Diese DDR-Ansichten geben einen ungewöhnlichen Einblick in die Lebenswelt der "Deutschen Demokratischen Republik". Jenseits der Fotos der veröffentlichten Meinung finden sich hier Bilder, die die Tristesse, die Absurdität, die Widersprüchlichkeit und die Verwinkelung des anderen deutschen Staates wiedergeben.
Hier findet keine Verteufelung und keine "Ostalgie" statt. Vielmehr gelingt es, die Bilder an sich wirken zu lassen. Und so ist es wohl auch zu erklären, dass die erklärenden Bildbetitelungen sehr spärlich gehalten sind und beispielsweise keine klare Datierung bzw. oftmals keine Ortsbeschreibung aufweisen.
Schwarzweiß-Bilder stehen neben den farbigen Aufnahmen. Nahaufnahmen wechseln sich mit Weitsichten ab und hier und da sind es die besonderen Blickwinkel, die einfach faszinieren und erst auf den zweiten Blick eine andere Beachtung schenken; beispielsweise wenn zwischen zwei Fahnen der Arbeiterklasse bzw. der DDR die Büsten des Schiller- und Goethe-Denkmals vor dem Weimarer Nationaltheater sichtbar werden. Oder wenn die "Straße der Befreiung" "gesperrt" beschildert wird. Auf den über 250 Seiten wird man allerorten mit dem Alltag und den besonderen Festtagen konfrontiert und trifft hierbei auf Parteigenossen, ausgezeichnete und "gewöhnliche" Staatsbürger/-innen gleichermaßen. Die meisten Fotos füllen eine ganze Seite aus, mehrere sind zweiseitig abgedruckt. Leider fehlt ein Register, zum Beispiel der berücksichtigten Personen, um rasch diese auf den einzelnen Bildern zu finden. Und so wirken vor allem die Fotos, die einen rasch wieder eintauchen lassen in eine Zeit, die inzwischen so unendlich weit weg erscheinen mag.
Spätestens bei dem beigefügten Vorwort und den Texten von Günter Kunert, Eva Windmöller (insbesonderem ihrem Reiseprotokoll aus dem Mai 1990) und Thomas Hoepker wird man aber wieder eingeholt von der besonderen Atmosphäre des ostdeutschen Staates. Wer hier liest und betrachtet, dem wird - hat er denn die Zeit vor der Wiedervereinigung bewusst miterlebt - so manches Erlebte, Sprachphrase und vermutlich auch sehr viele Bilder und Gerüche wieder in Erinnerung bzw. in den Sinn kommen.
Die hier versammelten, über 200 Abbildungen sind ausgesprochen authentisch und lassen Thomas Hoepker als einen sehr überzeugenden Fotographen erscheinen, der von 1959 bis 1990 in ungewöhnlicher Weise das Leben in der DDR zwischen Parteikundgebung und Spiel, Supermarktbesuch und Propagandaplakat festgehalten hat.
Zugleich hat er einflussreiche Persönlichkeiten portraitiert. Ein fotographischer, historischer, künstlerischer und politischer Band, dem viele Zeitzeugen und Nachfahren zu wünschen sind, die damit gegebenenfalls auch einen anderne Blick auf die Geschehnisse erhalten werden.
Und vielleicht ist es ja auch eine Ironie der Geschichte, dass sämtliche Texte auch in der englischen Übersetzung abgedruckt sind...