Aus der Amazon.de-Redaktion
Die Charts waren erobert, die großen Hallen gefüllt und das Fanpotential weitgehend ausgeschöpft. Die Editors hätten trotzdem ein drittes Album im gewohnten Stil aufnehmen können, um noch eine Weile auf der Erfolgswelle zu schwimmen. Sie hätten sich wieder anhören müssen, dass doch nur eine wässerige und melodischere Version der Post-Punk-Ikone Joy Division für die Massen sind. Das Quartett aus Birmingham entschied sich anders und dafür, mit
In This Light And On This Evening ein neues Kapitel aufzuschlagen. Der Bruch mit den beiden Vorgängern
The Back Room sowie
An End Has A Start ist signifikant, denn die Briten stimmten ihre Gitarren neu und holten sich viel elektronische Equipment ins Studio. Laut Sänger Tom Smith wurde dieser musikalische Schritt, ungefähr vergleichbar mit dem Übergang von Joy Division zu New Order, im Vorfeld der Aufnahmen nicht bewusst getroffen. Wohl aber waren sich die Editors einig, dass sie neue Wege gehen wollten, Dinge ausprobieren, andere Instrumente spielen. Es gehört zur Karriere einer Band, etwas zu riskieren und beim Betreten von ungewohntem Terrain alte Fans zu verschrecken, vielleicht zu verlieren, neue zu gewinnen, zumindest aber Meinungen zu spalten. „Gut so“, meint Sänger Tom Smith. Die Editors machen sich also nicht zu Erfüllungsgehilfen von Erwartungen, bleiben aber immerhin in den 80ern verwurzelt. Ein wenig unterkühlter kommt
In This Light And On This Evening daher, es braucht etwas, bis man warm mit den Songs wird. Der Einstieg aber ist den Editors mit dem Titeltrack brillant gelungen. Ein Synthie-Thema, das ein wenig an
Terminator oder
Bladerunner erinnert, steigert sich und endet mit einem paranoiden Lärmgewitter. „Bricks And Mortar“ dagegen offenbart nicht nur textliche Schwächen, wenn schon Synthie-Pop, dann bitte zu raumgreifend, dramatisch und bombastisch wie die Singleauskopplung
Papillion. Sehr eigenwillig präsentieren sich die Editors in „Eat Raw Meat = Blood Drool“ und mit dem verschleppten „Walk The Fleet Raod“ gelingt ihnen ein schönes Finale. Wie immer stopfen sie ein Album nicht bis zum Anschlag voll, und so blieben einige Stücke der Aufnahmesession mit dem Produzenten Flood U2, Placebo, Depeche Mode) übrig. Die, die sich nicht harmonisch in
In This Light And On This Evening einfügen ließen, finden sich auf einer Bonus-CD der limitierten Auflage. Und die ist unbedingt zu empfehlen, denn unter ihnen befinden sich ein paar echte Perlen wie das melancholische „I Want A Forest“, das immer wieder von verstörenden Geräuschen unterbrochen wird, die auf „A Life As A Ghost“ noch zunehmen. Erst alle Stücke zusammen vervollständigen das neue Soundbild der Editors. -
Sven Niechziol
Wie das dritte Album der Editors klingt, kann sich ja jeder denken: poppig, glatt poliert, Indie-Mainstream eben - Ha! Pusteblume!
Wie schön, dass die Editors zu den ganz wenigen Bands (vor allem der britischen Musikszene) zählen, die auf stupide Erfolgsmuster-Kopiererei keinen Bock und stattdessen den Mut haben, neue Wege zu gehen - auch wenn die drei Briten damit nach dem bahnbrechenden Erfolg von "An End Has A Start" sicher einige ihrer "Fans" verschrecken dürften.
Fakt ist: Die unbeschwerte Leichtigkeit des Vorgängers hat "In This Light And On This Evening" zugunsten von latenter Schwere abgelegt. Und genau damit nähern sich Sänger-Beau Tom Smith und seine Mannen wieder der fundamentalen Düsternis jener Band an, mit der sie zu ihrem eigenen Leidwesen doch so oft verglichen werden - Joy Division. Dunkelheit durchzieht alle neun Songs ihres ungewöhnlichen neuen Albums, das dabei aber dennoch enorme stilistische Bandbreite offenbart: Es finden sich tanzbare Oldschool-Dark-Wave-Stampfer wie die großartige erste Single "Papillon", minimalistische Electro-Sprechgesänge wie der titelgebende Opener, morbide Synthie-Balladen wie "The Big Exit" oder genial-verquere Nummern à la "Eat Raw Meat = Blood Drool".
Zusammen mit ihrem neuen Produzenten Flood sind die Editors der Maxime gefolgt, statt kanten- und seelenloser Electro-Plastik-Pop-Langeweile etwas Raues, Rohes und Unvorhersehbares zu kreieren, das sämtliche Erwartungshaltungen unterwandert. Das wird vielleicht nicht jeder Die-Hard-Fan von "An End Has A Start" sofort verstehen, doch nach ein paar Durchläufen sollte es umso nachhaltiger "klick!" machen. Ein ungewöhnlicher, faszinierender Drittling, der definitiv etwas Zeit braucht.