibt es noch das großartige Werk und die Tagebücher des Lübecker Nobelpreisträgers - beide von hohem biographischen Wert. Denn: "Es kenne mich die Welt, aber erst, wenn alles tot ist".
Warum also nun noch eine weitere Biographie? Was kann, was soll sie uns noch Neues bringen? Die Fragen werden sehr schnell und sehr positiv bei der Lektüre der Biographie des Hermann Kurzke beantwortet. Seine Arbeit "Thomas Mann - Das Leben als Kunstwerk" ist nicht einfach "eine Biographie", es ist "die Biographie" über Thomas Mann schlechthin, ultimativ, epochal, in jeder Hinsicht, also inhaltlich und formal, ein germanistisches Bravourstück. Hier schreibt einer, der nicht nur Leben und Werk Thomas Manns wie kein zweiter kennt, der die wichtigste Sekundärliteratur präsent hat, der aus seiner Zuneigung zu diesem Jahrhundert-Autor einerseits keinen Hehl macht, andererseits die kritische Distanz wahrt. Und der zudem brillant, spannend und witzig zu formulieren versteht. Aus all diesen hervorragenden Ingredienzien ist eine faszinierende, eine aufregende Lebensbeschreibung entstanden, die wie keine andere zuvor dieser singulären Erscheinung in der Welt- und deutschen Literatur gerecht wird.
Hermann Kurzke weicht ab von der bisherigen Praxis einer chronologischen Lebensbeschreibung. Jedem seiner Kapitel stellt er eine kurze Chronik mit den wesentlichen Ereignissen eines bestimmten Zeitraums vor, um diesen Zeitraum anhand von Werk und Leben auszuleuchten, die existentiellen Bedingungen und ihre innere Entsprechung darzulegen. Eine gerade für die Vielschichtigkeit dieser Persönlichkeit als Mensch und Künstler, die es liebte, sich auf goethische Art hinter tausend Masken zu verbergen, eine geradezu geniale Methode. So werden die Problemkreise des Zwists mit Bruder Heinrich (wohl die brillanteste Arbeit über die beiden Geschwister und ihr Innen- und Außenverhältnis), die Ehe des Homoerotikers, die Vater-Kind-Verhältnisse bis ins Intimste "aufgearbeitet", ohne auch nur in den Ruch der Indiskretion, der Schlüsselloch-Guckerei, des spekulativen Decouvrierens zu geraten. Denn alles das, alles, was Thomas Mann über Liebe und Tod, über Religion und Politik, über Familie und Freunde, über eigenes inneres und äußeres Erleben gedacht und gefühlt hat - es ist im Werk vorhanden, versteckt, mehr oder minder verschlüsselt. Hier teilt er sich schonungslos mit, vorausgesetzt, man weiß das Verschlüsselte zu entschlüsseln, des Vesteckte offenbar zu machen. Und genau das ist Hermann Kurzke gelungen.
Nichts war Thomas Mann zu gering und zu nebensächlich, als daß er es nicht in dem phänomenalen Werk - beginnend mit den ersten Erzählungen und "Die Buddenbrooks", über "Der Tod in Venedig" und "Die Betrachtungen eines Unpolitischen", über die großen Essays bis hin zum "Zauberberg", die Joseph-Tetralogie, den "Doktor Faustus" und "Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" verarbeitet hätte. Dazu die politischen Schriften, seine Stellungnahmen, die er als "Die Forderungen des Tages" gesehen hat und nicht zuletzt seine Tagebücher, die als ein eigenes "Werk" gesehen werden müssen. Alles und jedes war ihm auf die eine oder andere Art der Nachwelt mitteilenswert: die Dienstboten und das Rauchen, seine Gedanken zum Selbstmord und seine Affinität zur Astrologie und zum Okkulten, sein Besuch bei Papst Pius XII. und seine Einschätzung Ernst Jüngers, sein Verhältnis zu "Bruder Hitler" und zum Kommunismus, Kinder und Hunde, Zahnschmerzen und seidene Unterhosen. Kurzke hat die Masken gelüftet, hinter die von Thomas Mann so mühevoll und mit größter Disziplin aufrechterhaltene Fassade geschaut, die Bedingtheiten des Künstlers als Bürger und vice versa aufgedeckt, Bezüge von erstaunlicher Bedeutung offengelegt.
Vor allem seine Lieben: Armin Martens und Williram Timpe, Paul Ehrenberg und Klaus Heuser und dann noch einmal im hohen Alter (sein Goethe-Erlebnis) Franz Westermeier. Aber auch Frauen: Klärchen und Mary Smith und immer wieder Ehefrau Katia. Es war eine sehr instabile "Verfassung", die sich Thomas Mann gegeben hat - im Sinnlichen und Erotischen, im Politischen und Künstlerischen. Es war der letztlich gelungene Versuch, Entwurzelungen und Erschütterungen durch Krieg und Exil zu überstehen, erotischen Anfechtungen standzuhalten, nicht den sehnsüchtig gewünschten "Wonnen der Gewöhnlichkeit" anheimzufallen, das innere und äußere Chaos zu beherrschen, Schein und Sein in einen repräsentativen Einklang zu bringen. Nur so aber konnte das Werk gelingen, in dem das eigentliche Leben war.
Viel Neues also über Thomas Mann: Bisher nicht Publiziertes und/oder neu Gesichtetes und Gewertetes.Er hat sein Leben als Kunstwerk zelebriert. Hermann Kurzke demonstriert überzeugend die Rituale. Thomas Mann war nicht nur ein großer Künstler. Als Mensch galt er als hochmütig und kalt, als ein faszinierendes Scheusal. Die Biographie von Hermann Kurzke korrigiert diese tradierte Auffassung, läßt hinter dem Künstler, Bürger und Repräsentanten den Menschen Thomas Mann erkennen. Und das ist die großartige Leistung von Hermann Kurzke, das macht diese Biographie so bedeutend.