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Einfach kompliziert: Thomas Bernhard und Salzburg Je länger Thomas Bernhard tot ist, desto mehr gibt er seiner Nachwelt Rätsel auf. Hatte er nicht in seinem Roman «Auslöschung» die Photographie das «grösste Unglück des 20. Jahrhunderts» genannt? Doch als wolle er seine Anhänger postum unglücklich machen, stellte sich heraus, dass der Misanthrop von Ohlsdorf sich wider Erwarten gern und oft ablichten liess. Seit seinem Tode versorgt uns jedenfalls ein wahrer Bilderdienst in regelmässigen Abständen mit schwer wiegenden Fotobänden, die immer wieder neues Staunen über die Posenvielfalt des innerlich so schwierigen Sujets hervorrufen und Bernhards aufschlussreiche Selbstaussage bestätigen - dass er stets zwei Existenzen geführt habe, eine wirkliche und eine gespielte. Auch der von den beiden Salzburger Universitätsdozenten Sabine Veits-Falk und Manfred Mittermayer herausgegebene Band «Thomas Bernhard und Salzburg» zeigt den angehenden Schriftsteller als überaus multiple Persönlichkeit: Bildnisse des Künstlers als junger Dachs, in Jägermontur vorm Festspielhaus jovial den Steirerhut lüftend oder entspannt und genialisch im Café Bazar vor seinem gerade erschienenen Roman «Frost», der ihm den literarischen Durchbruch brachte. Hat sich Bernhard in Salzburg, der «Angst- und Schreckensfestung» seiner Kindheit, am Ende doch ganz wohl gefühlt? Das Verhältnis zum «deutschen Rom» ist - mit dem Titel eines Bernhard-Stücks - «einfach kompliziert» zu nennen. Auffallend an der «lebenslänglichen» und «fürchterlichen» Beziehung zu Salzburg ist, dass er die später so in Grund und Boden verdammte Stadt in seinen frühen, epigonenhaften Gedichten ebenso gründlich idealisiert wie idyllisiert hat. So konventionell wie Gedichtform und Reimtechnik ist das Bild von der Stadt, das in der Hauptsache durch seine architektonische Schönheit bestimmt wird. «Du schönste Stadt am Salzachfluss, / Ich schloss dich in mein Herz, / Trotz täglich starkem Regenguss, / Und kindlich hartem Schmerz», beginnt das 1948 verfasste Gedicht «Die Königin der Städte», dem der ebenfalls dichtende Grossvater Johannes Freumbichler das Prädikat «gut» (an den Rand des Originals geschrieben) verlieh. Und auch in prosaischer Form bekommt Salzburg die besten Noten: In einem Brief an den «Lebensmenschen» Hedwig Stavianicek freut er sich jeden Tag auf den «Anblick unserer Stadt», die seine «schönste schweigsame und überaus duldsame Gefährtin» sei. Wahrhaft duldsam gegenüber Bernhard muss die Gefährtin dann erst seit dem Roman «Frost» werden, mit dem er sich vom Ansichtskarten-Klischee zu verabschieden beginnt und eine regelrechte Verteufelung der Festspielstadt eingeleitet wird, die in Romanen wie dem Glenn-Gould-Porträt «Der Untergeher» ihren Höhepunkt findet: Ein «stumpfsinniges Provinznest mit dummen Menschen und kalten Mauern» wird sie dort genannt. Doch was waren die Auslöser für diesen radikalen Gesinnungswandel, und worin sind die Ursachen zu suchen? Fiel in dem Moment, als Bernhard damit begann, wie es in «Die Kälte» heisst, das «Dickicht der Herkunft aus dem Weg zu räumen», das idealisierte Salzburg-Bild wie ein Kartenhaus in sich zusammen? Er wüsste nicht, bemerkte Bernhard später in einem Gespräch mit Rudolf Bayr völlig emotionslos, wofür er dieser Stadt Danke sagen solle. Es habe ihm schliesslich nie jemand etwas aufgehoben, obwohl ihm viel hinuntergefallen sei. Der vorliegende Band, der auch das (bisher nicht zugängliche) Gespräch mit Bayr enthält, verzichtet auf eingehende Analysen und Exegesen und ist in erster Linie als Rekonstruktion von Bernhards frühen Lebensjahren angelegt. So sind denn auch die germanistischen Einzelbeiträge und Materialsammlungen als das zu werten, als was sie ausgegeben werden: als Annäherungen an ein komplexes und facettenreiches Thema. Eingehend dokumentiert werden unter anderem Bernhards journalistische Anfänge beim «Demokratischen Volksblatt», die Entstehungsgeschichte des Romans «Frost», die beträchtliche Zerstörung Salzburgs im Zweiten Weltkrieg sowie das spektakuläre Zerwürfnis mit der Leitung der Salzburger Festspiele. Viele wichtige Zeitzeugen kommen in dem Band zu Wort, unter ihnen auch Jochen Jung, der Bernhards Bücher als Lektor des Residenz-Verlags «betreute». Umso bedauerlicher, dass ausgerechnet jener Realitätenvermittler Karl Ignaz Hennetmair, der in seinen Tagebüchern wie kein anderer Bernhards Streit mit den Salzburger Festspielen festgehalten hat, auf den dreihundert grossformatigen Seiten förmlich ausgegrenzt wird. So geht man in Bücher - wie Thomas Bernhard befand - zuweilen tatsächlich hinein wie in Gasthäuser: Man wird zwar freundlich empfangen, aber dann doch nicht so bedient, wie man will.
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