Der Film schildert die zwei letzten Lebensjahre Thomas Müntzers, des Reformators und Sympathisanten der Bauernbewegung. Dieser 'Gegen-Luther', den Ernst Bloch als 'Prediger der Revolution' charakterisiert hat, hat mich neugierig gemacht, seitdem ich über die unvollendete Faust-Oper von Hanns Eisler zum ersten Mal von ihm hörte. Der Film präsentiert ihn und das kurzlebige Mühlhausener Bauernregiment (das in der Schlacht von Sachsenhausen ein blutiges Ende nahm) als Folie für eine leidenschaftliche Propaganda der sozialistischen Bodenreform. An historischen Persönlichkeiten treten u.a. auf: Thomas Müntzer (Wolfgang Stumpf) und die Genossen Hans Buss (Heinz Giese), Heinrich Pfeiffer (Martin Flödinger) und Ottilie von Gersen (Margarete Traudte), auf der Gegenseite Gerhard Bienert als Graf von Mansfeld, Edgar Bennert als Friedrich von Sachsen und Peter Herden als Philip von Hessen.
Handwerklich ist der Film auf einem sehr hohen Niveau: Die Kostüme wirken lebensecht, die Musik (Erwin Roters) ist, anders als im modernen Luther-Film, sowohl hervorragend aus historischen Quellen ausgesucht als auch komponiert. Dennoch wirkt der Film vor allem in der ersten Hälfte etwas schwerfällig und bleiern. Wolfgang Stumpf spricht in der Titelrolle überwiegend originale Müntzer-Zitate, und selbst das belangloseste davon spricht er mit einem Pathos, als handele es sich um Schillers Glocke. Typisch für Regisseur Martin Hellberg, den routiniert emphatischen Verfilmer von Dramen der Weimarer Klassik. Im hervorragenden Zusatzmaterial, siehe die anderen Rezensionen, hören wir ihn ausführlich Goethe rezitieren. (Möglicherweise das einzige Mittel, das dem greisen Veteranen im Alter zur Verständigung geblieben ist.) Ein Zitat scheint für den Schauspieler und Regisseur kein Material, sondern gleichermaßen das Wort Gottes zu sein. So klingt es auch bei Hauptdarsteller Stumpf. Und das ist das Problem: Alle anderen, Verbündete wie Feinde, haben dem nur belanglose Sätze zu entgegnen; Müntzer schwebt durchweg drei Meter über ihren Köpfen.
Friedrich Wolf, Autor u.a. des Stücks 'Cyankali', lieferte leider nur das Exposé. Martin Hellbergs Drehbuch gelingt es einfach nicht, Müntzers Genossen und Gegenspieler so lebendig und interessant zu gestalten, dass der Titelheld an ihnen wachsen kann. Ich nenne zwei positive Beispiele, an die der Film zu selten heranreicht: Dieter Fortes Stück 'Martin Luther und Thomas Müntzer', wo das gleiche Thema beackert wird, und Stanley Kubricks ideologisch ähnlich gelagerten, aber eben handwerklich und künstlerisch gelungeneren 'Spartacus': Die Gegenspieler, Friedrich von Sachsen, Fugger und Luther in dem einen, Laurence Olivier und Charles Laughton in dem anderen Beispiel, sind auch untereinander zerstritten und bekommen so jeder einzelne die Möglichkeit, ihre eigenen, zum Teil grotesken, zum Teil faszinierenden Lebenswelten und Ansichten zu entfalten und zu verteidigen. In 'Thomas Müntzer' bleiben sie alle eindimensional und flach. Einzig Peter Herden als Philip von Hessen ist mir positiv in Erinnerung; auch ihm legt das Buch keinen einzigen erinnernswerten Satz in den Mund, aber wenigstens ist er wirklich, wirklich gut gespielt.
Seine künstlerischen Höhepunkte hat der Film zunächst in der Schlacht bei Frankenhausen: Der Kampf des militärisch gedrillten und berittenen Fürstenheers gegen die naiven, gottesgläubigen Bauern (die noch singen, als schon die Kanonenkugeln um sie herum in den Boden schlagen) ist handwerklich makellos inszeniert und nimmt (in einem sehr eigenen Stil, der den Vergleich mit Hollywood aber nicht scheuen muss) die Schlacht aus Kubricks 'Spartacus' vorweg.
Die anderen, leider zu seltenen Höhepunkte kommen dann, wenn Thomas Müntzer, das Leid wahrnehmend, das die Reaktion der Fürsten auf seine Lehre den Bauern antut, an der eigenen 'großen Sach`' zu zweifeln beginnt. Erst dort wird aus dem prophetischen Übermenschen endlich ein Vollmensch. Aber selbst die Bewunderung für diese großartige Leistung von Wolfgang Stumpf bleibt einem im Halse stecken, wenn die Volksvertreter von Mühlenhausen zum Besten des Volkes "auf Lebenszeit" (wie Stalin!?) eingesetzt werden sollen, wenn das Bauernheer seinen Führer wie einen Messias willkommen heißt, und Wolfgang Kaehler (der als Markus Stübner Müntzers Banner auch nach dessen Tode weiter tragen und an die Jungpioniere des DDR-Sozialismus weiter reichen darf) allen Ernstes behauptet: "Ohne den Müntzer - da wäre ich nichts!" Da schlägt die heimelige kommunistische Idylle endlich um in präfaschistischen Personen-Kult, und die Handschrift des Filmes trägt die Züge von Riefenstahls Triumph des Willens". Bei aller potentiellen Sympathie für die große Sach", des Schadens eingedenk, welcher der quasi-faschistische Personen-Kult des Stalinismus ihr angetan hat: DAS GEHT NICHT! Schade, denn Filme wie 'Spartacus', Opern wie Eislers 'Maßnahme' oder Stücke wie der Thomas Müntzer von Dieter Forte beweisen ja, dass es sehr wohl anders ginge. Von Idee, Geschichte und Handwerk her potentiell ein Meisterwerk, bleibt dieser Film am Ende zu wenig diskursiv, zu dogmatisch und zu pathetisch um in seiner Kernbotschaft wirklich überzeugen zu können.