Kunstwerk Leviathan
Horst Bredekamps Studie zum Urbild des modernen Staates
Hinter der friedlichen Weltlandschaft ragt der Gigant zum Himmel empor. In der Rechten hält er das Schwert, in der Linken den Bischofsstab. Rumpf und Gliedmassen sind mit Menschen angefüllt. Dicht drängen sie sich zusammen. Die Gehöfte, Kapellen und Dörfer ringsum sind verlassen. Nur an einem Vorposten wartet ein Wächter, in der Garnison lungern Soldaten herum, auf dem Kirchplatz erkennt man zwei winzige Gestalten mit Vogelschnäbeln, den Masken der Seuchenärzte. Es sind die Zeugen der Gefahr, vor der die Menschen in den schützenden Leib des Fürsten geflüchtet sind.
Die Bilder auf der unteren Hälfte des Titelblatts zeigen die Waffen und Symbole der weltlichen und geistlichen Macht. Die Burg entspricht der Kirche, die Königskrone der Mitra, das Geschütz dem Blitz der Exkommunikation. Mit Fahnen, Trommel und Musketen werden die Schlachten geschlagen, das Wortgefecht der Disputation dagegen wird mit den Gabeln und Forken der Unterscheidungskunst ausgetragen, mit dem Doppelhorn des Dilemmas, dem Dreizack des Syllogismus, der den Opponenten festnagelt. All dem wird der Staatsriese ein Ende bereiten. «Es gibt keine Macht auf Erden, die der seinen vergleichbar wäre», lautet der Vers aus dem Buch «Hiob», der am oberen Bildrand zu lesen ist.
Bilder-Macht
Das Frontispiz der Erstausgabe des «Leviathans» von 1651 ist weit mehr als ein Meisterwerk der Buchillustration. Thomas Hobbes wusste genau um die suggestive Kraft der Bilder. Sorgfältig und nicht ohne taktischen Hintersinn liess er seine Bücher bebildern, um entweder die Texte zu verdichten oder aber die Zensur auf eine falsche Fährte zu locken. Bilder galten ihm als Merkzeichen der Erinnerung, als Haltepunkte der Imagination, als Leitsymbole des Handelns. Für den Realisten Hobbes war das Sehen kein willkürlicher Akt, sondern eine durch den «Lichtdruck» der Objekte erzwungene Reaktion. Das Auge folgt den Pressionen der Lichter und Bilder. Und die politische Macht erlangt erst Wirklichkeit durch den Druck, den sie auf den Raum und die Bewegungen der Menschen ausübt.
Da dem Staat als totalem Gebilde die Anschaulichkeit fehlt, muss das Bild die Vorstellungslücke schliessen. Der Königsriese des Titelblatts verleiht dem unsichtbaren Staatskörper bildhafte Präsenz. «Verträge ohne das Schwert sind nichts als Worte», heisst es bei Hobbes. Ebenso entbehrte die Idee des Staates jeder Evidenz und Substanz, wäre sie allein durch die Sprache begründet und nicht durch die bezwingende Macht des Sichtbaren. Hobbes vermochte sich den Staat nicht zu denken, ohne sich von ihm ein Bild zu machen. Und er misstraute der Kunst der Worte, die den Menschen dazu verführt zu reden, wenn er nichts denkt, und sich und andere zu täuschen, weil er das, was gesagt ist, für die Wahrheit hält.
Die Figur des Leviathans ist kein Repräsentant des Staates, sondern verkörpert dessen Essenz. Und sein Abbild ist kein illustratives Beiwerk zum Text, sondern dessen Konzentrat. Horst Bredekamps luzide Studie über das Titelkupfer des «Leviathans» und andere Bildwerke in Hobbes' Schriften reicht über die historiographische Ermittlung der künstlerischen Urheberschaft, der literarischen und visuellen Quellen, der Embleme und Metaphern weit hinaus. Sie ist zugleich ein bedeutsamer Beitrag zum systematischen Verständnis von Hobbes' Urbild des modernen Staates.
Der Körper des Staatsriesen reicht bis zum Firmament, aber er bezieht seine Kraft nicht aus der Übertragung himmlischer Macht. Mit absolutistischem Gottesgnadentum hatte der Agnostiker Hobbes nichts im Sinn. Ebensowenig gemein hat der sterbliche Schutzgott «Leviathan» mit dem biblischen Meeresdrachen. Er ist ganz und gar eine Ausgeburt des menschlichen Willens. Getrieben von Todesangst und begabt mit gottgleicher Schöpfungskraft, errichten die Menschen den künstlichen Übermenschen, dessen Leib die Untertanen sind und dessen Seele die Souveränität ist. Diesen Augenblick der Erschaffung des Staates hält das Titelblatt fest. Menschenleer ist die Welt, während der Staatskörper von Menschen zu bersten droht. Alle sind sie zusammengekommen, schauen zum Antlitz des Riesen hinauf, über dessen Augen ihr Blick zum Betrachter zurückkehrt. Durch diesen Kreislauf des Blicks ist der Leser unvermeidlich einbezogen in das Vertragswerk, ist er beteiligt an dem Gründungsakt der Bevollmächtigung, der Montage des Staatsautomaten.
Ewiger Krieg
Souverän ist nicht, wer den Ausnahmezustand verhängt, sondern wer über die Dauerzeit des Notstands bestimmt. Nicht Herrschaft und Frieden sind ewig, sondern der Krieg. Stirbt der Fürst, reisst der Firnis der Zivilisation ein. Der Tod des Souveräns gibt den Blick frei für jene latente Naturzeit, in der allein der Wille zur Gewalt regiert. Diese Zwischenzeit des leeren Throns pflegte man in der englischen Monarchie der frühen Neuzeit durch naturgetreue Nachbildungen der toten Herrscher zu überbrücken. Die künstlichen Effigies vertraten den alten König bis zur Krönung seines Nachfolgers. So naturalistisch waren die Scheinkörper der künstlichen Menschen gefertigt, dass sie den Toten zum Verwechseln ähnlich sahen. Bewegliche Glieder und veristische Gesichter verliehen ihnen die künstliche Ewigkeit des Lebens.
An dieses Modell des Königszeremoniells knüpfte Hobbes an. Der Staat ist ein Bollwerk gegen das «Interregnum als Dauerzeit», wie Bredekamp treffend bemerkt. Er soll nicht nur den herrscherlosen Zustand überbrücken, er soll der Allgegenwart wölfischer Gewaltbereitschaft Einhalt gebieten. Der Staat ist ein Kunstwerk wider die Natur, errichtet gegen die Permanenz der Rechtlosigkeit. Für seinen Bestand stehen die Menschen mit ihren Körpern ein, an jedem Ort, zu jeder Zeit. Der Souverän, dem weder ein Gott noch die Sonne die Legitimation verleihen kann, hat seinen Grund allein in den Menschen, die ihn durch Vertrag aus dem Nichts erschaffen haben.
Ausführlich erörtert Bredekamp die Varianten und Umkompositionen des originalen Titelblatts in den fremdsprachigen Ausgaben von Hobbes' Büchern. Leider nur kurz erwähnt er einige Stationen der Rezeptionsgeschichte, darunter auch Francisco Goyas beklemmendes Gegenbild zum «Leviathan»: Auf dem Erdenrund sitzt halb abgewandt der nackte Riese und blickt brütend der untergehenden Sonne nach. Schwermut lastet auf dem Koloss ein gescheitertes, tragisches Wesen, verstossen von den Göttern, gefürchtet von den Menschen. Gleich wird er aufstehen, wird seinen Kopf in die Wolken heben und mit den Füssen alles niederstampfen, auf dass erneut die Angst zu tanzen beginnt.
Wolfgang Sofsky
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Von Natur aus ist der Mensch so frei wie wölfisch. Um sich selbst zu bändigen, muß er folglich einen künstlichen Riesen schaffen, den Staat, der als übergeordnete Instanz den permanenten Bürgerkrieg zu unterdrücken und Frieden zu schaffen vermag. Diese Essenz von Thomas Hobbes' "Leviathan" ist bis heute ebenso vehement verworfen wie bekräftigt worden. In den letzten Jahrzehnten wurden vor allem die historischen Bedingungen erschlossen, unter denen Hobbes sein epochales Werk verfaßte; aber seine bestürzende Grundthese, daß es das Schreckens bedarf, um inneren Frieden zu erzeugen, ist eine Herausforderung für jedwede Staats- und Gesellschaftstheorie geblieben. Zu den Mitteln, mit denen der Leviathan die Menschen vom Unfrieden abhält, gehören Bilder, und aus diesem Grund steht dem Leviathan ein Frontispiz voran. Obwohl seit Jahrhunderten selbst entfernteste Aspekte von Hobbes' Werk ausgeleuchtet wurden, ist dieses grundlegende Element seiner Lehre bislang nicht erörtert worden. Eine systematische Untersuchung seiner Wertschätzung des Augensinnes fehlt ebenso wie eine umfassende Analyse seiner Bildmittel. Horst Bredekamp erschließt mit Abraham Bosse den Künstler des Frontispizes, stellt sämtliche Varianten dieses Urbildes des modernen Staates zusammen und versucht, die Vorgeschichte seiner politischen Ikonographie zu klären. Im Zentrum stehen die königlichen Kunstleiber von Westminster Abbey sowie optische Geräte, mit deren Hilfe Hobbes neben dem Körper und dem Raum auch eine künstliche Zeit als Wirkmittel des Leviathan zu etablieren suchte. Gegen Ende seiner prägnanten Analyse erörtert der Autor die Wiederkehr der Hobbesschen Staatsikone im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert sowie die Zukunft des Staates als Bild.