Diese Platte hört sich an, wie von ca. 1980, obwohl Sie brandneu ist - so wie alle DFA Produktionen der letzten 8 Jahre. Aus einer Zeit also, als sich Electronic und Disco miteinander versöhnten und für einen Moment in Richtung New Wave Rock abbogen, so wie dass zahlreiche und ziemlich visionäre Produktionen des in New York ansässigen ZE-Labels taten. Seit James Murphy nennt man das ,electroclash', damals hiess es ,No Wave'.
Die lt. Murphy's Aussagen wahrscheinlich letzte Produktion unter dem Namen ,LCD Soundsystem' geizt auch hier wieder nicht mit Zitaten, Querverweisen und Wiederverwendung von Sounds von acts aus den späten 70ern bis frühen 80ern. Kraftwerk und Krautrock hört man oft raus, David Bowie aus seiner Berlin Phase, aber genauso die geflangte Hi-Hat am Anfang von ,Pow Wow' bei der man am liebsten schon ,she's crazy like a fool - what about ,daddy cool'' mistingen möchte, oder die verhaltene 8tel Stakkato Gitarre nach dem Intro von ,You Wanted A Hit', die frappant an den Anfang von ,Eye In The Sky' von Alan Parsons erinnert.
,All I Want' bedient sich dann fast schon unverschämt bei Bowie's ,Heroes', schafft es aber verblüffenderweise trotzdem nicht nur ein völlig neuer und viel tanzbarerer song als die Vorlage zu werden, sondern auch eine andersartige - irgendwie coolere - Atmosphäre zu entwickeln.
Überhaupt ist das die große Kunst des James Murphy - er weiss, dass man das Rad nicht neu erfinden kann, aber man kann an der Laufffähigkeit arbeiten und es neu aussehen lassen. Ausserdem gibt es hier schon noch eine zusätzliche Ingredienz, die das ZE Label damals so nicht integrierte: einen gewissen Progansatz in der Struktur der Nummern, die oft mehrteilig aufgebaut sind und meistens die 5 Minuten Grenze sprengen.
Auch auf die obligatorischen Kuhglocken und Bongos muß man auf diesem dritten Album nicht verzichten, ebenso wenig wie auf den ultimativen Punk-goes-Disco clash in ,Drunk Girls', nur dass der diesmal weniger schweinerockmäßig ausfällt.
Insgesamt wirkt ,This Is Happening' aufgeräumter an vielen Stellen minimalistischer, als ,The Sound Of Silver' wofür man sich exemplarisch nur den Anfang von ,Dance Yrself Clean' anhören braucht. Großartig und die dzt. Benchmark für alle anspruchsvollen dance-acts ist das allemal, weil die simplen und eigentlich unaufdringlichen Melodien - trotz fehlen eines Refrains - sofort ins Ohr gehen und die Produktion nie anbiedernd wirkt. Man hört dieser Platte bei jedem Ton, dass Murphy ein Überzeugungstäter ist, einer der's ehrlich meint und seinen eigenen Weg geht.
Eine großartige Weiterentwicklung im Vergleich zu den ersten beiden Platten ist hier zwar nicht festzustellen, aber es ist ein völlig unpeinliches, gut durchdachtes, klar strukturiertes, spannendes und niemals überladenes Album - und das ist eigentlich schon viel mehr, als man in Zeiten in denen eine Lady Gagag kommerziell das Mass aller Dinge ist, erwarten darf. Und ein Platz unter den 10 besten LPs des Jahres ist diesem Ding hier jetzt schon sicher.
Nach Anhören des Albums empfiehlt es sich übrigens das großartige ,Bustin' Out' von Material feat. Nona Hendryx von 1981 aufzulegen - einfach nur um nachzuprüfen wie viel Murphy wirklich aus dieser Zeit übernommen hat...