Ich hatte keine Ahnung, worauf ich mich da einließ. Ich kannte die Gruppe "A Perfect Circle" noch nicht und besaß auch (noch) nicht das Vorgängeralbum "Mer De Noms". Ich wusste nur, dass Maynard James Keenan, dieser unglaubliche Sänger, den ich von "Tool" kannte, auch bei "A Perfect Circle" am Mikro steht. Nach dem Spontankauf im Plattenladen, den wahrscheinlich das meisterafte Cover-Artwork auslöste, war ich sehr gespannt darauf, was mich wohl erwartet. Als dann die süßlichen Gitarrenstrukturen von "The Package", dem ersten und mit fast 8 Minuten längsten Song des Albums, erklangen, war es um mich geschehen. später setzt dann Keenan mit seinem unvergleichlich emotionalen Gesang ein und zieht einen in den Bann. Dieser Mann singt vom Schmerz eines großen Verlustes. Und nach zwei Minuten steht fest: er wird sich nicht mit seinem verlust zufrieden geben. und so passiert es dann auch: nach 4 Minuten fetzen die Gitarren nur so los, und Maynard singt: "Take What's Mine! Give This to me!".
Nachdem also "The Package" über mich hinwegrollte, vestand ich auch Song nummer 2. Dieser heißt "Weak And Powerless", ist vergleichsweise kompakt und besitzt neben einem coolen Mittelteil auch einen tollen Basslauf. Nach dem Opener fühlte man sich wirklich etwas schwach und kraftlos. Fließend geht das Lied nach knapp 3 Minuten über in "The Noose". Hier zeigt Maynard James Keenan, dass er der beste Sänger im Universum ist. Angereichert mit schönen Hall-Effekten und einem hammermäßigen Schlagzeugmittelteil ist "The Noose" wohl der beste Song des Albums, was aber nichts heißen soll, da ausnahmslos alle Songs genial sind.
"Blue" überzeugt durch einen tollen Refrain und mystische Lyrics und geht ebenfalls über in den nächsten Song "Vanishing". Dieser ist sehr meditativ gehalten und ebenso mystisch, hier überzeugt vor allem das passende zusammenspiel von Schlagzeug, Gesang, Gitarre und Bass.
Bei "A Stranger" stellt Keenan dann noch mal seine meisterhafte Stimme unter Beweis. insgesamt ist der song, an dessen Ende auch noch Streicher einsetzten, als Ruhe vor dem Sturm zu bezeichnen. Dieser Sturm folgt mit dem harten "The Outsider", einem gnadenlos guten Song, der gegen Ende nochmal an Tempo zulegt, bevor er dann plötzlich zu Ende ist. Durch "Crimes", dem ersten von zwei Zwischentracks, tauchen dann Parallelen zu "Tool" auf. Maynard zählt emotionsgeladen von 1 bis 10, später erklingt noch die 12, bevor der "Song" dann langsam leiser wird, um Platz für einige Hintergrundgeräusche zu machen, die den Zuhörer ziemlich irritieren.
"The Nurse Who Loved Me" wirkt dann wie ein Traum. Maynards Stimme ist weit weg, Streicher setzen erneut ein, und eine Frauenstimme, die leise vor sich hinzwitschert, gibt dem Song etwas Märchenhaftes. Dann fetzen wieder die Industrial-Gitarren los. Mittlerweile befinden wir uns in "Pet", einem weiteren genialen Song. "Stay With Me. Go back to Sleep" singt Maynard, und durch diese Worte erscheint "The Nurse Who Loved Me" im Nachhinein mehr denn je wie ein schöner Traum. Das geniale Gitarrenriff von "Pet", das einem Alarmsignal ähnelt und an die härtere Passage von "The Package" erinnert, bleibt einem sofort im Kopf hängen. "Lullaby", das Nachfolgelied, beginnt mit Maynards Worten "Go back to Sleep", bevor dann eine wunderschöne Frauenstimme uns ein Schlaflied singt. Bei dieser Schönheit will man nur noch träumen, am liebsten von der "Krankenschwester, die mich liebte".
Der abschließende Song "Gravity" bezaubert den Hörer mit einem super Basslauf, aber wir ahnen es schon: Erneut setzt Maynard mit einem tieftraurigen "Lost Again" ein. Doch der Song offenbart auch Hoffnung, vor allem im Refrain: "I Am surrendering to gravity and the unknown. Touch me, heal me, lift me back up to the sun". Mit den Worten "I choose to live" (danke Maynard, dass du am Leben bist!) schließt sich dann der perfekte Kreis. Aber die Hoffnung aus dem Refrain wird letztendlich dann doch nicht erfüllt. Der Hörer wird alleingelassen und hat ein unwohles Gefühl im Bauch, dass nur mit einem erneuten Durchlaufen des Albums zu unterdrücken ist. Was ist nun der titelgebende 13te Schritt? Wie viele Buchstaben hat der abschließende Satz "I choose to live" gleich nochmal?....
"Thirteenth Step" ist DAS Meisterwerk. Neben diesem Album verblasst alles, was ich je gehört habe. Mittlerweile steht "A Perfect Circle" auf der Liste der besten Bands ganz oben. Und sie müssen uns gar nichts mehr beweisen. Sie arbeiten nur noch am Verschieben ihrer selbstgesetzten Maßstäbe.